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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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23

Eines Abends nach der Schule – die Tage waren bereits länger und noch begann um sechs Uhr kaum die Dämmerung – drangen die drei Freunde gewaltsam bei Tino ein.

Vierzehn Tage ohne Lebenszeichen, das war zu viel! Es war ihnen Allen unheimlich, und sie gedachten ihn mit einem gemeinsamen Gewaltstreich seiner Einsamkeit auf diesen Abend zu entreißen.

Auf ihr Klopfen an der Türe seines Ateliers erfolgte ein gleichgültiges »Herein«, und in dem abendlich gedämpften Licht entdeckten sie Moralt, bleich und mit einem Ausdruck wie abwesend, dort hinten in dem gotischen Kirchenstuhl lehnen.

Er sprang nicht auf wie sonst, er eilte nicht, sein Bild gegen die Wand zu kehren.

Da stand es, mitten im Raum auf seiner Staffelei, und das weiche Leuchten des mählich verbleichenden Himmels warf seinen Schimmer darüberhin und erglänzte in mildem Wiederschein auf den erhöhten Ornamenten des Goldrahmens.

Moralt blieb sogar ruhig sitzen und erwiderte ihre Begrüßung mit einem gelassenen Gegengruß. Er schien nicht einmal verwundert, sie da plötzlich zu 322 Dritt anrücken zu sehn. Beklommen blieben sie im ersten Augenblick stehen. Rolmers fand zuerst ein Wort.

»Fertig?« fragte er halblaut, indem er auf den Sitz zutrat und seine Hand auf Moralts Hand legte. Ein stummes Nicken war die Antwort, und eine Bewegung, welche die Freunde vor das Bild wies. Da setzte sich der Norweger, ohne Weiteres zu fragen, vor die Staffelei, während Äbi und Holleitner jetzt erst näher zu treten wagten und nun beide, wie aus einem Munde, in einen Ruf der Überraschung, des Erstaunens ausbrachen, – in Laute, so unwillkürlich und überzeugend einem plötzlichen gewaltigen Eindruck entsprungen, daß Moralt kurz seinen Kopf emporrichtete, als traute er seinen Ohren nicht. Aber dann wandte er sich heftig ab.

Mit Befremdung bemerkten es die Zwei. Äbi lehnte sich, ohne weiter eine Äußerung zu tun, an die Wand, Holleitner hatte sich auf die Ecke des Tisches gesetzt.

Da stand er ja verwirklicht vor ihnen, jener glühend verteidigte Künstlertraum, um dessen Berechtigung, um dessen Möglichkeit, um dessen Wert an jenem Oktoberabend in diesem Raume so viel gestritten worden war. Da stand er! Er war möglich gewesen! Wer gezweifelt hatte, mußte jetzt glauben. 323

Eine imposante Leinwand, ziemlich viel länger als hoch: darauf in einer Abendlandschaft von hinreißender Gewalt der Stimmung, links im Vordergrund auf dem Steinsitz, die lebensgroße Jünglingsfigur, die sich mit dem düsterroten Gewand und den teilweise entblößten Gliedern auf dem dunkeln Grund eines Gebüsches abzeichnete, während das schwarzlockige, bleiche Haupt vorgestreckt in der freien Luft stand. Weithin über die düstere, farbensatte Pracht der Landschaft schien der glutvoll suchende Blick nach der unerreichbaren, leuchtenden Ferne zu gehen.

Sie waren gepackt von der mächtigen Wirkung. Äbi, überflutet von Empfindungen, die er dem Freund hätte sagen mögen, verharrte stumm. Die Stille um ihn her schnürte ihm die Kehle zu. Bei Holleitner war der bezwingende Eindruck der Gesamtstimmung so sehr das Erste, daß sein Bedürfnis des nurmalerischen Betrachtens erst ganz hinterher kam. Und dann selbst gelang es ihm nicht, bei Einzelheiten zu verweilen. Alle landschafterische Fachkritik ließ ihn heute im Stich. Er war betreten, er war im Bann, er war besiegt. Er gestand sich unter diesem Eindruck vor einem, seiner Richtung total entgegenstehenden Bilde, daß das Letzte und Wesentliche, wodurch eine künstlerische Schöpfung wirkt, eben etwas nicht zu bezeichnendes Geheimnisvolles sei, das nur 324 empfunden, nur geahnt werden könne, aber keine Theorieen, keine Erörterungen vertrage, daß es keiner Schule und keiner Richtung entspringe, sondern dem unbeirrten, unbefangenen Ausströmen eines Genius.

Äbi blieb immer noch wortlos vor der Durchgeistigtheit dieser Figur. In ihrer Bewegung war so gar nichts fühlbar von jenem im Modell zuerst lange Gesuchten, Gestellten und dann Abgemalten, von jenem mühsam Erreichten, was bei dem strengen Naturstudium nach dem Italiener denkbar gewesen wäre. Es schien vielmehr auf ganz anderem Wege entstanden, schien die, vom Maler in ihrem vollsten Ausdruck irgendwo einmal flüchtig erschaute, und dann in der geistigen, der inneren Anschauung glücklich aufbewahrte Erscheinung eines in Sehnsucht verlorenen Körpers zu sein. Das Modell hatte hier wirklich nur dazu gedient, die Durchbildung der einzelnen Formen zu erleichtern. Wie wahr, wie überzeugend darum der Ausdruck.

In diesem bleichen Kopf allerdings, so schien ihm jetzt, blitzte allzubedeutend, übernatürlich stark, dies dunkle Auge. Das war beinahe das Auge eines Verzückten. Und doch, eine wundersame Macht lag gerade darin. Die linke Hand, von deren Mißgeschick nur Rolmers wußte, schien Äbi, je länger er sie studierte, desto großartiger, ja, so bedeutend, daß er sie fast als 325 eine Tat an sich bewunderte. Während der Arm auf der Rücklehne ruhte, lagen von dieser Hand nur noch der kleine Finger und ein Glied des vierten auf, bloß unbewußt, mechanisch so gelegt zur nötigsten Stützung, während die übrigen Finger in wunderbar reinen, schönen Linien, losgelöst von allem Tun herabhingen, traumverloren, – herab von der Lehne in die freie Luft. In dieser Hand, so schien es Äbi, liege der ganze Ausdruck der Figur noch einmal zusammengefaßt.

»Es ist groß,« murmelte er vor sich hin. Wie konnte nur Moralt so düster sein, so unzufrieden! Das kam von der ewigen Einsamkeit. Natürlich! Kein Beifall, keine Ermutigung seit Monaten!

Während die Freunde so sein Bild betrachteten, ohne zu reden, jeder mit seiner Art zu prüfen, hatte Moralt sich erhoben, war mehrmals hinter ihnen auf und ab gegangen und saß jetzt mitten auf dem Diwan, an den Wandteppich zurückgelehnt, den Kopf hintenübergelegt in die Hände, die Füße von sich gestreckt, in der Stellung eines Menschen, der eben ein Werk zu Ende gebracht hat und es nun aufatmend betrachtet. Aber die tiefgesenkten Augenlider, unter denen verschleiert, schmerzlich, hie und da ein Blick untenvor nach dem Bilde ging, und die zwei kummervollen Falten über den zusammengezogenen Brauen 326 sagten nur zu deutlich, welches seine Empfindungen waren. Der Künstler in ihm fühlte sich in dieser Stunde, da die Andern bewunderten, gleich einer Mutter, die sich der heiligsten Erfüllung ihrer Pflichten bewußt ist, und nun mit erschöpftem Körper und wehdurchzitterter Seele auf ein elendes Kind sieht, das sie geboren.

Rolmers war nahe an die Leinwand getreten und suchte die Stellen, wo seit seinem ersten Sehen des Bildes noch gearbeitet worden war. Jetzt wandte er sich zum erstenmal wieder um und erblickte den Freund.

»Tino! Junge! was für ein Gesicht?« rief er erschrocken und eilte auf ihn zu. »Ja, so weit ist es nun mit dem Fehlschlagen deiner Anstrengungen doch wohl nicht?«

Moralt winkte traurig ab.

»Welcher ehrliche Künstler wird denn nicht einen Abstand zwischen dem Gewollten und dem Erreichten fühlen, wenn ein Werk zu Ende gebracht ist?« hielt Rolmers ihm vor, – »und um so stärker, je großartiger seine Einbildungskraft ist! So laß dir den Kopf aufrichten, Alter!« Er setzte sich neben ihn und legte herzlich seinen Arm um den Freund. »Ich kann dir schwören, ich bin heute so gepackt von der Kraft des Bildes, daß ich nur wünschen muß, das 327 Ausstellen, so bald als möglich, lasse dich die gleiche Wirkung an möglichst vielen Menschen erleben!«

Moralt schüttelte den Kopf.

»Aber natürlich wirst du es jetzt ausstellen?« rief Äbi erstaunt.

»Eine solche Enttäuschung – ein solches Dokument meiner Unzulänglichkeit ausstellen?« fuhr Moralt auf, – »nie!« Der bloße Gedanke, sein Elend aus dem Bereich seiner vier Wände auch noch in die Öffentlichkeit gezerrt zu sehen, regte ihn auf.

Keine Beteuerungen der Freunde, daß für jeden Andern als den Schöpfer selbst dieses Werk eine ganze Leistung bedeute, daß es auch dem strengsten Beurteiler zum Mindesten ein verheißendes Zeugnis eines hohen Talentes und einer außergewöhnlichen Künstlerpersönlichkeit sein werde, nützten etwas. Selbst als sie Moralt baten, nur Rahde wenigstens noch herzuzulassen, den er die ganze Zeit über fernzubleiben gebeten hatte, schlug er es rundweg ab.

»Und wenn Ihr alle und Rahde, und wenn die ganze Welt mir das sagt, so kann es mir nichts helfen! Ich kann nur nach meinem eigenen Urteil befriedigt oder nicht befriedigt, und dadurch glücklich oder unglücklich sein!«

Rolmers und Äbi schwiegen einen Augenblick, aber Holleitner setzte jetzt seinen Steckkopf auf. 328

»Laß doch mit dir reden!« verlangte er ungeduldig, – »du bist verkatert, du bist verhockt und abgeschunden von dieser harten letzten Zeit. Da glaube wenigstens uns noch etwas, die wir unbefangen vor deiner Arbeit stehen! Wenn ich es dir sage, ich, der ich einst dagegen stritt, – daß das eine Leistung ist, die jedem Empfänglichen einen außerordentlichen Eindruck machen muß, wenn ich dir gestehe, daß ich besiegt bin, dann wirst du doch deine Katzenjammerstimmung nicht mehr als allein gültigen Richter bestehen lassen? Stell' es aus, sag' ich dir, und erlebe, daß du allein mit deiner desperaten Laune dir den Weg zum wohlverdienten Ruhm vertrittst!«

»Zum Ruhm!« lachte da Moralt grausam auf – »mein Ruhm!«

»Jawohl zu deinem Ruhm! Dies Werk da ist imstande, ihn zu begründen!«

»Aber vor mir selber!« schrie Moralt und trat mit schmerzverzerrtem Gesicht vor den Österreicher hin, fast bedrohlich in seiner Haltung – »vor mir selber – und darauf kommt doch Alles an – bin ich jämmerlich! Verstehst du das nicht? So laß mich in Ruhe mit deinen Verheißungen von Ruhm! Das ist wahrhaftig das Einzige, was noch gefehlt hätte, daß ich auch noch an diese Seite des Erfolges, an den Ruhm meiner Person gedacht hätte und mir Hoffnungen 329 darauf in den Kopf gesetzt! Dann könnte ich nichts Besseres tun, als mich bei diesem Schiffbruch meiner künstlerischen Hoffnungen gleich selber mit ersäufen!«

Rolmers hatte Holleitner einen Wink gegeben, nicht mehr zu widersprechen. Aber die Erregung fieberte schon durch Moralts ganze Gestalt. Er ging auf den Tisch zu, ergriff dort die Pinsel, ergriff die Palette, die auf einem Taburett daneben lag. Seine Augen funkelten. Es wurde den Freunden unheimlich. Und indem er die Werkzeuge eines nach dem andern wütend über den Knieen zerbrach und in eine Ecke schlenderte, stieß er dumpf zwischen zusammengepreßten Zähnen heraus: »Da! – – – da! – – nie rühre ich wieder einen Pinsel an! Elender Krüppel, der ich bin!«

Dann verkroch er sich auf dem Diwan hinter Rolmers Rücken wie ein Kind, und ein wütendes Schluchzen machte der langverhaltenen Gewalt seines Grames Luft. – – –

Sie ließen ihn gewähren. Aber sie blieben den Abend an des Freundes Seite. Keiner widersprach, als Moralt nach einer Weile wieder zu reden begann und aufgelöst in etwas ruhigeren Schmerz, sich weiter erklärte, während das Abenddunkel langsam tiefer hereinsank und das Bild in seine wogenden Schatten hüllte. Die Gestalt glich jetzt mit ihrem 330 blassen, gespenstischen Angesicht wieder ganz dem dahingegangenen Nicolo, die herrliche Landschaft erlosch mit ihren Farben in webender Dämmerung.

Der Maler hatte keinen Blick mehr für sein Bild. Eine Flut von trüben Selbstbetrachtungen, von rücksichtslos offenen Begründungen seines Schrittes strömten in stoßweisen Ergüssen von seinen Lippen.

»Oh ein verpfuschtes Leben!« rief er aus. »Ich bin zum Künstler verdorben! Alles, Alles ist in den Jugendjahren, durch die Hemmung doppelt leidenschaftlich, ins Nutzlose verpufft worden. Meine Phantasie, die reich für zahllose Werke gewesen wäre, mußte das ganze Gegengewicht gegen ein unbefriedigendes Dasein schaffen und sich übertun. Wie eine Rache war dies übermäßige Innenleben. Und die Energie nach außen versank. Was der Produktion hätte zugut kommen müssen, verzehrte sich in tatloser Leidenschaft, in Träumen, in Melancholie, in Hirngespinsten. Nun ist etwas weg aus mir: die Blüte, der frische Glaube, die Lebenskeckheit. Es ist zu spät zu einem glücklichen, künstlerischen Schaffen. Ich seh' es, ich fühl' es – zu spät! Unter solchen Umständen weiterschaffen, wäre ein Unding. Und doch, von der Kunst kann ich nicht lassen. Sie ist das tiefste Bedürfnis meiner Natur; ich muß, ich muß mich äußern. Aber da!« – – er machte eine 331 wegwerfende, Ekel und Verzweiflung ausdrückende Gebärde gegen die Staffelei.

Äbi, dem das Alles furchtbar zu Herzen ging, drückte sich in einen Winkel, um seine Bewegung zu verbergen.

Moralt hatte einen letzten Blick voll Haß hinüber auf das Bild geworfen; das trieb ihm von Neuem das Blut in den Kopf.

»Gebt doch zu,« wandte er sich an die Freunde – »daß es mir an energischer Frische fehlt!« Sie schwiegen. Er nahm es als Zustimmung. »Und da leugnet Ihr noch, daß ich Anlaß habe, mich als Stümper zu fühlen? Gäb' ich etwas auf das, was Andere sagen, so wäre ich heute nicht allein vor mir, ich wäre vor aller Welt blamiert!«

Da ward es Äbi zu viel. Er trat plötzlich hervor. »Genug!« rief er. »Von Blamiertsein, von Stümperei kann hier keine Rede sein. In was für ungesunde Übertreibungen reißt diese Stunde dich fort! Jetzt laß dem Freunde sein schönstes Recht: dir den Trost zu geben, der berechtigt ist! Aus heiligster Überzeugung sage ich dir: wie immer du selbst dein Bild beurteilen, und was immer du versäumt glauben magst durch die verlorene Jugend, – auf die Tat darfst du mit Genugtuung blicken, unter unaufhörlichen Kämpfen und unter den allermißlichsten 332 Hindernissen dennoch zustande gebracht zu haben, was dein Bedürfnis war. Gerade diese Energie hast du ja im Herbst bezweifelt, und nun willst du sie immer noch leugnen? Mit welchem Recht? Du hast sie glänzend vor dir und uns bewiesen!«

Äbi hielt an. Er schien sich auf Etwas zu besinnen. »Sieh! ich habe irgendwo – – bei Tolstoi glaub' ich – einen Ausspruch gelesen, der mir seither oft als Trostspruch wieder eingefallen ist. Den kann ich dir jetzt als richtigstes Wort in deine Stimmung sagen, wenngleich ich dich noch weit vom Ende deines Leistens halte und an kein Zugrundegehen glaube. Aber ich muß ihn dir sagen, weil er den Wert des Kampfes auch dann bestätigt, wenn das Ergebnis unseren gehegten Hoffnungen nicht entspricht.« Äbi sprach ihn langsam, mit einer gewissen Feierlichkeit, wie man nur seine heiligsten Wahl- und Trostsprüche zitiert:

»Es gibt in der Kunst wie in jedem Kampfe Helden, welche sich ganz ihrer Bestimmung hingeben und zu Grunde gehen, ohne das erstrebte Ziel zu erreichen!«

Jetzt hob Moralt langsam, wie den verklungenen Worten nachhorchend, den Kopf empor – wie Einer, der plötzlich in der Sprache seiner Heimat angeredet worden ist – – – und reichte dem Schweizer schweigend die Hand. 333

 

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