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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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24

Es war helle, aber mondlose Sternennacht, als sie spät aus dem Hof in die Straße hinaustraten.

Über der Theresienwiese am Boden webte ein leichter, weißlicher Nebelschimmer und stieg hinan bis an die Gartenzäune der zerstreuten Villen draußen, gleich einem ruhigen See, der mit sanften Wellen die Ufermauern streift. Eine große Nachtstille lag weit und breit. Ruhe und Schlaf auch über der großen Stadt. Kein Ton drang mehr heraus aus den umliegenden Straßen. Eine mildkühle Luft wehte sanft vom Gebirge her durch die Maiennacht.

»Ich gehe noch nicht nach Hause, kommt Ihr mit spazieren?« fragte Rolmers seine Begleiter.

»Ich bin zu müde; wir sehen uns ja morgen wieder!« sagte Holleitner. Ihn hatte das Erlebte aus seiner sonst so leichtlebigen Auffassung aller Dinge gründlich herausgerüttelt; er empfand das Bedürfnis, jetzt nicht darüber zu reden, sondern zuerst für sich selber nachzudenken. Drum wünschte er gute Nacht und ging seiner Wege. In der einsamen Straße verhallten seine Schritte. 334

Äbi schloß sich dem Norweger an, sie wandelten hinaus in die stumme Nacht. Eine Weile sprach Keiner. Schwer lag es auf Beiden; denn sie hatten Moralt lieb.

»Was soll nun werden? was denkst du?« nahm schließlich Äbi das Wort.

Der Andere zuckte die Achseln. »Daß er bei seinem Entschluß bleibt,« erwiderte er nach einem Augenblick des Sinnens.

Der Schweizer schüttelte betrübt den Kopf.

Wieder gingen sie eine Strecke schweigend nebeneinander.

»Was sagst du übrigens zu diesem bleichen Kopf auf dem Bild?«

»Oh!« – murmelte Rolmers, – »mich ergreift er.«

»Und ich – ich kann dir gar nicht recht beschreiben, was mich plötzlich für eine sonderbare Empfindung packte, als ich ihn betrachtete.

Mir war, als sähe ich in diesem Antlitz Moralts eigenes jetziges Wesen dargestellt. Wie dieses Auge hervorleuchtet, hervorsticht, übermäßig in seiner Glut, und gar nicht mit der übrigen körperlichen Materie stimmen will, so kommt mir seit dem Herbst sein eigenes, verändertes Bild vor. Sein bisheriges gesundes Menschsein ist ja total verblaßt, sein künstlerisches Fieber dagegen unnatürlich herausgewachsen 335 und sein Geistesleben zu solch' einem düsteren, krankhaften Leuchten geworden!« Es schüttelte Äbi. War das die Nachtluft? Nein, das Frösteln kam von innen; es war ihm unheimlich zu Mute. Er empfand Angst angesichts dieses Beispiels, wohin die Künstlerschaft führen könne.

Rolmers hängte nach seiner Gewohnheit den Arm ein. »Diese ungesunde Veränderung in Tinos Wesen ist auch, was mich bestimmt, seinem Entschlusse nicht zu widersprechen,« erklärte er. »Ich sehe zu genau, daß dem Künstler in ihm nicht der richtige Mensch zur Seite wohnt, um die Kämpfe einer Malerlaufbahn ohne Schaden zu ertragen. Und erst noch – das habe ich in den vergangenen Monaten reichlich beobachten können – würde ihm die Malerei mit ihrem begrenzten Wesen auf die Dauer je länger je weniger genügende Aussprache für all seine künstlerischen Gedanken sein.«

»Aber was denn sollte ihm genügen? – – er kann doch nicht mit allen neun Musen reiheum tanzen!« warf Äbi mit einem schmerzlichen Hohn ein, der gleichsam an das Schicksal gerichtet war.

Der Norweger blieb die Antwort schuldig.

Das, was in seinem geheimsten Innern wie Ahnung zitterte, vermochte er nicht über die Lippen zu bringen. Seit diesem Abend hielt er ein ganz 336 glückliches Leben für den Freund kaum mehr für möglich. Denn er sah ein, daß Moralt nicht werde aufhören können, um das Hervorbringen großer Werke zu ringen, weil er unabweisbar das Bedürfnis in sich fühlte: den Wert seines Lebens in äußeren Objekten dargetan zu sehen, in feststehenden Ergebnissen zu überzählen, – während Rolmers, als vertrauter Freund, mehr und mehr zu erkennen glaubte, daß der große Wert Tinos, so wie dieser nach der Versäumnis in seiner Heranleitung nun einmal geworden war, zeitlebens mehr in seinem Gemüt als in seinen Leistungen liegen werde. Doch, wer durfte ihm das sagen?

Äbi harrte noch immer auf Antwort. »Nun?« fragte er endlich, als der Andere stumm blieb.

»Mein Gott, was fragst du mich, was kann ich wissen? Lassen wir ihn sich selber zuerst äußern. Bis zum Sonntag wird er sich vielleicht darüber klarer geworden sein, und daß er bis dahin noch allein bleiben möchte, kann ich verstehen. Ich gehe auch vorher nicht wieder hin!«

»Hm! – Sollte wirklich Keiner von uns früher nach ihm sehen?«

Rolmers schüttelte den Kopf. »Auf diese paar Tage kommt jetzt auch nichts mehr an, nachdem er monatelang Alles mit sich allein ausgemacht hat!« Sie wandten sich heimwärts. 337

Beschäftigt mit seinen besondern Gedanken ging heute jeder der drei Kollegen zur Ruhe; das innerste Empfinden Aller aber lief wohl auf dasselbe Eine hinaus: auf eine seit diesem inhaltsschweren Abend erwachte, noch unklar schwebende Sorge um des Freundes Zukunft. 338

 

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