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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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53

Am späten Abend erst kehrte er heim. Er war gelaufen über Alphänge und Geröll, hatte nichts gegessen und nichts bedurft, er hatte nur das eine, ruhelose Bedürfnis gehabt: beständig den Ort zu verändern.

Den ganzen Tag war der Himmel über ihm nicht hell geworden. Der Nebel war zögernd in die Höhe gestiegen und hatte droben eine undurchdringliche graue Decke gewoben, bleiern und müd, die Moralt so beengend vorgekommen war, wie die Decke, welche er über seinem schmerzenden Gehirn zu haben vermeinte. Hinter den Bergen Tirols war es langsam heraufgezogen mit weißlichem, fahlem Gewölk, dem Verkündiger des Winterschnees, und ein frostiger Wind hatte über die Hänge dahergestrichen.

Am Nachmittag war Moralt auf der Höhe eines Bergkammes gesessen, der zu beiden Seiten mit vergilbenden Matten steil zu Tal abfiel, und hatte lange hineingeschaut in all das Vergehen der großen Natur. Da und dort im Teppich des welken Grases standen vor ihm kleine Gruppen von Laubholz, zitternd mit 186 ihren letzten Blättern und wie Schutz suchend angelehnt an dichte, dunkle Tannen. Die kühlen Wolken waren dann tiefer und tiefer herabgekommen. Sonnenlos, schwermütig, starr hatte es sich auf Alpen und Wald gelegt. Die letzten Laubsammler hatte er mit ihren hochgefüllten, riesigen Leinwandtüchern die Hangwiesen bergab gleiten sehen, sausend in tollkühnem Wagen. Sie waren heimwärts geeilt mit ihrer trockenen Streu vor dem nahenden Schnee.

Nur das ferne Rauschen der niederstürzenden Bergbäche hatte einen Laut gegeben in die große Erstorbenheit, und ab und zu war verloren ein Klingen zu dem einsam Sitzenden heraufgedrungen: die Glocken der wenigen Kühe, die tief im Tal noch weideten.

Über den Grat hatte er eilig einen Hirsch ziehen sehen, hinter ihm zwei Tiere, den schonenden Wald suchend, instinktiv fliehend in's Tannendunkel vor der traurigen Zeit des Hungerns und Frierens, welche da drüben herannahte für sie. Lange hatte er ihnen nachgesehen. Als die Tiere im Wald verschwunden waren, und der Wind eisig von den Höhen herab zu pfeifen begonnen hatte, als es dahergezogen war, grauer und trüber, hatte er sich erhoben und zu Tal gewandt. Die welken Blätter hatte es jetzt über sein Haupt dahingewirbelt und die roten Beerenbüschel 187 geschüttelt in den Gesträuchen. Das hatte ihm wohlgetan, – er liebte den Sturm.

Entblößten Hauptes war er die Hänge hinuntergesprungen. Ein ungeheures Lebensgefühl hatte ihn einen Augenblick gepackt: ach! Alles, Alles was ihn bedrückte, über den Haufen werfen, in den wildesten Gewalten der Natur, im Rasen des Orkans oder in. Donnern der Meerflut vergessen, was seines Lebens Gram war, im gewaltigen Kampf mit den Elementen um's nackte Leben nur einmal ganz Mensch sein, sich fühlen im Augenblick, ohne Muße zu andern Gedanken!

– Jetzt, spät am Abend, langte er zu Hause an, ermüdet und hungrig, und in seinem Innern war es nach des Morgens Jammer und des Abends Stürmen wieder still.

Auf dem Tisch fand er das Gedeck zum Abendbrot bereit und dabei einen Brief. Er ließ sich auftragen und verschlang mit einem gierigen Hunger, was die alte Nandl ihm brachte. Während der Teekessel vor ihm zu summen begann, las er, was Rolmers ihm schrieb. Er wendete bald knisternd und ungeduldig die Seiten. Sein Antlitz hatte zuerst ermüdet geschienen von den Anstrengungen des Tages, seine Augen, auf die Buchstaben geheftet, hatten nicht das glänzende Feuer von einst gezeigt. Aber während er 188 las, verschwand diese Müdigkeit der Züge, schien dieser matte Blick sich am Inhalt der Blätter zu entzünden.

»Mein lieber Tino!« schrieb Rolmers, – »du sollst doch wissen, daß ich durch dein hartnäckiges Schweigen beunruhigt bin. Seit drei Wochen bist du fort, und keine Silbe auf zwei Briefe von uns!

Dazu erfuhr ich gestern, daß du deine hiesige Wohnung aufgegeben, deine Sachen in Verwahrung gestellt, aber deinen Flügel mitgenommen habest. Ist denn das gleichbedeutend mit einem Wegzug von München überhaupt? Warum sagst du mir von solchen Entschlüssen nichts mehr? Lieber Freund, das sind Schrullen! Renne dich nicht in einen neuen krankhaften Katzenjammer darüber, daß in der Stadt die Arbeit nicht so vorwärtsgehen wollte, wie du, ungeduldiger Mensch, es verlangtest. Probier's in Ruhe auf dem Lande, aber verbrenne doch nicht gleich die Schiffe hinter dir! Solche schroffe Maßregeln erschrecken mich. Und weshalb heimlich? Du mußt doch wissen, wie sehr wir Alle dich verstehen.

So laß mich jetzt hören was du treibst! Ich bitte um so dringender darum, als mir eine unerwartete Anfrage die Aussicht eröffnet, von einem Tag zum andern nach Paris zu müssen; vielleicht bis über Neujahr hinaus. 189

Thomassen, der Käufer meines Bildes, will ein Seitenstück dazu haben und wünscht, da er selber den Winter in Paris verbringt, daß es unter seinen Augen entstehe und zugleich im Eindruck des ersten Bildes, das er nicht wieder hergeben möchte.

– Und noch ein nötiges Wörtchen, Tino! Wenn du so sehr das Bedürfnis empfindest, dich um der völligen Hingabe an deine Arbeit willen von Allem freizumachen, was zerstreut und zersplittert, – hättest du dann nicht besser getan, auch deinen Flügel zurückzulassen, auf dem du so manche deiner reichsten Stimmungen verschwendest, der dein Feind zu werden droht, so vollkommen wie du unter seinem Zauber stehst?

Sei in deinen energischen Entschlüssen nun einmal ganz energisch und beschränke dich während deiner dortigen Klausur wirklich nur auf diejenige Kunst, die du endgültig erwählt hast. Tu' es mir zulieb!

Ich nehme mir viel heraus, nicht wahr? Ich könnte wissen, was die Musik dir ist, wirst du denken, – und könnte mir sagen, daß sie dem Einsamen doppelt so viel sein muß. Gewiß! Aber ich kann mir eben auch die Gefahr nicht verhehlen, die in der Art liegt, wie du dich ihr hingiebst. Zürne mir nicht! Und fühle, daß die Entfernung der paar 190 Meilen und die Trennung durch ein paar Bergblöcke mich nicht hindert, dein alter Mahner Rolmers zu sein.«

Moralt faltete den Brief zusammen und legte ihn beiseite. Es war ihm unbehaglich geworden. Dieses treue Zu-ihm-Halten der Andern störte ihm das Gefühl der Geborgenheit.

Nachricht von sich sollte er geben? Ha, wahrlich heute der richtige Tag dazu! Er ging unruhig, aufgestört, nicht wie durch einen bloßen Brief, sondern wie durch einen ungebetenen Besuch, auf dem braunen Teppich hin und her, ungeduldig dessen langweiliges Muster betrachtend. Die Lampe brannte ihm zu hell, er stülpte einen farbigen Schirm darüber; er zog die schweren Vorhänge zusammen und befahl, im Kamin Feuer zu machen. Er brauchte Wärme, brauchte das Gefühl, daß er für sich, daß er zu Hause sei.

»Was?« murmelte er, immer den Teppich umwandelnd, – »meine Musik sollte ich aufgeben? Das verlangt Rolmers von mir?«

Er setzte sich sogleich hin und schrieb an den Norweger zurück. Diese Störung mußte ihm vom Halse. Mit der sofortigen Antwort an die Freunde sollte sie wieder fort aus seinen Gedanken. Hastig flog die Feder über's Papier. »Es ging ihm gut. Die Stille und die Natur des Hochlands waren ihm sehr wohltuend, 191 das viele Wandern anregend. Sie sollten ihn nur ruhig eine gute Weile einsiedeln lassen; es könnte nichts Vorteilhafteres für ihn geben im Augenblick. Zu Rolmers' neuer Bestellung und der Aussicht auf Paris wünschte er alles Glück; hoffentlich dauerte das Fernsein nicht allzulange.

Die Musik – störe ihn nicht; er vergeude nicht Kräfte an sie, sie gebe ihm im Gegenteil solche. Rolmers wüßte doch aus eigener Erfahrung, wie nötig sie Alle zuweilen hätten, sich an einer Schwesterkunst zu erfrischen. So, wie sein Leben jetzt eingerichtet sei: mit der Gewißheit, ohne Störung durch Besuche auf längere Zeit seiner Arbeit leben zu können, sei die wichtigste Bedingung erfüllt, die zur Zeit für ihn bestanden hätte, und die Freunde könnten ruhig sein.«

Er überlas, ganz gegen seine Gewohnheit, das Geschriebene nicht mehr, adressierte das Billet in Eile und legte es weg. Dann stand er auf, und als müßte er sich schützend vor einen teuren Menschen hinpflanzen, den man ihm rauben wollte, setzte er sich vor den Flügel und begann dessen geliebte Töne zu rühren.

Der Wind draußen war zum Sturm angewachsen. Er fuhr mit Macht die Berglehne entlang und um die Mauern des Hauses, einen harten, gefrorenen Schnee in schrägen Streifen wider die Scheiben werfend. 192

Von dem Brausen begeistert, von Rolmers' Verlangen zu Trotz gestimmt, durch die Rückschau auf die Rolle der geliebten Musik in seinem Leben – dieser Musik, der er sein Ringen und Leiden, seinen Jubel und seine Fragen so oft vertraut – zu einem wilden Bedürfnis getrieben, sich auszuphantasieren, begann Moralt zu spielen. Und als wüchse er, seit die Töne ihn umrauschten, zu Kraft und Größe empor, als hetzten sich gegenseitig Sturm und Spiel, ward er lauter, gewaltiger, baute er leidenschaftlich aus, wie sein Leben ihm jetzt erschien. In eine schmerzliche Wollust spielte er sich hinein. Er schien völlig darin zu versinken, schien in der Gewißheit, daß die Musik ihm blieb, daß er sie halte, sie besitze, ganz untertauchen zu wollen, – unersättlich, unersättlich.

– – – Plötzlich brach er ab, sprang vom Sitz empor und stand einen Augenblick aufgerichtet in dem todstill gewordenen Raum. Der Schlag seines Herzens war das Einzige, was er vernahm.

»Nein!« sprach er laut ins Leere, – »mein Spiel, meinen Flügel, die nehmt Ihr mir nie!«

Dann schritt er zum Fenster und schlug, wie um aufzuatmen, die Vorhänge auseinander.

Von drüben starrten, kaum noch erkennbar, die Wände des Gebirges herein, schon leicht überschneit, und unten im Dorf glommen in den Hütten die 193 Lichtlein auf. Schneestreifen trieben wechselnd vorüber und verhüllten auf Augenblicke das eindämmernde Bild, während in einzelnen Wellen, verweht vom Wind, die Klänge der Abendglocke zum Berg heraufdrangen und Landschaft und Menschen den ersten winterlichen Feierabend kündeten. 194

 

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