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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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48

Oh, sie mochten das so fein anstellen wie sie wollten, – und sie stellten es mit viel Zartgefühl und mit der wahren Selbstverleugnung echter Freunde an, welche einander schwierige Zeiten zu erleichtern suchen, – Moralt, der die delikatesten Dinge gleichsam in der Luft spürte, merkte es doch: es war jetzt wie zur Zeit seines Bildes – sie schonten ihn!

Jeder vermied in seiner Gegenwart von des Tages Arbeit und vom Gedeihen seiner Unternehmungen zu reden, und Keiner fragte ihn auch zur Zeit mehr nach seinem literarischen Schaffen. Dagegen ging durch die ganze Art, wie sie Abend für Abend mit ihm verkehrten, eine gewisse absichtliche Wärme und ein auffallendes Bestreben nach einem natürlichen Ton, nach einem Ton, der das Unterbleiben alles Fragens als selbstverständlich erscheinen lassen, der ihn glauben machen sollte, sie hielten ihn für immerfort stark und ersprießlich in den Werdekämpfen seines ersten Buches beschäftigt. Doch diese Aufmerksamkeit, so peinlich sie ihm hätte sein müssen, nachdem er sie einmal als solche erkannt, wäre ihm immerhin noch erträglich gewesen. Aber das war bei Weitem nicht Alles. 148 Vielmehr glaubte er immer mehrerlei verabredete, wahrscheinlich von Rolmers angeregte Rücksichtnahmen herauszufinden.

Wenn er zum Beispiel eine Ansicht entschieden verfocht, enthielten sie sich, ihm auf die Länge zu widersprechen; sie lenkten ein oder leiteten geschickt auf Anderes über, auch wenn sie spürbar nicht von ihrer gegenteiligen Meinung abgebracht waren. Gespräche mit einer kräftigen Opposition bis zum Ausgleich der Meinungsverschiedenheiten oder bis zur Erklärung, daß man vollständig verschieden empfinde, künstlerische Dispute, bei denen zum Schluß Jeder auf seiner besonderen Anschauung verharrte, gab es nicht mehr.

Auch gewisse Dinge unterblieben jetzt wie von selbst. So das kleine Kartenspiel, mit welchem Holleitner, der immer das tat, was ihm eben einfiel, ob es paßte oder nicht, die Gesellschaft so oft auf eine Stunde gestört hatte, indem er Duplessy oder einen Andern, der eben in der besten Unterhaltung war, mit unabtreiblichem Drängen den Übrigen entzog und zu seinem Privatvergnügen an einem Seitentische in Anspruch nahm. Eine der vielen kleinen Rücksichtslosigkeiten, die der Österreicher neben all seinem gesellschaftlichen Schliff im intimeren Kreise an sich hatte, und über die Moralt sich immer wieder ärgerte. 149

Dann war bis jetzt ein allwöchentlich einmaliger Gast ihres Stammwinkels, von dem eigentlich Niemand mehr wußte, wer ihn seinerzeit eingeführt hatte, ein eitler Mensch, der sich viel auf sein Klavierspiel und auf seinen Vortrag Koschat'scher Lieder zu gut tat, sich aber mit einer Ziererei unerträglicher Art um die kleinste Gabe bitten ließ, fast regelmäßig von Holleitner so lange bearbeitet worden, bis seine kostbare Musikmacherei endlich erlebt wurde. Zakácsy und Moralt war der Kerl ein Greuel und seine affektierte Musik ebenso. Rolmers pflegte sich bei seinen Liedervorträgen hinter eine Zeitung zu salvieren. Es war die bloße Freude, die Andern zu necken, daß Holleitner das Manöver immer wieder vollführte.

Jetzt – saß dieser Mensch, wenn er kam, so unbeachtet da, daß man niemals mehr mit einem Ton belästigt wurde.

Noch zwei, drei solcher Einzelheiten, von denen Moralt früher gezeigt hatte, daß sie ihm unangenehm seien, waren auf einmal beseitigt. Es sollte eben krampfhaft eine behagliche Atmosphäre geschaffen werden, und was bisher aus freien Stücken nicht unterlassen worden war, das wurde jetzt unter dem Druck besonderer Umstände berücksichtigt, – redete er sich ein. Und der Druck kam von ihm!

Diese Erkenntnis kränkte ihn. Er war zwar gerecht 150 genug, in seinem besten Innern einer Regung von Dankbarkeit Gehör zu geben. Trotzdem fühlte sich sein Selbstgefühl verletzt, und er fing an, diese Entdeckungen mit scharfem Auge zu verfolgen, fing an mißtrauisch zu beobachten, wie der Eine und der Andere sich in dem und dem Falle benahm; ja, bald versuchte er mit Berechnung Situationen herbeizuführen, in denen er die Gesellschaft auf die Probe stellen konnte. Da fiel bald der letzte Zweifel dahin: es war eine verabredete Sache, man hatte eine »Behandlung« seiner Person als einer behandlungsbedürftigen beschlossen, man schonte ihn.

Schmerz durchwühlte seinen ganzen Menschen. Als Demütigung, als wehrloser Zorn, als ein Chaos von widersprechenden Empfindungen, – von anerkennender Liebe, und von Groll gegen diejenigen, die ihm das antaten, – ging die erste Wirkung dieser Gewißheit in ihm um.

Eines Abends, nach einem neuen, schlagenden Beweis, der ihn so tief traf, daß er in einem Sturm von schmerzlicher Erregung eine Weile überlegte, ob er nicht gerade herausreden solle, was ihm länger nicht mehr erträglich war, brach er, unfähig sich zu bezwingen, und unfähig, ohne reiflichere Überlegung gleich das richtige Wort zu finden, plötzlich auf.

Mit Überwindung nur vermochte er durch die 151 Bemerkung, daß er müde sei, das Auffällige dieses Davongehens, weit vor seiner gewohnten Zeit, flüchtig zu entschuldigen.

Doch da stand auch Rolmers auf und ließ es sich nicht nehmen, gleichfalls heut schon nach Hause zu gehen; ja sogar Holleitner, sichtlich verlegen um eine natürliche Begründung, erhob sich ebenfalls. Beide hatten die nämliche Empfindung gehabt: daß es dem Freunde an diesem Abend hatte auffallen können, wie sehr sie es vermieden, ihn im Disput in Erregung geraten zu lassen, wie sie fast allzumerklich nachgegeben hatten, und sie beabsichtigten, durch doppelte Natürlichkeit auf dem Nachhausewege einen allfällig entstandenen Verdacht zu verwischen. Aber Holleitners hastige Verabschiedung von den Andern und die Art, wie er sich ihm nun anschloß, gerade eine Nuance zu liebenswürdig, sowie Rolmers' Bemühung, ihm diesen früheren Weggang als erwünscht hinzustellen, waren für Moralts scharfes Spüren erst recht erkenntlich als eine wohlwollende Komödie.

»So bleibt doch nur!« entfuhr es ihm in einem Tone, der nur schlecht die Gereiztheit verbarg. Vergeblich. Er vermochte sie nicht zum Zurückbleiben zu bestimmen. Er biß sich auf die Lippen. Ihr Verharren an seiner Seite war ihm in diesem Augenblick, da es in ihm gärte und wirbelte von tausend unklaren 152 Empfindungen, unerträglich. An der nächsten Straßenecke, wo sich ihre Wege geschieden hätten, erklärte er, um ihre Begleitung einfach unmöglich zu machen, daß er den nächsten Wagen der Pferdebahn benützen werde.

»Dann leisten wir dir so lange Gesellschaft!« sagte Holleitner und klopfte, wie um unbefangen zu scheinen, mit seinem Stöckchen an die Hosen, den Regenschirm dazu drehend, den er im Gasthause hatte leihen müssen, weil er auf den mit ihm im gleichen Hause wohnenden Zakácsy nicht gewartet hatte.

Moralt erwiderte nichts. Er brütete: – Holleitner, der sonst nicht drei Häuser weiter mit einem ging, als ihm gerade angenehm war, der wollte auf einmal Nachts, da, auf der ungemütlichen, nassen Straße, in diesem Durcheinander von Schnee und Regen, in diesem Oktoberwind, der die Häuserreihen entlang fegte, sieben oder gar zehn Minuten lang mit ihm warten? Noch sahen sie ja den vorhergehenden Wagen mit seiner roten Laterne erst dort zwischen den Pfützen und nassen Schienengeleisen in die Nacht verschwinden!

Rolmers suchte, während sie dastanden, ein Gespräch zu beginnen; aber er fühlte selber, wie erkünstelt es klang. Die Straße war fast leer, kein Lärm von Fuhrwerken in diesem Augenblick zu 153 hören. Nur da und dort glitt eine Gestalt, unter ihren Schirm geduckt, den Häusern entlang. Aus einer durchlöcherten Dachrinne auf der andern Seite der Straße stürzte ein dünner Wasserstrahl mit einem ungleichmäßigen, stoßweisen Klatschen, welches Moralt frösteln machte, auf das Trottoir nieder, und auf die Schirme der drei schweigenden jungen Männer fiel mit flüsterndem Geräusch Flocke um Flocke und Tropfen um Tropfen des kalten Niederschlags.

»Geht doch jetzt heim, ich bitte darum!« sagte schließlich Moralt.

Sie blieben hartnäckig; ihre Freundlichkeiten klangen angestrengt, und da er nichts mehr entgegnete, stellte sich bald wieder ein unheimliches Schweigen ein.

Es gibt stumme Dinge zwischen engverbundenen Menschen, die, ohne daß man sah, wie sie so groß wurden, unversehens, urplötzlich, zu der Stunde, da sie auf ihrem gewissen Punkt angelangt sind, eine Scheidewand zwischen beiden Teilen zu errichten drohen, – Dinge, die, sollte man meinen, mit einem einzigen, offen heraus bekannten Wort noch beseitigt werden könnten. Und doch ist es jedem Teil unmöglich, dies Wort, das den düstern Bann sprengt, zu sprechen. Und dann kommt ein Augenblick, wie unter einer dämonischen Macht stehend: wo ohne 154 eine gesprochene Silbe, ohne ein Geschehnis, welches Dritte bemerken könnten, ohne die Bewegung eines Gliedes, aber nichtsdestoweniger allen Beteiligten gleichzeitig fühlbar, eine Mauer sich aufrichtet, ein Riß in dem Bande sich vollzieht, das bisher scheinbar unzertrennlich die Seelen umschlungen. Ein Riß, in diesem einen Augenblick geschehen durch seelische Vorgänge so besonderer, so unendlich zarter und geheimnisvoller Art, daß die Sprache nicht fähig ist, sie auszudrücken.

Solch' ein Augenblick war jetzt zwischen die Freunde getreten; ein Riß vollzog sich in diesen Minuten zwischen Moralt und den beiden Andern. Sie standen gerade unter einer Laterne, und das nasse Pflaster warf den Lichtschein zurück unter ihre Schirme. Da las Moralt auf den Gesichtern der Beiden deutlich das Unfreie, in das sie durch ihn geraten waren. Ein Stich fuhr zuerst in sein Herz, dann sank langsam ein Stoß und Druck, wie das tiefe Hinabdringen eines schweren Gewichtes, seine Brust abwärts und blieb wie eine furchtbare Last, wie eine physische Beengung dort liegen. Und ein Blick, scheelüber, halb Entsetzen, halb Groll, glitt aus seinen weitgeöffneten, flackerig funkelnden Augen scheu über die Freunde hin. Den fing Rolmers gerade auf. Er blickte sofort betreten zu Boden; Holleitner 155 wich ihm aus, aber auch er hatte ihn im Streifen bemerkt, und sein Gesicht hatte im Wenden einen fremden, verwirrten Ausdruck bekommen.

Der Pferdebahnwagen war da, der Abschied kurz und verlegen. Moralt sprang auf, und im Davonfahren sah er von der Plattform aus, wie sich die Zwei unter einem Schirm den Arm gaben und nun schnell ihres Weges gingen.

»Also so weit ist es!« murmelte er vor sich hin, während das Rollen und Holpern des schwerfälligen Waggons den Laut seiner Stimme übertönte, – »so weit, daß sie es für nötig halten, mich nach Verabredung zu behandeln!« Und ein trauriger, unwillkürlicher Widerwille entstand in seinem Innern gegen die zwei Freunde, eine Scheu vor der ganzen Gesellschaft, ein Bedürfnis, sich sicherzustellen vor ihnen, vor Allen, vor den Menschen überhaupt; allein, ganz allein zu sein und sich selber anzugehören. Er wollte Niemand beengen mit seiner Person, und er dankte für eine Schonung, die ihn demütigte!

Immer den fremden Ausdruck auf Rolmers' und Holleitners Gesichtern vor Augen, fuhr er, an das Geländer der Plattform gelehnt, davon durch die Nacht, und ein Schütteln und Schauern wie vor etwas, dem er glücklich entronnen, lief ihm über den Rücken. 156

 

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