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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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30

Irenes Art, sich zu kleiden und zu tragen, war auch ein Ausdruck ihres besonderen Wesens und entzückte Moralt, der von Haus aus und als Maler dafür Blick hatte, mit jeder Begegnung auf's Neue durch das Reizvolle und Nichtgewöhnliche von allerlei Einzelheiten, die so ganz in Harmonie mit ihrer Person standen.

Putzsucht war ihm ebenso widerwärtig wie Schlendrian, aber in einem feinen Geschmack erblickte er einen Reiz der Frau, der den übrigen Vorzügen erst recht volle Genießbarkeit verlieh.

Eine Frau – so urteilte er – deren Anblick immer durch die weise Kunst erfreut, mit der, je nach der körperlichen Beschaffenheit, die Erscheinung vorteilhaft gestaltet ist, verbreitet auf ihre Umgebung Behagen, während die glänzendsten übrigen Vorzüge einem für die Eindrücke des Auges feinfühligen Manne nie ganz über Gleichgültigkeit oder gar Geschmacklosigkeit eines weiblichen Wesens hinweghelfen werden.

Auf der Straße trug Irene nicht die halbmännliche Schneidertracht der reisenden Weltdame von heute, nicht die langweilige Schablone der Engländerin auf dem Kontinent, mit ihren glatten Röcken, Ledergürteln und Stoffmützen, welche von so vielen jungen 35 Mädchen aus gutem Hause angenommen wird, um durch solche Unauffälligkeit die Distinktion zu zeigen.

Einen breitrandigen schwarzen Hut mit dem einzigen Schmuck kostbarer schwarzer Straußenfedern auf dem zierlichen Kopf, trug sie vielmehr, mit einem entzückenden Gemisch von Gemessenheit und mädchenhafter Keckheit in der Haltung, immer kurze Jacken, die ihre jugendliche Gestalt hervorhoben und an ihr graziös waren ohne eine Spur jener Burschikosität, welche sie leicht bei denen zeigen, die keine Fühler dafür haben, wie ein besonderes Kleidungsstück getragen sein will.

Die Farben ihrer Stoffe waren gedämpft, aber nicht tot; der Schnitt einfach, doch immer von einem gewissen Stil; Handschuhe und Schuhwerk von erster Quelle und tadelloser Frische.

Im Hause, wenn Moralt zu Tisch oder Abends zum Tee kam – Frau von Hauser ließ sich in ihren Zimmern servieren – bemerkte er an den Toiletten Irenes immer auf's Neue die liebenswürdige Sorgfalt der Zusammenstellung und den sicheren Geschmack eines vornehmen Mädchens, welches sein eigentliches Feld im kleinen Zirkel zu sehen gewohnt ist. Und Alles, was sie trug, schien an ihr sofort denselben Reiz der Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit anzunehmen, der von ihrer ganzen Person ausging. 36

Als er am Abend nach jenem Kampf um die bronzene Sau in's Hotel kam, um bei den Damen zu speisen, trat ihm Irene so hübsch von Erscheinung entgegen, wie er sie noch nie gesehen zu haben glaubte.

Ein Kleid aus dem weichsten Kaschmir, von zart resedagrüner Farbe, umschloß ihre schlanke Gestalt, nur über der Brust durch reiche, ineinandergelegte Falten von matter Seide in genau der gleichen Farbe unterbrochen. Um den Hals eine tief umgelegte, gefältelte Kollerette aus blaßrosigem, chinesischem Krepp, aus welcher der schlanke Hals in Linien emporstieg, die den Maler entzückten, den Liebenden berauschten. Das dunkle Haar, aus dem weißen Nacken gekämmt, machte sich in einzelnen widerspenstigen Löckchen los und fiel neckisch über die zarte Haut und den duftigen Kragen. Kein Schmuck, als ein Strauß frischer Maiglöckchen mit ihrem scharfgrünen Blatt, der in einem halbbreiten, kostbar ziselierten Gürtel aus Silber steckte.

»Ei, was für ein schöner Gürtel?« konnte sich Moralt nicht enthalten zu bemerken, als er Irene die Hand zum Gruße reichte.

»Halb und halb ein Trauerstück!« lächelte sie – »die Belohnung für meinen Verzicht auf die bronzene Sau!« 37

»Wirklich? – nun, da ist gut verzichten, wenn man eine solche Mama hat!«

Frau von Hauser, die daneben stand, fühlte sich sichtlich ganz glücklich, das Kind getröstet und Alle jetzt über ihre mütterliche Schwäche einander zulächeln zu sehn. »Zu Tisch,« bat sie, und freute sich schon im Geheimen, heute noch mehr Freude zu bereiten. Sie hatte eine Aufmerksamkeit für Moralt geplant.

Dieser selbst war in zu günstigen Verhältnissen, als daß der Ankauf seines ersten Bildes durch sie ihr richtig erschien. Sie gedachte ihm eine größere Freude zu machen, wenn sie ihm freistellte, ihr bei denen seiner nächsten Freunde, welchen er gerne das Glück eines guten Verkaufes verschaffen würde, dieses oder jenes Bild zu empfehlen.

»Ich habe heute eine Bitte an Sie, lieber Herr Tino,« begann sie mit einer lustig geheimnisvollen Miene, während Irene den Tee servierte und die »unentbehrliche Amalie«, eine Dienerin, welche die Damen auf ihren Reisen stets begleitete, und die Moralt schon als Junge gekannt hatte, die Platten herumreichte. »Sie sollen mir Ihre Hilfe leihen, Ihre Kennerschaft.«

Moralt, begierig, diese Bitte zu wissen, und gepackt von einer plötzlichen übermütigen Dreistigkeit, erwiderte alsbald: 38

»Ja? – – gewiß soll ich Ihnen ein paar recht schöne Bilder kaufen helfen?«

Die Damen sahen sich überrascht an – und brachen dann in Lachen aus.

»Wer hat geschwatzt? Seid Ihr zwei Elstern!« rief Frau von Hauser den Mädchen zu.

Gertrud und Irene, ebenso erstaunt über dieses Erraten wie die Mutter selbst, begannen sich auf das Entschiedenste zu verteidigen, und Moralt, der aus der allgemeinen Heiterkeit erst merkte, daß er den Nagel auf den Kopf getroffen, beteuerte, bloß einen allerureigensten, plötzlichen Einfall geäußert zu haben, von dem er selber nicht wisse, wie er ihm auf die Lippen gekommen sei.

»Ja, da bleibt keine Frage mehr, da mußt du ja kaufen, Mama!« lachte Irene.

»In der Tat, es war meine Absicht, genau das, was Sie errieten, von Ihnen zu erbitten,« gestand Frau von Hauser.

»Na, jetzt kannst du aber froh sein, Mama, daß es das war! Wenn du nun bloß die Adresse eines Handschuhhändlers oder so etwas gewollt hättest,« – neckte Gertrud die Mutter, – »was hättest du dann geantwortet?«

»Da hätten Sie einmal in einer netten Ernüchterung die Strafe gehabt für Ihren ewigen 39 Optimismus,« warf Irene ihren Freunde hin. »Sie trauen doch allen Menschen gleich das Beste zu!«

»Und gehe nicht fehl, wie Sie sehen!« gab Tino zurück.

Sein gescholtener Optimismus sollte diesmal reichlich belohnt werden. Am folgenden Tage durfte er seine Gönnerin mit allen drei Freunden bekannt machen.

Holleitner hatte im April und Mai zwei kleine Vorfrühlingslandschaften gemalt, die trotz Moralts Befürchtung, sie möchten Frau von Hauser in ihrer modernen Auffassung nicht genug sagen, ungemein gefielen. Der Preis war sechshundert Mark. Sie hatte Moralt dreitausend als Budget gegeben. Tausend kamen dann auf Rolmers, vierzehnhundert auf Äbi. Der Jubel der Freunde war groß, und um so größer, als diese Überraschung ihnen gleichsam vom Himmel zugeschneit kam. Rolmers hatte natürlich nichts Verkäufliches fertig, da er erst auf Ende Mai die Schule zu verlassen und sein erstes Bild zu beginnen vorhatte. Aber da Moralt sich für eine vortreffliche Ausführung verbürgte, fand Frau von Hauser sich gerne bereit, Skizzen und Studien anzusehen. Sie wählte unter der Menge, die der Norweger in Moralts Atelier schaffen ließ, zwei Studienköpfe aus, die ihr durch meisterliche Behandlung Eindruck machten, und die sie 40 nur durch unwesentliche Zutaten noch zu besserer Bildwirkung zu vervollkommnen bat.

Nun blieb noch Äbi, dem auf eine Aquarellskizze hin ein in Pastell auszuführendes Bild bestellt wurde. Dieses einfachen Künstlers Phantasie entzückte Frau von Hauser. Der Entwurf stellte in langem, schmalem Format einen Frühlingszug von Kindern mit Tieren in einer Landschaft dar, einfach gezeichnet, eigenartig schlicht koloriert, der ganze Reiz in der Eigentümlichkeit der farbigen Stimmung.

»Ihre Freunde gefallen mir sehr gut, als Menschen wie als Künstler,« sagte Frau von Hauser zu Moralt, als auch Äbi sich glücklichen Angesichts verabschiedet hatte. Die Drei waren nacheinander für die Nachmittagsstunden in die Findlingstraße bestellt gewesen.

Irene hatte an dieser Ankaufssitzung nicht teilgenommen, nur Gertrud. Moralt hatte es so einzurichten gewußt, einer unbesieglichen Scheu nachgebend: den Freunden vorerst auch nur die leiseste Ahnung von dem, was in ihm vorging, wachzurufen. Sein Glück war zu neu, zu groß, zu süß; er mußte es verbergen vor aller Welt.

Vergnügten Sinnes fuhr er mit den Damen nach dem Hotel zurück.

»Sie haben dasjenige erraten, liebe Frau von 41 Hauser, womit Sie mir die größte Freude haben machen können,« versicherte er, als er sich für den reichen Einkauf bedankte. »Sie denken ja mütterlich gütig für mich!«

Da legte sie in einer wirklich mütterlichen Aufwallung ihre Hand freundlich auf die seine und ließ einen Moment ihren Blick auf seinem Antlitz ruhen, als suchte sie in den Zügen des Sohnes die Erinnerung an die Mutter. Moralt verstand diesen Blick. Und als hörte er eine längst vermißte, selige Weise wieder, die ihm einst geklungen in einem verlorenen Paradies, so zog es dabei durch seine Seele. Dem Mutterlosen galt wieder einmal, vom Herzen kommend, einer Mutter Blick. Ein süßes Gefühl, nicht mehr einsam zu stehen, überkam ihn mit wohligem Schauer und füllte groß und warm sein Gemüt.

Während der Wagen weiter durch die Straßen rollte und der Lärm der klappernden Fenster sie Alle des Redens überhob, gab er sich ganz diesem Gedanken hin: wieder Menschen zu haben, zu denen er gehörte, die zu ihm gehörten; ein Haus, ein Heim zu wissen, – wieder Sohn zu sein. 42

 

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