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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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17

Nicolo war ein wahrer Mitarbeiter Moralts geworden. Es steckte etwas von eigenem künstlerischem Ehrgeiz in dem Eifer und Interesse, mit welchem der Bursche bei der Sache war, – eine Eigenschaft, die an Modellen recht selten ist.

In der langen Zeit des Zusammenseins während dieser Wintermonate hatte er genugsam Gelegenheit gehabt, die Eigenart seines Malers kennen zu lernen, und da er ihm mit großer Anhänglichkeit ergeben war, hatte er sich möglichst danach zu richten bemüht. Er konnte jetzt, wenn er merkte, daß Moralt gut im Zuge sei, daß ihm die Arbeit nach Bedürfnis gelinge, die Ermüdung seiner Stellung weit über die gewöhnliche Zeit ertragen; er rührte sich nicht, um nicht eine Veranlassung zur Pause zu geben, sobald er merkte, daß das ununterbrochene Zuendeführen einer Stelle im Bedürfnis des Künstlers lag.

Er kannte nun genau die Bedeutung von Moralts Bewegungen, von diesen nervösen, plötzlichen Gebärden der Ungeduld, der Enttäuschung, der Unzufriedenheit mit sich selber, und es war zuweilen, als ginge ein magnetischer Strom hinüberleitend vom Maler 278 zum Modell. Auch Nicolo konnte dann wie niedergeschlagen aussehen, laß, ermüdet sein, während das Summen einer Melodie oder der erhöhte Glanz in Moralts großen Augen, wenn sie ihn prüfend anschauten, ihn selber freudiger und frischer stimmten.

Einige Male hatte ihn Moralt unter der Arbeit aufgefordert, ein Lied zu singen, da er wußte, daß Nicolo und seine beiden jüngern Brüder in der Akademie schon oft in den Pausen zur Mandoline gesungen hatten. Die Stimme war nicht übel, bloß beeinträchtigte ein leichtes Näseln, das im Sprechen fehlte, beim Singen ein wenig den Klang. Dennoch sang der Italiener Moralt gewisse kleine Lieder zu Dank, weil ein beständiges leises Heimweh nach seinem Heimatdorf Santa Maria, welches ihn nie verließ, seinem Gesang wahre Empfindung verlieh. Für Moralt vibrierte darin die unbewußte stete Sehnsucht einer unentwickelten, aber reichen Innerlichkeit. Bildete er sich das nun bloß ein mit seiner feinen, überall poetisierenden Empfindung, oder war es wirklich so? – Für die Wirkung der Lieder auf ihn kam das auf's Gleiche heraus.

Zuweilen glitt Nicolo in der Pause flink mit seinen nackten Füßen vom Podium herab und stellte sich, den roten Stoff oder eine Handvoll Kleidungsstücke, die er gerade erwischte, mit beiden Armen über 279 seiner bloßen Brust zusammenhaltend, vor die Leinwand, sein Ebenbild lange betrachtend. Daß seine Hand nicht war, was Moralt brauchte, kränkte ihn immer auf's Neue; er hätte so gerne sein Möglichstes getan, den Künstler zu befriedigen und fühlte doch an Moralts Blicken, an dem Umstand, daß dieser nach allen Versuchen, die Hand weiter auszuführen, immer wieder zu andern Stellen überging, daß er ihm hierin nicht genügte.

An mehreren Tagen, wenn die Arbeit gut vonstatten gegangen war, hatte Moralt den Burschen zu Tisch da behalten und nur eine Stunde Unterbrechung gemacht. Dann berichtete Nicolo nicht wie andere Modelle, Klatsch und Geschichten aus andern Ateliers, obwohl er Moralt auf seine seltenen Fragen immer einfache, rückhaltlose Auskunft gab, sondern, als fühlte er bei diesem Maler, was er sonst nirgends fand: Teilnahme an seinem Menschlichen, begann er meist von seiner Heimat zu erzählen, von der großen Familie, die sie mit ihrem Weggang zu Dritt hätten erleichtern wollen, von seiner kleinen Schwester Ninetta, die gestorben war, weil sie zu schön und zu gut gewesen zum Leben, wie auch die Mutter gesagt, – von seiner Schwester Mariuccia, die mit den Brüdern hatte gehen wollen, und die er nur mit Mühe hatte abhalten können. Sie war bei seinem Weggang 280 fünfzehn Jahre alt gewesen und sein Liebling unter den acht noch lebenden Geschwistern. Seit er selber genau wisse, was Modell sein bedeute, sei er nicht nur doppelt zufrieden, das Mädchen nicht bei sich zu haben, sondern trachte darauf, auch die Brüder zurückzuschicken, sobald die Ersparnisse ihnen das erlauben würden.

»Nit Modell bleiben sempre, nit gut für klein Giuseppe und Bartolomeo! Kann schaffen Gärtner bei principe Gondi in Santa Maria, alle Zwei! ist besser als Modell für so junge Bub!«

Bartolomeo, der jüngste, ein elfjähriger Knabe mit einer gelblichblassen, wachsmatten Haut und großen, braunen Augen, war fast ausschließlich im Atelier des Malers Stoogh, eines Engländers, beschäftigt, der Amorettenbilder von originellem Genre malte und eine bewundernswert einfache, sichere Zeichnung bei einer Vorliebe für krankhaft bleiche Fleischfarben besaß. Dieser Künstler brachte den kleinen Bartolomeo immer und immer wieder, als Genius, als Amor in allen möglichen Beschäftigungen. Er hatte ihn schon gemalt als halbnackten Harlekin, hatte ihn gemalt mit Schwimmhöschen aus Spinnweb in einem riesigen Spinnennetz, hatte ihn gemalt, Ganz-Akt mit Schmetterlingsflügeln, an einem Bach in abendlicher Wiese stehend, ein blühendes Reis in den 281 Händen am Rücken, dem Gesang zweier Vögel über ihm in den Weiden lauschend, – ein Idyll von zartestem Reiz.

So hatte der Kleine eine gewisse regelmäßige Kundschaft. Giuseppe aber, der zweite, war angewiesen, von Atelier zu Atelier, dazu noch meist in Schulen, seinen Verdienst zu suchen, und da er ein lebhafter und geriebener Bengel war, sah Nicolo von einem Weitertreiben dieses Berufes nichts Gutes für den Bruder voraus. Die drei Burschen zusammen hatten in den drei Jahren, seit sie in München waren, schon ein nettes, kleines Sümmchen nach Hause geschickt, da sie außer ihrem Modellstehen noch allerlei kleine Nebenverdienste innerhalb der Malerwelt fanden. Sie machten Musik auf den kostümierten kleineren Malerkneipen während der Faschingswochen, sie wurden mitgenommen auf die Maifeste und Sommerpartieen, sie waren die Ausläufer einzelner Künstler, bei denen sie oft standen, und zu Hause trieben sie einen kleinen Handel mit Orangen, Zitronen, Kastanien und trockenen Feigen, die ihnen von daheim geschickt wurden, und die sie an Obstfrauen ihres Quartiers verkauften.

Es war etwas Wackeres, Tüchtiges in dem Ältesten, etwas, was eine bessere Entwicklung verdient hätte, als es bei den armseligen Verhältnissen hatte finden können. Daß er ein vollständiges Kind 282 geblieben war in vielen Dingen seines Innenlebens und auch in manchen Fragen der Welt außer ihm, ein naives, seinen Impulsen folgendes Kind bei so viel äußerer Erfahrung, hatte ihn Moralt so sympathisch gemacht. Das brach, wenn er durch den Maler zum Reden ermuntert war, oft plötzlich durch mit einer Flut von Fragen, von jenen alle Einzelheiten verfolgenden, alle letzten Gründe suchenden Fragen, mit denen siebenjährige Knaben wohl ihre Umgebung zu quälen pflegen. Aber Moralt freute sich, wenn irgend ein Gegenstand, auf den er ihn zufällig gebracht, diese nicht zu befriedigende Wißbegierde heraufbeschwor.

Ein solches Thema war die Skulptur. Noch immer war es Nicolo nicht gelungen, bei einem Bildhauer Modell zu stehen, und gerade dieses Fach interessierte ihn über Alles. Es lebte in seinem Innern ein dunkles Wünschen und Hoffen, sich selber in der Bildhauerei zu versuchen. Sie hatten als Buben daheim schon aus schlechtem Ton Madonnen und Heilige gemacht, und er hatte einen heiligen Johannes mit dem Lamm fabriziert. Das Lamm stand heute noch zu Hause auf einem Brett, während der Heilige selber, weil er zu groß gewesen zur Sprödigkeit des von den jungen Künstlern schlecht verstandenen Materials, längst zusammengefallen war. 283

Der Geldpunkt bei der Bildhauerei beschäftigte nun Nicolo überaus lebhaft. Moralt konnte ihm nicht Fragen genug beantworten über Ton, Gips, Marmor, Bronze; über den Gang einer Bildhauerentwicklung und über die Aussichten und Möglichkeiten, sich dabei von Anfang an ohne Geld durchzubringen. Oft, wenn der Italiener mit einem Anlauf von Mut und Zuversicht verhieß, sobald die Brüder mit dem jetzigen Ersparten heimgeschickt seien, sein erstes weiteres Geld für Ton und einen Lehrer auszugeben, mußte der Maler alle Beredsamkeit aufbieten, ihn davon abwendig zu machen und ihm zu erklären, wieviel anderes, zeichnerisches und anatomisches Studium vorausgehen müsse, bis man Ton zu kaufen brauche.

Aber dann schüttelte der Bursche seinen schwarzen Kopf, wie ein Kind, welches der Mutter nicht recht traut, die ihm einen Wunsch mit Bangemachen ausreden will, und meinte lachend: »i probieren doch, signore! i haben schon viel sculture 'macht!«

Es blieb sein Traum, daß er der kleinen Ninetta einst ein wunderschönes Grabdenkmal machen werde, ein Relief, wie sie als Engelein aus dem Kreis der neun andern Kinder, die ihr nachschauen, davonschwebt. 284

 

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