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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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21

Und fünf Wochen waren vergangen auf den Tag, seit jener letzten Sitzung; auch der April war schon bald zur Hälfte verflossen, da klopfte es in später Morgenstunde an die Türe von Moralts Atelier: in seinem blauen Mantel stand Nicolo wieder da.

Ein seltsam triumphierendes Lächeln auf den Lippen, kam er auf den Maler zu und streckte ihm die Hand entgegen, – welch' eine wachsbleiche, abgemagerte Hand! Und wie feucht und heiß! Und als er den Mantel abnahm, welch' eine Gestalt! Moralt erschrak, daß er kaum seine Bewegung zu verbergen vermochte. Wohl hatte er den Kranken mehrmals besucht, aber in seinem Bette, im grünlichen Halbdunkel des Zimmers, und bedeckt bis an den Hals, hatte Nicolo nicht entfernt diese erschreckende Abmagerung gezeigt.

Er schien nichts zu fühlen von Schwäche noch von Fieber, er brachte in seiner treuherzigen Weise sogleich die Bitte vor, die Sitzungen wieder aufzunehmen. Aber kaum hatte er einige Sätze gesprochen, kam ein Husten, ein Krampf, daß er sich niedersetzen mußte. Mit einem schmerzlichen Schreck, 311 als stünde ihm dieser Bursche persönlich nahe, erkannte Moralt sofort, daß die akute Krankheit wohl überstanden war, aber daß in dieser jungen Brust unabwendbar der Tod saß.

Schon lächelte Nicolo wieder – mit dem verlegenen Lächeln eines Kindes, welches sich eines kleinen, plötzlich offenkundig gewordenen Gebrechens schämt. »Muß schon vergehen, signore! Ist nur noch bissl Husten, mache nix!« Und dabei leuchtete sein Auge auf Moralt in dunklem, flammendem Glanz.

»Armer Kerl, was machst du dir vor!« dachte der, – »du bist ja sterbend und glaubst dich genesend!«

Aber Nicolo bestand auf der Bitte, es wieder mit ihm zu versuchen, und Moralt, verwirrt und entsetzt, sagte zu. Er wollte doch den armen Menschen nicht erkennen lassen, daß er zu seinem Beruf zu elend geworden, daß er unbrauchbar sei und sein Leben zu Ende. Er ließ ihn sich wieder hinaufsetzen auf die alte Bank.

Seine Arme, seine Beine, wie dünn jetzt, wie schwach; seine Haut wie zart, wie durchsichtig; die Hand wie schmal und lang und eckig geworden! Da war keine Möglichkeit mehr, sich daran zu halten. Und doch – unbrauchbar war Nicolo nicht! Wie er jetzt da droben saß, den Kopf in der alten Haltung, 312 da gewahrte Moralt erst mit Staunen den gesteigerten Ausdruck in diesem Gesicht. Jetzt hatte dieses Auge einen fast überirdischen Glanz, eine Sehnsucht im Blick, so wunderbarer Art und Glut, daß Moralt ihn mit Begeisterung und Wehmut für sein Werk zu studieren begann. Ja, das war die Sehnsucht nach einem anderen, schöneren Land!

Und also ließ er Nicolo zu sich kommen, Tag für Tag. Aber unter welchen Umständen! Es war die pure Komödie der Barmherzigkeit, die ein guter Mensch einem Todgeweihten spielte. Den eigenen, fürchterlich wiedererstandenen Kummer um sein Werk im Herzen, versicherte er dem Italiener, daß er seine Arme und Beine überhaupt nicht mehr brauche, daß er ihn nur noch in den Kleidern nötig habe. Die Sitzungen machte er kurz und unterbrach unzählige Male, sodaß Nicolo ebensoviel Zeit Pause hatte, als Stellung. Er scherzte mit ihm, er fütterte ihn zwischenhinein, und Alles verbarg er geschickt in den Schein der Selbstverständlichkeit. Zum Mittagessen behielt er ihn bei sich und schickte ihn dann in die Luft; die Aprilsonne war schon wohltätig warm.

Aber immer gewisser ward Moralt, daß Alles umsonst sei. Der Husten blieb entsetzlich, der Ärmste trieb es nicht mehr lange. Zweimal ward er ihm 313 ohnmächtig auf dem Podium, und wie im Fieber, wie ohne klare Einsicht, bestand er dennoch darauf, zu bleiben.

Eine Woche verging; das Werk hatte Eines gewonnen: dieses wundersame Auge. Die ersten Tage der zweiten war es ein gelindes Agonieren, kein Leben des Burschen mehr. Er ließ sich von Giuseppe bis an die Türe bringen. Er erzählte Moralt mit begeisterten Schilderungen, daß er, sobald er ihn nicht mehr zu seinem Bilde brauche, nach Italien reise, sich ganz zu erholen, – zum Vater, zu der Mutter, zu der Schwester Mariuccia, die nun achtzehn Jahre alt sein müsse, und zu den kleineren Geschwistern, die inzwischen auch alle gewachsen seien, – und daß er die Brüder gleich mit sich heim nehme; – daß er sich dann an die große Mauer setzen wolle, im Garten vom principe Gondi, wo die Luft so warm und gut und voll Blumenduft sei. Und den Kirchhof wolle er besuchen, das Gräblein der kleinen Ninetta auszumessen; wenn er nach München zurückkomme, werde er doch die Bildhauerei versuchen. Er habe jetzt von einem scultore gehört, der auch ein armes Modell gewesen sei, schon achtundzwanzig Jahre alt, und doch noch berühmt geworden. Dabei schienen Nicolos Augen in ihrem schwärmerischen Leuchten über die 314 Gegenwart und Wirklichkeit hinweg, durch die Wände des Ateliers hindurch, in eine weite, sonnige Zukunft zu schauen, voll Ruhe und Glanz und Künstlerglück, und sein Mund lächelte verklärt, wie im Anblick bevorstehender Wonnen. – – –

Sechs Tage später gingen Moralt, seine Freunde und eine kleine Schar Kollegen von den verschiedenen Schulen und von der Akademie hinter des braven Burschen Sarg. Ein letzter Schneeschauer des April wehte hin über den kleinen Leichenzug, als auf dem nördlichen Friedhof Münchens die Bretterhülle mit dem von ihnen Allen gekannten Körper des Italieners in die fremde Erde sank. Der Eindruck dieses Augenblicks ging Jedem, der zugegen war, sichtlich tief zu Herzen. Nur ein Modell, und landfremd, und ihnen persönlich wenig bekannt – aber ein junges Blut wie sie, und ein braver Mensch war dieser Nicolo gewesen.

Einem unter den Malern jedoch bedeutete er mehr als Modell, das fühlte der jetzt, – Moralt. Ihm war das Wesen des Burschen so eindrücklich geworden, beinah wie das eines Freundes, und ihm schien, es sei ihm da Jemand gestorben, mit dem er, wie mit einem Angehörigen, auch innerlich zu rechnen sich gewöhnt hatte.

Die kleinen Brüder, verzweifelt und nun sich selber 315 überlassen, wurden nach Nicolos Wunsch von den Malern nach der Heimat spediert. Das war des Ältesten letzte Sorge gewesen. –

Als Moralt in sein Atelier zurückkam, fiel sein Blick auf das Bild. Da blieb er stehen vor dieser Jünglingsgestalt, vor diesem edeln Kopf, die nun zu Staub zerfallen würden, und betrachtete sie lange und traurig. Und in seine Seele kam ein wirkliches, großes Leid, und eine Empfindung beschlich ihn, als sei der gute Geist dieses Werkes vor dessen Vollendung auf immer von dannen gegangen. 316

 

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