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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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35

Spät in der Nacht stand er auf; es ließ ihn nicht schlafen. In seinen Adern glühte etwas, was er nie erlebt. Er las, was er Abends geschrieben. Ach, klägliche Erkenntnis! wie waren das zahme, brave, wohlanständige Blätter voll Überwindung und voll Gemessenheit gegenüber dem Leben, das er lebte, gegenüber dem Sturm, der in seinem Innern wühlte!

Halbangekleidet schritt er ruhelos in seinem Gasthauszimmer auf und ab, bei dem traurigen Lichtschein einer Kerze, in dieser stillen, nächtlichen Stunde. Seine Hand fuhr nach dem Kragen seines Hemdes und riß ihn auf, er machte seine Brust frei – Luft! Luft! Die Hand durchwühlte sein dunkles Haar, sie preßte seine bleiche Stirn, als suchte sie da Hilfe, Ausweg, erlösende Gedanken. Bohrend heftete er seine schlaflosen Augen in die Winkel der Wände, als fände er dort etwas.

»Aber ich kann doch die Sterne nicht vom Himmel holen, du ewiger Gott,« zischte er durch das totstille Zimmer, – »bloß um ihr einen Begriff zu 73 geben, welche Seligkeit ich zu empfinden vermag im Gedanken an ein Glück mit ihr! Und ich kann doch nicht rasen und sinnlos sein auf dem elenden Fetzen Papier, wie ich es wohl in Wahrheit tue, hier im Versteckten, bloß um sie ganz mit meinem inneren Grauen bekannt zu machen!«

Seine Erregung wuchs, je weniger er ihr einen Ausweg fand. »Ah,« – ächzte er – »wenn ich nur dürfte!« und seine Augen gingen stechend, funkelnd den Wänden entlang. »Zertrümmert lägen Spiegel und Scheiben, zerhauen, zerstampft, was das Zimmer füllt; aber – sie würden mich ja für einen Narren halten, und was hülf's? Und doch, nur etwas zertrümmern, nur ein Ungeheuerliches, ein Wahnsinniges anrichten! Nur an etwas außer mir ausrasen können, was in mir jetzt unerträglich wird!«

Wie ein Ohnmächtiger sank er zurück auf sein Bett, die Arme weit ausgestreckt, und starrte zur Decke empor. – – –


Es mochte eine Stunde vergangen sein, in Ermattung, in Halbschlummer, schließlich in Schlaf, als er abermals erwachte. Er hatte geträumt; träumende Fortsetzung seiner wachen Gedanken. Jetzt fühlte er sich unfähig weiterzuschlafen. Er wälzte sich herum 74 auf dem Lager. Die eine Kerze war heruntergebrannt; er zündete eine andere an. Dann versank er in Brüten. Er dachte nicht mehr an das, was er vor einer Stunde in seinen Blättern gelesen, nicht mehr weiter über das, was er noch versuchen könnte für sein Glück. Er war jetzt mutlos. Konnte nicht Alles fehlschlagen, was er noch tat? Warum nicht? Es gelang ja nichts, was er unternahm. Wie hatte er nur vermocht, sich in einer Augenblickswut die Illusion zu machen, daß noch etwas zu ändern sei! Immer Illusionen! Seine ganze Vergangenheit war eine Reihe zerplatzter Illusionen!

Müde, elend, warf er sich wieder auf die andere Seite.

»Ach daß ein Ende würde mit diesem Dahinschleppen eines Lebens durch immer neue Qualen!« seufzte er. »Alles was ich erstrebe, schlägt ja fehl. Welch eine Demütigung vor sich selbst für einen Mann: sein Werk mißlingt; sein Werben wird verschmäht! – – Ja zum Teufel!« – fuhr er plötzlich auf und schlug mit der Faust wild neben sich auf das Lager, daß ein dumpfer, langhingrollender Metallton einer zersprungenen Feder durch den nachtstillen Raum klang – »bin ich denn solch ein trauriger Schwächling und betrog ich mich mit meinem Vertrauen auf meine Kräfte immer nur selbst? Oder 75 ist mir bestimmt, durch Schläge und Elend zum endlichen Ziel zu gelangen?«

Der Kopf sank ihm traurig vornüber; er legte sich langsam zurück.

»Wehe! wenn dieser Schläge zu viel würden für meine Kraft. Schon ist mir, ich könne es nimmer ertragen. Abschütteln möchte ich Leben und Qual! Die menschliche Natur hat ihre Grenzen; es geht so lange mit Freud und Leid, bis es zu viel wird; dann geht sie am Übermaß zugrund.« Er preßte den Kopf in die Kissen, er wollte nicht, er durfte nicht sehen, was er jetzt sah – tanzend vor seinen Augen, kreiselnd in seinem Hirn: eine Waffe, eine kalte, barmherzige Waffe. Aber sein Mut, das fühlte er, schwand dahin. Zu früh und zu lange schon war diese warme, tiefe, verlangende Natur gezwungen, sich im Vorwärtsschauen den Mut zum Ertragen der Gegenwart zu schöpfen, und immer nach tapferem Kampf war Enttäuschung und neue Mühsal der Lohn.

In fliegenden Bildern zog sein Leben an ihm vorbei: die Jugend mit ihren hohen, herrlichen Erwartungen, mit dem Drang nach Tat und Künstlerruhm, eine einzige große Frage an's Leben, – und die Antwort: das traurige Joch in verhaßter Arbeit. Dennoch immer die Hoffnung in die Zukunft; erst stark, dann ermattend, bis sie schließlich fast erloschen 76 war. Darauf das endliche Erreichen der längsterstrebten Bahn und damit der Anfang neuer Leiden, höherer, edlerer, aber das Herzblut aufsaugender Leiden. Der lange, verzweifelte Kampf als Maler um das hohe Ziel – und der völlige Schiffbruch. Dann auf einmal das lockende Leben, das mit Liebe zu heilen versprach, was wund und elend geworden, und drum noch einmal sein Glauben an Glück und Kraft, – und nun der neue Schlag, der tiefste, letze, bitterste, mitten ins Herz!

Was sollte er jetzt noch hoffen, mit was für Erwartungen sich jetzt wieder hinhalten? Zu viel, zu viel! Vor einer Seele, die Solches erlebt, stand alles fernere Leben leer.

»Mein Gott,« murmelte er vor sich hin – »in was denn fühle ich mein Dasein, und in was denn fühlte mein Bestes sich selbst, als in der Liebe und in der Kunst; und die eine und die andere läßt mich im Stich! Was habe ich da noch zu suchen und was kann ich der Welt noch sein, wenn eben dies Beste, womit ich zu wirken befähigt war, mir brachgelegt wird?«

Er hatte sich wieder emporgerichtet. Den Kopf in die Hände gestützt, starrte er in das Licht. Seine Augen hatten einen schmerzlich lauernden Blick – – – – – Selbstmord – der unabweisliche Gedanke, 77 der den verzweifelnden Unglücklichen in seinen schwachen Stunden wie ein düsteres Gespenst mit schaurigen, leisen Flügelschlägen umkreist, er stieg jetzt auch vor ihm auf. Da! aus der dunkeln Nacht, wenn er die krampfhaft geschlossenen Augen in die Kissen drückte, da! aus dem blinzelnden Geflacker der Kerzenflamme; Moralt entging ihm nicht. Er warf ihn hin und her in seinem armen Kopf, diesen Gedanken, widerwillig, aufgezwungenerweise, und sein Herz schnürte sich dabei zusammen.

Da ward ihm seine reflektierende Natur – sonst sein Fluch – schließlich zur Retterin.

Er hatte in seinem Leben schon zu viel über den Selbstmord nachgedacht, als daß nicht auch jetzt, in diesen kritischen Minuten, wo er lauernd, als wartete er auf einen plötzlichen Entschluß, fort und fort in die Flamme blickte, – sich durch all das Wüten seiner Leidenschaft die Erkenntnis hätte Bahn brechen müssen: und du darfst dennoch nicht!

»Nein, du darfst nicht!« rüttelte er sich empor. »Wenn tausend Andere es hier dürften, du nicht! Wohl ist es an der äußersten Grenze mit deiner Kraft, und ein Anderer würfe jetzt weg, was ihm auf diesen Punkt gediehen, unerträglich erscheint; du aber, du! dem ein tieferer Blick ins Leben und in die Entwicklung der Menschengeschicke verliehen ist, du, mit der 78 Fähigkeit, in diesem Taumel des Schmerzes noch immer ein Fünklein klares Denken zu retten – du darfst das nicht! Dein Geschick ist noch nicht erfüllt. Wer noch Kraft zum Überschauen hat, muß auch noch Kraft haben zu tragen!« – – – – – – – –

Nach einer Weile löschte er sein Licht. 79

 

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