Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Walther Siegfried >

Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

39

Vom Kirchturm des Dorfes hatte es längst acht Uhr geschlagen, da lockte die laue Juninacht Moralt noch hinaus in's Freie.

Weiß zog sich mit dem kaum vom Tau gefeuchteten Staub eine Straße den dunkeln Berghang hinan, um diese Zeit von keinem Menschen begangen. Die stieg er empor. Zur Linken der aufsteigende Berghang, der sich mit felsigen Terrassen und Wiesen sacht aufwärts zog, da und dort von niedern, düstern Föhrengruppen durchsetzt, zur Rechten ein hoher Hag von grünen Büschen, Vogelbeerbäumen und üppigen Stauden Holunder, der gegen die abfallende Wiesenhalde abgrenzte. Aus dem Dunkel seines Dickichts leuchteten wie bräutliche Sträuße die Blüten der Schlehen und des Weißdorns, und drüber im ruhig tiefblauen Himmel standen die ersten Sterne. Vom heller gebliebenen Himmel im Westen zeichneten sich als ungeheure, bläulichschwarze Silhouetten die Gebirge ab, mehr und mehr verschwimmend im weichen, letzten Übergang des Abends zur Nacht.

In Moralts Innern war es ruhig; er atmete tief 90 die würzige Luft; gemächlich stieg er aufwärts. Jeder Tag, den er seit jenem Abend gelebt, da des regenschweren Waldes Beispiel ihn aufgerichtet, hatte das Seine getan, ihn im tapferen Kampf gegen seine obenaufdrängende Gefühlswelt zu stärken. Ja, er hatte inzwischen sogar einen Schritt vollbracht, den er jetzt selber als groß empfand, einen Schritt, mit dem er dem Erlebten und Unabänderlichen vor sich selbst und vor der verlorenen Geliebten einen idealen und für das Mädchen tröstlichen Abschluß zu geben das Bedürfnis gefühlt hatte.

In einer Stunde, da er bitterlich danach gerungen, sich über die traurige Geschichte zu stellen, war ihm eine Idee aufgetaucht, und er hatte, der schönen Regung nachgebend, nach seinem Atelier geschrieben. Sein Bild sollte ohne Aufschub vom Vergolder verpackt und an die mitgesandte Adresse – nach dem Gut der Familie von Hauser – versandt werden. An Irene aber war ein versiegelter Brief der Kiste beigeschlossen worden.

In stiller Stunde der Nacht, in der Einkehr in sein bestes Inneres hatte er so zu schreiben vermocht:

»Irene.

Sie waren imstande, vor meinem Werk zu empfinden, was ich darin zu geben das Bedürfnis gehabt habe. Sie waren Künstlernatur genug, einen 91 heiligen Willen für die volle Tat zu nehmen. Darum haben Sie vermocht, mir Alles in Musik zurückzuschenken. Das war mein schönster Lohn und wird der einzige bleiben, den ich von einem glühenden Streben in der Malerei je erleben durfte.

So nehmen Sie dies Bild als Abschiedsgruß!

Die Kraft: das Hohe und Edle in Ihnen entsagend zu verehren und da auch ferner in freundschaftlichem Verkehr zu bleiben, – nur Freund zu sein, wo ich doch liebe, – besitze ich heute noch nicht und werde ich bei meiner leidenschaftlichen Natur vielleicht nie erringen. Darum nenne ich es Abschiedsgruß.

Möge das Bild Sie durch ein glückliches Leben begleiten! Schauen Sie zu ihm auf, ebenso, wie Sie sich an Ihren Flügel setzen, wenn eine jener Stimmungen heiliger Sehnsucht Sie überkommt, die Naturen, wie den unsrigen, die feierlichsten Stunden schenken. Und dann gedenken Sie mild des Urhebers, den seit dem, was er mit Ihnen erlebt hat, die Sehnsucht erst ganz erfüllt mit ihrem selig-süßen Leid; des Urhebers, der als Künstler wohl auch ferner vorwärts zu blicken trachtet, als Mensch aber nur noch rückwärts schauen kann, nach einem flüchtig erschienenen, auf immer entschwundenen Glück!« –

Seit dieser Brief vollbracht und die Weisung 92 abgeschickt war, hatte Moralt ein Gefühl, als hätte er damit vor sich selber auch für alles Weitere ein noblesse oblige aufgestellt, dem er nun nicht mehr untreu werden dürfe.

Er war darum Willens, sobald er sich dazu fähig fühlen würde, zurückzugehen in die Stadt, unter die Menschen, sich freiwillig wieder in äußern Zwang zu begeben. Aber eine kurze Frist brauchte er noch, um im Einfluß der stillen Bergwelt in sich fester zu werden.

Das Wiederanknüpfen da, wo er aufgehört hatte, vermochte er sich noch nicht vorzustellen. Das »Wie« eines Lebens, das nun zweifach neu sein würde: künstlerisch neu im vertauschten Schaffen, menschlich neu im fürdern Verzichten auf das, was er bisher immer noch als sein künftiges Teil Menschenglück erwartet hatte. Er hätte einen Sprung nehmen mögen über das zunächst vor ihm liegende Jahr. Wie mochte es dann wohl in ihm und um ihn stehen?

– Je höher der Wanderer kam, desto einsamer, stiller ward es um ihn her, desto weiter entrückt dem Leben der Menschen. Nur Hunderte von Grillen zirpten aus Busch und Wiesenhang. Fern unten im Tal lag schon tiefste Ruhe; das strömende Wasser einzig rauschte herauf. Und hier an der Halde regte 93 sich das mähliche Werden einer großen, stummen Poesie der Nacht.

Durch die tiefe Dämmerung ging lüstern jener warme, fruchtbare Hauch, der die lenzblühende Pracht der Erde zur üppigen Sommerfülle hinüberleitet; jene geheimnisvoll treibende, schwellende Macht, das sinnenberückende, schwülselige Weben einer Frühsommernacht. Und es kam und ging durch Wiesen und Hag, durch Baum und Busch, mit lindem Hauch, wie ein Flüstern von der erwachenden Liebesreise der abermals verjüngten Natur.

Träumen und Gären umfing des Einsamen Sinn. Bald schritt er weiter, bald lauschte er hinaus: Gedanken und Empfindungen begannen sich in ihm zu regen in diesem lauen nächtlichen Zauber, so liebeselig und weich, wie er sie einst mit achtzehn und zwanzig Jahren gekannt.

Ach, die Welt hatte noch immer die alten süßen Lügen für den, der sie glauben konnte! Moralt dachte an einst: wie hatte er ihnen geglaubt! – und sie wollten ihn wieder berücken, – selbst jetzt? Seine Brust wollte sich weiten, sein Aug' wollte sich entzücken, da, an dem wonnegewährenden Bild. Gierig begann er die Düfte zu saugen, die vom Holunder des Hages, von den Zweigen der Bäume, von den Blumen am Wege die Lüfte schwängerten. 94 Betäubend auf einmal schienen ihm die Grillen zu schlagen, wie einsamkeitstrunken, von nah und fern: ein wonniges, schmetterndes Liebeslied.

Da war es mit einem Male um seine Fassung geschehn. Ein wilder Schmerz zerriß ihm die Brust, alle Selbstbeherrschung fiel dahin. Der Gegensatz war zu grausam; er sprengte den Bann, in den Moralt mühsam seine Natur gezwungen. Unfähig sich länger zu halten, bäumte er sich auf, stampfte ächzend den Boden und warf gequält die Fäuste empor.

»Was berückst du mich?« schrie er wild, – »du trügerische, selige Sommernacht, – spottest du mein? Ihr schmettert, Ihr duftet, Ihr blüht und blendet, Ihr wiegt Euch in diesen wonnigen Lüften, Ihr beugt Euch selig zueinander hernieder, Ihr glücklichen Geschöpfe, Ihr Blumen und Büsche! Und ich? – ich wandle im selben würzigen Hauch, bin berauscht im Lenzeszauber und lustbegierig wie Ihr, und – meine Seele hat nichts, hat nichts – hat keine Seele, die sie lieben darf! Wen soll ich lieben? Wer liebt mich wieder? Da – seht mich doch, einsam, verschmäht und arm!«

In seine Augen stieg glühender Trotz. »Aber nun, nun! da ich dies Weben verstehe, da ich sie mit Euch atme, diese zauberisch lockende Luft, nun heisch ich gewaltsam, was dem Menschen gebührt: Liebe! Liebe, 95 die Ihr alle predigt, die du sagst und aushauchst, du weite Natur!«

Er rannte dahin durch die Schwüle der Nacht. In seinen Adern rieselte ein Verlangen, eine Glut, wie er sie kaum noch erlebt. Immer lauter schlugen die Grillen, immer stärker dufteten die Blumen, und der Himmel zuckte selig mit Millionen Sternen.

»Seligkeit – Liebe – allüberall Liebe!« raste er zwischen den Zähnen hervor. »Sollt' ich das schauen, sollt' ich das atmen und immer und immer nur traurig sein? Was blüht denn diese Welt? Was duften diese Blumen? oh, ich Narr! ich Narr!«

Frevelhafte Lust jagte durch seine Glieder; wütend ballte er wieder die Faust; sein Auge flammte.

»Ah! wenn du mich auch lange betrogen hast, tückisches Geschick, jetzt bin ich zu Ende mit meiner Geduld. Jetzt nehm' ich mir selber vom Leben, was immer mich lüstet, und hole mir Liebe, wo immer ich will. Ist's meine Schuld, wenn es also kam? Hab' ich nicht nach dem Höchsten getrachtet, betete ich es nicht an und rang danach? Es war nicht für mich! So greife ich tiefer, so trachte ich niedriger, – meine Schuld ist es nicht! Ja – nun will ich in's Leben zurück, aber: ein Anderer!«

Verschlingend sandte er seine Blicke umher, rings über die Weite – – – 96

»Oh ich danke dir,« nickte er schließlich trunken, wie von Sinnen, und breitete die Arme aus, als wollte er die lockende Nacht umfassen, – »ich danke dir, daß du mich jählings geweckt hast, du – schimmernde, tönende, duftende Nacht! Ich war ein Tor! Heut hast du mich erst Erkenntnis gelehrt, – du selber, heißatmende Mutter Natur!« 97

 

 << Kapitel 40  Kapitel 42 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.