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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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28

Sie wanderten, wanderten, durch die Stadt, durch die Galerien, durch die Museen, durch den englischen Garten. Moralt war der Vetter, der Bruder – was die Leute gern denken mochten! Gertrud und Irene machten die kühnsten Zwiegespräche, in denen sie zwei prüde alte Jungfern spielten, welche ihre entsetzten Mutmaßungen über diese beiden fremden Mädchen und den jungen Herrn tauschten, der gewiß weder der Bruder noch der Vetter sei. Und dann lachten alle Drei über ihren Mutwillen so herzlich, wie sie vor zehn Jahren daheim miteinander am Zaun ihrer Nachbarsgärten gelacht hatten.

Die Mutter, welche ihrer Gesundheit wegen der Ruhe bedurfte und nicht gut ging, nahm an diesen Wanderungen nicht oft teil. Tag für Tag aber wußten die Drei ein Programm zu finden, welches den Mädchen die Führung des Freundes wieder nötig, Moralt das Wiederkommen möglich machte. Ja, er wußte nach wenigen Tagen schon kaum mehr, wie er die Stunden verbringen sollte, da er nicht in Irenes Nähe sein konnte. Denn was er an diesem eigenartigen Mädchen sah, antwortete einer längst in seinem 22 Innern schlummernden Vorstellung von Derjenigen, welche das Glück in sein Leben tragen könnte.

Irene machte es ihm leicht, in den Gesprächen mit ihr in die Tiefe zu kommen. Sie schien so hungrig auf den Austausch mit einer Natur, welche die ihre verstand, daß sie auf jedes Thema mit Freuden einging, welches ihnen Gelegenheit gab, ihre Anschauungen gegeneinanderzuhalten. Eine so natürliche Art, ein so kluges, unbefangenes Wesen unterstützte dabei von ihrer Seite diesen vertrauten Verkehr mit dem jungen Maler, daß Moralt oft nicht wußte, wenn sie sich warm geredet hatten, und Irene ihn dann plötzlich so ruhig ansah, – – sollte er darin ihre Beherrschung ihm gegenüber bewundern, der selber der Wärme seiner Empfindung beinah nicht mehr Zwang anzutun, über seinen Blick kaum mehr Herr zu bleiben vermochte, oder mußte er sie für eine kühle Weltdame halten, die wohl mit ihm Interessen tauschte, mit all diesem lebhaften und immer rückhaltloseren Freundschaftsverkehr aber kein tieferes Empfinden für ihn verband?

Nein! kühl war sie nicht, und eine bloße Weltdame noch weniger; von Wanderung zu Wanderung mehr erkannte er die leidenschaftlich warme Innerlichkeit dieses Mädchens, die reiche, künstlerisch veranlagte Natur, die überall tastete, überall suchte; die, 23 unverstanden von ihrer Umgebung, sich bei aller Liebe der Ihrigen unbefriedigt fühlte; die nun mehr und mehr mit einer wahren Begier im alten Kameraden den innerlich gereiften und doch noch jugendlich empfindenden Menschen und den begeisterten Künstler faßte, als der er sich ihr enthüllte; die sich an ihn hielt, wie an einen überlegenen Freund, um zu fragen, zu hören, wo sie recht, wo sie unrecht hatte, wo sie richtig strebte, wo sie irrte. Im innersten Fühlen eins, gingen sie nur in den Schlüssen, in den Konsequenzen auseinander, und da war es, wo Moralt bald ein Feld fand, dem jungen Mädchen seine ganze Persönlichkeit eindrücklich zu machen. Denn er war meist gerade da durch das Leben gereift, wo sie mit ihren Ansichten der Klärung bedurfte.

Alle die kleinen Auswüchse eines lebhaften Geistes, die er an ihr im Laufe ihres Verkehres wahrnahm, ihre gelegentlichen Exzentrizitäten, vermochten ihn, da sie doch nur Unfertigkeiten einer an sich erquickend gesunden und reichen Innerlichkeit waren, nur zu reizen, zu entzücken. Sie standen dieser jungen, ringenden Individualität so wohl an, waren eine so natürliche Erscheinung und ein so sprechendes Zeugnis für ihre seelische und geistige Befähigung! Sie waren hervorgegangen aus dem Verschlingen aller möglichen Bücher, die ihr unter die Hände gekommen waren in der 24 Abgeschiedenheit ihres Landgutes. Ihr Geist hatte Nahrung, Beschäftigung, Übung verlangt, und die Menschen ihrer Umgebung boten ihr das nicht. Nun hatte sie gelesen, was der Zufall brachte, und da Niemand da war, der den Büchern widersprochen hätte, hatte sie daraus für sich genommen, was ihr neu war, überlegen, überzeugend schien.

Vieles in ihr war so in den drei letzten Jahren merkwürdig gereift und gefestigt worden, aber Manches, was sich jetzt zeigte, war Moralts feiner Beobachtung zum Lächeln erkenntlich als Resultat bloßer Lektüre, nicht durchgelebter Erfahrung. Woher denn sonst, als aus den Büchern, konnte das junge Mädchen den leisen Skeptizismus in Fragen des Lebens und des Menschenglückes haben, der so wenig zu ihrer enthusiastischen, heißen Natur, zu ihrem frischen Wesen stimmte, und der um ihren hübschen Mund manchmal einen ganz absonderlichen Ausdruck von Zweifelsucht und welterfahrener Resignation legte?

Da stritten sie sich denn, Jedes mit allen Mitteln, die ihm zu Gebote standen, viertelstundenlang über solche Meinungsverschiedenheiten, über solche seltsame Vorstellungen, die sich Irenes Kopf in der Einsamkeit über dies und das zurechtkonstruiert hatte, und die, gleichsam im Kloster entstanden und ohne freie Luft des wirklichen Lebens erwachsen, oft von so köstlich 25 naiver, aber wohldurchdachter Zeichnung, jedoch von so falscher Färbung waren, daß sie Moralt vorkamen wie die Malerei eines Menschen, welcher die Gegenstände in einem Bilde koloristisch genau so abmalt, wie sie, jeder einzeln an sich, wirklich gefärbt sind, aber nicht so, wie sie im Zusammenstehen mit allem Übrigen erscheinen.

Und mehr als einmal gelang es ihm, am Tage nach einem solchen Gedankengefecht das Bekenntnis von dem jungen Mädchen zu hören, daß sie zur Einsicht gekommen sei, ihre Anschauung könne gegenüber der seinigen, die durch Erlebtes gebildet sei, in der Tat nicht Stich halten, – sie kapituliere also! Und das sagte sie meist mit einem Blick, als bäte sie für ihre Kühnheit um Verzeihung, einem viel reiferen Freunde gegenüber so hartnäckig um einen Irrtum gefochten zu haben. Aber immer erst am folgenden Tage kamen solche Zugeständnisse, oder gar erst zwei Tage später; nie sofort. Irenes Meinungen waren zu ehrlich die Ergebnisse eigenen Denkens, auch wenn dieses ursprünglich durch unrichtige Bücherbehauptungen angeregt worden war, als daß sie ihre Arbeit über den Haufen werfen ließ, ohne sich zuerst in Ruhe von deren Wertlosigkeit überzeugt zu haben.

Jedes dieser kleinen Erlebnisse aber gab ihrem Wesen in des jungen Mannes Augen ein so 26 gediegenes Gepräge und lehrte ihn mit jedem Beisammensein klarer erkennen, welch ein seltenes Geschöpf er da getroffen, daß er wie mit einem Zauberschlag der traurigen Wirklichkeit alles Jüngstvergangenen entrissen, nur noch des einen Empfindens, des einen Denkens fähig war: Irene zu gewinnen, zu besitzen.

Eine Liebe, eine Leidenschaft schlug in ihm empor, welche alle andern Gedanken in den Hintergrund drängte. Seit Jahren hatte er keinen annähernd so starken Eindruck von einem Mädchen erlebt; niemals, niemals einen wie diesen! Eine solche Fundgrube der herrlichsten inneren Reichtümer, eine solche Echtheit und Lauterkeit des Charakters und – über Allem ihr Zauber, der Zauber eines entzückenden Geschöpfes, der ihn umstrickte, der ihn hineinzog in einen Wirbel heißer, emporleuchtender Seligkeit.

»Die – oder keine!«

Aber, sollte er jetzt heiraten? tauchte doch zuweilen flüchtig die Frage auf. Jetzt – da er auf dem Punkte stand, eine neue Kunst zu erfassen?

Natürlich! eine ruhige Lebensgrundlage für eine Natur wie die seine, mußte das Beste, das einzig Richtige sein.

Oder – wäre es am Ende doch möglich, daß – – – doch nein, nein! Er wehrte diese Frage heftig ab, die zwischen allen andern auch noch einmal 27 aufsteigen wollte, die Frage: ob er nicht trotz Allem und Allem mit dem Aufgeben der Malerei einen Irrtum begangen? Denn das, was er an Irene vor seinem Bilde erlebt hatte: die unverkennbare Wahrnehmung, daß seinem bisherigen Schaffen im Grund eben doch ein echter Erfolg zuteil geworden, wollte nun in einzelnen Augenblicken ruhestörend nachwirken, wollte hinterher wieder Zweifel an der Richtigkeit seines Schrittes wecken. Blitzschnell waren ihm solche schon in jenem Augenblick aufgetaucht, als Irene am Flügel so vor sich emporgesehen! Da hatte ihr Anblick eine Sekunde lang auf ihn gewirkt, wie ein heiliger Schauer der Inspiration für jene Cäcilia, die er so begeistert begonnen und dann trotzigen Herzens mit allem Übrigen beiseite gelegt hatte. Und die unausgeführte Cäcilia, – nun mit dem Antlitz Irenes – versuchte seither wieder und wieder sich zu melden, bis Tino mit Unwillen jeden weiteren Gedanken an die Malerei verbannte und sich endgültig gebot: »keine Versuchung mehr!«

Mutig vorwärts zu schauen! das, das wollte er nun lieber trachten, mit Hilfe dieser wunderbaren Schicksalsfügung, die ihm in dem gegenwärtigen traurigen Augenblick seines Lebens, wie um ihn gewaltsam aufzurichten, Irene entgegengeführt hatte.

»Nur fort mit allen Bedenken!« rief er sich 28 ermunternd zu, – »ob es auch tausendmal unrichtig sein mag nach anderer Menschen Auffassung, sich auf dem Punkte der Künstlerschaft zu binden, auf dem ich eben stehe, – was darf ich danach fragen, da dies Mädchen vor mir steht? Wem solch ein Glück erscheint, der mag's getrost als Schicksal nehmen, der greife zu, sonst kehrt es niemals wieder!«

Und die Liebe flutete wieder über ihn her und begrub alles Erwägen und Zweifeln in ihren Strom von seligen Empfindungen, ihm nur noch Gedanken für die Geliebte, nur noch Betrachtungen über ihre Vorzüge lassend.

Alles, Alles war ja da vereint, was er sich vom Schönen in einem Weib erträumt! Wie herrlich bei ihr selbst die schönste Zugabe, des Weibes wahrste Kunst: die Musik! Wie schwierig hatte er sich eine einstige Wahl schon oft gedacht; schwierig, weil die Schwierigkeit in ihm selber wurzelte, in seinen vertieften Bedürfnissen, in den tausend Ansprüchen an das Seelische und Geistige eines Wesens, dem er sich ganz verbinden, das er sollte lieben können, wie er lieben mußte, durch ein ganzes Leben. Zu viel, so fürchtete er immer, war schon von ihm erlebt, als daß er leicht einen Eindruck bis zum Entschluß in sich könnte wachsen fühlen. Er hatte zudem von der eigenen Mutter und von der ganzen weiblichen 29 Umgebung, in der er seine Jugend verlebt, einen hohen Begriff von der Frau gefaßt, einen Begriff, den er schon oft genug als ein wahres Amulett, aber auch als eine große Erschwerung für sein eigenes einstiges Wählen empfunden hatte. Das tief in seinem ganzen Wesen festgewurzelte Bild einer guten Mutter ist einem Sohne von innerer Tüchtigkeit ja immer die beste Bewahrung vor einer leichtsinnigen eigenen Verbindung. Denn was er von klein auf um sich gesehen und gefühlt hat als Walten der Frau, das folgt ihm durchs Leben als Begriff vom Möglichen oder gar Notwendigen, und das vermag er, ohne wissentlich und leichtsinnig die Anwartschaft aus tausend Enttäuschungen und Ernüchterungen in Kauf zu nehmen, in seiner eigensten Welt, der Welt seines selbstgegründeten Hauses, später nicht zu vermissen oder gar karikiert zu sehen. Eine gute Mutter wird ihren Söhnen zeitlebens der letzte und innerste Maßstab bleiben, an dem sie andere Frauen messen und prüfen.

Und eben an diesem Maßstab gemessen, erschien Irene Moralt so reich und wert. Da war Alles vorhanden, was die Grundlage gab zu einer edlen Frau. Das war ein Geschöpf, welches, mit ihm vereint, der so ehrlich wie sie nach dem menschlich und künstlerisch Höchsten rang, der Ehe das höchste Glück sicherte: das gegenseitige Wachsen, Sich-Entwickeln und Klären des 30 Einen durch das Andere. Und dann, als Künstler ein Weib zu haben, welches selber künstlerisch genug empfand, um sich ohne langes, mühsames Zurechterzogenwerden verständig zum Schaffen ihres Mannes zu stellen, wie er dessen von Irene sicher war – welch eine Seltenheit! Welch eine neue Garantie zum Glück!

Er stand, während er eben über diesen Punkt nachdachte, vom Diwan auf, wo er in glücklichen Zukunftsträumen gesessen, und trat an seinen Bibliothekschrank. Ihm fiel da eine Stelle in Alphonse Daudets »femmes d'artistes« ein, die wollte er wieder suchen.

Er blätterte – – – da war sie:

»Il ne suffit pas d'être bonne et intelligente pour être la vraie compagne d'un artiste. Il faut encore avoir un tact infini, une abnégation souriante et c'est cela, qu'il est miraculeux de trouver chez une femme jeune, ignorante et curieuse de la vie.« –

War das nicht bei Irene mit Gewißheit zu erwarten?

Er legte das Buch wieder hin. Wenn er das überhaupt einem Mädchen von vornherein zutraute, dann sicherlich ihr: daß sie jenen nicht zu bezeichnenden, nur mit den Nerven zu empfindenden Takt besaß, zu der gebotenen Stunde, wo das Stadium einer 31 künstlerischen Arbeit ihn ganz verlangen würde, mit dieser »abnégation souriante« zurückzutreten. Ja sie, Irene, – sie würde so klug und so fein sein! Sie, mit ihrem Verständnis, würde sich sagen, daß solche Stunden für die Gattin eines Künstlers keine Opfer, sondern Taten sind; daß sie in der nächsten dafür durch die doppelte Liebe eines Mannes wie er war, reichlich belohnt und durch das Bewußtsein entschädigt werden müsse, mit ihrer weisen Haltung die wahre Helferin seiner Kunst zu sein.

Tausend solche Gedanken, tausend Ausmalungen der möglichen Zukunft, immer neue Beleuchtungen der ernsten Frage tauchten vor Tino auf in den Stunden des Alleinseins, in den stillen Nächten, in des Morgens erster Wachheit. Und vor allen Gedanken und in jedem Lichte hielt Irenes Bild und Wesen Stand. Immer und überall lautete die letzte Stimme: sie ist es, sie ist es, du hältst dein Glück! 32

 

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