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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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16

Fasching war verrauscht. Nach all der zerstreuenden, tollen Lust ward überall in den Ateliers mit neuem Eifer gearbeitet. Trüb war der Februar zu Ende gegangen; jetzt warf der beginnende März die ersten wärmenden Sonnenstrahlen durch die Fenster.

Eine bedeutsame Woche lag hinter Moralt. Er hatte in Bezug auf die Durchführung seiner Landschaft, die ihn immer nicht wahrhaft zu befriedigen vermocht, eine gänzliche Wandlung seiner Ideen erlebt. Nach jenem Disput mit Holleitner im Herbst hatte er sich so in den Gedanken eingelebt, mit seinem Werk eine gewisse Mission in der jungen Künstlerwelt zu erfüllen, daß er sich von da ab nicht mehr einzig von seinem eigenen künstlerischen Bedürfnis hatte leiten lassen, sondern auch von ebendieser, lediglich malerischen Tendenz: ein poetisches Bild zustande zu bringen, welches zugleich vor den strengsten modernen Ansprüchen an Naturwahrheit unanfechtbar dastehen sollte. Allein das Vereinigen dieser realistischen Peinlichkeiten mit der Großartigkeit und Kraft der Stimmung, die er anstrebte, hatte sich ihm je länger je mehr als eine für ihn unüberwindliche Schwierigkeit 275 dargestellt, als der eigentliche Grund mancher seiner Verzweiflungen erwiesen.

In dieser Woche nun war er zu der klaren Einsicht gekommen, inwiefern bei einem Werke von der Art des seinigen, die nach der Natur gemachten Studien immer modifiziert werden mußten, wenn sich das Landschaftliche dem Gedanken des Ganzen wahrhaft wirkungsvoll einfügen sollte. Durchgebrochen war die Überzeugung, daß dies auch für ihn der einzige Weg zum Ziele sei, dank einer langen Wanderung durch die Galerie des Grafen von Schack. Schwind und Böcklin hatten ihm da das Richtige geoffenbart. Wie war bei diesen beiden großen Poeten der Malerei die Naturanschauung und -darstellung groß und eindringlich, und doch, wie weit ab von einer realistischen Wahrheit jener Art, wie er sie – nicht aus eigenem Bedürfnis, sondern um einer bloßen Nachgiebigkeit willen – in seiner Darstellung verlangte! Wie vermochte ihn die Natur selbst bei Schwind zu packen, der sie doch sozusagen romantistilisiert hatte, und über den so viele Moderne nur lächelten! Wie packte sie ihn, eben weil die poetische Empfindung, welche diesen Künstler das Landschaftliche so und nicht anders darstellen ließ, so echt und tief war! Und bei Böcklin! Wie zeugte da Alles von eminentestem Naturstudium, von einer großartigen, wunderbar auf das Wesentliche 276 ausgehenden Anschauung, und doch, wie himmelweit entfernt war auch hier Alles, kopierte Natur zu sein! Wie ordnete sich die bloße Wahrheit vollständig der künstlerischen Idee unter. Wohl blieb es Natur, aber Natur, wie sie durch die Seele eines Künstlers gegangen. Und so einzig durfte sie sein: wie sie durch die Seele des Schaffenden gegangen.

Das hatte der junge Maler von dem Nachmittag in der Schack'schen Galerie nach Hause getragen, und weg warf er alle Ängstlichkeit und alle Zweifel, die ihn immer wieder verhindert hatten, sich im Charakterisieren seiner Landschaft genug zu tun.

Eine Reihe von Tagen hatte er darauf mit einer wahren Neubelebtheit gearbeitet und das Bild in ein ganz anderes Stadium gebracht. Jetzt endlich, da er sich einzig noch von seinem eigenen Bedürfnis leiten ließ, steigerte sich Alles so, wie er es haben wollte, kam er dem Ausdruck dessen näher, was in seiner Vorstellung glühte. Jetzt erst begann das Werk zu wachsen, zu werden; jetzt erst konnte er daran denken, sich mit voller Hingabe auch wieder der Figur zuzuwenden. 277

 

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