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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 60
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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58

Das Tal, aus welchem das Flüßchen als rauschendes Bergwasser in schmalem Bett hervorbrach, verengerte sich gegen das Hochgebirg zu so sehr, daß die ungeheuren Wände von beiden Seiten einander schließlich fast berührten und eine großartige »Klamm« bildeten, in die des Tages Schein nur noch wie ein fahles Dämmern herabdrang. Auf der linken Seite fielen die himmelhohen Felswände ungangbar jäh ab, auf der rechten kletterte in Windungen ein schmaler Fußsteig den steilen Hang aufwärts, zuweilen an fast senkrechten Wasserfällen vorbei, dann wieder zwischen Bäumen dahin, die wie hingeklebt die Wand emporwuchsen, – und führte immer höher, immer höher über die tosende Flut empor.

Wo die Schlucht am engsten wurde und die Felsen sich in der Höhe beinahe berührten, erreichte der Pfad einen Steg, der zur jenseitigen Felswand hinüber, von dort mit Treppen auf eine Bergwiese und zu einem versteckten Försterhäuschen am Hochwald führte. Grausig, schwindelerregend schwebte dieser Steg in der einsamen, düstern Schlucht über der Untiefe, wohl zweihundert Fuß über dem Bachbett, welches sich das 226 tobende Bergwasser in Jahrtausenden in die Felsen gewühlt hatte. Grauenvoll schaute es sich hinab von der schwebenden Brücke in die Ungeheuerlichkeit dieser wilden Natur. Die Felswände unterhalb starrten einander von beiden Seiten förmlich an, hier ausgespült zu glatten, bauchigen Steinmassen, dort in seltsam schroffen Riesengebilden gegeneinanderstrebend, ähnlich jenen scharfkantigen Schwammauswüchsen, welche sich an moderndem Gebälke bilden.

Dieser Steg in seiner Schauerlichkeit hatte, seit ihn Tino entdeckt, für ihn eine magische Anziehungskraft. So oft er ihn betrat, erinnerte er sich aber eines Ganges mit Irene, bei dem er sie auf einer der Isarbrücken gefragt hatte, ob eine hohe Brücke auf sie auch jene seltsame Wirkung ausübe, daß sie einen ebenso unerklärlichen wie unleugbaren Zug in die Tiefe verspüre?

»O schwach, schwach!« hatte sie ihm damals lächelnd geantwortet und ihm dabei fast vorwurfsvoll, als müßte sie mit seiner Frage notwendig einen weiteren Gedanken verbinden, mit ihren dunkeln Augen in's Auge geschaut.

»Schwach, schwach!« – das war bald gesagt, – der Zug existierte ja doch und lag außer dem Willen der Menschen, die ihn fühlten. Und ihn, der ihn hatte, verfolgte, seit er im Hochland war, von Zeit 227 zu Zeit eine unbezwingliche Sehnsucht, von diesem Steg der Felsschlucht in die nachtgraue Tiefe zu schauen.

So war er auch heute wieder hiehergestiegen, nachdem er einen ruhelosen Tag verbracht, wieder beständig das Bedürfnis empfunden, den Ort zu wechseln, und doch nirgends die schwarzen Gedanken losgeworden war, welche das Wirtshausgespräch vom vorigen Abend in ihm auf's Neue so gewaltsam geweckt hatte.

»Der Steg, – der Steg in der Schlucht,« – war es ihm schließlich aufgetaucht, – »der gäbe dir Beruhigung. Im Toben jener wilden Schauer, im Grauen jener dämmerigen Nacht, da wirst du finden, was dir antwortet!« Aber eine bange Scheu hatte ihn den Nachmittag hindurch immer abgehalten, dem Gelüste Folge zu geben; ein Mißtrauen gegen sich selbst.

Jetzt, da es Abend war, stand er dennoch da und schaute fröstelnd hinunter; er hatte dem Locken auf die Dauer nicht widerstanden; er hatte gemußt. Das war eine Empfindung in ihm gewesen, wie der Wirbel in einem Wasser: Der Kreis war erst weit, dann zog er sich enger, enger, und immer enger; er mußte mit und kam in's Kreisen, und immer schneller und näher, und immer im Kreise, und endlich war er da, und – »nein!« hinunter brauchte er jetzt nicht! 228

Nur da sein und hinabstarren und in sich hineinatmen die Schauer des lockenden Schlunds. Welchen Zauber, welche Macht dieses Ortes über sein ganzes Sein empfand er abermals! Ha, wie das schauerlich wohl tat, den Blick zu versenken in die gähnende Tiefe! Unermeßlich der Abgrund, und ewig gleich über dem Tosen ferndrunten die Ruhe. Eiszapfengebilde, gleich Schreckungetümen der Vorzeit, ragten hinein in den grauschwarzen Schlund. Kein Sonnenstrahl schmolz sie jetzt mehr. Moralt schlug mit einem Stein ein Stück weg und warf es hinab. Wie das langsam, langsam zur Tiefe schwebte – – es schien ein Flaum zu sein, so lange brauchte es, bis es endlich aufspritzte drunten in der Flut.

Wie sich da endlos Felsbauch unter Felsbauch baute, Eisklotz unter Eisklotz reihte, und dann schwarze Wände sich vorschoben unter grauen Wänden, bis endlich, endlich in der dämmerigen Tiefe das grünliche Wasser aufschimmerte!

Ein Sich-Versenken in das Unermeßliche, ein Verlorengehen im Ungeheuren, – das war der Zauber dieses Blickes vom Steg. Und während Moralt hineinstarrte, ward es ihm allmählich kühler um's Haupt, schien es ihm freier zu werden in seinem armen Hirn. Der Druck, der eiserne Reif um die Stirn, schien sich zu lockern. Er vermochte zu denken, ohne den dumpfen 229 Stich zwischen den Augen zu spüren. Wie Gedanken, wie klare Gedanken kam es ihm entgegen aus dem kühlen Hauch der Tiefe. Und ihm war, als begännen vor ihm emporzusteigen all die offenen Fragen des Lebens, des menschlichen Seins; die Fragen der Seele: wozu wir leben und streben und kämpfen und dulden, und was wohl sein werde mit dem Augenblick des Todes. Aus den Schatten der Tiefe schienen sie ihm emporzukreisen, diese Fragen, auf die kein armer Frager Antwort findet.

Aber wie der Schlund vor ihm, den nur ergründete, wer sich hinabstürzte, so erschien ihm jetzt die Frage vom Tod.

»Stürz' dich hinein,« hörte er antworten, – »und du wirst Alles wissen!«

Da klammerte er sich mit den Händen an's Geländer des Steges und schloß die Augen; denn von Sekunde zu Sekunde unheimlicher fühlte er sich gepackt wie von dämonischer Macht. In seinem Kopfe rauschte ein Gären und Wallen. Lockend, kosend umzog es ihn, wie mit unsichtbaren, umschlingenden Armen. Seine Kniee fühlte er schwach. Ein schwebendes Bewegen ging durch seinen Körper, und ein Frieren zog ihm unter den Armen durch, wie beim tollen Herniedersausen auf einer Schaukel.

»Hinein! hinein!« tönte es in sein Ohr – »dann 230 ist Alles vorbei! Wie das Eisstück schwebte, so schwebst auch du; dann ein Sturz, ein Brausen – und begraben ist dein Leid!«

Unzählige Bilder erschaute er geschlossenen Auges im Flug von Sekunden: – Vergangenes – Künftiges – – »hinunter! hinunter! dann war das alles aus!«

Er bäumte sich auf in Entsetzen und Schmerz. »Nein! nein! Ich will nicht, ich kann nicht! vor mir selber nicht!« schrie er sich zu, durch seinen halb ohnmächtigen Zustand, – »wer einmal ist, muß auch zu sein vermögen, muß tragen können und zu Ende warten!«

Er raffte seine letzten Kräfte zusammen und schwankte davon. Und während er wie ein dem Tode Entronnener, keuchend, als wäre er noch immer nicht gesichert, den Weg zum Försterhause aufwärtsklomm, tönte es ihm in den Ohren höhnend mit Irenes Stimme: »o schwach! schwach!« 231

 

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