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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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55

Bald war die Wirkung der Natur und der Spuren des ursprünglich kraftvollen Lebens, denen Moralt in diesem Bergland überall begegnete, auf ihn die: daß er, statt durch sie belebt, gestärkt und angeregt zu werden, sich erst recht im Gegensatz zu ihnen fühlte. Seine ganze Kraft zu denken, alle Klarheit, die zwischen den Stunden zunehmender Gleichgültigkeit aufflackerte, nahm dann stets die eine Richtung: Vergleiche anzustellen, Alles in Beziehung zu seiner Person zu bringen, und so das zu zerstören, was das Aufnehmen der wechselnden, zerstreuenden Eindrücke hätte Gutes wirken können.

– An einem Morgen, an welchem frisch und belebend die leichten Nebel das Tal durchstrichen, die nun täglich erschienen und dann vor der Sonne verschwanden, je näher es gegen Mittag ging, wanderte er dem Flüßchen entlang. Die Nacht war kalt gewesen und der Boden ein wenig gefroren. Die herbe Kühle der Luft erquickte ihn.

Er kam an eine Stelle, wo das Wasser in lustigen, eiligen Wellen gegen ein Wehr zutrieb und sich dann 201 in breiten Güssen darüber hinunterstürzte, – ein rastloses, munteres Jagen und Tosen, kalt und belebend wie der Novembertag selbst. Dann umfloß es, in zwei Arme geteilt, eine größere Insel, über welche der Weg den Wanderer führte. Dicht ineinander standen dadrauf Weiden an Weiden; schmal nur zog sich der Pfad zwischendurch. Bereits ihrer letzten Blätter beraubt, ragten die schlanken Ruten kahl in die graue Nebelluft. Da und dort war ein Büschel zerflatterter, wolliger Ginsterblumen im Geäst hängen geblieben und klebte nun darin wie ein Vogelnest.

Durch die leeren Büsche hindurch sah man weit drüben, jenseits des Wassers, die langen Reihen von Holzstößen, die dem Ufer entlang aufgespeichert waren und aus dem Treibholz bestanden, welches das Flüßchen den Leuten aus dem Gebirge herabbringen mußte. Dahinter zog sich eine erhöhte Wiese, gleich einem Bahndamm, ein Stück weit durch das Tal, und obendrauf bewegten sich, schwarz auf dem grauen Nebelgrund, Männer, welche einen Wagen mit Holz beluden; ein emsiges Schaffen in Kommen und Gehen.

Moralt blieb lange auf der Insel stehen und sah über die zierlichen entlaubten Weiden hin, die ihm heute vorkamen wie Zeichnungen ohne Farbe, sah hinüber zu den Gestalten, wie sie arbeiteten und sich lebhaft bewegten. All dies muntere Leben ringsum 202 im Wasser und auf dem Damm tat ihm wohl. Er freute sich, daß die da drüben so geschäftige Silhouetten machten, er freute sich, daß es so rauschte und wellte im Bach. Und es wollte ihm selber auf einmal leichter werden.

»Warum denn,« zuckte ihm ein Gedanke auf – »bist du an diesem frischen Morgen eigentlich nicht ebenfalls froh, an dem die andern Menschen so munter und sorglos ihr Tagwerk tun? Warum lässest du dich nicht zur Besinnung bringen hier am Beispiel des ursprünglichsten Lebens und Schaffens, das sichtlich glücklich macht: wie töricht es sei, heute nicht für heute zu nehmen, sondern vor- und rückwärts zu schauen? Was hindert dich, irgend eine Arbeit zu tun, zu welcher dir im Augenblick Kraft genug zu Gebote steht? Wer stimmt dich traurig, wer ist dein Feind? Du selber! Schau, wie wär' es anders, freier, erlöst, wenn du vorderhand nur tätest wie Jene, und sorglos abwarten würdest, was später kommen soll! Nichts hindert dich. Wirf ab dein Grübeln, das nichts frommt! Da, da ist dieselbe Natur, dieselbe Freiheit, derselbe frische Morgen für dich offen, wie für Jene!«

Er stutzte einen Augenblick, als zweifelte er; dann atmete er tief auf. »Gott! der Gedanke, daß wirklich Alles so wäre für mich, wie für sie?« Er verwandte kein Auge von den arbeitenden Gestalten; er überlegte, 203 wie es wäre, wenn er hinginge, seine Joppe wegwürfe und den Männern anböte, mit zuzugreifen; – – – ein traumhaftes Erschauen eines erlösten, frohen Zustandes ging durch sein Gehirn, durch seine Seele.

»Unfroh, unfroh,« murmelte er vor sich hin, – »unfroh – ist das Wort, das ich immer suchte, meinen Zustand zu bezeichnen! Ja, unfroh ist mein Sinn, schwer mein Blut. Und warum? Verfolgt mich Schuld? Nein! Also? Zum Teufel doch mit den schwarzen Gespenstern! Frisch, frisch! leben, leben, – nicht sinnen, – leben und arbeiten und froh werden!«

Er schlug einen schnellen Schritt an, wasseraufwärts, weiter durch's Tal. Er trat mit kräftigen Tritten die kleinen Eiskrusten zusammen, die sich da und dort über feuchten Stellen am Weg gebildet hatten. Er schwang seinen Stock. »Nur froh werden! Nur fort mit dem Sinnen! Froh in den Tag hinein! das Schaffen kommt dann von selbst!«

– Am Abend des gleichen Tages schon sah er die Idee, daß er ein Holzknecht hatte werden wollen, für eine Verrücktheit an. Er – ein Holzknecht! Als ob er auch nur drei Tage lang dabei Befriedigung fühlen könnte! Er – in physischer Kraftanstrengung sich Genüge tun, den in jeder Minute seines Daseins das brennende Bedürfnis verfolgte, das Höchste von sich 204 zu geben, das Beste zu erschaffen, wozu ihn seine künstlerischen Kräfte befähigten!

Aber der Gedanke: in harter Körperarbeit Befreiung zu finden, wurde ihm wenige Tage später abermals und noch viel stärker aufgedrängt.

Er schritt ein enges Felsental aufwärts, aus dem sich ein leeres Bachbett zu Tal zog. Zuhinterst endete diese Schlucht vor einer senkrechten Wand, welche querüber den Talschluß bildete. Schroff ragten zu beiden Seiten die Felsen empor, und oben, in schwindliger Höhe über Moralt, blickten noch ein paar Tannen herein, die am Rande der Abstürze wuchsen. Zu anderer Jahreszeit stürzte hier der wilde Bergbach in donnerndem Fall hernieder. Jetzt war er beinahe ausgetrocknet und blieb so, bis der Frühling neue Wasser brachte.

In das leere, gähnende Schluchtbett aber waren bereits in grausem, gigantischem Chaos Hunderte von gefällten Tannenstämmen hinabgestürzt worden, welche die mächtigen Wogen, die zur Zeit der Schneeschmelze herunterkommen würden, zu Tal zu schwemmen hatten. Kreuz und quer, wirr durcheinander und übereinander getürmt, hier abwärts strebend, dort emporgereckt, hochaufragend in die graue Schattenluft des Ortes wie die Trümmer eines zerschmetterten Titanenbau's, erfüllten diese Stämme das 205 Felsenbett; ein Anblick von schwindliger Kühnheit und Größe. Wie droben an einem Block der beinahe senkrechten Felsenwand noch ein solches Trumm hängengeblieben war und nun drohend über den Abgrund hereinragte!

Und all dies gewaltige, urwilde Material mußte von Menschenhand, im dienstbaren Verein mit den ursprünglichen Kräften der Natur, aus den einsamen Bergwäldern zu Tal geschafft werden zum Dienste der Menschen!

Wie er so hineinsah in die starrende Schlucht, drüber kühl und frisch und sonnig der herrliche Wintertag in der Höhe leuchtete, da packte es ihn abermals wie ein paar Tage zuvor am Flüßchen. Da hätte er plötzlich Kräfte haben mögen, rohe, unbändige Kräfte des Körpers, mit wildem Juhschrei die eisernen Hacken ergreifen, welche die Riesen des Hochlands, die Hölzer und Flößer handhaben, und hätte angreifen mögen, die mächtigen Stämme zu lösen, zu werfen, zu legen, wie sie gehörten zum Abwärtsschwimmen im Wildstrom des Lenz. Alles Andere hätte er hingegeben, Alles, in diesem Augenblick; gern, mit Jubel hingegeben gegen dies Eine, nach welchem dieses urgewaltige Bild da unbändiges Sehnen wachrief: gegen ein strotzendes, überströmendes, jauchzendes Kraft- und Sinnenleben. 206

 

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