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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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36

Am späten Morgen erst erwachte er, noch halbangekleidet, wie er in der Nacht gewesen. Aber eine wohltätige Ruhe, eine tiefe Abspannung war jetzt in ihm. Langsam kleidete er sich an. In seinen Körper kam, als er auf den Füßen stand, ein Gefühl, wie es wohl ein Kranker nach überstandener Krisis erlebt, ein Gefühl stiller, ergebener, sonnen- und friedebedürftiger Schwäche. Er setzte sich auf eine Weile an's Fenster, bevor er zum Frühstück ging, und ließ seine Blicke hinüberschweifen in's Gewänd der morgenfrischen, blau im Duft schimmernden Gebirgskette.

Da klopfte es an seine Tür. Von seiner Hausmeisterin nachgesandt, erhielt er Frau von Hausers Brief.

Der brachte klaren Aufschluß, und in den gütigen Worten lag, was er als grausamen Mut von Irene verlangen wollte: die Erklärung, daß das Mädchen unerschütterlich und mit ihrem ganzen Herzen an dem Manne hing, den sie erwählt.

Als er den Brief zu Ende gelesen, war er bleich wie die Wand hinter ihm – aber ruhig, als wäre 80 sein Herz stillgestanden. Kein Rasen, keine Träne, – versteinert. – – –


Es wurde Mittag, er saß noch immer oben.

Der vernichtende Schlag in all die phantastischen Hoffnungen vom vorigen Abend war schrecklich, aber heilsam. Die Gewißheit, die völlige, ferner unanzweifelbare Gewißheit zwang ihn, sich zu dem Unumstößlichen zu stellen, und der Mann in ihm suchte sich jetzt emporzukämpfen über sein Geschick.

Und über seinem Ringen neigte sich der zweite Tag.

Von da ab versuchte er sich Luft zu machen, indem er sich ausschrieb, wenn die ganze Größe seines Leids wieder auf ihn einströmte, ihn überwältigen wollte, wenn sich wirr und wild das Niederzerren des Grams und das Aufstreben seines männlichen Selbstbewußtseins in ihm bekämpften. So verlebte er den dritten und den vierten Tag in einem Exzeß von Arbeit. Stunden und Stunden vergingen – er wußte nichts mehr von den Dingen um sich her, und wenn er zum Leben erwachte, wollte es ihn bedünken, als habe sich nun ein zarter, umhüllender Schleier über Alles gebreitet. Aber zu anderen Stunden erlahmte plötzlich seine Kraft unterm Schreiben, weil des Blutes Sausen und das ganze tobende Weh 81 wieder obenauf kamen; dann rannte er in den Wald, wo es still war, oder auf den Berg, wo von den wilden Felshäuptern der Luftzug herb zu den Hängen herabstrich, dahin, dorthin, sich auszuhetzen, und sein Kopf ward dabei kühler, und er dachte, es sei nun besser, und kehrte zurück. Aber dann stürmte es von Neuem daher, und die Nacht kam wieder und die Träume mit ihren süßen Lügengesichten, und darauf ein neuer Tag, kalt und leer und: »sie lebt, sie lebt, und ich soll sie nicht besitzen!« schrie ihm der erste Gedanke zu, wenn er erwachte. »Wär' sie doch tot! Nur nicht der Hohn, daß sie da ist, und Alles an einer Tücke des Geschickes hängt!«

So lief er auch am fünften Tag umher von früh bis spät, im Regen und Sturm, um Ruhe zu suchen. Diese eine, krankhaft eifersüchtige Grübelei: daß sie lebe – stieg immer und immer wieder auf, trotz alles Kämpfens, sich in das Unabänderliche zu fügen. 82

 

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