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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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60

Als er am folgenden Morgen, an dem draußen kalt und trüb die Nebel wehten und zum erstenmal Eisblumen die Fenster bedeckten, einen der Bände Goethe ergriff, die er eben zuvor aus den Kisten in den oberen Räumen heruntergeholt hatte und die noch ungeordnet zwischen andern Büchern auf dem Tisch vor ihm aufgehäuft lagen, war es »Werthers Leiden«, was er aufschlug. Werthers Leiden! – seit wohl fünf Jahren hatte er es nicht mehr vor sich gehabt, und doch – wie hatte der Inhalt dieser Blätter von seinem achtzehnten bis zu seinem zweiundzwanzigsten Jahr unzählige Male seine Seele erfüllt! Er traf auf den Abschnitt:

22. August.

»Es ist ein Unglück, Wilhelm! Meine tätigen Kräfte sind zu einer unruhigen Lässigkeit verstimmt; ich kann nicht müßig sein und kann doch auch nichts tun. Ich habe keine Vorstellungskraft, kein Gefühl an der Natur, und die Bücher ekeln mich an.

Wenn wir uns selbst fehlen, fehlt uns doch alles. Ich schwöre dir, manchmal wünschte ich ein Tagelöhner zu sein, um nur des Morgens beim Erwachen 239 eine Aussicht auf den künftigen Tag, einen Drang, eine Hoffnung zu haben.« – – –

Moralt sah vom Buch auf. Was war das Anderes, als was er sich zehnmal gesagt, als was er in dieser Zeit tagtäglich innerlich erlebte!

Er setzte sich mit dem Band in die Ecke seines Ruhebettes und zog eine Decke über die Kniee.

Er las weiter, er vertiefte sich, ja er sog sich förmlich fest in diese Blätter. Er schien die Seiten zu verschlingen. Zuweilen zogen sich seine Brauen in schmerzlichem Ausdruck zusammen, zuweilen nickte er mit dem Kopfe.

Er las jetzt:

»Geduld, Geduld, es wird besser werden! Denn ich sage dir, Lieber, du hast recht! Seit ich unter dem Volke alle Tage herumgetrieben werde und sehe, was sie tun und wie sie's treiben, stehe ich viel besser mit mir selbst. Gewiß, weil wir doch einmal so gemacht sind, daß wir alles mit uns und um uns mit allem vergleichen, so liegt Glück oder Elend in den Gegenständen, womit wir uns zusammenhalten, und da ist nichts gefährlicher, als die Einsamkeit. Unsere Einbildungskraft, durch ihre Natur gedrungen, sich zu erheben, durch die phantastischen Bilder der Dichtkunst genährt, bildet sich eine Reihe Wesen hinauf, 240 wo wir das unterste sind und alles außer uns herrlicher erscheint, jeder Andere vollkommen ist. Und das geht ganz natürlich zu. Wir fühlen so oft, daß uns manches fehlt, und eben was uns fehlt, scheint uns oft ein Anderer zu besitzen, dem wir denn auch alles dazu geben, was wir haben, und noch eine gewisse idealische Behaglichkeit dazu. Und so ist der Glücklichste vollkommen fertig, das Geschöpf unserer selbst.

Dagegen, wenn wir mit all unserer Schwachheit und Mühseligkeit nur gerade fortarbeiten, so finden wir gar oft, daß wir mit unserm Schlendern und Lavieren es weiter bringen, als Andere mit ihrem Segeln und Rudern – und – das ist doch ein wahres Gefühl seiner selbst, wenn man Andern gleich oder gar vorläuft.« –

Moralt schob erregt die Decke von seinen Knieen, stand auf und trat an's Fenster. Lange schaute er durch eine Lücke, welche die Eisblumen gelassen, in den Nebel hinaus. »Geduld, Geduld, es wird besser werden!« wiederholte er – »aber nichts ist gefährlicher als die Einsamkeit?« – »Hm!« In seinem Gehirn erstanden eine Unzahl Fragen und Erwägungen. Wäre es möglich, die Einsamkeit das Gefährlichste für ihn? Aber würde er es überhaupt vermögen, eben diese so lang ersehnte, kaum erlangte Einsamkeit wieder aufzugeben? Aufzugeben, weil 241 sie ihm als ein unrichtiges Mittel zur Heilung zu erscheinen beginnen wollte, ja, weil er sie da geradezu als Hindernis für eine mögliche Besserung bezeichnet fand? – Wieder zu den Menschen? Er? Wieder zurück in seine Stadtwohnung, wo die düstern Erinnerungen an hundert Stunden der Zweifel und Qualen von allen Wänden ihm entgegentreten würden? Es schüttelte ihn beim bloßen Gedanken. Und dann – hatte er nicht schon genug mit den Menschen gelebt, unter dem Volke jeden Standes sich herumgetrieben? Hatte er nicht längst gesehen wie sie's trieben, die Mittelmäßigen und die Begabten, die Niederen und die Hohen? Hatte er aber je Trost darin empfunden, daß er sich ihnen auf Augenblicke gleich oder gar vorlaufend fühlte? Nein! Das Vergleichen mit Andern war ihm nur zeitenweise gekommen. Dann hatte er sich immer wieder auf sich selbst gestellt.

Ihm kam es ja gar nicht darauf an, sich als unterstes oder höheres in einer Reihe von Wesen zu sehen; ihm stand Sinn und Verlangen einzig danach, mit den Kräften und Gaben, wie sie ihm einmal verliehen waren, das Höchstmöglichste zu wirken, und nachdem er dies in der einen Kunst nicht erreicht hatte, endlich in der andern darzubieten, was in seinem Innern nach Gestaltung rang. 242 Zu diesem Ziele aber half ihm, da dem Wollen unbegreiflicherweise so lange die Kraft zum Vollbringen fehlte, sicherlich das jetzige Losgetrenntsein von Welt und Zerstreuung besser, als das Fortleben – bei seinem Zustand – inmitten des Treibens der Andern.

Er ging heftig im Zimmer herum; dann blieb er neuerdings am Fenster stehen.

Das einzig könnte ihn zurücktreiben unter die Menschen, überlegte er sich, indem er den Kopf an die kalten Scheiben preßte, – die Erkenntnis: daß dieses Alleinsein die Melancholie seines täglichen Daseins steigere, ohne nach einer Anzahl Wochen endlich dem Schaffen entsprechend zu nützen. Das einzig. Aber bah! vielleicht tat es bloß der Herbst und dessen wehmütiger Charakter, daß es bis jetzt noch nicht anders in seiner Seele geworden war; vielleicht war es auch bloß die Veränderung des Klimas, daß er zur Zeit ein wenig das Blut im Kopfe hatte, daß er einstweilen diese Anwandlungen von Dumpfheit spürte. Mit dem kalten, erfrischenden Winterwetter konnte es anders kommen. Die Kälte war ihm immer zuträglich gewesen.

Er fand einen Trost in diesem Gedanken, und er rüttelte sich, als wollte er, um nur bleiben zu können, gewaltsam das schwarze Gespenst der Melancholie abschütteln. 243

»Oh ein bißchen leichteres Blut« stand ja dort im Werther, genau als wäre es für ihn geschrieben, – »ein bißchen leichteres Blut würde mich zum Glücklichsten unter der Sonne machen.«

Er griff wieder nach dem Buch. Er las die eine Stelle nochmals: »– – – was! da wo Andere mit ihrem bißchen Kraft und Talent vor mir in behaglicher Selbstgefälligkeit herumschwadronieren, verzweifle ich an meiner Kraft, an meinen Gaben? Guter Gott, der du mir das alles schenktest, warum hieltest du nicht die Hälfte zurück, und gabst mir Selbstvertrauen und Genügsamkeit!«

Hm, – er fragte sich noch einmal, ernstlich, vernünftig, – zum wievielhundertsten Male seit drei Jahren – worin, worin denn nur für ihn die Unmöglichkeit liegen sollte, noch jetzt in die Zukunft seines Schaffens Vertrauen zu fassen und alles entmutigende Vergangene zu vergessen? War nicht jede neue Stunde eine Stunde zum Vornanfangen?

Ihm die Antwort zu geben, was Niemand da, die grausame Antwort: daß in ihm ein tragisches Geschick eben unaufhaltsam seiner Erfüllung entgegengehe, daß sich am Bauwerk seines Lebens naturnotwendig der Zusammenbruch vorbereite, weil es ein falsches Fundament bekommen. Diese Antwort, die sich in 244 ihrer unerbittlichen Logik je länger je furchtbarer zwischen den Ereignissen hervordrängte.

Er stand da und suchte und suchte. Nichts schien ihm vorzuliegen, was ihn zu verhindern brauchte, sich aufzuraffen. »Also warum kann ich es denn nicht?« murmelte er schließlich. »Welch' ein sinnloser, unbegreiflicher Zustand!« Er wurde ungehalten über sich selbst. »Welch' ein geradezu verrückter Zustand! Verrückt?« – wiederholte er schnell und hielt den Atem an, – verrückt – verrückt – dieses Wort wollte ihn doch nie in Ruhe lassen, wenn es ihm einmal auf die Lippen gekommen! Seine Augen zogen sich lauernd zusammen – – –

Nach einer langen Zeit erst las er weiter, las, wie in des unglücklichen Werther Seele sich Alles verwirrt, wie es dunkler und dunkler um ihn wird, wie er seiner selbst nicht mehr Herr ist und sein Gram ihn verzehrt. Mit glühenden Augen verschlang er das Blatt vom 12. Dezember: – – »ich bin in einem Zustande, in dem jene Unglücklichen gewesen sein müssen, von denen man glaubte, sie würden von einem bösen Geist umhergetrieben. Manchmal ergreift mich's; es ist nicht Angst, nicht Begier – es ist ein inneres unbekanntes Toben, das meine Brust zu zerreißen droht, das mir die Gurgel zupreßt! Wehe! Wehe! und dann schweife ich umher in den 245 furchtbaren nächtlichen Szenen dieser menschenfeindlichen Jahreszeit.

Gestern Abend mußte ich hinaus. Es war plötzlich Tauwetter eingefallen; ich hatte gehört, der Fluß sei übergetreten, alle Bäche geschwollen, und von Wahlheim herunter mein liebes Tal überschwemmt! Nachts nach elf rannt' ich hinaus. Ein fürchterliches Schauspiel, vom Fels herunter die wühlenden Fluten in dem Mondlichte wirbeln zu sehen, über Äcker und Wiesen und Hecken und alles, und das weite Tal hinauf und hinab eine stürmende See, ein Sausen des Windes! Und wenn dann der Mond wieder hervortrat und über der schwarzen Wolke ruhte, und vor mir hinaus die Flut in fürchterlich herrlichem Wiederschein rollte und klang: da überfiel mich ein Schauer und wieder ein Sehnen! Ach, mit offenen Armen stand ich gegen den Abgrund und atmete hinab, hinab! und verlor mich in der Wonne, meine Qualen, meine Leiden da hinabzustürzen, dahinzubrausen, wie die Wellen. Oh! – und den Fuß vom Boden zu heben vermochtest du nicht, und alle Qualen zu enden! –

Meine Uhr ist noch nicht ausgelaufen, ich fühle es!

Oh wie gerne hätte ich mein Menschsein drum gegeben, mit jenem Sturmwinde die Wolken zu 246 zerreißen, die Fluten zu fassen! Ha! und wird nicht vielleicht dem Eingekerkerten einmal diese Wonne zuteil?« –

Moralt warf das Buch beiseite und preßte sich die Stirn mit beiden Händen. Er mußte die Augen schließen. Wie lange er Werther nicht mehr gelesen haben mußte, daß er diesen Abschnitt nicht mehr im Gedächtnis gehabt! Und jetzt, jetzt stand es alles da, was er selber lebte, was also ewig menschlich war, dies Leiden und Kämpfen und Schauern und Sehnen nach Erlösung, Erlösung von der Qual eines Lebens ohne Befriedigung. Er glaubte wieder das Tosen des Wassers zu hören von gestern Abend in der Felsschlucht, er sah ihn wieder vor sich, den gähnenden Abgrund, der ihn lockte, in's Ende der Leiden, in's verschlingende und bergende Grab.

Er griff hastig abermals nach dem Buche und las weiter, weiter, festgebannt in die düstere, weiche Musik dieses Hohenliedes der Weltflucht, und seine Seele ward wie erleichtert, je mehr es mit Werther durch das allmähliche tiefere Umnachten dem Augenblick zuging, da Alles enden würde. – –

Nach Elfe.

»Alles ist so still um mich her, und so ruhig meine Seele. Ich danke dir, Gott, der du diesen letzten Augenblicken diese Wärme, diese Kraft schenktest! – 247

– – – auf dem Kirchhof sind zwei Lindenbäume, hinten in der Ecke nach dem Felde zu; dort wünsche ich zu ruhen. – – – Ich will frommen Christen nicht zumuten, ihre Körper neben einen armen Unglücklichen zu legen. Ach, ich wollte, ihr begrübt mich am Wege oder im einsamen Tale; daß Priester und Levit vor dem bezeichneten Steine sich segnend vorübergingen und der Samariter eine Träne weinte.

– – – Ich schaudere nicht, den kalten, schrecklichen Kelch zu fassen, aus dem ich den Taumel des Todes trinken soll!« – – –

Um Moralts Augen legte sich's trüb. Er las die letzten Sätze: wie man den Erschossenen fand, alle die äußern Umstände, die Einzelheiten, die der Anblick des Zimmers bot. Wie der Amtmann und seine Söhne den Sterbenden mit ihren Küssen bedeckten, wie der Jüngste an seinen Lippen hing, bis er verschieden war und man den Knaben mit Gewalt wegriß, – wie sie ihn begruben. – – –

»Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet.« –

Ein Strom von Tränen quoll jetzt aus Tinos Augen, das Buch entglitt seiner Hand. Ein entsetzliches Gefühl wie ein sicheres Ahnen wollte sekundenschnell auftauchen in seiner Seele: »und so könnte trotz allen schon siegreich bestandenen Kämpfen, trotz 248 jener Nacht nach Irenes Verlust, trotz dem gestrigen Abend dennoch auch deines Schicksals Ausgang einst noch sein!« Er schauderte. Dann schluchzte er plötzlich auf und vergrub sein Antlitz in die Hände.

Sein Leben sollte möglicherweise so enden? Sein Leben? – das in Liebe und Glück eines Elternhauses wie des seinen begonnen, – sein Leben, in dem er so viele Bande der Freundschaft geknüpft hatte? Und Niemand stand heute mehr bei ihm, ihn zu schützen, zu bewahren? Er kam sich vor so gott- und menschenverlassen, wie der Stein am Wege. 249

 

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