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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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18

Die meisten Maler lieben es, sobald ein Bild auf den gewissen Punkt gediehen ist, daß es Einem, der aus dem Werdenden auf das Vollendete zu schließen fähig ist, im Allgemeinen sagen kann, was der Künstler damit will, ein Ab- und Zugehen ihrer Freunde zu sehen, die verschiedenen Ansichten zu hören und aus dem Vielen, was vor dem Werke laut wird, sich das zunutze zu machen, was mit der eigenen Überzeugung vereinbar ist.

Moralt fürchtete das geradezu; und wenn er in einzelnen Augenblicken der Niedergeschlagenheit noch eher geneigt gewesen wäre, einen Vertrauten hereinzulassen, Rolmers, oder seinen Meister Rahde, um entweder völlige Gewißheit über seine Ohnmacht, oder dann ein aufrichtendes Wort zu hören, so war er jetzt, da sein Mut durch eine Reihe besserer Arbeitstage wieder gehoben war, solch' einer vorzeitigen Schaustellung doppelt abgeneigt. Er wollte nun Niemandes Urteil hören, bevor er vor sich selber fertig war. Er bangte, sonst abermals der Sammlung entrissen, um die Intensität des Traumes gebracht zu werden, in welchem er jetzt wieder schuf und schaffen mußte, bis in der Vollkraft dieses wiedergewonnenen produktiven 285 Zustandes Alles und das Letzte getan war, zu dem er sich fähig fühlte.

Die Figur begann nun ebenfalls zusehends in den Geist des Ganzen hineinzuwachsen. Also nur jetzt keine Störung, nur jetzt kein Laut, kein Hauch von außen. Der Künstler zitterte förmlich für die Erhaltung seines zurückgekehrten Schaffensfiebers. Sein Inneres war wie ein empfindliches Instrument, in welchem jedes unberufene Dranrühren einen Mißton hervorbringen mußte. Tag für Tag ging er an seine Arbeit mit einer Empfindung, ähnlich der bangen Scheu eines Menschen, der nicht laut zu atmen, nicht mit dem ganzen Fuße aufzutreten wagt, um einen Schlummernden an seiner Seite nicht zu wecken. Ein Bedürfnis, welches gar nicht genugsam zu befriedigen war, erfüllte ihn, sich so vollständig wie nur möglich gesichert und abgeschlossen zu wissen gegen die Außenwelt. Abgeschlossen durch die strenge Weisung, keinen Besuch heraufzulassen, abgeschlossen durch Tür und Riegel, abgeschlossen durch den schweren vorgezogenen Teppich, ah, – er hätte auch die großen Scheiben des Fensters noch verhüllen mögen mit einem schützenden dünnen Stoff, durch welchen nur gedämpft ein stilles Licht in den einsamen Raum herabgefallen wäre, ihn und seine Gedankenwelt auch vom letzten Zusammenhang mit der Außenwelt trennend, vom 286 Ausblick in die Luft, in die vorüberziehenden Wolken, – wenn nicht seine Kunst selber sie erheischt hätte, diese letzte Lücke in der Vermauerung, hinter welcher er sich so ängstlich barg.

Dem Erschaffen jedes Kunstwerkes hängt ja etwas Traumhaftes, Unbewußtes, Geheimnisvolles an. Stört man den Künstler auf, reißt man ihn gewaltsam in die Ernüchterung, in das nackte reale Tagesleben, während er in jener Verzückung des Produzierens ist, so kann die Möglichkeit unwiederbringlich verloren sein, das, was schon am Entstehen war, ebenso und in derselben Kraft zum zweitenmal hervorzurufen. Und diese Gefahr beim Arbeiten empfinden gerade diejenigen Künstler am deutlichsten, deren werdendes Werk darauf ausgeht, beim Beschauer, Leser oder Hörer einen stark erregten Seelenzustand mit der gleichen Kraft und ebendemselben Zauber hervorzurufen, mit welchem er vom Künstler selber erlebt worden ist.

So verharrte Moralt in gänzlicher Zurückgezogenheit bis gegen die Mitte des Monats März. Da war das gesamte Bild, Landschaft und Figur, so weit, daß er an den letzten bedeutsamen Teil der Aufgabe, an die Ausarbeitung des geistigen Ausdrucks im Kopf und in den Händen gehen konnte.

Ein gelindes Bangen überkam ihn von Neuem 287 bei dem klaren Bewußtsein, was Großes er gerade in diesen Partieen noch von sich verlangen müsse.

Tage folgten, in denen Nicolo mit unbefriedigtem Gesicht das Atelier verließ. Was Herr Moralt wohl jetzt hatte? In einzelnen Sitzungen sah er ihn überhaupt kaum mehr an, studierte dagegen oft sich selber zwischen zwei Spiegeln, lange, indem er dazu die Stellung der Bildfigur annahm und den Kopf vordehnte. Dann ging er kopfschüttelnd wieder an die Arbeit.

Weder der Anhalt, welchen der Italiener ihm bot, noch das, was er innerlich doch so lebendig vor sich sah, vermochte es, Moralt den Ausdruck auf dem Gesichte seines Jünglings im Bild so herausbringen zu lassen, wie er ihn bedurfte. Er malte mit einer Hingebung, einer Vertiefung, mit einem Ringen, sich endlich, endlich genug zu tun, wieder einen Tag und wieder einen Tag. Es gelang nicht. Verzweifelt schrieb er endlich an Rolmers. Als der erschien, erbat er sich von ihm gradaus das Opfer einiger Tage. Das unfertige Werk war nicht sichtbar. Selbst ihm konnte er sich nicht entschließen, es zu zeigen, bevor es ihm selber genügte.

»Du mußt mir den Gefallen tun, mir sofort meinen eigenen Kopf in der Stellung zu malen, die ich für das Bild brauche, und ebenso die linke Hand. 288 Nicolo gibt sich alle Mühe, aber es genügt nicht, und das Bild meiner Phantasie verflüchtigt sich, sobald ich es auf Einzelheiten prüfen will. Da habe ich mir schließlich gesagt: ich selber müßte eigentlich Modell sitzen. Denn, wenn ich imstande bin, das so mächtig zu empfinden, was ich in dem Kopf auf meinem Bilde ausdrücken will, so muß davon in meinem eigenen Antlitz, in meinen eigenen Händen zum Mindesten ein Wiederschein wahrzunehmen sein! Ja, ich, mit der eigenen Person, kann für das letzte Ausarbeiten des geistigen Ausdrucks wohl den allein wahren, gültigen Anhalt bieten.«

Rolmers fand die Idee durchaus richtig.

»Nun habe ich mich im Spiegel daraufhin studiert,« fuhr Moralt fort, – »und habe eine gewisse Bestätigung gefunden. Deshalb muß ich eine Skizze dieses Ausdrucks und dieser Hand von dir erbitten. Wenn ich an ihr einmal beständig vor Augen haben kann, wo am wesentlichsten, eigentlichsten jenes Unnennbare liegt, was ich meiner Figur einhauchen will, dann hoffe ich zu Ende zu kommen. Ich denke mir, aus dem Geistigen solch einer Skizze und dem Körperlichen des lebenden Modells muß das Nötige zusammenzubringen sein.«

Der Freund stimmte bei und machte sich bereitwillig an's Werk. 289

Auf Nicolos Bank saß in den nächsten Tagen Moralt selber, in der genauen Haltung seiner Bildfigur.

»Du bist bleicher geworden, Tino! in diesen letzten Wochen; du arbeitest entschieden zu viel!« bemerkte der Norweger, als er nach dem Zeichnen an die Farbe ging.

Ein schmerzlicher Zug flog über Moralts Gesicht.

»Ist denn deine Arbeit auf einem Punkt, wo dir gar keine Möglichkeit bleibt, dich dazwischen ein wenig auszuruhen, einmal ein paar Tage auszusetzen?«

»Nicht dran zu denken, mein Lieber! es ist auf Biegen oder Brechen. Jetzt bin ich so weit, daß es in einigen Wochen fertig sein kann, und das hält mich in einer Spannung, daß eine verbummelte Stunde, ein Abend der Zerstreuung mir einfach undenkbar ist!«

Rolmers biß sich auf die Lippen. In seinem derben Gesicht war eine mühsam unterdrückte Bewegung wahrzunehmen. Er antwortete im Augenblick nichts, aber er war mit dieser Abhetzung des Freundes sehr wenig einverstanden.

Er malte weiter.

»Sehr gut, dein Kopf, sehr gut, – – ich glaube, er wird dir viel Anhalt bieten,« ließ er nach einer Weile halblaut entschlüpfen, während er Moralt mit einer Bewegung des Pinsels andeutete, sich etwas 290 mehr in's Profil zu drehen, und aufmerksam die Linien verfolgte.

»Glaubst du?« fragte Moralt beruhigt.

»Der Mund hauptsächlich! Den Mund kann Nicolo unmöglich so zeigen wie du, – – dadrauf, in dieser Halböffnung der Lippen, die etwas zu sagen, zu wünschen scheinen, liegt viel.«

Der Andere, ohne sich zu regen, antwortete nur mit einem Zudrücken der Augenlider und hielt sorgsam seinen Ausdruck fest.

An dieser Partie gerade hatte er sich so vergeblich geplagt. Des Italieners etwas aufgeworfene Lippen hatten das Hervorbringen jener Feinheit in den Linien des Mundes verhindert, welche so wesentlich mitspricht im Ausdruck eines sehnsüchtig ausschauenden Antlitzes.

Rolmers erhob sich einen Augenblick, um ein Gerät vom Tisch zu holen, und Moralt benutzte die kurze Pause, um zu bemerken: »Du hast recht mit dem Mund, aber das ist auch das Einzige! Nicolos Nase zum Beispiel ist von der wunderbarsten Feinheit; eine männliche Bestimmtheit in der ganzen Form und dabei eine Weichheit und Jugendlichkeit in Modellierung und Ausdruck der Flügel! Dann wieder die Stirn, die Ansätze der Brauen! Man kann diesen Kopf in seiner fesselnden Mischung von Kraft und Kindlichkeit 291 nie zu Ende studieren. Die Natur scheint jede Einzelheit daran mit Liebe ausgearbeitet zu haben. Und alles in Flächen. Ich habe nie ein so flächiges, malbares Gesicht gesehen.«

»Weiß schon! ganz richtig!« bestätigte Rolmers, während er eine Stelle auf seiner Skizze wegkratzte, »ich werde mir ihn auch öfter verschaffen, wenn ich einmal mein eigener Herr bin. Dieser Kopf regt ungewöhnlich an.«

»Überhaupt ein nobler Bursch!« sagte Moralt.

»Und immer gleich gut mit ihm zu arbeiten?«

»Vortrefflich! Er ist anhänglich wie ein treuer Hund, wenn man ihn anständig behandelt. Wenn ich einen Diener genügend beschäftigen könnte, würde ich mir diesen Burschen sichern. Das scheint mir einer von den Seltenen, denen man zutrauen darf, daß sie zeitlebens bei einem bleiben. Wenn er nur seinen Husten einmal los würde! Ich fürchte, der hält es in München überhaupt auf die Dauer nicht aus.«

Der Norweger brummte ein gutmütig bedauerndes »hm!«

»Eine Ausnahme, diese Modellbrüder!« bemerkte er. »Stoogh rühmt den Kleinsten auch. Nicolo scheint die Brüder gut im Zaum zu halten. Stoogh hat eben einen neuen Amor nach dem kleinen 292 Bartolomeo ausgestellt. Du solltest dir ihn ansehen! Sehr gut! Wieder eine originelle Idee: Amor ist in einen breiten Korb voll frischer Rosen gepurzelt. Er erhebt sich soeben und reibt sich erschrocken mit dem rechten Händchen sein Bein, das zum erstenmal mit Dornen Bekanntschaft gemacht hat, während die Linke den Bogen und einen nicht abgeschossenen Pfeil halb unbeholfen, halb vergessen hält. Er war wohl eben auf der Gartenmauer des Hintergrundes am Schuß, als er rückwärts in den Korb herabplumpste. Die vollständige Absorbiertheit des Bürschchens in der Verblüffung ist wundervoll. Und gemalt! – nun, wie eben immer von Stoogh.«

Moralt hörte schweigend, aber aufmerksam zu.

»Und in den Kunstverein solltest du ebenfalls gehen. Valentins Zigeunerinnen sind dort. Ein Satanskerl! Wenn der in seiner Faulheit einmal die Pinsel anrührt, kommt immer etwas Besonderes zustande. Übrigens soll er, um seine Faulheit loszuwerden, jetzt neben der schmäleren Kost auch fort und fort reiten wie Einer, der Jockey werden will! Natürlich hat er mit dem Bild wieder den größten Erfolg. Du hast es wohl im Entstehen gesehen?«

Moralt nickte. »Also war der schon fertig mit jenem schwierigen Bild!«

Rolmers merkte, daß den Freund diese 293 Mitteilungen herabstimmten, und bereute, es mit dem Erzählen vom Schaffen Anderer wieder versucht zu haben.

»Laß dir nur keinen Moralischen dadurch erwecken!« mahnte er. »Der Bém ist ein glücklicher Routinier, du aber bist erst auf dem Wege, dich selber zu finden; da hat ein Vergleichen und Gegeneinanderhalten der Zeit keinen Sinn!«

Moralt warf abwehrend den Kopf zurück.

»Nein,« rief der Norweger, »du sollst dir nicht diese ewigen Vergleiche erlauben! Dir gehört einmal gehörig der Pelz gezaust. Danke du lieber deinem Geschick dafür, daß der materielle Punkt, der von hundert Malern neunundneunzigen Alles erschwert, für dich gar nicht in Betracht kommt, und fabriziere dir nicht künstliche Sorgen, die keine Berechtigung haben. Du dürftest nicht klagen, selbst wenn du zur Bewältigung einer Aufgabe wie der deinigen ein Jahr und mehr brauchen würdest!«

»Recht hast du!« gab Moralt zu, »nur gezaust am Pelz, es wird mir vielleicht heilsam sein. Ich fühle ja selber, daß man unmöglich sein Lebtag auf meine jetzige Weise produzieren könnte, – mit Klausur und Ängsten und ewigen Zweifeln. Vielmehr muß ernstes Schaffen und erträgliches Leben eines Tages in Einklang zu bringen sein. Ich rede überhaupt in letzter Zeit mit meiner Menschenvernunft manchmal zu 294 meinem Künstler, wie ein verständiger Alter zu einem ungebärdigen Jungen. Aber leider stürzt oft schon die nächste Stunde mir die aufgerappelte Stimmung wieder über den Haufen, und so muß ich erkennen, daß bis zur Beendigung dieses ersten Bildes nichts zu ändern ist. Lassen wir drum die Dinge diese paar Wochen noch gehen, wie sie gehen müssen. Steht einmal gelungen da, was jetzt gelingen muß, so wird die Wiederkehr solcher aufreibender Zeiten, wie ich glaube, auf immer ausgeschlossen sein.«

Rolmers begriff den Freund. Mit Reden und Raten war hier nicht zu helfen. So tat er denn, was in seiner Macht stand, kam in den nächsten Tagen jeden Morgen und jeden Nachmittag und legte dann die Skizzen als die gewünschten Förderungsmittel in Moralts Hände. 295

 

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