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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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57

Einige Tage später entdeckte er zwei Stunden vom Dorf entfernt, in beträchtlicher Höhe, einen einsamen Bergbauernhof, der auch den Winter über bewohnt blieb.

Auf einem Nebengebäude war eine luftige Aussichtslaube hergerichtet, und Tische und Bänke zeigten ihm, daß da Erfrischungen zu haben waren. Der herrliche Ausblick, den man auf dieser Höhe genoß, und die Ermüdung von dem langen Steigen bewogen Moralt, da Rast zu halten. Ein kleines Mädchen, das allein zu Hause war, brachte ihm das gewünschte Glas Wein und entfernte sich dann wieder, schüchtern und ungewohnt, in dieser Jahreszeit einen Gast kommen zu sehen. Da hatte er Muße, den stillen Alphof und sein idyllisches Leben zu betrachten.

Inmitten alter Ahornbäume stand das langgestreckte, niedere, trauliche Wohngebäude, mit hellen Mauern, oben mit verwittertem Holzwerk. Das schindelgedeckte Dach, mit den schweren Felssteinen drauf, spielte glänzend bläulich des Himmels Bläue wieder, und die letzten goldfarbenen Laubzweige eines 214 verwachsenen Apfelbaumes, der an dieser geschützten Gebirgshalde länger seine Blätter behalten, als die Obstbäume im Tal, rankten drüber her. Aus dunkeln, blauenden Tannenwäldern jenseits ragten schneebestreute, schroffe Gewände auf, und weiche, blaue Schatten webten durch das ferne Tal.

Um die Hütte grasten noch immer ein paar junge Ochsen, und von den nächsten Hängen klingelten hell und dünn die Glöcklein der Ziegen und Schafe. Die Hundehütte neben der Haustür war leer, und die Sonne schien tief hinein in die strohbestreute Höhlung. Der Hund trieb sich hoch droben am Waldsaum herum, von wo er zuweilen herabbellte, und wo Moralt den Bauern Laub sammeln sah. Unter dem Dach hing in langen Büscheln der Hanf zum Trocknen; die anhaltend warme Spätherbstsonne tat ihm noch gut. Auf dem morschen Altan, den wohl niemand mehr zu betreten wagte, lag umgestülpt neben allerlei unkenntlichem Gerümpel ein alter Lehnstuhl, dessen Beine zerbrochen waren. Der Sonnenschein vergoldete weich sein wurmstichiges Holzwerk, fast mitleidig, als beschiene er einen hinfälligen, greisen Menschen, der sehnsüchtig die letzten milden Sonnennachmittage sucht. Ein Schwarm plumper Fliegen summte um die Hausbank, auf der langsam ein großer Fleck verschütteter Milch eintrocknete, – alle munter, alle 215 sorglos in dieser ungewöhnlichen späten Sonnenwärme.

Moralt sah still in diesen ruhesamen Spätherbstfrieden hinein.

Wie bald konnte der Winter mit Schnee und Sturm über diese Alp herjagen und Alles dahin sein, was jetzt in dieses letzten goldigen Strahles Gnade ein überlanges Dasein fristete! Kein Mensch kam dann während langer Zeit da herauf; auf Monate blieben sie allein in ihrer niedern Hütte, eingeschneit und abgeschnitten, die paar Menschen mit ihren Tieren. Und die Zither und die Guitarre und ein paar alte Bücher, vom Ahn vermacht, oft gelesen und jedesmal um Winterszeit von Neuem hervorgeholt, waren dann das Einzige, was sie hatten an Zeitvertreib und Freuden.

– Als Moralt nach langem Verweilen den Hof verlassen hatte und über die gelbgewordenen Matten, der Berglehne entlang, weiterwanderte, das Geläute vereinzelter Kühe um sich her, in der Höhe den stumpfen, stillen Hochwald, in der Tiefe das duftschimmernde, blaue Tal, da empfand er es wie eine Heldentat, daß er wieder einmal bei Menschen eingekehrt war. Er nahm sich ernstlich vor, sich öfter dazu zu zwingen; so einzig konnte er die törichte Meinung der Leute widerlegen. 216

Während er weiterging und sich überlegte, ob er nicht an einem Abend bei der Lammwirtin sich zeigen wolle, zumal sie immer von Zeit zu Zeit wieder freundlich nach seinem Befinden fragen ließ, sah er von Weitem eine hagere Gestalt auf sich zukommen. Über die welke Halde kam sie langsam dahergeschritten, selber fast farblos; kaum daß sich die blaue Hose und das verschossene, rote Halstuch von den stumpfen Tönen der Wiese abhoben. Ein leichtes, bläuliches Duftwölklein stieg von der Pfeife empor.

Es war der alte Geißpeter, der vierundsiebzigjährige Hirt. Dürr und greis auf den ersten Blick; aber wenn der Kirchweihtag kam und er hinabstieg in's Dorf und in die Schenke geriet, wo war dann der alte Geißpeter? Jung, beinahe wie die wirklich Jungen, begann er zu trinken, zu erzählen, zu disputieren; sein alter Humor erwachte. Er schnalzte, er schnackte, er juchzte; die jüngsten Madln waren ihm grad recht zum Tanz. Da kannte er keine vierundsiebzig Jahre mehr. Selbst im Schuhplattler tat es ihm kaum ein Junger zuvor.

Moralt hatte ihn kennen gelernt in den ersten Tagen, als er bei der Lammwirtin gewohnt hatte. Damals hatte er sich durch sein Wohlgefallen an des Alten Erzählungen und Späßen bestimmen lassen, ihm die Zeche zu bezahlen, und der Peter hatte ihm 217 ein lustiges Wiedersehen gewünscht und ihn wohl in Erinnerung behalten. Jetzt kam er auf ihn zu. Er schien ihn wiedererkannt zu haben.

Aber Moralt wandte sich in plötzlicher, unbezwingbarer Scheu geschickt seitab, so, als hätte er sein Herannahen gar nicht bemerkt – und lief hangabwärts davon, in der Richtung des Dorfes zu.

Der alte Mann blieb verdutzt stehen und hielt die Hand über die Augen. Blendete ihn denn diese ungewohnte Herbstsonne so? – und hatte er sich in dem fremden Herrn gar versehen? – – –

Es dunkelte, als Moralt in's Tal hinabgelangte. Er war unzufrieden mit sich selber; er bereute, daß er dem Alten das getan. Warum war er ihm ausgewichen? Was hatte das für einen Grund gehabt? War das zu entschuldigen? Nein! Er grämte sich aufrichtig.

Diese Menschenscheu mußte überwunden werden; das hatte ja krankhaft überhandgenommen! Er wollte sich dazu zwingen, gelobte er sich.

Dort vor ihm am Wege stand eine Bank, unter das Buschwerk des Rains gezimmert; auf die schritt er zu, in der Absicht, einen Augenblick zu rasten. Während er jedoch seine Schritte schon darauf zulenkte, sah er von der entgegengesetzten Seite um eine Biegung des Weges auf einmal drei Kinder schlendernd 218 daherkommen. In der Mitte ein Mädchen von etwa zehn Jahren, das trug ein Säcklein mit Spezereien auf dem Kopf, zur Rechten ein kleineres Brüderlein, unter dem einen Arm einen mächtigen Brotlaib, über den andern gelegt eine wohlzusammengefaltete neue Joppe. Ein ganz kleines Schwesterlein zur Linken aber hielt das größere Mädchen am Rock und trippelte hinterher.

»Aha!« zuckte es durch Moralt wie Schrecken – »die werden sicherlich die lockende Bank nicht unbenutzt lassen!« Er hielt seine Schritte einen Augenblick an: – richtig! der kleine Bub tatschelte auch schon liebkosend mit seinen Händchen das Sitzbrett, nachdem er schleunig Joppe und Brotlaib hingelegt hatte, und eins, zwei, saß er oben, hängte seine kurzen Beinchen fröhlich pampelnd herab, und die Andern taten desgleichen.

Was hinderte das aber Moralt, ebenfalls dort Platz zu nehmen, wenn er rasten wollte? Doch nein! statt zu tun, was er vorhin gewollt, wurde er ratlos und scheu. Vorüber mußte er. Sollte er die Kinder grüßen? – überlegte er sich schnell. Oder, falls er so stumm vorbeiginge, würde er sie nicht erschrecken? Er tat ein paar Schritte vorwärts. Wie ihn der kleine Bub aber mit runden, dunkeln Augen herzhaft ansah und sein grünes Gebirglerhütlein höflich 219 vor ihm abzog, sagte er dennoch: »Grüß Gott!« – und die Kinder antworteten freundlich.

»Düß Dott!« plapperte das Kleinste noch schalkhaft hinterher und streckte ihm das Händchen nach.

Da lief er weiter, erlöst und froh, als wäre etwas Gefürchtetes und Schwieriges für ihn unerwartet gut abgelaufen. Kaum war er den Kleinen indessen aus dem Gesicht, so ward er sich bewußt, was er eben wieder getan. Ein schmerzliches Erkennen peinigte ihn.

»Mein Gott,« – sagte er sich – »so scheu also bin ich geworden, daß ich Kinder fliehe?«

Er schämte sich vor sich selber. Er nannte sich schwach und unzuverlässig. Unmittelbar, nachdem er einen Vorsatz gefaßt, sah er ihn ja schon wieder gebrochen. Unwille und Schrecken kämpften in ihm. Jetzt schwur er sich, fortan doppelt auf der Hut zu sein, nachdem er sich so deutlich ertappt. Er wollte, er mußte bei der ersten Gelegenheit einen sichtlichen und beruhigenden Sieg über sich gewinnen! Und um sich die Möglichkeit abzuschneiden, durch langes Vorbedenken wieder von der Ausführung dieses Entschlusses abzukommen, ging er beim Eintritt ins Dorf geradenwegs auf das Gasthaus zu, begrüßte die Lammwirtin und blieb den Abend da.

Als er nun saß, plötzlich unter Menschen, war es ihm einen Augenblick, als sei er in eine Falle 220 gegangen, die ihm ein fremder Wille gestellt; – aber dann freute er sich seiner Tat.

Eine kluge und gutherzige Frau wie die Wirtin war, hieß sie ihn herzlich willkommen, ohne weiter viel Aufhebens zu machen. Sie hatte längst bedauert, daß er Abends nie mehr ausging und hatte ihn unwohl vermutet. Mit ihrem Spinnrad setzte sie sich an seine Seite. Ein alter Fischer spielte Zither am nächsten Tisch, und ein paar Gebirgler saßen plaudernd um ihn her. Bald kam auch die Tochter, an der Moralt vom ersten Tag an Wohlgefallen gefunden, mit einem zweiten Spinnrad, und nun ward ihm nach und nach wohl und wohler, in diesem traulichen kleinen Heimgarten. Mit Behagen speiste er zu Nacht. Warum machte er das abendliche Zusammensitzen dieser Leute nicht öfter mit? das war doch nicht zu scheuen! – so schien es ihm unter dem Eindruck des Augenblicks.

Die Männer am Tisch erzählten sich Geschichten, und er horchte ihnen bald zu mit der Freude des Künstlers, der Künstler bewundert. Er staunte wieder, wie er immer gestaunt hatte, wenn er im bayrischen Hochland gewesen war, wie diese Menschen unbewußt dramatische Künstler, plastische Gestalter waren, wenn sie erzählten; – wie sie Maler waren, wenn sie, bevor sie die Tatsachen berichteten, aus einem wahrhaft 221 künstlerischen Bedürfnis zuerst die begleitenden Umstände schilderten, die Einzelheiten aus dem Holzknechtleben im winterlichen Hochwald, oder von der Jagd auf einsamen Felskämmen. Wie da so ein Gemsjäger ihm aufbaute, was er erschaut und gedacht, als er zwischen den Wolken hinaus plötzlich in die Tiefe, und hinaus über die Gebirge in's Flachland gesehen; – wie er den Zuhörer in die Stimmung einführte, die den Einsamen umgibt, der auf schwindlig hohem Geschröff, in den wehenden Nebeln niederkauernd, das scheue Wild erwartet. Wie der Geier kreisend über seinem Haupte schwebt, und wie von unendlich fern herauf ein Ton kommt, als läuteten Glocken drunten zu einer Hochzeit, oder Einem zu Grab.

Im Fluge vergingen Tino an diesem Abend die Stunden. Sein Blick war klar, fast heiter; seine Wangen hatten sich nach dem langen Wandern nun in der behaglichen Stubenwärme leicht gerötet. Er fühlte sich wohl; er konnte schweigen, brauchte nur zuzuhören.

Ein Jäger erzählte eben von seiner heutigen Jagd und erwähnte, daß er nie, als in diesem einzigen Herbst, in so später Jahreszeit noch bis an jene gefährliche Stelle habe hinaufgelangen können, wo vor drei Jahren am letzten Oktober sein Vorgänger von 222 dem Gemsbock über's Gewänd hinuntergeworfen worden sei.

»Ach, das war schade für den Menschen!« sagte die Lammwirtin zwischen dem Spinnen heraus, – »so ein braver, fleißiger Bursch'!«

»Freilich war's schad', das sag' ich selber,« gab der Jäger zurück, – »daß ein solcher Mensch närrisch werden mußte und so elend umkommen! Oh, den hätte der Gemsbock niemals erwischt, wenn er seinen Verstand noch beisammen gehabt hätte!«

Da richtete sich Moralt, der bisher stumm geblieben war, plötzlich in die Höhe: »Wovon ist er närrisch geworden?«

»Durch eine falsche Lieb' und durch gar nichts anderes, Herr!« erzählte der Jäger. Er sei ein heißer Bursch gewesen, aber kreuzbrav. Darum sei er über der Sache erst tiefsinnig geworden und dann wahnsinnig. Er schilderte, wie der arme Mensch sich dagegen gewehrt habe, wie er aber zuletzt an die gefährlichsten Orte geklettert sei und die verrücktesten Wagestücke gemacht habe, bis er dabei elend den Tod gefunden.

»Ja, – wenn es Einen einmal angepackt hat, ist nichts zu machen; der muß daran zugrunde gehen!« schloß der Jäger seine Erzählung und schüttelte in teilnahmsvoller Erinnerung den Kopf. 223

Und nun erzählte Jeder von Einem, der närrisch geworden war, und wie sich das gezeigt, und wie das nach und nach gekommen sei, und von Kuren und Wallfahrten, aber Jeder war zugrunde gegangen.

Moralt war auf einmal düster geworden; alle Röte war aus seinen Wangen gewichen. Er hatte ein Gefühl, als träuften die Alle in sein armes, geängstetes Gemüt ein unaustilgbares Gift. Er erhob sich und wünschte gute Nacht. Das wußte er: er ging nicht wieder unter die Menschen.

Draußen war stockfinstere Nacht, und die Wirtin hatte alle Mühe, ihm eine Laterne aufzunötigen. In ihrem hin und her schwankenden Lichtschein ging er langsam dorfaufwärts, den Kopf summend von schweren Gedanken, den niedern Häusern entlang, unter den alten, weitvorspringenden Dächern dahin, daß der helle Schimmer flackernd bald Fenster, bald Mauern, bald Holzwerk beleuchtete und bald in einer Pfütze der Gasse sich wiederspiegelte. Hinter den Läden hörte er da und dort dumpf noch Geplauder. In einem Hause war Kunkelstube; da tönte Zither und Guitarre, und hinter den erleuchteten Fenstern ein kurzes, zerbrochenes Gelächter. An den angelaufenen Scheiben zeichneten sich die Schattengestalten von Dirndln und von Buben ab, welche, den kecken 224 Federhut auf dem Ohr, mit dem Rücken gegen das Fenster saßen. Aber Moralt hatte kein Interesse mehr für die Bilder dieser nächtlichen Wanderung durch's Dorf. In seinem Ohr tönte immer des Jägers Wort: »Ja, – wenn es Einen einmal angepackt hat, ist nichts zu machen; der muß daran zugrunde gehen!« 225

 

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