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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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22

Und nun?

Der Regen klatschte an die hohen Scheiben des Atelierfensters und lief in langen Fäden daran herunter, als Moralt am Tage nach dem Begräbnis, den Rücken gegen die Wand gelehnt, aus der Entfernung sein Bild betrachtete und über seine Lage sann.

Mit der Entstehung, mit dem Wachsen dieses Werkes war der Bursche so verknüpft, daß es dem Maler jetzt dazustehen schien wie ein Strunk, der niemals auswachsen würde.

Und was er jetzt entdeckte, da das Modell nicht mehr daneben saß, welches in Natur so unnatürlich gewesen war, jagte ihm Verzweiflung in die Seele. Dieser heiße, leuchtende, sehnende Blick – er fiel ja vollständig heraus aus der übrigen Bedeutung des Kopfes! Er war krankhaft, er war übertrieben, er war unmöglich an Intensität; das erkannte Moralt jetzt. Verführt durch die Schönheit von Nicolos Blick hatte er jene letzten Sitzungen benutzt, dieses Auge noch für sein Bild zu gewinnen. Er hatte sich beschränkt unter dem drohenden Verhängnis, nur dies, nur dies noch zu erreichen und darüber alles Andere 317 außer Acht gelassen. Jetzt übersah er zum erstenmal wieder das Antlitz als Ganzes: es war durch dieses einzelne Übersteigerte ruiniert!

Kein lauter Ausruf, kein Hin- und Herlaufen wie sonst, folgte dieser Entdeckung. Die Verzweiflung war zu vollkommen. Sie war stumm, sie war dumpf. Der Mut, noch einmal eine völlige Umänderung des Auges bloß aus dem Gedächtnis zu machen, entsank dem Maler vollständig. Des Mißgeschicks war endlich zu viel, der Höhepunkt seines Vermögens, seiner Spannkraft überschritten. Stumpf, ergeben in das, was ihm nun unabänderlich erschien, aber dennoch mit dem stolzen Trotz, das Werk soweit noch zu beenden, als es unumgänglich notwendig sei, komme dabei heraus was wolle, arbeitete Moralt von Stund ab.

Er schrieb an Rolmers, um dessen Erscheinen vorzubeugen: daß er nun wirklich am Beenden seines Bildes sei, und nur für acht bis zehn Tage noch um Dispensierung von der Gesellschaft und um Zuwarten mit allfälligen Besuchen bitte.

Er malte jetzt die Hand; sie wurde nicht, was er anstrebte. Er verpatzte bloß, oder vielmehr, er bildete sich ein zu verpatzen, wo die Form als solche gut gewesen war, – ohne mehr Ausdruck zu erreichen. Er sah es wohl, aber er fuhr fort. 318

In Wirklichkeit war das Bild in allen seinen Teilen bereits auf einem Punkte der fertigen und großen Wirkung angelangt, daß überhaupt nichts Wesentliches mehr daran zu verderben möglich war, und das, was so notwendig noch zu tun bleiben sollte zur gänzlichen Vollendung, war einzig dem Schöpfer selber in seinem übermüdeten Zustand und in seinen übersteigerten Ansprüchen bekannt.

Nachdem die Hand eine gewisse Fertigkeit erreicht, vollendete Moralt den Mund. Einige Male legte er während dieser Arbeit die Pinsel weg und empörte sich gegen sich selber, der so drauflosfrevelte, während er doch erkannte, daß er mit solchem Zuendeführen aufs Geratewohl von Tag zu Tag weniger den Eindruck bekam, als erreiche das Gemälde eine Fertigkeit in seinem Sinne. Aber ein Ende mußte sein, ein Ende, – er hatte der Qual jetzt genug!

Trotzig, mit zusammengebissenen Lippen, faßte er immer wieder die Palette, tat mit einer fast interesselosen Gewissenhaftigkeit so viel, als ihm zu sehen, für richtig zu halten noch möglich war, und der Rest – – war es seine Schuld, daß es heute so stand?

Kein Mensch sah ihn während einer Woche, während einer zweiten. »Moralt malt« hieß es; er sei am Beenden seines Werkes.

Das überirdisch glänzende Auge war jetzt auch 319 gedämpft, wie Moralt glaubte. Aber war es besser? Was wußte er! Es war jetzt jedenfalls nicht mehr Nicolos Auge, aber ihm war es auch nicht das Auge seiner erträumten Figur; es war ihm fremd. Und eine Empfindung kroch in ihm empor bei einzelnen Pinselstrichen, eine schauerliche Empfindung, welche ihn frieren machte: als rührte er mit seinem brutalen Handwerkszeug des ruhenden Toten wirkliches Auge frevelhaft an.

Ah, Jammer, Jammer, welch eine Selbstzerfleischung diese Tage hindurch!

Aber dann! dann! das schwur er sich, sollte die Qual zu Ende sein. Dann stand ja da, trotz hundert Zweifeln und Kämpfen durchgeführt, nein, durchgerungen, durchgequält und mit allen Bitternissen zu Ende gekostet, was er als Mann von sich verlangen mußte, wenn er nun auch als Künstler keinen Wert mehr darauf legen konnte: – ein Kunstwerk. Einmal wenigstens hatte er sich selbst dann den Beweis gegeben, daß er die Energie besitze, etwas Begonnenes, dem inneren Bedürfnis Entsprungenes, auch zu Ende zu führen, soweit immer ihm Kräfte zu Gebot standen. Und das wenigstens wollte er nicht fahren lassen, – das nicht, diese eine Hälfte des Sieges!

»Über seine Kräfte hinaus kann Keiner,« 320 wieder holte er sich beständig, – »was kann ich dafür, wenn Alles zum Unheil ausschlug? Meinetwegen! meinetwegen! Ich habe für einmal genug. Brauche ich mir Vorwürfe zu machen? Könnte ich jetzt noch etwas Anderes zum Werke tun, als was ich tue? Oder hätte ich es besser machen können? ich, mit dem Maße meiner Gaben, unter den erlebten Umständen? Fahr' hin, Grübelei, was das Schicksal brachte, ist nicht meine Schuld!«

Er fand plötzlich in einem schmerzlichen Trotze die Kraft, sich auf Stunden zu trösten. Aber nur auf Stunden; mit immer demselben Refrain: meinetwegen! meinetwegen! Es waren die Philosophieen eines Gebrochenen. 321

 

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