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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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56

Dem Bleichen fehle es da oben, sagten die Leute nach einiger Zeit und deuteten an den Kopf.

Der Förster hatte ihn im Wald getroffen, wie er laut ein Gedicht hergesagt hatte, und der Hieseler, der im Flüßchen die Forellen fing, hatte beobachtet, daß er viertelstundenlang ohne sich zu rühren in's Wasser starrte.

Moralt selber begann das unbehagliche Gefühl zu bekommen, daß die Leute, die ihn auf seinen täglichen Wanderungen trafen, oder ihn unversehens irgendwo überraschten, wo er gerade in Gedanken versunken stand, ihn nun so merkwürdig ansahen und wie mißtrauisch beobachteten. Fiel er denn auf durch irgend etwas in seinem Benehmen? Er tat doch nichts Auffälliges!

– Eines Nachmittags stand er weit hinten im Flußtälchen an einer Stelle, wo das Gefäll stärker, die Strömung des Wassers beschleunigt war, und schaute, weil ihn das Malerische, die Bewegung und das Leben des Elementes freute, lange ins Gewelle. Wie sie kamen, immer neu, immer neu, die Fluten; schwallig und reich und voll von dem eisigen, 207 herrlichen Gebirgswasser; wie eine Welle die andere jagte, über die Steinblöcke dahin, und dann weiterziehend mit den andern, im ganzen schimmernden, rauschenden Zuge der Wasser aufging.

Er wollte nun einmal das Leben und das Wandern einer einzelnen ganz genau verfolgen, in ihrem Lauf daher und in ihrem Weiterziehen. Auf einem Steg lehnte er sich über die Brüstung, sah eifrig hinab und suchte sich eine einzelne, große Welle aus.

Wie sie kam: dort hinten, an einem Felsblock vorüberspülend, jetzt tiefgrün, jetzt weißlich in ihrem schnellen Lauf; wie sie die entblätterten Äste eines toten Baumes bespritzte, der querüber am Ufer niedergestürzt war; wie sie näher wallte, einen Augenblick ruhig und glattgewölbt, daß des Himmels Blau sich flüchtig in ihr spiegeln konnte und ein saphirfarbener Schimmer über sie glitt. Nun bäumte sie sich hoch auf, in dunklem, gläsernem Grün, gegen einen neuen, flachen Block, der im Flußbette lag, ihn voll überströmend, ihre Wassermasse breit verteilend, daß der bräunliche Fels hindurchschien wie durch eine dicke Glasur. Tief stürzte die Welle über diesen Block dann herab, um weiß in Gischt und Schaum zu zerfließen, in tausend aufspritzende Perlen und Blasen und Tropfen, die in tollen Gebilden übereinander und durcheinander tanzten, zankend, sich bäumend, sich 208 überspringend, sich verschlingend, als wären sie lebendig.

Zerflossen, aufgelöst, abermals grünlich, trieb dann der Wasserschwall davon – unter Moralts Steg vorbei, – die eine Welle verloren in den tausend andern Wellen. Da suchte er sich wieder eine neue, die fernher kam, und wieder eine neue, und abermals eine: immer dasselbe, ewig wiederkehrende Schauspiel! Und immer neue kamen, und immer gleich voll rauschte und toste das Wallen und Sprudeln, und immer, immer tanzten unter dem breiten Felsblock die weißen, tollen Schaumkämmchen und spritzten und zankten auf der graugrünen Flut.

Und das tanzte dort nun auch so fort, wenn er längst davongegangen sein würde, sagte er sich. Welch' ein ewiges, kraftvolles Leben in dieser toten Materie da – und welch' ein frühes Ermüden, welch' ein Dahinschwinden aller jungen, frohen Kraft in ihm – in einem lebendigen Organismus!

»Menschendasein! – haha!« Er hatte es laut gerufen und schüttelte seinen Kopf.

Da gingen zwei Leute hinter ihm über den Steg; die hatte er nicht kommen sehen. Und die auch schüttelten den Kopf, als sie weitergingen. Der sprach ja schon überlaut mit sich selber, der arme Herr! –

– Ein andermal war er hinaufgestiegen, wohl 209 eine Stunde hoch über das Dorf, immer zwischen Felsblöcken hin über kurzes, welkes Kraut, in einer blendend schönen Mittagsstunde. Es war, als wollte der November täglich von Neuem zeigen, welche leuchtende Pracht auch er über das Hochland zu breiten vermöge. Zögernd, vom Reif gelähmt, fielen überall noch die letzten Blätter in der Wärme nieder, und da und dort flirrte das silbergraue Schindeldach einer Hütte durch die lichtgebadete Luft herauf. Ein kühler Hauch, trotz der Sonne, und ein feiner feuchter Geruch von welken Pflanzen zog den Hang herauf.

Zwischen übereinandergestürzten Tannen hatte der Bleiche sich hingesetzt, auf einem kleinen Rasengrund, hinter sich die ansteigende Bergwand, unter sich den Absturz zum Tal, vor sich das ganze Bild der großen, leuchtenden Bergeinsamkeit. Stumm die Natur um ihn und still das Tal. Der Wald hatte seine hellen Laute längst nicht mehr. Nur die Hirsche schrieen majestätisch, wenn der Abend hereinbrach, und ihr Röhren hallte durch den Bergwald zuweilen bis zum Berghäusl herab, wie fernes Gebrüll eines Löwen.

Ein Specht flog an dem einsam Dasitzenden vorüber und lief den Stamm eines Baumes empor, hackend, klopfend in der großen Stille, wie der Totenwurm, der uns in lautloser Mitternacht an der Wand der Kammer mit seiner unheimlichen Emsigkeit weckt. 210 Noch eine überlang lebendig gebliebene Brummfliege summte über die braunen Schwämme daher, welche zu des Bleichen Füßen aus dem umgestürzten Wurzelwerk emporsproßten. Sie setzte sich auf den menschlichen Arm, putzte sich in der warmen Sonne die Flügel, zuckte hin, zuckte her, schien plötzlich zu entdecken wo sie war – und summte davon.

Er blieb lange so sitzen, zufrieden mit dem Augenblick, und schaute vor sich hinaus, hinüber zu den Bergriesen. Wenn seine Augen den lichten, schimmernden Höhen folgten, schien ein mildes Feuer in ihnen zu erwachen; wenn er sie senkte und durch das bergwilde Gestrüpp und Geschröff zu seinen Füßen in's Tal niedersah, zog der traurige Schatten über seine Züge, das Erloschene, das Mal des Verfallenseins an eine dunkle Macht.

Jetzt hackte der Specht dicht über ihm an der Rinde des Stammes, dran sein Rücken lehnte. Pock pock! – pock pock! – – der Bleiche drehte wie im Traum sein Haupt und sah hinauf.

Laut zirpte jetzt seitab zwischen den Wurzeln eine Grille. Dort eine zweite, im abgestorbenen Gras des Hangs. Jenes metallene Trillern, jener rätselhafte Klang, der heraufdringt wie aus verborgenen Tiefen der Erde, aus Gewölben, aus Sälen und Gängen der Zwerge. Hier heller, dort gedämpfter, aber immer 211 geheimnisvoll und scheinbar immer fern, tief, tief im Boden.

Moralt lauschte hin. Ihm fiel wieder ein, wie er als Kind diesem Tone nachgeschlichen, wie er sich auf den Rasen gelegt, wie er im Sommer in den heißen Kornfeldern dem seltsamen Klingen gefolgt war. Hier! – dort! – hatte er sich schnell auf die Kniee geworfen und sein Ohr hingehalten. Die Erde, so hatte er damals gedacht, mußte da hohl sein, und die Schatzkammern, von denen die Märchen erzählten, seien von ihm entdeckt: – – man hörte es ja, wie es heraufklang aus unterirdischen Räumen!

In diesen Erinnerungen, und ganz vertieft in dies Lauschen, setzte er sich auch jetzt auf den Boden, beugte sich hinab zu der Stelle, wo das Zirpen herkam, und blieb eine Weile regungslos, mit dem Ohr gegen die Erde geneigt, liegen. Um seinen Mund begann ein Lächeln zu spielen, herzlich, – wie das eines Kindes.

Da knisterte es plötzlich über ihm. Ein Jäger ging vorbei, der hatte ihn von droben beobachtet und schlug jetzt, um ihn nicht zu stören, mit kurzem Blick und Gruß eine andere Richtung ein.

Da erhob sich der Überraschte langsam, und eine tiefere Blässe überzog sein Gesicht. Jetzt würde der wieder erzählen, wie er ihn gefunden, und was begriff so Einer, was er da am Boden gewollt! 212

Immer begegneten ihm jetzt Menschen, wenn er die harmlosesten Dinge trieb, die aber für Andere unverständlich aussahen! – – »Harmlos?« fragte er sich erschrocken – »harmlos?« Ja, warum trieb er denn aber jetzt überhaupt so merkwürdige Dinge, welche verrückt scheinen konnten? Er blieb stehen wie festgewurzelt: Entsetzen! sie hielten ihn wirklich für verrückt, die Leute, – er hatte es dem Jäger angesehen. 213

 

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