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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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47

Der ganze Bekannten- und Kollegenkreis war in tiefer Erregung, in aufrichtigem Schmerz. Im Juni, als eben überall die Pläne zu den Studienreisen und Sommeraufenthalten beredet wurden, traf die Botschaft ein, daß Lanz, der sich schon zu Anfang Mai auf's Land zurückgezogen hatte, – sich erschossen habe. Ein Zettel, den er hinterlassen, wurde den Freunden mitgeteilt. Ein trauriges letztes Schriftstück des erst dreißigjährigen Malers.

»Das Leben« – so stand in diesem Bekenntnis – »hatte für mich von je nur in zweien seiner Äußerungen Wert und konnte mir auch nur in diesen zweien das Glück bieten, das Jeder mit seinen ganzen Kräften sucht: in der Liebe und in der Arbeit. Die Erstere ist mir versagt; denn die ich liebte, ist mir nicht treu geblieben, weil sich ihre Erwartungen von meinen Erfolgen und meinem einst für wahrscheinlich erachteten frühen Berühmtwerden nicht realisierten. Ich habe ihr verziehen.

Doppeltes mußte mir hinfort die Arbeit gewähren, damit ich das Teil Glück und Wert einbrächte, welches jedes Menschenleben so gut wie Luft und Nahrung haben muß, um nicht umzukommen. 140 Ich hatte vom Geschick eine besonders geartete Gabe bekommen, die Natur malerisch zu verstehen, und ich war dieser künstlerischen Eigenart und damit mir selber – Gott weiß es, oft unter blutigen Tränen – allezeit treu, so laut auch die Menge und – Viele, die es besser wissen konnten, wenn sie ehrlich waren, mich haben verlachen und ablehnen mögen. Aber der jahrelang anhaltende Kampf in mir selbst und mit äußern Schwierigkeiten um diese Konsequenz hat mich meine Lebenskraft gekostet. Ich war eine Natur, die den Erfolg zum Schaffen brauchte, wie die Maschine der Feuerung bedarf, um leistungsfähig zu sein.

Meine Maschine wurde aus Mangel an Feuerung immer lahmer. Seit drei Monaten ist durch meinen körperlichen Zustand die Möglichkeit zu arbeiten weiter untergraben worden. Heute ist sie abgeschnitten, und ich sehe voraus, daß die Werke nie entstehen werden, die ich als bleibende Wirkung meines Daseins zu sehen erwartete. Ich stehe am Anfang einer nervösen Krankheit, von der ich an mehreren Menschen gesehen habe, wie sie verläuft und wie sie endet. Ich werde meine alte Arbeitskraft nie wieder haben. Also ist mir auch das Zweite geraubt, was meinem Leben hätte Bedeutung geben können. Weder Religion noch Philosophie helfen mir auf diesem Punkt. Es hilft mir nichts mehr. Angehörige, 141 welche ein Recht hätten, von meinem Leben für sich etwas zu erwarten, besitze ich nicht. Eine Rechnung besteht nur zwischen mir und dem, was über uns steht, dem erhabenen Unbekannten. Die wenigen Freunde, denen ich jetzt einen Schmerz bereiten muß, sind sämtlich Künstler und ernste Menschen, sie werden mir darum nachfühlen, was ich hier bekenne, und werden mir verzeihen.

Ich habe einst gedacht, es wäre ein Ding der Unmöglichkeit, daß ich mich je, sei's um der Liebe, sei's um der bedrängendsten Umstände willen, selber töten könnte. Kein Mensch soll sich darüber täuschen; es kann für Jeden ein Augenblick kommen, wo es zu viel wird; bei mir ist er da!

Der mir so schwere Bürde aufgeladen hat, wird mich nicht verdammen, wenn ich, zu müde für ihre Überlast, unter ihr zusammengebrochen bin. Ich kann nicht mehr.«

Ampermoching, den 7. Juni 18 . .

Mit diesem erschütternden Eindruck, der den letzten Abend vor seiner Abreise und das letzte Beisammensein des kleinen Kreises ganz beherrscht hatte, verließ Äbi seine Freunde Mitte Juni, um zum erstenmal nach sechs Jahren die schweizerische Heimat wiederzusehen. 142

Wie Vieles war doch anders gekommen, als der Menschen Verstand es berechnet hatte, seitdem alle die Zahlreichen, die einst voller Hoffnungen zusammen die Jahre ihrer künstlerischen Ausbildung verlebt hatten, ihre eigenen Wege durchs Leben gehen mußten! Wie viel früher als er anzunehmen gewagt, nach zwei Jahren schon, war Äbi nun zu bescheidenen Anfängen des Glücks gelangt, während derjenige, auf welchen sie Alle so viel gebaut, Peter Lanz, der Last des Lebens jäh erlegen war!

Auf Moralt übte der Tod des Genossen einen düstern Einfluß aus. »Mein Gott,« hatte er ausgerufen, als er das Schriftstück des Unglücklichen las, – »das hätte ich in gewissen Augenblicken meines Lebens auch schreiben können! Sind es nicht die gleichen Gedanken, die mir in jener Nacht der Verzweiflung, nach Irenes Verlust, im Gebirgswirtshause den Selbstmord nahegelegt haben: – mein malerisches Schaffen eine Täuschung, meine Liebe zunichte, Tod, Tod das einzige Sehnen? Lanz hat getan, was ich verwerfen mußte. Ruhe ihm, dem unglücklichen Kämpfer!«

Rolmers und Holleitner versuchten Alles, den Freund so bald als möglich zum Antreten einer Sommerreise zu bewegen. Ohne Erfolg. Er behauptete, eben in den letzten Wochen ein wenig in seine Arbeit 143 hineingekommen zu sein, und zeigte eine ängstliche Gewissenhaftigkeit in der fortgesetzten Weigerung: sich durch einen Ortswechsel aus dem Ideenkreis reißen zu lassen, der ihm jetzt nötig sei. Im Grund war diese bessere Disposition zum Schaffen bloße Einbildung. Es war sein melancholischer Zustand, der ihn zu keinem Entschluß gelangen, ihn die bedeutungslosesten Dinge als Pflichten ansehen ließ, denen man nicht davonlaufen dürfe.

Auch die schweizerischen Verwandten, die ihm seit dem Tode seines Großvaters und der lahmen Tante noch geblieben waren, Vettern seines Vaters, Vettern seiner Mutter, hatten heuer dringlicher als bisher ihre Einladungen an ihn wiederholt. Aber auch ihnen hatte Tino unter dem Vorwande unaufschiebbarer Arbeit abgesagt. Wie konnte er sich bei seinen Verwandten zeigen, bevor er etwas geleistet hatte! Wußten sie doch noch nicht einmal, daß er nicht mehr Maler war!

Er blieb in München. Die Freunde reisten allein ab.

– Die Zeit, da Moralt nun ohne alle Gesellschaft war, übte einen eigentümlichen Einfluß auf seinen Zustand aus. Er genoß diese Wochen wie ein Knabe, der plötzlich aller Aufsicht ledig geworden ist, und ließ sich völlig gehen. 144

Zwischen den tief herabgelassenen Klappläden schaute er an den heißen Nachmittagen, den Kopf voll vager Gedanken an sein Werk, stundenlang in die Anlagen hinab, wo zwischen den weißen, heißen Wegen in den Rasenplätzen die grünen Büsche regungslos und staubig standen. Ein träumerisches Schweigen herrschte in seinem Zimmer, herrschte im ganzen Haus. Er war allein mit einem einzigen Dienstboten in der weitläufigen Wohnung; unter ihm standen alle Stockwerke geschlossen. Alles war auf dem Lande.

Am Abend ging er dahin, dorthin, wo er keine Bekannten fand. Er begegnete jetzt tageweise auch auf der Straße nicht einem einzigen Menschen, den er zu grüßen brauchte; er bekam ein Gefühl, als gehöre München ganz ungestört nur ihm, und dabei atmete er auf. Das hatte bei allem Verlassenen, Öden, für ihn einen seltsamen Reiz. Der stille, gewissermaßen leere Zustand seines Innern, der sich nun einstellte, wirkte wohltätig auf sein körperliches Befinden. Und je länger dies neue Leben dauerte, desto klarer glaubte er zu erkennen, daß ein solches Abgetrenntsein von den Freunden, ein ungestörtes Sichalleinangehören am ehesten imstande sein würde, ihn wieder zu gemütlicher Besserung und produktiver Kraft zu bringen. Nicht Reisen, nicht Zerstreuung, sondern Isolierung, Vergraben, monatelanges 145 Vergraben an irgend einen einsamen Ort. Er wurde erst jetzt, da mit dem gesellschaftlichen Verkehr auch seine Aufgeregtheit aufgehört hatte, gewahr, welch' ein tiefes Bedürfnis mit seinem derzeitigen empfindlichen Zustande zusammenhing: sich nach keinen bestimmten Stunden richten, auf Niemand Rücksicht nehmen, an keiner Unterhaltung sich beteiligen, keine fremden Ansichten anhören oder widerlegen zu müssen. Und seine Gedanken fingen an, sich lebhaft mit Plänen zu einem solchen Rückzuge zu befassen. Auch die Mißstände seiner jetzigen Lebenseinrichtung konnten ja aufgehoben werden, – fiel ihm ein – wenn er sich irgendwo in der Umgegend, wie es einzelne Maler taten, ein kleines, verstecktes Landhäuschen oder eine Bauernhütte mietete und dort lebte, bis er, mit seinem Werk in Einsamkeit und Stille glücklich zu Ende gekommen, endlich seine innere Ruhe erlangt haben würde.

Aber statt dieser Erkenntnis, was ihm vonnöten sei, auch alsbald Schritte folgen zu lassen, redete er sich, geleitet von seiner Scheu vor allen Entschlüssen und Änderungen, ein: dieser Wechsel des Wohnortes sei erst dann möglich, wenn mindestens noch das und das an seiner Arbeit zu einem gewissen Abschluß gediehen sei, was eben im unfertigsten Zustande auf seinem Schreibtisch lag. 146

Und so blieb er sitzen Tag für Tag, blieb sitzen die ganzen heißen Sommerwochen hindurch, und kam in dieser schläfrigen Stille seiner Tage allmählich in ein ganz apathisches Wesen hinein. So saß er auch noch da bei der Rückkehr der Freunde, war gerade so weit wie zuvor, und schrak erst aus seinem dämmerigen Zustand empor, als sie, Einer nach dem Andern, in der guten Absicht, ihn für die lange Verlassenheit zu entschädigen, ihn Abend für Abend wieder in Gesellschaft holten.

Da war es ihm nun plötzlich, als habe er mit seinem Hinträumen in den vergangenen Wochen eine ausnahmsweise günstige Gelegenheit versäumt, vorwärtszukommen, und nun schlössen sich von allen Seiten, seine Freiheit beeinträchtigend, jene Bande wieder, von denen er glücklich erlöst gewesen war. Mißbehagen erfaßte ihn, und doch durfte er es der großen Liebenswürdigkeit derer gegenüber, die es ihm bereiteten, nicht zeigen.

Warum hatte er nun seinen Landaufenthalt verscherzt, der ihn wenigstens körperlich hätte erfrischen können, da doch an der Arbeit nichts gewonnen stand? Und was begann denn jetzt Anderes wieder, als die Fortsetzung des genau gleichen Lebens, wie er es vor dem Sommer geführt! – – 147

 

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