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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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15

Kostümierte Feste und Bälle, kostümierte Soupers, kostümierte Künstlerkneipen und Ateliergesellschaften, kostümierte Kegelpartien – München tollte längst in seinem Fasching, Moralt saß noch immer abgeschlossen in seinen vier Wänden.

Billet um Billet und Karte um Karte waren die Einladungen auch zu ihm geflogen; er hatte bisher Alles abgesagt. Aber zuletzt erfaßte der bunte Wirbel auch ihn, er mochte wollen oder nicht, er mußte hinein in den allgemeinen tosenden Reigen, in den großen, berückenden Farbenrausch. Die Rahde-Schule, mit einer zweiten Privatschule gemeinsam, gab ein Fest. Dreihundert Einladungen an junge Künstler und an ältere Ehrengäste waren versandt, gegen vierhundert Anmeldungen erfolgt. Ein Riesensaal war gemietet und seit Wochen von allen Klassen an den Dekorationen gearbeitet worden.

»Eine Zukunftsweltausstellung der bildenden Künste in München« war als Charakter des Festes angegeben, und es nahmen, wie an den Kostümfesten der königlichen Akademie, nur Herren teil. Die Freunde bestürmten Moralt. Das war der günstigste, 255 der plausibelste Anlaß, ihn seiner Isolierung zu entreißen.

»Du brauchst wahrlich nicht viel Zeit mit dem Erfinden einer Figur zu verlieren,« sagte Rolmers, »die Kostümvorschrift ist diesmal weitumgrenzt genug! Einen Künstler aus irgend einem Winkel des Erdballs vorzustellen, oder sonst ein beliebiges Individuum, welches auf solch' einer Ausstellung denkbar ist, dazu braucht es kein Kopfzerbrechen. Du lieber Himmel! aus wie vielerlei Typen besteht ein gaffendes Publikum!«

»Nun denn, ich komme!« sagte Moralt.

Er hatte in früheren Jahren mit ausgezeichneten Figuren geglänzt, aber diesmal fernzubleiben vorgehabt, weil ihm Stimmung und Zeit fehlten, etwas neues Sorgfältiges zu kombinieren.

»Ich komme als leibhaftiger moralischer Kater, gebt Acht!« spottete er über sich selber.

»Famos!« rief Rolmers, ihn beim Wort nehmend, »es wird allegorische Figuren genug geben.«

»Ich weiß drei!« versicherte Holleitner, »Lanz und zwei seiner Freunde! Die gehen als Genien der Kritik, der Reklame und des Dilettantismus. Stoogh, der Engländer, feuerrot als Reklame, mit feuerroten Flügeln, grünem Lorbeerkranz um den Bauch, einem goldenen Strahlenschein auf dem Kopf und einer 256 Ruhmesposaune. Lanz als Kritik, ganz in geschwärzten Lorbeerblättern, mit großen Eselsohren und einem Halskragen aus Gänsefedern, eine kleine Guillotine wie eine Drehorgel vor sich, auf der er unermüdlich kleine Malerfiguren köpfen wird, – und Weltach, du kennst ihn, mit seiner dicken, anspruchsvollen Figur? als Dilettantismus in schreiend grasgrünem Trikot, mit lächerlich winzigen, gestutzten Flügelchen, einem ungeheuerlich genial zurechtfrisierten Künstlerhaar, einer Dummriansnase, die in die Luft ragt, und absolut leeren Händen!«

»Vortrefflich, ich bleibe bei meinem ›Moralischen‹!« verhieß Moralt.

In einer Stunde war andern Tages das Kostüm entworfen und dem Schneider übergeben, einem obskuren, verkommenen Dekorationsgenie, der ihm und einigen Kollegen schon in den früheren Jahren nach seinen Angaben mit vielem Verständnis gearbeitet hatte.

Das Fest wurde für Moralt eine wahrhafte Auffrischung, eine Erheiterung, wie er sie nicht erwartet; es belebte nach den einsamen Wochen gewaltsam seinen ganzen Menschen und regte ihn erfreulich an zum Weiterschaffen. Es war ein Fest voll solchen Lebens, voll solchen künstlerischen Zuges, voll solchen jugendlichen Feuers und faschingstollen Übermuts, 257 daß auf ein paar Stunden in ihm unwillkürlich jener Tino wieder erwachen mußte, welcher in der Lustigkeit des Augenblicks sein Bleigewicht zu vergessen vermochte.

Seine wirkliche Laune stimmte nach der ersten Stunde, in welcher er seinen Charakter gut durchgeführt hatte, schon ganz und gar nicht mehr mit seinem melancholischen Kostüm des künstlerischen Katzenjammers. Ein Meisterstück raffinierten, malerischen Geschmacks, hatte dieses beim Eintritt mit den drei Genien der Reklame, der Kritik und des Dilettantismus stürmischen Beifall geerntet. Dann war die graue Figur im Wirbel der Farben untergegangen und huschte nun hier und dort dahin, viel lebhafter, als es einem Katzenjammer erlaubt war.

Das Gewimmel, die Dekorationen, das Licht, die Musik, Alles war von einem gleichen Zauber, von einer gleich ungewohnten Art von Pracht. Schaustellungsbuden aller Völker, Kunstwerke aller Möglichkeiten, Erfindungen zu kinderleichter Herstellung von Bildern nach allen ersinnbaren Systemen, waren zu dieser Zukunftsweltausstellung gesandt worden. Neben der Bavaria-Statue aus bayrischen Rüben und der Venus von Trudering aus dürren Zwetschgen prangten die wunderlichsten Genrebilder der Wilden, der Cassaguen aus 258 Neu-Kaledonien, – das Landschaftliche aus Palmblättern, die Figuren aus rohem Kalbfleisch, fix und fertig, um von einem kunstliebenden kannibalischen Publikum gefressen zu werden. Europas Malerei war in zwei Paläste verteilt, in einen spinatgrünen: »Pleinair«, und in einen aus gebeiztem und angeräuchertem Holz: »Braune Sauce«, – und die hellen Landschaften und Marinestücke, mit Zucker bestreut, fanden gleich reißenden Absatz, wie die Historienbilder und Porträts berühmter Zeitgenossen, welche, mit gebranntem Honig lasiert und stellenweise mit Pfeffer überschummert, ein ganz altmeisterlich respektables Aussehen hatten. Neben den Hallen der Kunst die Kioske, Zelte und Buden zur Belustigung des Publikums; die indischen Gaukler, Akrobaten verschiedener Nationen, die spanischen Tänzerinnen, die Pantomimenspieler. Und das Volk! Das hundertköpfige Volk der Reichen und Armen, vom indischen Fürsten mit seinem glänzenden Gefolge, von der japanischen Kolonie mit den wunderbaren Farben und Goldstickereien ihrer Atlasgewänder, von den reich uniformierten Armeniern und Türken immer europäischer, bis zum einheimischen Dachauerbauern mit seiner Alten und dem Gebirgsburschen mit seinem Dirndl, welche mit allerlei zutreffenden Bemerkungen die Bildln und geschnitzten Herrgöttln 259 betrachteten. Dann ein Heer von Gaunern, von trinkgeldhungrigen Packträgern, Hausknechten und Dienstmädchen, von Bärenführern und Taschendieben, die von allen Seiten die Neuankommenden belästigten. Dazwischen unaufhörlich arme Maler, in abgeschabten und überflickten Röcken, ein Bildchen unterm Arm, das sie kläglich jedem Bessergekleideten feilboten. Ellbogentätig wälzte sich ein millionenreicher Bierfürst durch die Menge, dem das Herumbaumeln seiner goldenen Wagenkette auf der buntgewürfelten Weste, das Flunkern und Glunkern seiner zahllosen Berlocken und Ringe nicht genügte, seinen Reichtum zu bekunden, sondern der in seinem Protz auch seinen ungeheuren Dickschädel vollständig hatte vergolden lassen und nun wie ein lebendig gewordener Pagode durch das Gewühl der Völker dahinwackelte, überall mit fröhlichen Hurrarufen begrüßt.

Im Winkel einer japanischen Veranda, eine Tasse Tee in der Hand, stand Moralt im Gespräch mit seinem Meister Rahde, der in einem kostbaren, weiß und grünseidenen, mit Silber überstickten orientalischen Kaftan ging, einen Turban mit Reiherbusch und Brillantagraffe auf dem Kopf. Um sie her auf dem Boden kauernd, eine bunte Gesellschaft von Asiaten. 260

Um Moralts dunkles Haar lief ein fahl schwefelgoldener Reif, in dessen eine Hälfte ein welkes Lorbeerreis befestigt war, während sich durch die andere ein grüner Lorbeer schlang. Ein rotes Band, das beide Zweige hinten vereinigte, war die einzige lebhafte Farbenwirkung in der ganzen Erscheinung. Den Körper bedeckte ein mausgraues seidenes Trikot, dazu ein kurzes Höschen, aus grauen Fellchen zusammengenäht, und faltig umgeschlagen eine Gewandung aus dünnem, grauschwarzem Flor, welcher in Fetzen gerissen und dann vermittelst großer, weiter Stiche wieder genäht war, was dem Gewebe den Charakter von Spinnweb gab. Überall zwischen diesem stumpfen Flor schillerten, düster und weich in ihrem gedämpften Glanz, auf Armen und Beinen und am Körper Metallpailletten hervor, welche in allen Farben des schwarzen Perlmutters zusammengestellt waren; in jenen eigenartig melancholischen tiefen Violett, Metallgrün, Stahlblau, Rötlichschwarz und Bläulichschwarz, welche diese seltenen, auf dem Meeresgrund vorkommenden schwarzen Perlmuscheln zeigen. Ein Flug von Fledermäusen, größere und kleinere, in erhöhter Arbeit aufgesetzt, die Körper aus grauen Fellchen, bildeten den Saum des freifliegenden Zipfels am Gewand, während da und dort Silhouetten von Lorbeerzweigen, aus 261 dünngeschlagenem, braunoxydiertem Metall, auf das graue Gewebe verteilt waren und mit ihrem dumpfen Schimmern kaum hervortraten.

Moralt betrachtete entzückt das Gewimmel, während sich Rahde auf ein Kissen niederließ, das ihm einer der Zunächstsitzenden angeboten. Noch immer kamen neue Gäste, obwohl das Fest schon vor einer Stunde seinen Anfang genommen hatte. Gerade der Veranda gegenüber war der Eingang, in Form eines achteckigen Vorraumes, in welchem die Leiter des Festes empfingen, und der mit phantastisch gestickten, sehr hellen japanischen Seidenstoffen behangen war. Alte Rosa, blasse Himmelblau, lichte Graubraun als Grundton, auf denen zwischen den matten Farben der Stickerei, vornehm und diskret, bleiches Gold und silberne Wasserlinien schimmerten. Das elektrische Licht des Saales war in mattfarbige Stofflaternen eingeführt und in mehrfachen Proben durch immer neues Abtönen zu einer Beleuchtung gestimmt worden, welche den verwöhnten Künstleraugen den feinsten Genuß der Farbenpracht von Kostümen und Dekorationen bot.

»Der Japanismus nimmt bei uns noch immer zu«, bemerkte Moralt gegen Rahde, »sehen Sie dort!« – und er deutete auf den Vorraum, wo eben wieder eine Gruppe wundervoll echter Figuren mit 262 tadellos japanischen Köpfen erschien und mit putzigen Verbeugungen und Kniefällen das Komitee begrüßte. Die Damen mit ihren hohen, nadelbesteckten Frisuren kokett einherwatschelnd mit einwärts gebogenen Füßchen.

»Ganz gut!« gab Rahde zurück, »wir haben auch noch viel davon zu lernen; es schult die Empfindung für's Dekorative und gibt Freiheit; ich begrüße das, es ist an der Zeit; die Franzosen sind uns darin längst vorangegangen!«

»Zum Teufel auch, wenn das nicht Podjenyi ist!« rief Einer und zeigte mit seinem Fächer auf eine große Figur unter den eben Eintretenden, die ganz rasiert und graugelb von Haut, das pechschwarze Haar japanisch zugestutzt, in grauem Atlas steckte, in einem weichen, schimmernden Atlas, der über und über mit blutroten, goldenen und schwarzen Reihern bestickt war. Eine meergrüne Schärpe mit braunem Geäder um den Leib und einen rotgoldenen Fächer in den Händen, mit dem sie lebhaftes Spiel trieb. Moralt wollte sich vergewissern und beugte sich herab, als eine spanische Tänzerin auf die Veranda zutrippelte und ihm lebhafte Zeichen machte; kokett, so graziös, daß er einen Augenblick stutzig ward, ob es nicht wirklich ein Mädchen, irgend ein hereingeschmuggeltes Modell sei. Jetzt stand sie unter dem 263 Bambusgeländer: – Holleitner! Das Schnurrbärtchen, sein Stolz, war der Maskerade geopfert, das hübsche Gesicht geschickt geschminkt, den großen, dunkeln Augen mit Khool zu größerer Wirkung verholfen. Eine hohe, zierliche Frisur, ein raffiniert zusammengestelltes Kostüm aus gelber Seide mit breiten schwarzen Spitzen, mit einem schwarzen Samtjäckchen und Veilchen. Unter dem Ballettröckchen ein ganzes Wölklein von Unterröckchen aus Mousseline, die sich einwärts von Schwefelgelb bis zu Weiß abtönten und bei jeder Bewegung der rastlosen, zierlich in rotseidenen Trikots steckenden Beine das echteste Auf und Nieder eines Ballerinenkostüms nachmachten. Lauter Beifall begrüßte die schöne señora in der Teegesellschaft, wo sie sich ohne Weiteres an des grauen Katzenjammers Arm hängte.

»Du hast aber wirklich Figur, Kleiner!« gestand Moralt, über des Freundes erstaunliche Verwandlungskunst ungeheuer belustigt.

»Glaub's wohl! ich ersticke auch beinahe. Rolmers hat zugezogen, da kannst du dir denken, daß es Taille gab!«

»Und da oben?«

»Lauter Servietten! Nicht eben lustig zum Atmen! Uff! wenn ich nur meine Tarantella hinter mir hätte!«

»Tarantella?« 264

»Oh, mein Lieber! Du wirst schauen! – – Da holen sie mich schon!«

Ein Stierkämpfer, der sich durch's Gewühl heranzudrängen versuchte, machte der Schönen lebhafte Zeichen, sich doch hinüber nach der Bude der Sevillaner zu verfügen, wo die Vorstellung beginne. Ein zärtlicher Blick, eine Kußhand, und die Gelbschwarze war Moralt entglitten, einen leisen Duft von ihren Veilchen hinterlassend. Die Gesellschaft der Veranda folgte nach.

Schauspiel reihte sich an Schauspiel. Die Donnerstagsgesellschaft des Ateliers Resemann hielt eine Seiltänzerbude. Resemann in roter Perücke als Athlet. Das Publikum saß in einem großen runden Zelt, dessen Inneres mit Zirkusszenen aus einer nie dagewesenen Zeit bemalt war, auf weichen Kissen am Boden.

Valentin produzierte sich unter Stürmen von Applaus. Er war in seinen Leistungen ein verblüffender Akrobat und ein wahrer Künstler zugleich. Er machte Dinge, die kein Seiltänzer macht, die nur einem Maler oder Bildhauer einfallen, der die Turnkunst als Kunst, und nicht als Gliedervirtuosentum empfindet.

Sein Körper, an sich ein Meisterwerk der Plastik, steckte in einem Trikot, das vollständig mit kleinen 265 Metallschuppen überdeckt war; mit Schuppen, die sich von Silber ins Bläuliche und Grünliche schattierten und mit der Kunst eines Bildhauers, der genau alle Formen kennt, in ihrer helleren oder tieferen Färbung nach der Modellierung der einzelnen Körperpartieen verteilt waren. Um die Hüften lief ein schmaler Gürtel, von dem länger und kürzer, in den Farben der Schuppen, Metallstreifen niederhingen. Der antike Kopf mit dem schwarzen Haar und den grünen Augen war nie so zur Geltung gekommen, wie in dieser halb statuenhaften Gesamterscheinung.

»Seine Trainage hat famosen Erfolg gehabt,« sagte Rolmers, der neben Moralt saß und als Menschenfresser nur an seiner herkulischen, nun fast beängstigenden Größe wiederzuerkennen war, – »wahrhaftig! der Kerl hat Linien wie die Bronzen der Alten!«

Kunststück um Kunststück führte der Bém aus, am Trapez und auf dem niedrig gespannten Seil. In seiner großen, schlanken Figur eine Mischung von Kraft und vornehmer Eleganz, in allen seinen Bewegungen ein Rhythmus, eine Anmut und Ruhe, eine Leichtigkeit, die alle Anstrengung übersehen ließen. Zuweilen erschreckte er die Zuschauerschaft mit plötzlichen fingierten Stürzen, bei denen er in der letzten Sekunde mit der Kniekehle des schnell noch gebogenen 266 Beins, oder mit einer Bewegung des Armes, dem Griff einer Hand an seinem Trapez hängen blieb.

»Ein rechter Teufelsbraten!« bemerkte ein alter Akademieprofessor, der als ägyptische Mumie verkleidet, dem Feste und dieser Vorstellung beiwohnte. »Man würde glauben, es sei einst sein Metier gewesen!«

»Es ist das auch so halb und halb, Herr Professor,« erklärte ein daneben sitzender Japaner, der eben vom Messerwerfen aus seiner Bude herübergekommen war, und dem von der gelben Schminke seines heißen Gesichtes dicke Tröpflein über die Haut in die gestreifte Seide seines Kittelfutters rollten, – »einen großen Teil seiner Zeit verbringt er in seinem Atelier doch oberhalb der Staffelei. Er verwendet ebensoviel Studium auf seine akrobatischen, wie auf seine malerischen Probleme!«

Die Mumie lachte. »Glaub's, glaub's! war schon bei mir ein ganzer Clown; ließ sich, als er in der Antikenklasse war, einmal als Akt total mit Gipsmehl pudern und auf einen Sockel stellen. Kam grad' dazu! Hat übrigens wunderbare Formen, wunderbare Formen; hab nie an einem Lebenden so genau die Verhältnisse der Antike gesehen!«

Schauderhaft waren die amerikanischen Clownerieen Harkmers, der in seiner ganzen Länge mit einem 267 orangefarbenen Trikot überzogen war, auf welchem grasgrüne Frösche klebten, und der zwei Neger glossierte, welche zur Guitarre ihrer Nigger-Lieder und den unvermeidlichen yankee doodle näselten.

In dem unaufhörlichen Wechsel von Augen- und Ohrengenüssen, welcher Stunde auf Stunde unbemerkt verfließen ließ, tauchte spät auch Zakácsy an der Spitze einer Zigeunermusik auf. Total zerrissen und zerlumpt, die Bratsche im Arm. Fast lauter Ungaren, zog die Bande mit ihren dunkeln Köpfen, ihren abgetragenen, schmutzigen, echten Zigeunerkostümen, mit dem eigenartig wilden, feurigen Reiz ihres Gehabens, aber vor Allem mit ihrem hinreißenden Spiel überall, wo sie erschien, das ganze bunte Gewoge hinter sich her.

Um Mitternacht begann der Tanz. Aber noch waren die Produktionen lange nicht zu Ende. Duplessy in seiner Bude hatte seine Pantomime gleichsam zum Dessert aufgespart. Sein Raum, ein türkisches Café mit prachtvollen Dekorationen, war übervoll von Gästen, als um ein Uhr früh die Vorstellung begann. Moralt kam mit der Spanierin und dem Menschenfresser direkt hinter den dicken grasgrünen Dilettantismus zu sitzen, dessen Flügelchen, so klein sie waren, für die Nachbarn unbequem wurden, und der denn auch galant der Schönen seinen Vorderplatz abtrat. 268

Duplessy hatte den Stoff zu seinem Stück einem französischen Seiltänzerroman entnommen und ihn nach seinem Geschmack in Szene gesetzt. Es war eine Pantomime, die ein alter italienischer Seiltänzer zu Anfang des Jahrhunderts erfunden hatte, und deren weibliche Hauptfigur von einem Manne gespielt werden mußte, in dem die Zuschauer, trotz trefflicher Maske, bald Duplessy selber erkannten.

»Der verzauberte Sack! meine Damen und Herren!« schrie mit dröhnender, marktschreierischer Stimme der Budendiener – Äbi – in schwefelgelber Livree mit blitzblauen Aufschlägen. Äbi! der sich in Zivil vor jeder zahlreicheren Gesellschaft gescheut haben würde, die kleinste Rede zu halten. Die Freunde, herrlich amüsiert von seiner ungewohnten Dreistigkeit, machten sich ihm durch lebhafte Zeichen bemerkbar, was ihn einigermaßen aus der plötzlichen, pflichternsten Grandezza brachte, mit der er gerade einigen zuletztgekommenen älteren Berühmtheiten noch schnell Plätze zu verschaffen im Begriff war.

Zur Musik einer Drehorgel, einer Geige und einer Flöte, und mit der einzigen Dekoration einer vielteiligen spanischen Wand, deren Bekrönung in Form von Minaretten ausgezackt war – was Konstantinopel darstellen sollte – begann die Vorstellung. Die Pantomime war folgende: 269

Bild 1. In der Umgegend der Stadt Konstantinopel lustwandelte Duplessy als Engländerin verkleidet. Blaue Brille, die dem Gesicht den Ausdruck einer Nachteule gab, flachsblonde Bandeaus, ein monströser Kapothut mit wehendem Schleier, eine lächerliche, gewürfelte, englische Toilette.

Bild 2. Begegnung der Engländerin mit zwei schwarzen Eunuchen.

Bild 3. Überredungssüchtige und unmoralische Pantomimen der Eunuchen, die der Engländerin alle Vorzüge und Freuden aufzählen, welche sie im Serail des Sultans finden würde.

Bild 4. Tugendhafte und entrüstete Pantomime der Engländerin, die erklärt, daß sie eine honette Miß sei und entschlossen, eher umzukommen, als auf ihre unbescholtene Reputation zu verzichten.

Bild 5. Raubangriff auf die Engländerin. Heldenhafter Widerstand der jungen Dame. Zuletzt zieht einer der Eunuchen einen Sack hervor, steckt sie mit Hilfe seines Kameraden einfach hinein, macht einen Knoten mit einer Schnur, die er fest um den Saum des Sackes wickelt.

Bild 6. Aufladen des Sackes mitsamt der Unglücklichen auf den Rücken der beiden Schwarzen, trotzdem sie strampelt und sich wehrt, wie ein erwischter Teufel. 270

Und nun kam der Knalleffekt. Im Augenblick, da die zwei Eunuchen mit ihrer Beute verschwinden wollten, öffnete sich die untere Naht des Sackes, und heraus glitt die englische Miß – – – im Hemd, und floh, was die Beine trugen, mit wilden Äußerungen des Entsetzens und tausend kleinen verschämten Gebärden von höchster Komik, – und immer verfolgt von den zwei schwarzen Eunuchen, stolpernd und sich überschlagend unter dem Gelächter der Zuschauer, und wieder auf und davonrennend, noch verhetzter, noch entsetzter, noch komischer verschämt in ihrer weißen, unschicklichen Nachttoilette – bis sie schließlich mit einem kühnen Sprung durch ein Fenster verschwand, das sich plötzlich in der spanischen Wand öffnete.

Die Heiterkeit im türkischen Café war ungeheuer, war angeschwollen von Bild zu Bild und drang hinaus auf die Budenstraße, wo sich in immer dichterem Gedränge die bunte Menge durcheinander bewegte.

Um drei Uhr hatte Moralt Verabredung mit seinen Freunden zum Speisen vor der Risottoküche der Italiener. Dort tauschten sie, eine ganze Bande, in der Mitte die schwarze Kritik mit ihren Eselsohren, ihrem Gänsefederkragen und ihrer kleinen, geistreich konstruierten Malerguillotine am Tragband, während einer Stunde fröhlich ihre Eindrücke. Drüben, wo Rahde unter einem Baldachin, von zwei Kuli gefächelt, mit 271 einigen Professoren als Gast der Indier speiste, wurden ihm immer neue originelle Ovationen gebracht. Er war der Gefeierte aller jetzigen und früheren Schüler.

Der Morgen graute, als Tino sich zum Heimgehen wandte.

In seinen Pelz eingehüllt, den fahlen Goldreif mit dem welken Lorbeer noch im Haar, stand er einen letzten Augenblick unter dem Eingang, auf Rolmers wartend, der in der Garderobe etwas umständlich sein leichtes Kostüm zur Heimfahrt mit Stiefeln und Decken vervollkommnen mußte, und überschaute nochmals dieses weiter und weiter dauernde, unbeschreibliche Wogen und Durcheinanderschwirren der wechselnden Figuren von Reichen und Bettlern, von Greisen und Jungen, von Herren und Bauern, von Schönen und Häßlichen. Diesen wirbelnden, farbenglänzenden Schwarm, in welchem Jeder das vorstellte, was er nicht war, wo der arme Schlucker in Fürstengewändern prangte und der kleine Paschke dort, so reich an Geld und so arm an körperlicher Kraft, sich in einem groben, schmutzigen Holzknechtkleide Mühe gab, einmal derb und jugendfrisch zu erscheinen und mit seiner Blasiertheit den ländlich Naiven zu spielen vor all den hundert Dingen, welche heut Abend die Unerschöpflichkeit der Künstlerphantasie den Zuschauern zu 272 Gesicht brachte. Trotzdem er längst bei Rahde verabschiedet war und bei irgend einer obskuren Größe weiter »studierte«, war er doch mit Breitspurigkeit auf dem Feste, meist begleitet von Harkmer, der unbeschreiblich lächerlich wirkte in seiner dürren Länge, seinem schreienden gelbgrünen Clownkostüm und seinem unbeirrbaren Phlegma.

Noch nirgends Müdigkeit, noch nirgends Ersättigung. Überall der tollste, überschäumende Humor, ein unentwirrbares Gemisch von Glücklichen und Unglücklichen, die sich Alle auf den einen Abend betäubten im frohen Genuß des Lebens, und die, hundertfach wechselnd in ihren Erscheinungen dieser Stunde, doch Alle vor Kurzem aus demselben einen Ort hervorgegangen waren, binnen Kurzem an denselben einen Ort zurückkehren würden: in die vier Wände ihres Ateliers, in denen sie von Zukunft träumten und um dieser Hoffnung willen einstweilen alles Bittere mit Freuden ertrugen. Und Moralt an seinem Türpfosten drängte sich unwillkürlich der Gedanke an das Leben auf, das dieser mummenschanzverlorenen Figuren draußen wartete. Würde nicht die Zukunft für diese Schar ein ebensolcher Maskenball werden? auf dem die Einen als Bauern und Hausknechte, als Bettler und Gauner, vielleicht selbst als Meßbudenhalter und Akrobaten, die Andern ehrbar als versessene 273 Kleinstädter, als Philister und Biedermeier mit zerflossenen Jugendträumen, oder als arme Künstler mit verschossenen Kleidern und schlechten Bildern, wie die dort gingen, und nur die Übrigen – und ihrer würden wenige sein – glänzend und prunkvoll, wie sie erhofft, beladen mit Ruhm und Schätzen und bewundert von der Welt, ihre Laufbahn endeten. 274

 

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