Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Walther Siegfried >

Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

25

Der Sonntag kam, ein Maisonntag mit Sonnenglanz und blauen Lüften, der schimmernd und lockend in die Straßen der Stadt herniederprangte und die Münchner in den frischen Morgenstunden schon in Scharen hinaustrieb ins weite, schöne Land.

Heute mußte auch Moralt mit hinaus, so war es bei den Freunden beschlossen.

In seinem Atelier fanden sie eine wahre Feiertagsstille. Der Malkasten war versorgt, der Tisch, auf dem sonst die Geräte gelegen, geräumt und ein Teppich darüber geworfen, die Scheiben offen, der Freund selber merkwürdig ruhig und sichtlich weniger gedrückt. Das Bild in seinem schweren Rahmen war fortgerollt und stand mit der Staffelei verkehrt zuhinterst im Raum. Es schien, als sei mit der Befreiung von seinem Anblick der Maler unbeirrter geworden in seinem Denken. Denn nichts mehr von der Gereiztheit, von der Bitterkeit gegen sich selbst und seine Arbeit lag in seinen Worten, als er ihnen sofort und ohne Fragen von ihrer Seite über seine Pläne zu reden begann. Auf der Kante des Tisches sitzend, die Beine lässig wiegend, in der Hand einen Schlüssel, mit dem er spielte, gelassen, als wollte er von irgend 339 Beliebigem plaudern, bat er die Freunde, doch ein Viertelstündchen zu verweilen und erklärte sich bereit, dann mit ihnen zu gehen.

Es war in den vergangenen Tagen in Kampf und Entscheid stiller in ihm geworden, er war mit sich selber ins Klare gekommen. Vor Allem aber blieb der Entschluß bestehen, daß er nicht wieder malen werde.

Noch einmal wollte Holleitner, erstaunt und beruhigt über die große Gelassenheit Moralts, einen letzten leisen Versuch wagen, an der Unumstößlichkeit dieses Beschlusses zu rütteln.

»Bist du dir aber bewußt, lieber Freund,« fragte er – »daß dies erste Bild den Werdeprozeß für alle späteren mit in sich geschlossen hätte und eine Wiederholung von Schwierigkeiten wie diesmal in Zukunft ganz undenkbar wäre?«

Aber Moralt fiel ihm gleich ins Wort.

»Rühr' nicht mehr daran, Kleiner! es nützt Alles nichts. Es ist schön von dir, daß es dir um mein Talent leid tut, aber besser, es müsse dir um mein eines Talent leid tun, als um meinen ganzen Menschen. Würde ich fortfahren, so könntest du es erleben, daß ich« – er fuhr mit der Hand bedeutsam an die Stirn und lächelte bitter. »Der Haken liegt ja viel tiefer als du denkst! Ich habe an diesem einen Unternehmen den Beweis erlebt, daß ich überhaupt nie 340 imstande sein würde, in der Malerei den vollen Ausdruck zu finden für das, was ich innerlich zu schauen und zu empfinden vermag. Vielleicht rührt das in der Tat von einer Beschränktheit der Malerei selber her, und dann hast du im letzten Herbst doch recht gehabt, als du mir vorwarfst, ich suche in ihr etwas, was außer ihrem Wesen liege; vielleicht aber liegt es auch nur an meiner eigenen malerischen Unzulänglichkeit, was weiß ich! Oder an meinem menschlichen Teil, am Mangel an Mut, mich einer technisch so schwierigen Aufgabe monatelang ohne Zweifelsucht hinzugeben, – wer will es untersuchen! Das Eine wie das Andere führt zu dem gleichen Schluß: ein anderes Gebiet suchen, wo das Technische weniger Schwierigkeiten, weniger Hemmung für das freie Spiel des Geistes bietet, und wo zugleich die Möglichkeit sich auszuleben größer, unbeschränkter ist.«

Rolmers und Äbi gaben ihm vollständig recht. Nur Holleitner, dem der Gedanke, welch einen großen Teil seiner Fähigkeiten der Freund doch damit begrabe, nicht Ruhe ließ, schüttelte in aufrichtiger Betrübnis den Kopf.

»Ich weiß wohl, was du denkst, mein lieber Junge,« bemerkte Moralt freundlich, – »aber laß gut sein, – es ist Alles reiflich erwogen. Es bleibt in meinem Falle gar nichts Anderes übrig, als der 341 energische Entschluß: aufzuhören solange es noch Zeit ist, sich sein Leben auf andere Art ersprießlich zu gestalten!«

Er glitt vom Tisch herunter und begann nach seiner alten Gewohnheit in großen Schritten auf und nieder zu gehen. Er öffnete auch noch die oberste Scheibe und sog die frische Luft ein, als hätte er das Bedürfnis, einmal so recht tief aufzuatmen.

»Und was gedenkst du zu tun?« fragte der Österreicher.

»Mich vorderhand zurückzuziehen. Denn jedem Frager zu erklären, was mich bewogen, die Malerei aufzugeben, brächte ich nicht fertig; das zu besorgen muß ich einstweilen Eurem Gutdünken und Eurer Freundschaft überlassen. Wenn ich ein paar Wochen auf dem Lande gewesen bin, kehre ich hieher zurück; denn ich will bei Euch in München bleiben!«

»Und dann?«

»Und dann? – – – denke ich ruhig sich entwickeln zu lassen, was kommen soll. Das Atelier kündige ich und ändere vor Allem meine Umgebung. Ich nehme mir eine Wohnung irgendwo im Pinakothekenviertel. Ich versuch' es mit der Feder!«

Rolmers und Äbi sahen sich an. Sie hatten das geahnt, Beide, ohne es bisher laut werden zu lassen. Holleitner schien erstaunt.

»Du wunderst dich?« fragte Moralt. »Ich habe 342 von je viel geschrieben und immer das Bedürfnis gehabt, mich schriftlich von Manchem freizumachen, was heraus wollte. Bloß seit ich male, ist das in den Hintergrund getreten. Ich gestehe, ich habe ziemlich gutes Vertrauen, daß meiner dort nicht ähnliche Enttäuschungen warten. Erstens spanne ich die Ansprüche an mich auf jenem Gebiet nicht von vornherein so hoch, sondern vermag gelassen das allmähliche Hineinwachsen abzuwarten, und dann sind mir eben die Mittel zum Ausdruck dort von Jugend auf bereits eigener.«

»Wenn du wirklich nicht gleich wieder zu viel verlangst!« bemerkte Rolmers nachdrücklich.

»Ich tu's nicht; glaub mir!«

»Dann kann ich dir nur beistimmen. Es ist ein Glück, daß du selber dies Vertrauen fassest; denn gerade auf diesen gleichen Gedanken für eine spätere Tätigkeit hatte ich dich leiten wollen, wenn du mich eines Tages um meine Meinung befragt hättest. Probiere es! Mir scheint, du müssest, wenn irgendwo, dort ans Ziel gelangen. Es gibt wohl auch eine Technik, aber eine, die sich Jeder vielmehr selber schafft, eine freiere, und das Feld ist ja unendlich viel weiter und unbeschränkter, als bei uns Malern.«

Moralt stimmte zu. »Du sagst nichts, Äbi?« bemerkte er dann. 343

»Ich? oh – ich – war soeben schon viel weiter als Ihr, – ich war schon bei deinen Produkten!« erwiderte dieser in allem Ernst. »Ich finde deinen Entschluß so glücklich wie möglich, nachdem über das Andere doch endgültig entschieden ist. Du hast wirklich Alles, was es braucht, um da etwas zu werden. Du darfst dir doch selber sagen, daß, schon weil du bist, der du bist, und weil du so tief lebst, was du lebst, du auch von vornherein künstlerisch auf einer sehr erhöhten Stufe stehen wirst, einen Vorsprung vor Vielen hast. Und dein malerisches Anschauen, dein musikalisches Empfinden müssen dir da mächtig zugute kommen. Ich selber kann zwar verflixt schlecht zu Papier bringen, was ich empfinde, aber ich vermag mir vollständig zu denken, was das sein muß für Einen, der es kann: so diesen unbegrenzten Spielraum vor sich zu haben für seine Phantasie. So groß das Geheimnis der Darstellungskunst auch dort sein mag, es kann unmöglich ein technisches Geknorze abgeben, wie bei uns.«

»Jedenfalls fühle ich, daß ich dort die viel ausdauerndere Geduld haben werde, das Reifen abzuwarten, nur schrittweise vorwärtszugehen,« versicherte Moralt. »Ich werde am Anfang einfach keine größeren Arbeiten unternehmen, als die ich bestimmt bewältigen kann, diese aber in sich etwas möglichst Vollendetes 344 sein lassen. Das gibt Mut zu mehr. Als Maler war mir das nicht möglich; das war der Fluch. Heraus mußte da, groß und ganz in einem ersten Werk, was drinnen steckte!«

»Capisco!« nickte jetzt endlich auch Holleitner.

»Für jenes Fach ist es auch gar nicht spät,« bemerkte der Norweger, – »im Gegenteil, für eine Kunst, die so im vollen Erfassen des Lebens wurzelt, ist der Mensch mit siebenundzwanzig Jahren noch jung!«

Auf diese Bemerkung ging Moralt lebhaft ein. »Da triffst du meinen wesentlichsten Trostgrund. Dies Gefühl, für meine Kunst jung zu sein, ist mir eine wahre Schwungfeder, während gerade das Bewußtsein, daß ich ein alter Kerl war, mir das Anfängertum in der Malerei so lähmend schwer gemacht hat.«

Die Andern, ganz glücklich, den Freund auf einmal mit solcher Zuversicht reden zu hören, bestärkten ihn alle Drei jetzt vollständig in seinem Plan.

»Ich will's versuchen!« rief er. »Eines kann ich Euch sagen: ich empfinde es nach dem entsetzlichen Druck von Monaten wie Aufatmen, seit, allerdings in einem bitteren Kampfe, der Entschluß gereift ist zu einem Hieb in den Knoten, zu diesem radikalen Schnitt, der das Streben und den Ehrgeiz von gestern vollständig von dem der Zukunft trennt.« 345

Er tat abermals einen tiefen Zug von der Frühlingsfrische. Er holte seinen Hut.

»Und jetzt hinaus! Beim Himmel, mir ist plötzlich ganz liederlich zumut, so befreit, als hätte ich die größte Tat hinter mir und nicht einen kläglichen Verzicht; und dabei bin ich auf einmal so luft- und weltbedürftig, als hätte ich draußen lauter Anerkennung und Händedrücke zu erwarten!«

»Gut, gut!« rief Äbi.

Aber ein bitterer Zug glitt wieder über Moralts Gesicht.

»Die Herrlichkeit wird bald zu Ende sein, ich will Euch nicht täuschen! Das ist jetzt so ein Augenblick, in dem die Gedanken ans Zukünftige mich das Vergangene und Gegenwärtige ein wenig vergessen lassen, aber so schnell werde ich mit dem Geschehenen innerlich nicht fertig sein, und Ihr werdet noch eine gute Weile Nachsicht mit mir haben müssen. Nach außen hat die Sache natürlich auch ihre fatale Seite, die unangenehm die Wunde offenhalten wird. Vor Allem muß ich nun zu Rahde hingehen und ihm offen beichten. Ich tue das übrigens ohne Scheu. So wenig ihn dies Resultat seiner Bemühungen und seines Interesses an mir freuen kann, – er ist Künstler und wird mich darum verstehen. Aber die Andern – na! – – –«

Rolmers tröstete ihn. »Das Äußere ist ja alles 346 nichts gegen die glücklich gelungene innere Lösung der Sache. Laß zwei Monate drüber gehen – und kein Spatz pfeift mehr davon. Komm jetzt, Herr Schriftsteller!«

Moralt schloß die Türe des Ateliers ab. Sie gingen gemächlich die Treppe hinunter. Der Norweger klopfte in glücklicher Stimmung dem Freund auf die Schulter und gab ihm zu verstehen, wie sehr er mit ihm zufrieden sei.

Sie traten in den goldigen Maimorgen hinaus.

»Wohin?« fragte Äbi.

Moralt schaute über die Wiese in die Weite. »Himmel, ist das eine schöne Welt, – wohin Ihr wollt!«

»Also denn in den Ratskeller?« spaßte Äbi.

Moralt lachte – »oder gleich ins Gefängnis? Wie du willst!«

»Starnberg! Starnberg!« rief Holleitner, der die Uhr in der Hand hielt, daß ein Wiederschein von ihrer blitzenden Goldschale auf seinem frischen, hübschen Gesicht zitterte – »wir kommen noch gerade recht zum Zug, aber Galopp, meine Herren!«

»Sei's!«

Im nächsten Augenblick bogen die vier Freunde um die Ecke der Goethestraße und eilten dem nahen Bahnhofe zu. 7

 

 << Kapitel 26  Kapitel 28 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.