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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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33

Am folgenden Tage war Moralt nach Absendung eines höflichen Entschuldigungsbilletes an Frau von Hauser verreist. Durch Irenes Aussehen und ihre vollständige Verstörtheit am Abend war aber bereits Alles zwischen Mutter und Tochter zur Sprache gekommen.

»Denkst du denn, Kind, ich hätte nicht gleich gemerkt, daß etwas geschehen sei?« fragte Frau von Hauser, als Irene endlich zugestand, daß Tino sich ihr erklärt habe.

»Habe ich dir nicht seit vielen Tagen gesagt,« – fügte sie mit vorwurfsvollem Ernst hinzu – »daß ich sicher sei, er errate den wahren Grund deiner Unbefangenheit noch immer nicht, den du für einen Schild hieltest? Im Gegenteil, es gäre etwas in ihm, und du sollest dich um ein Merkliches zurückhaltender benehmen, falls du dich nicht entschließen könnest, offen zu reden. Ihr waret miteinander, als ob nichts fehlen könnte, und er hat, wenn er dich liebte, ganz begreiflicherweise blind werden müssen für die feinere Grenze, die du seinem Entgegenkommen stecktest oder 61 zu stecken glaubtest, wenn du ihm diesen vertrauten Austausch jeden Tag auf's Neue gestattetest!«

Irene brach in Tränen aus. Ihr war der Gedanke entsetzlich, daß sie eine direkte Schuld haben sollte, wenn derjenige, den sie liebgewonnen hatte, wie ihren besten Freund, wie einen Bruder, nun ein Unglücklicher war.

Sie hatte sich jeden Abend nach dem Zusammensein geprüft und jedesmal geglaubt, sich richtig benommen zu haben. Sie hielt ja deutlich die Nuance der Freundschaft in ihrem Verkehr fest, sie ließ keine andere als eine kameradschaftliche Vertrautheit aufkommen und vermeinte Moralt so in voller Klarheit über ihre Stellung zueinander zu erhalten. Aber allerdings, seine Liebe war, wie es schien, über alle Einzelheiten, die ihn hätten stutzig machen müssen, hinweggeflutet, und davon hatte sie nichts bemerkt bis am Vorabend der Katastrophe. Da war es ihr etwas unbehaglich geworden, – auf jenem Spaziergang, und sie hatte sich vorgenommen, von jetzt ab noch deutlicher zu sein. Aber schon war es zu spät gewesen.

Ach, der Arglose hatte sich von Tag zu Tag gezwungen, gerade dieses spürbare Ausweichen vor jeder wärmeren Gefühlsäußerung für eine bloße Seltsamkeit ihres Wesens zu nehmen, dieses Wesens, das 62 ihm schon so viele andere, süßere Rätsel aufgab. Er hatte sich gesagt, daß er eben die Frauen noch zu wenig kenne, um sich solche verwunderliche, plötzliche Erscheinungen richtig deuten zu können. Sie hatten ihn freilich gewundert, die immer wiederkehrenden Unbefangenheiten in Augenblicken, welche er seinerseits mit mächtig klopfendem Herzen als eine Zuspitzung der Dinge empfunden hatte. Aber er hatte nachher den Kopf geschüttelt und sich gesagt: so ist nun einmal, wie es scheint, dieses ungewöhnliche Mädchen! Vielleicht war das auch bloß ein spontanes Wiederauftauchen ihres alten, nüchtern-kecken Bubenmädelwesens, das er einst an der Kleinen gekannt, mitten im jetzigen, reich und warm gewordenen Gefühlsleben der Jungfrau; vielleicht auch ein unbefangenes Behagen, weil gerade er der Liebende, Werbende war, er, der Kamerad aus alter Zeit, der Wohlbekannte, – und jedem Andern gegenüber würde sie vielleicht anders sein. Rätsel, – lauter Rätsel! aber das Eine hatte er ja mit voller Sicherheit gespürt und das war ihm maßgebend: sie war ihm herzlich zugetan! Über das Andere war seine wachsende Liebe hinweggeströmt und hatte nur unaufhaltsam nach Gewißheit gedrängt.

Jetzt war es wie es war, und kein Grübeln half mehr. Es war ein trauriges und verderbliches Spiel des Geschicks gewesen, und weder das Mädchen in 63 seiner jugendlichen Unerfahrenheit, noch Moralt mit seinem, durch die Gewalt der Empfindung beirrten Blick hatte es aufhalten können. Ebensowenig Mutter und Schwester, welche bei der großen äußeren Beherrschung Tinos in ihrer Gegenwart und bei dem bestimmten Verlangen der charakterfesten Irene, sie selber das Richtige tun zu lassen, außer Möglichkeit gesetzt gewesen waren, ihrerseits etwas zu wirken. – Daß Irene nicht hatte reden mögen von ihrem Gebundensein, hatte seinen tieferen Grund.

Ihre heimliche Verlobung mit einem jungen Manne, der in Nichts mit den Anschauungen und dem Geist ihrer Familie übereinstimmte, war ein Kummer für Mutter und Schwester, und bis zu ihrer Verheiratung blieb es daher Irenes beständige Sorge, diese Sache möglichst unberührt zu lassen. Aber sie bestand, diese Verbindung, – und sie blieb. So viel war erreicht in schweren Kämpfen. Irene ließ nicht davon, weil sie ihren Verlobten glühend liebte, und weil sie, heilig überzeugt von dem hohen Werte des jungen Mannes, auch fest darauf baute, daß er, der einstweilen leider zu stolz, zu lebensunerfahren stolz war, um sich zu einem Entgegenkommen an ihre Familie herbeizulassen, – im Einfluß ihrer Liebe sicherlich eines Tages den Ihrigen doch noch ein Sohn und Bruder zu werden vermöchte. Daran glaubte sie und 64 sah für sich Glück und Aufgabe vereint in diesem, seiner Natur nach edeln, aber unfertigen Menschen.

Da ihr Verlobter – der Architekt und von einem großen Ehrgeiz erfüllt war – zu seiner letzten Ausbildung noch im Auslande weilte, konnte vor Ablauf von anderthalb Jahren nicht an die Ehe gedacht werden. Was Wunder, wenn das Mädchen also Alles tat, um inzwischen das Zusammenleben mit Mutter und Schwester noch nach Möglichkeit von Unerquicklichem frei zu halten? Frau von Hauser sah mit stummer Ergebung der Sache zu; denn sie achtete auf der einen Seite den Charakter und das klare, seiner Gründe und Zwecke so wohlbewußte Wesen ihrer Tochter zu sehr, als daß sie auf der andern Seite sich erlauben konnte, den Wert ihres Erwählten dauernd anzuzweifeln.

So war es auch begreiflich gewesen, daß Irene die kurze Zeit des schönen, freundschaftlichen Verkehrs mit Moralt, der ebensosehr für die Ihrigen, wie für sie selbst eine Freude war, nicht mit dem Heraufbeschwören dieses dunkeln Punktes in ihrem Familienleben hatte trüben mögen. Sie würde es unverzüglich getan haben, wenn sie die Lage hätte herankommen fühlen, wo es Moralt gegenüber ihre Pflicht geworden wäre. Aber sie hatte keine Zeit gehabt, dieses Herannahen zu bemerken. Plötzlich, grausam 65 plötzlich war es dagewesen und zu Allem zu spät. In einer Stunde: Verhängnis, Schlag und Ende.

Sie konnte sich nicht anklagen, aber sie weinte in einer Art gotteszweiflerischer Empörung über die grausame Konstellation, die das Schicksal ersonnen, um durch sie Andere unglücklich zu machen. Der Freund tat ihr leid im innersten Herzen, und ein Gefühl quälte sie, als könnte ihr dieser Mensch niemals vergeben, was doch keine wissentliche Schuld von ihr gewesen war.

Der Münchner Aufenthalt war ihnen Allen in trauriger Weise vergällt. Auch sie packten ihre Koffer und verließen die Stadt, nachdem Frau von Hauser in mütterlichen Worten an Moralt zurückgeschrieben und ihm über die Sachlage rückhaltlosen Aufschluß gegeben hatte. 66

 

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