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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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20

Nicolo starb nicht. Er überstand die Krankheit. Aber vier Wochen hatte Moralt zu durchleben, die ihm ebensoviele Monate zu sein schienen, Wochen, in denen er herumging wie ein Verurteilter.

Zeitweise kam es ihm vor, als sei sein Bild, sein Schaffen, Nicolo, der Glaube an ein Gelingen – Alles, Alles eine Erinnerung aus längstvergangener Zeit, ein Wiederanfangen, ein glückliches Beenden, bloßes Hirngespinnst, Traum. Manchmal wieder kamen stille Augenblicke, in denen sein künstlerisches Vermögen auf einmal auf neue Weise tätig wurde, in ihm gärte, schaffte, sich einen Ausweg suchte. So, eines Morgens in der vierten Woche, stand er plötzlich wie unter der Macht einer Eingebung vom Flügel auf, nachdem er lange gespielt, und begann zu zeichnen. Die folgenden Tage blieb er über der Skizze, übersetzte die Kohlenzeichnung in Farbe, blieb daran, blieb eine Woche lang ununterbrochen daran. Dann stellte er die neue Schöpfung mit einem stillen, aber schmerzlichen Wohlgefallen beiseite. In der folgenden Zeit vertiefte er sich weiter in diesen Entwurf. 307

Jetzt, in den höchsten Nöten um das erste – schuf er innerlich bereits anhaltend am zweiten Bild!

Es war eine heilige Cäcilia. Über einer Landschaft, durch die ein Strom in die Ferne zog, auf weitausschauender Terrasse, weilte sie auf erhöhtem Sitz an der Orgel, schlanke Lorbeerbäume im Hintergrund, am lauen Herbstabend, und schaute hinaus – aufwärts in den verglühenden Himmel, der goldstrahlend, weich und voll seinen Lichtstrom auf ihr Antlitz niedergoß. Musik in heiliger Schöne verklärte dieses Antlitz, und von den Fingern schienen selige Weisen emporzugleiten. Engel lösten sich aus den Höhen, aus dem Goldschimmer der Abendlüfte, duftgewoben, selber nur Schimmer, Gestalt an Gestalt, und knieten um die Göttliche her. Eine Gruppe dieser Engel setzte sich zu ihren Füßen, herwärts dem hohen Sitz, und rührte Harfe und Bogen. Ein seliges Adagio schien weithin durch den goldenen Abend zu ziehn.

An diesem Bild, das einer Vision gleich berührte, träumte Moralt herum. Herrlich in sanften Farben flossen die Gewänder der Göttlichen nieder. Nur das Rot des Tuches an der Brust leuchtete körperlich kraftvoll auf vor den dunkeln Lorbeerbüschen, und mild erstrahlte der goldene Schein um ihr Haupt, erstrahlten die goldenen Pfeifen der Orgel. Die Engelgruppe im Vordergrund aber, obgleich näher dem 308 Beschauer als die Cäcilia selbst – diese Engelgruppe war für Moralt das große malerische Problem an der neuen Schöpfung. Diese Gruppe mußte, gleich den Scharen, welche sich nach der Höhe zu verloren, nur wesenlos angedeutet erscheinen in all ihrer deutlichen Form. Aus anderem Stoffe gefügt als der Menschen Gestalt, nur gewoben aus Schimmer und Duft. Das mußte gelingen in dem künftigen Bild. Ein Wunder wollte er schaffen, ein Wunder von Poesie! Die scheinbare Unmöglichkeit wollte er bezwingen, wollte er lösen in siegreicher Malerei: diesen, allen perspektivischen Schwierigkeiten zum Trotz, dem Beschauer fühlbaren Stoffunterschied der körperlichen Cäcilia und der visionären Gestalten im Abendschein.

Stundenlang war er vor diesem Entwurf wie ein anderer Mensch. Er war nicht mehr der Moralt, der sich mit dem Erstlingswerk abquälte. Er war ein Moralt, der das Höchste konnte, der das Herrlichste unter seinem Pinsel erstehen sah. Entrückt, keiner Vergangenheit, keiner Gegenwart bewußt, weilte er einzig im goldenen Schein seiner Zukunfts-Schöpfung, ging er auf in ihrem unbestimmten, weichen Farbengemenge, wie im Tonmeer einer Symphonie.

Und seltsam! Wenn er zurückfiel in die traurige Erkenntnis des Jetzt, so durchrieselte seine Seele 309 nachhaltig eine Regung von Mut, erfaßte ihn glühendes Bedürfnis, sich wieder am Werk zu versuchen.

Mit einer immer unerträglicher werdenden Ungeduld sehnte er Nicolos Wiederkehr herbei; es schien ihm in einzelnen Augenblicken, als hätte er jetzt nur den Pinsel zu fassen, um sein altes Werk glücklich zu beenden und sich ganz der neuen Aufgabe hinzugeben. Größer, reicher, gewachsen war er vor sich selbst. Es war ein Rausch in dieser fünften Woche, in dem er das Bleigewicht der Wirklichkeit, das doch unbarmherziger als je an seinen Füßen hing, wie ein rechter Trunkener völlig vergaß. 310

 

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