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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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34

Seit fünf Tagen war er in einem Bergdorf des bayrischen Hochlandes, zuhinterst, wo die Felsen die Welt zu schließen schienen.

Fünf entsetzliche Tage.

Er hatte sich selber noch gar nicht gekannt; das erfuhr er in dieser kurzen Spanne Zeit, in der er in sich eine Leidenschaftlichkeit entdeckte, ein rasendes Überschäumen des Gefühlslebens über alle Anstrengungen vernünftig zu sein, daß ihm oft der Kopf zu taumeln, die Sinne zu vergehen drohten.

– Auf der langen Fahrt daher, im Zwange, vor den andern Menschen ruhig zu scheinen, waren seine Gedanken noch von einer mildernden Wehmut umfangen, gleichsam eingeschläfert gewesen. Er hatte noch weitergelebt, noch nachgenossen in beständiger Vorstellung von Irenes Bild. Und im hellen Lichtstrahl ihrer Gestalt hatte er dabei eine Fülle von Dingen des Lebensglückes als möglich erkannt, an welche er früher, bevor er dies Mädchen getroffen, noch gar nicht gedacht hatte. Hoch und höher hatte ihm seine Phantasie all das Herrliche aufgebaut – 67 um ihn mit den nachfolgenden Gedanken zu zerschmettern: und das Alles hast du verloren für dein ganzes Leben!

Dann war eine Nacht gefolgt und ein Tag – Zeiten reiner Raserei.

Er würde sie nicht aufgeben, nicht fahren lassen, schwor er sich im Wahnwitz, in sinnlosem Trotz.

Wer mochte der Andere sein! Wog der ihn auf? Ein Tor, daß er abgereist war; ein Narr, daß er nicht volle Rechenschaft, klaren Einblick verlangt hatte! Er mußte wissen, wer der Andere war. Keiner konnte Irene das werden, was er ihr sein wollte, Keiner! Und Keiner konnte so verstehen was sie war und sie lieben, sie schätzen, wie er. Also hatte er ein Recht, einen Kampf um sie anzuheben auf Siegen oder Vergehen. Er war es sich und ihr schuldig! Sollte sie selber ein geringeres Glück genießen und eine geringere Aufgabe erfüllen mit ihrer herrlichen Person, weil in ihre unklare Jugend zufällig ein Anderer als er zuerst geraten war? Und sollte ein Mensch wie er innerlich zugrunde gehen am Verlust eines Lebensglückes, das er schon mit beiden Händen zu halten geglaubt, und das ihm das Geschick so ungesucht, so sichtlich entgegengeführt hatte, – untergehen, weil er nicht der erste Eindruck war im Herzen dieses Mädchens? Es konnte sich nicht 68 anders verhalten: ihr Gebundensein war eine Verirrung, irgend eine schwärmerische Jugendtorheit.

Tor, Tor, sinnloser Narr! – daß er nicht geforscht, Alles zu wissen verlangt hatte, sondern zerschmettert von der plötzlichen Entdeckung, sich alsbald verkrochen, wie ein zertretener Wurm, der sich des goldenen Sonnenscheins zu freuen gedachte und unter einen grausamen Tritt geraten war.

Oh – er mußte zurück; sofort, – oder er wollte ihr schreiben, – jetzt – – morgen – sobald er sich den Wortlaut überlegt. Nein, nein, tausendmal nein! Nicht eher ließ er von diesem Mädchen, als bis er von ihr das Eine hörte, was einzig alle Fäden zerschneiden, allen Kampf lähmen konnte, die Erklärung Aug' in Auge: ich liebe dich nicht!

»O Irene!« knirschte er und reckte wie ein Wahnsinniger die Arme in die Luft – »bevor du vor mir Ruhe bekommst, mußt du den Mut besitzen, den Dolch, dessen Spitze du mich erst hast fühlen lassen, bis an's Heft in mein Herz zu stoßen, ihn drin hernmzudrehen, erbarmungslos, so! – so! – zu bohren, zu wühlen, zu zerstoßen Alles, Alles, auch das letzte Äderlein einer Hoffnung, einer Täuschung.

Dann erst, dann, wenn Alles zerbrochen ist und das Herz getötet und zerstampft mit deiner eigenen 69 Hand, dann vielleicht raffe ich mich zusammen und sehe dich, meiner Sache untrüglich gewiß, für immer entschwinden. Dann will ich meinen Weg allein weiterschwanken, meinen jämmerlichen Weg eines Menschenlebens mit zertrümmertem Herzen.

Aber noch sind wir nicht so weit! Nur ein Verhängnis schwebt über uns, ich will es nicht anders gelten lassen, – ein tückisches Verhängnis, das in deine unreife Jugend, in der du über dich selbst und über das, was eine Natur wie die deine zum Lebensglück bedarf, noch gar nicht klar warst, einen Menschen gesandt hat, welcher vielleicht nicht ganz schien wie alle Andern, und dir darum Eindruck machte. Aber jetzt, da du reifer bist, da du im Verkehr mit mir hast erkennen müssen, was du bist, was du werden kannst, und was ein Mann sein muß, der dich ganz verstehen soll, jetzt mußt du einen Kampf gegen jenen Irrtum aufnehmen. Ich muß dich zwingen, unerbittlich den Andern und mich vor deinem gesunden Verstand in Vergleich zu stellen. Eines nur: – dein Herz, könnte diesen Kampf ablehnen, sofern es unveränderlich für Jenen schlüge!«

Er setzte sich hin, da es Abend wurde, und schrieb ein paar Blätter an Irene. Sein Einfall, den Kampf mit dem Andern aufzunehmen, beherrschte ihn bereits mit der Kraft einer fixen Idee. 70

Er wühlte in dem Mädchen ein Heer von Zweifeln auf durch direkte Fragen, die er für eine Gewissenspflicht hielt, ihr zu stellen. Und dann fieberte er sich von Seite zu Seite, in zunehmender Selbsttäuschung, in die Vorstellung hinein, einer Irene gegenüberzustehen, welche wirklich im vollen Entscheidungsstreit ihres Herzens zwischen zwei Eindrücken stehe. Es kam ihn an wie eine völlige Narrheit; seine Leidenschaft machte ihn blind für die tatsächlichen Verhältnisse; er schrieb und schrieb in einem Taumel, als wäre Irenes Umkehr zu ihm nur noch die Frage eines kürzern oder längern Entscheidungskampfes bei ihr, eines kürzern oder längern Leidens bei ihm.

»Ach sieh,« – warf er zuletzt hin – »Alles was ich da schreibe in meiner Verzweiflung, in meiner grenzenlosen, verbannten, ohnmächtig gelegten Liebe, Alles kommt mir so kraftlos, so erbärmlich, so wenig, so nichts vor gegen das, was ich dir sagen, dir beweisen möchte von Angesicht zu Angesicht. Alles drängt in mir zur Tat – und ein elendes Papier voll jämmerlicher Worte ist der einzige Ausdruck, der mir zu Gebote steht!

Du, Lenker der Geschicke über uns, dem ich so viel vertraut, du siehst in meiner Seele, in meinem ganzen fiebernden Menschen die Unmöglichkeit, weder 71 mit Kampf und Trotz, noch mit Mannesergebung über diese Liebe hinwegzukommen! So hilf zum Sieg! Laß mich, laß uns Beide nicht untergehen, wo das Leben möglich wäre! Sag es ihr, offenbar' es ihr, daß sie einzig in meiner Liebe so glücklich werden kann, wie sie es bedarf, daß sie da das Glück findet, das du ihr bestimmt!«

Er fühlte sich, während er so Blatt um Blatt mit den tobenden Ergüssen seiner Seele bedeckte, plötzlich so hilfsbedürftig, so verlassen, seiner Leidenschaft und Verzweiflung preisgegeben, wie ein Kind ohne Halt. Noch ein paar Worte folgten, gleichsam ein Anruf, als wollte er die Geliebte schütteln, zur Besinnung zwingen; trotzig, wild: »O Irene! Kind! liebes Kind!« – – Dann zerstampfte er wütend die Feder und ging davon. 72

 

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