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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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45

Eines Abends, als Moralt seine Gesellschaft in der kleinen Malerkneipe aufsuchte, traf er den gewohnten Kreis um eine Anzahl früherer Kollegen erweitert und erblickte zwischen Rolmers und Duplessy zuoberst am Tisch als Gast seiner Freunde einen berühmten, von ihm hoch geschätzten älteren Künstler, den er persönlich noch nicht kannte, von dem er aber stets gehört hatte, daß er ein ebenso vortrefflicher und liebenswürdiger Mensch sei, wie er ein großer Maler war: Professor Joseph von Soltegger.

Duplessy erhob sich bei des Freundes Erscheinen sofort, dem Gaste den Neuangekommenen bekannt zu machen:

»Herr Schriftsteller Moralt – Herr Professor von Soltegger!«

Der lange, ebenso höfliche als prüfende Blick des ausgezeichneten Malers und Mannes drang Moralt tief ins Innere, fast wie in ein böses Gewissen, und er – der gesellschaftgewohnte Mensch – drückte die liebenswürdig dargebotene Hand nicht ohne eine gewisse Erregung.

Es hatte ein Respekt in der Verbeugung und der 133 Höflichkeit dieses älteren Mannes gegen ihn gelegen, dessen er sich wie unwert vorkam. Die Achtung vor der Arbeit des Schriftstellers hatte sich ausgedrückt in der Art, wie er ihn betrachtet hatte, nachdem er seinen Beruf gehört, – jene Wertschätzung des künstlerischen Schaffens, die der große, echte Künstler als edles Vertrauen auch dem einstweilen noch namenlosen Jüngeren entgegenbringt. Und wie wenig fühlte Moralt sich berechtigt, dies Vertrauen auf sich übertragen zu sehen, diese bevorzugte gesellschaftliche Stellung einzunehmen auf das bloße Vorzeigen eines Wechsels auf die Zukunft hin, von dem er nicht einmal wußte, ob er ihn jemals einlösen könne. Die Situation kam ihm unerträglich vor. Er blieb den ganzen Abend schweigsam, in nagendem Unbehagen.

»Herr Schriftsteller Moralt!« er hörte es immer wieder in seinen Ohren wie einen Hohn, und dahinter klang die Aufforderung seines Ehrgefühls: gib ein würdiges Zeugnis!

Er vermied es, dem Blicke des Gastes zu begegnen, vermied es, ins Gespräch mit ihm gezogen zu werden, und fühlte von diesem Abend an ein ängstliches Bedürfnis, sich vor aller erweiterten Gesellschaft zu flüchten. 134

 

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