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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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54

Im Dorfe hießen sie den Fremden im Berghäusl, dessen Name ihnen nicht geläufig werden wollte, nur »den Bleichen«.

Sie grüßten ihn zutunlich, wenn er durch die Gassen ging; aber wenn das am Anfang seines Aufenthaltes fast täglich vorgekommen war, so wurde es nun immer seltener. Ja, es fing einzelnen Leuten an aufzufallen, daß er ihre Begegnung zu umgehen, dem Gegrüßtwerden und Grüßenmüssen auszuweichen trachtete. Auch traf man ihn oft unerwartet an irgend einem abgelegenen Ort, weit droben im Holz, oder hinten in der wilden, unbewohnten Talenge, draus das Flüßchen hervorbrach, wie er sinnend am Wasser stand oder unbeweglich auf einem Stein saß. Wenn er Tritte hörte, erhob er sich und ging davon. Es mußte ein ganz besonderer Herr sein; am Ende war er tiefsinnig, – sagten die Gebirgler.

Die Waber-Nandl und der Martl wußten nichts zu berichten, als daß er daheim eben immer studiere oder dann auf den Bergen herumgehe, daß er zuweilen bis tief in die Nacht eine Musik mache, davon sie nichts verstünden. Es sei nicht zum Tanzen und 195 geistlich sei's auch nicht. Und eben gar so allein sei er immer, und nichts als Bücher und Bücher um ihn her.

Bei der Lammwirtin, wo er in den ersten Tagen gewohnt und gegessen hatte, bis sein Häuschen eingerichtet gewesen, und wo er später noch ein paar vereinzelte Male erschienen war, hatte er sich seit Wochen nicht mehr gezeigt. Sie hatte ihm mehrmals durch den Martl einen Gruß geschickt und am Kirchweihtag mit dem Essen von ihrem Festgebäck; er hatte dagegen ihrem Mädchen ein seidenes Kirchweihtuch übersandt, – dabei war es geblieben.

– Ja, Moralt scheute jetzt den Verkehr. Er hatte sich selber verloren für den Augenblick und hatte darum keine Sicherheit den Menschen gegenüber. Er wußte nicht, woran er war. Er fühlte sich im Kopf unfähig zur Arbeit und körperlich doch zu gesund zum Aufgeben der Hoffnung: daß das ungestörte, stille Leben mit der großen Natur auf die Dauer nicht doch seinen Zustand zu bessern imstande sei.

So ließ er einstweilen die Dinge gehen, wie sie gingen, lebte wie es ihm die Stunde eingab und wartete, was sich entwickeln würde. Aber mit Menschen umgehen, das – das konnte er vorderhand nicht!

Der November war mit strahlendem Sonnenschein und abermaliger spätsommerlicher Milde erschienen, also daß der bereits gefallene Schnee in wenigen 196 Tagen wieder hatte zurückweichen müssen bis in die hohen Regionen hinauf. Kaum die obersten Säume der Hochwälder blieben noch leicht überstreut, das Tal dagegen und die Hänge schimmerten auf's Neue in herbstlicher, weicher Farbenpracht; etwas blasser jetzt und welker, seit der kalte Schauer drüber gegangen, aber dennoch so sammtig und trocken, wie man es um diese Jahreszeit kaum erlebt.

Tino wanderte wieder von früh bis spät. Sein regelmäßiger Abendspaziergang war jetzt der Talgrund. Wohltuend weit sah er da vor sich hingedehnt den eintönigen, weichen Teppich, halb Moos, halb kurze Kräuter; da und dort zerstreut ein paar Blöcke, in uralter Zeit herniedergestürzt von den Bergen. Weiß und grau, wie gebleicht von Sturm und Sonnenbrand der Jahrhunderte, zum Teil auch mit kalkigen Krusten bezogen, lagen sie da, bald größer, bald kleiner, und schwärzliches Moos wucherte fleckenweise dran empor.

Kein Weg von Menschenhand geschaffen führte den Talgrund entlang. Nur das lange Verfolgen der gleichen Richtung von einem Talende zum andern hatte Spuren hinterlassen, die als Pfad dienten. Da, in der weiten Einsamkeit, konnte er ebenso wandern wie droben in den Alphängen: ohne Menschen zu sehen. Keiner hatte hier draußen etwas zu schaffen, 197 seit die Streu eingebracht war, die von dem binsen- und schilfartigen Gras der feuchten Stellen gemacht und in den niedern, über das Tal zerstreuten Stadeln aufgespeichert wurde.

Zuweilen ein kleines Bächlein, zuweilen eine unvermittelte Erderhöhung, ein überwachsener Felskoloß, gleich einem tausendjährigen Hünengrab, bewachsen mit ein paar dürftigen Birken, das war Alles, was auf der langen Wanderung die Gleichförmigkeit der Heide unterbrach.

Früh sanken die tiefergelegenen Bergwände ringsum in den Schatten; denn die Sonne verschwand schon am späteren Nachmittag aus dem Grund und zog die dunkeln Wälder und Felswände langsam aufwärts, den höchsten Spitzen zu. Eine milde Kühle sank dann in das dunkelnde Tal. Fern über dem Dorfe begannen bläulich helle Streifen von Dunst zu schweben und hörten wie abgeschnitten bei den letzten Häusern auf: die Atmosphäre des Lebens und der Menschen, die in der reineren Luft der Bergwelt sich ballte und als Dunstschicht über den Wohnstätten blieb, so gut wie fern drin im Tiefland über den Städten.

Tino blieb täglich im Tal, bis die Sonne verschwand. Er liebte es, zuzusehen, wie droben an den Felsköpfen der warme Schimmer aufwärts zog, immer 198 glühender, immer weicher; wie er die Wände vergoldete, den Schnee rosig anhauchte und tiefe blaue und violette Schatten in die Schrunden warf; wie er die letzten, höchsten Spitzen noch gleich einer Glorie umzitterte und dann verschwand.

Erst wenn die Schatten tiefer sanken, trat er den Heimweg an. Eines Hirten Ruf, der einzelne abermals an die unteren Halden getriebene Kühe heimwärts lockte, kam in unverständlichen, singenden Lauten manchmal herüber, sonst blieb der Talgrund still. Schnell ward es dunkler. In dem fahlen, grünlichgelb erbleichenden Himmelsraum waren bald auch die letzten verirrten Rosenwölklein verblaßt. Die einzelnen Dinge verschwammen, vereinigten sich zu großen dunkeln Massen. Die Gebirge verloren den Wechsel von vorspringenden Blöcken und von Einschnitten und bildeten riesenhafte, schwarze Silhouetten. Der moorige Grund war nur noch eine dunkle, unbestimmte Fläche, scheinbar ohne Ende, ohne Weg. Nur an einzelnen Stellen blinkte fahl ein kleiner Wassertümpel auf aus dem schwarzen Einerlei, in einem toten Gelb, welches das letzte, ferne Schimmern des Westens aufzusaugen schien.

Wenn der Wanderer dann den Wohnstätten näherkam, begannen ausgetretene Pfade spürbar zu werden; Bäume tauchten auf; das Rauschen des Flüßchens 199 zog von Weitem her über den stillen Grund, und er fand nach kurzem Suchen den flüsternden Weiden entlang, einen Steg.

Zwischen den Obstgärten, die nun kamen, aus der stockdunkeln Masse, welche, noch schwärzer als das Moor, sich dort auf dem Duft hinzog und welches die Dorfhäuser mit den tief herabreichenden Dächern waren, glühte der erste Feuerschein auf: durch eine offene Tür die Flamme eines Herdes.

Es war meist finstere Nacht, wenn er durch das Dorf hinaufschritt. Keine Laterne brannte, und es wurde fast ein Tasten nach seiner Berglehne hinüber. Die Menschen, die in der Gasse aneinander vorübergingen, erkannten sich nicht, aber nach der Sitte des Gebirgsdorfes wünschten sie sich durch das Dunkel gute Nacht.

Doch den Bleichen, wenn er es war, den sie grüßten ohne ihn zu sehen, erkannten sie bald am leichten Tritt und daran, daß er den Gruß so seltsam erwiderte, – so, als wollte er, die Finsternis benützend, dem Erkanntsein entschlüpfen. 200

 

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