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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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46

Was er nur trieb, die ganzen düstern Märztage hindurch, an denen es draußen stürmte und er drinnen saß und doch nicht arbeiten konnte? Was hatte er denn gestern getan, vorgestern? Er besann sich zuweilen mit einer gewaltsamen Aufrüttelung auf den Inhalt der eben verflossenen Stunde, aber er sank bald zurück in das Hinträumen durch neue Viertelstunden, in das Denken, Denken, immer Denken; in das tatlose Hinleben durch neue Tage.

Eines Abends schlug die Uhr Fünf, und es wurde schon ein wenig dunkel, da erinnerte er sich, indem er auffuhr, als weckte ihn Jemand aus einem unzeitigen Schlummer, daß er sich vor zwei Stunden vorgenommen hatte, ein Kapitel aus der verworrenen ersten Niederschrift in's Reine zu übertragen. Er war ein paar Seiten weit gekommen, dann hatte er aufgehört. Warum? An welcher Stelle? Aus welchen Gründen? Hatte ihm etwas zum Weiterschreiben gefehlt? Hatte ein plötzlicher Einfall, ein fruchtbarer anderswohin lenkender Gedanke ihn anhalten lassen? – – nichts wußte er mehr. In seinen Händen entdeckte er eine messingene Kapsel, die hatte er auf dem Manuskript 135 hin und her gerollt, mechanisch, schon lange, vielleicht eine halbe Stunde schon. Wie hatte er die Kapsel in die Hände bekommen? Während er sich darauf besann, rollte er sie unbewußt bereits wieder hin und her und dämmerte auf's Neue vor sich hin.

Es war ein altes Erbstück, dies vergoldete Messingröllchen, und diente als Petschaft. Die Kapsel war angefüllt mit einer Anzahl münzenförmiger messingener Einsätze zum Stempeln, deren jedem eine kleine Allegorie oder ein Emblem, umschrieben von einem Sprichwort eingegraben war. Je nach der Bestimmung der geschriebenen Billete wurde der zum Abdruck dienende oberste Einsatz gewählt. Eine jener liebenswürdigen Tändeleien galanter Korrespondenz, wie sie zu Ende des achtzehnten und zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts gebräuchlich waren. Aus Frankreich herübergekommen, ein wenig schäferhaft, ein wenig sentimental, aber von den Geistreichen unter unsern Voreltern sicherlich mit Anmut gehandhabt.

Moralt hielt es als ein Stück vom Schreibtische seiner Mutter hoch in Ehren. Jetzt drehte er spielend an dem kleinen Verschluß der Kapsel herum, drehte, bis er absprang und ein paar der vergoldeten, gravierten Münzen über seine Papierbogen hinrollten. Er sammelte sie wieder, Stück um Stück: – eine 136 Maske, umschrieben mit: »levez le donc!« – ein fliehender Hirsch, den Pfeil im Rücken: »ma douleur cause ma fuite!« – ein Schmetterling an der Flamme einer Kerze: »nul plaisir sans peine!« – ein entzweigebrochener Baum: »plustôt rompre que plier!« – ein Amor, der einen Eisberg abgräbt: »avec le temps!« – ein versiegeltes Brieflein: »va où je voudrais être!«

Einen nach dem andern betrachtend, die Umschriften lesend, fügte Moralt die Einsätze wieder ein. Der Letzte zeigte ein Herz, in das eine Feder hineingebohrt steckte: »c'est là qu'elle puise« stand darum graviert.

Ein Lächeln ging über seine Lippen, er drehte dies Letzte als Stempel ein. »C'est là qu'elle puise,« murmelte er, – »bei mir auch trifft das zu, daß die Feder im Herzen schöpft, aber nicht süßen Seim von Liebe und Tändelei, Herzblut schöpft sie, bitteres Herzblut! Er preßte schmerzlich die Hand auf die Brust: »C'est là qu'elle puise! du hast recht, altväterisches Stempelchen; mit diesem Einsatz will ich dich zu meinem Siegel machen!«

In Untätigkeit verflossen auch die andern Ahendstunden. Als es sieben Uhr schlug, erhob er sich. Und während er langsam nach seinem Schlafzimmer ging, sich zum Ausgehen umzukleiden, fiel es ihm 137 zentnerschwer auf die Seele: was war denn dieser Tag wieder wert? Er blieb an der Türschwelle stehen und lehnte sich müde an den Pfosten.

»Wozu umkleiden? Wozu ausgehen? Brauche ich mich zu Tisch zu begeben, nachdem ich nichts gearbeitet? Habe ich Erholung, Gesellschaft nötig, da ich mich nicht abgenützt? Wozu also?«

Unter den Fenstern rollten die Wagen vorbei, die in dem vornehmen Viertel die Gäste zu Gesellschaften, zu Bällen führten. Das Geräusch des vielen Fahrens drang dumpf durch die doppelten Scheiben herauf.

Moralt trat ans Fenster und sah hinab.

Im hellen Schein der Laternen zogen frohen, eiligen Schrittes Studenten und Militär, Herren mit Frauen am Arm und lebenslustige Bummler mit leichtlebigen Geliebten vorüber, dort hinunter, der Stadt, den Theatern, dem Vergnügen zu.

»Da fahren sie, da gehen sie, die gearbeitet, die ein Tagewerk hinter sich haben, und freuen sich ihres Abends, ihrer Erholung!«

Er beneidete sie um den frohen Schritt, um das paarweise Hinstreben nach einem Ziel. Warum durfte nur er seines Abends nie mehr froh werden? »Der Fluch des Arbeitslosen!« zog's höhnisch, wie Vorwurf in seinem Innern herauf. »Aber – bin ich denn selbst irgendwie im Fehler?« fragte er sich. 138 »Sollte mir eine Tätigkeit bestimmt sein, anderer Art als ich sie zum Beruf erwählt? Sollte mein jetziges Streben wieder ein Irrtum, mein Glaube, zu dieser Kunst berufen zu sein, eine neue Selbsttäuschung sein, die sich durch diesen schwermütigen Zustand, durch diese nagende Unbefriedigtheit rächt? Und doch – da ich früher ebenso arbeitete wie diese da drunten, redlich, gleichmäßig, angestrengt, – warum genoß ich ihren Frohsinn und ihre Lebensfreude nach getanem Tagwerk nicht? Warum empfand ich nur Leere und das verzehrende Fieber nach Freiheit, Gestalten und Dichten?«

Einen Augenblick lehnte sich seine Stirn gegen die Scheiben, dann wandte er sich plötzlich vom Fenster ab. Er kleidete sich jetzt hastig, wie trotzend, an und schritt hinaus in die nächtlich belebte Straße. 139

 

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