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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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14

Menschen, die keine schriftlichen Bekenntnisse aus früherer Jugend besitzen, können sich in spätern Jahren kaum noch ein ganz richtiges Bild ihrer selbst von damals machen. Sie empfinden jetzt zu verschieden, und wenn sie sich auch mit Hilfe einzelner deutlicher Erinnerungen die Empfindungsweise und das Denken jener Zeit rekonstruieren, so fehlt dieser nachträglichen Vorstellung doch der wahre, so ganz besondere, jugendliche Hauch, fehlt das Wiederfühlen der heißen, keuschen, gläubigen Empfänglichkeit und Hingebung, mit der die junge Seele Alles lebt.

Darum durchblätterte Tino aufmerksam auch die Hefte von Gedichten, die von seinem sechzehnten bis zu seinem neunzehnten Jahre entstanden waren, um aus ihnen so recht den Ton jener Zeit zu finden. Wie war er aber erstaunt, hiebei von Seite zu Seite klarer sein jetziges innerstes Leben nur als direkte Anknüpfung an jenes frühere, als dessen folgerichtige Fortsetzung zu erkennen, – wie überraschte es ihn, gerade das, was er für das bloße Ergebnis seiner verspäteten Studienjahre gehalten hatte: seine jetzige Neigung zur Melancholie – schon da in einem Grade 241 als Grundton seines Wesens zu finden, wie er sich dessen gar nicht mehr erinnert hatte.

Auf einer Fließblatt-Unterlage, die er als Andenken an die erste Kontorzeit aufgehoben, fand er – einem sarkastischen alten Buchhalter zum Trotz, der ihn ob seines Widerwillens gegen Handel und Finanz und ob seiner Träumerei von idealerem Schaffen immer verspottet hatte, – die Worte hingeschrieben:

Ihr lacht, daß der Tragödie gleich
Mein Schicksal ich erfasse,
Und daß zu unsrer jetz'gen Zeit
Sehr schlecht mein Pathos passe?

Oh, die Ihr lacht, Ihr Toren all,
Ihr könnt mich nicht begreifen,
Denn von Euch allen läßt sich doch
Die Alltagshaut nicht streifen!

Von diesem Fließblattvers bis zu den heimlichen Ergüssen daheim in stiller Nacht, legte Alles das gleiche Zeugnis ab von einer schwermütigen Art. Noch früher, da er nicht in den Fesseln des unrichtigen Berufes gebändigt und innerlich traurig geworden war, sprach allerdings ein leidenschaftliches Feuer, ein mächtiges Wollen und Verlangen aus seinen Versen; ritterliche Heldentaten waren es zuerst, die er 242 besungen, dann folgte ein jugendlich glühendes Heischen dessen, was er für Menschenrechte gehalten, dem engen Bestehenden zum Trotz. Das richtige Stürmen und Drängen, das aber bald durch schwere eigene Erlebnisse gedämpft und in die Bahn heimlich-schwermütigen Auslebens der persönlichen Schmerzen gedrängt worden war.

Seine erste Liebe war nicht sofort erwidert worden, und dann, als er Gegenliebe erlangt, und mit seinem achtzehnjährigen Herzen das seligste Glück zu leben begonnen hatte, war jene Epidemie gekommen, die zuerst ihn ergriffen und dem Tode nahe gebracht, und als er gerettet war, ihm die jugendliche Geliebte geraubt hatte.

Wie war in den Blättern aus dieser Periode manches einfach, kindlich und ohne kritische Bedenken vom Herzen weg gesagt, ob es auch manchmal ungeschickt und holperig, oder voll jener Reime war, vor denen ein paar Jahre später der Gereiftere den Schreck bekommen hätte, voll der Reime: Herz und Schmerz, Sonne, Wonne, Lust und Brust. Fand er sie jetzt auch recht jugendgrün, diese Ergüsse, so waren sie doch selig jugendgrün, waren damals durch und durch wahr der Ausdruck seines Empfindens gewesen und führten ihn vollständig zurück in sein inneres Leben jener Zeit. 243

Da waren welche, denen er die ganze Macht abfühlte, die Heine einst auf sein junges Gemüt ausgeübt hatte; Gedichte, über deren nachempfunden Heine'sche Ausdrucksweise er jetzt als über eine Jugendschwäche lächeln mußte; – die er mit siebzehn Jahren geschrieben hatte, damals, als er unerwidert liebte und mit dem unklaren Weltschmerz jenes Alters die Menschen floh, die Natur und die Stille der Nacht suchte und sich nach Tod und Ruhe sehnte; Gedichte, mit seinem wahrhaftigen Herzblut geschrieben.

            An Mathilde B.

Sah'st du nicht im Mondenlichte
An des Nachbars Gartenwand,
Wie ich an dem kalten Gitter
Still wie eine Säule stand?

Bleicher Mondschein auf den Straßen,
Überall lautlose Ruh –
Hört' ich, dunkles Weh im Herzen,
Deinem Saitenspiele zu.

Als ob sie von Leid der Liebe
Und von Sehnsucht säng' und Schmerz,
Klang die wehmutvolle Weise
Tröstlich in mein wundes Herz. 244

Lange lauschte ich den Tönen,
Bis der letzte leis verklang,
Und das helle Licht der Lampe
Flog der weißen Wand entlang.

Als der letzte Ton verklungen,
Wandelte ich still nach Haus,
Denn am Fenster stand dein Schatten
Und sah in die Nacht hinaus.

                                20. April 18 . .


Wie manche kalte, stille Nacht
Lief ich durch Gass' und Straßen,
Wenn Glut und Qual und Sehnen mir
Am kranken Herzen fraßen!

Scheu schritt ich längs den Häusern hin,
Den hohen, stolzen, kalten,
Und an den Mauern laut im Takt
Die Schritte widerhallten. –

Der stummen, leeren Brücke zu
Lenk' immer ich die Schritte,
Und auf der Brücke lehne ich
Am Pfeiler in der Mitte. 245

Dort schau ich in den dunkeln Strom,
Der blinkt im Mondenscheine
Und überrauscht mein Herzeleid,
Ich schau hinein – und weine.

                                24. April 18 . .


– – Da wieder fand er ein Heftchen, das auf dem Krankenlager entstanden, der Geliebten sein Lebewohl hatte bringen sollen.

Mein trauter Liebling, bald, ach bald
Wirst du vergeblich nach mir fragen,
Bald wird man meinen jungen Leib
Auf Blumen weich zu Grabe tragen.

Doch meine Seel' und meine Lieb'
Entschweben hin zu Ewigkeiten,
Und hoch herab vom Sternenzelt
Sie deine Schritte stets begleiten.


Ein jedes Menschlein, brav und gut,
Darf an des ew'gen Thrones Tritten
Vom lieben Gott mit frischem Mut
Ein kleines »bene« sich erbitten. 246

Schutzengelein mit Glorienschein
Gibt es im frohen Kinderglauben,
Ein solches dir hinfort zu sein,
Laß ich im Himmel mir erlauben!


Halbwirr im Schlummer, heiß die Stirn,
Glaub' deine Stimme ich zu hören;
Ein Fieber wühlt mir durchs Gehirn,
Mein junges Leben zu zerstören.

Dann hör' durch's stille Grau'n der Nacht
Ich deiner Saiten Melodieen
Die, lindernd meiner Schmerzen Macht,
Gleich Balsam durch mein Herze ziehen.

Ich seh' dich meinem Lager nah'n
Den Scheidekuß mir noch zu geben,
Und schmiegen dich an's Herz mir an;
So scheid' ich wonnevoll vom Leben!


Dann, als im Verlauf seiner Krankheit eine große Ruhe und Schwäche ihn überkommen hatte, nach welcher er den Tod erwartete, während Genesung folgte, – oh wie genau er sich jenes Tages erinnerte! – hatte er das letzte der Gedichtreihe dem Wärter 247 Christian diktiert, der sie alle aufgeschrieben, alle der Geliebten übermittelt hatte.

Fahr' wohl, mein Lieb, sie nah'n, sie nah'n,
In weißem Kleid, mit goldnen Haaren,
Mich zu geleiten himmelan,
Der reinen Engel hehre Scharen.

In des Gemaches Dämmerung
Schon dringen ew'gen Lichtes Fluten,
Die Decke weicht – – der Himmel winkt,
Getaucht in Gold und Abendgluten.

Und hoch – und höher stets empor
Schweb' ich auf unsichtbaren Schwingen,
Und nahend mich dem Himmelstor
Hör' ich Musik der Sphären klingen.

Im ungemess'nen Weltenraum
Entschwindet fern das Rund der Erden,
Noch einmal ruf ich dir »Fahr' wohl!«
Fortan ein Cherub dir zu werden.


Da war die Liebste selber gestorben, und er hatte sie nur tot, unter Blumen wiedergesehen. 248

══════════════

Dahin! – geschmückt mit bleichen Rosen,
Du selber eine bleiche Ros',
Ein Marmorbild, mit Blüten überhangen,
Ein grausig schönes Wunderwerk der Schöpfung,
Liegst du gebahrt! Tod! ernster Tod in Blumen.
Ein wunderbares, götterschönes Bild
Voll grausen Weh's und ew'gen Friedens!

Dem kalten Busen ist entfloh'n
Die schöne Seele, die unsterbliche;
Der Mund, von dem einst Lieder klangen,
Er starrt geschlossen; welch Geheimnis birgt er
Von ungestillter Lieb' und süßen Qualen?

Die bleiche Stirn umspielt
In losen Strähnen jugendblond Gelock,
Und eines Sarges Deckel gleich ruht auf dem Auge,
Dem wunderbaren, ewiglich geschloss'nen,
In dunkler Wimper Schatten fest das Lid.

Wie totenstill! – Nur draußen rauschen
Im Hauch des Nachtwinds leis die Tannen,
Der Trauer düstre Bäume, und im See
Ziehn einsam hin die weißen Schwäne
Und singen unhörbar den Sang Von ew'ger Lieb'. 249

Still trauernd gehn die Sterne ihre Bahn,
Die unermessen weltenweiten Bahnen,
Und wenn sie sich begegnen, flüstern sie
In ihrer Sternensprache leis von dir!

══════════════

Von da ab blieb in den Blättern jene Schwermut haften, mit der er sich überall herumgetrieben hatte, ohne Ruhe zu finden.

Wochenlang war er beim Großvater in der kleinen Schweizerstadt zur Erholung gewesen. Dort hatte er wieder in den Erinnerungen seiner Kindheit gelebt. Wieder saß er bei der lahmen Tante in der Epheustube; noch immer erklang die abendliche Musik bei dem alten Fräulein; aber dann, gerade weil es um ihn her so ganz war wie einst, und in ihm selbst doch so anders, überkam ihn ein Heimweh, namenlos, nach dem entschwundenen Kinderempfinden. So mächtig, so traurig, daß er fliehen mußte und sich bergen in den alten Turm, der ihm seit je ein vertrautes Versteck gewesen. Aber auch dorthin folgte ihm sein Leid.

In der dunkeln Dämmerstunde
Flücht' ich scheu mit meiner Pein
Nach dem stillen Turmgemache,
Schließ mich droben leise ein. 250

In dem wunderlich geschnitzten
Lehnstuhl such' ich einsam Ruh',
Und ich schau durch's Bogenfenster
Sturm und Wind und Wolken zu.

Weiße Nebelfetzen jagen
Hoch am blassen Mond vorbei,
Durch der Winde traurig Singen
Tönet heis'rer Eulenschrei.

Große graue Fledermäuse
Schwirren um den alten Turm,
Und im morschen Wandgetäfel
Klopft und tickt der Totenwurm.

Auf dem Sims die alte Spieluhr
Spielt, und will zerstreuen mich,
Und im Estrich auf den Dielen
Jagen toll die Mäuse sich.

Doch sie all mit ihrem Treiben
Scheuchen nicht den düst'ren Wahn,
Die Gedanken, die umdämmernd
Sinn und Herz, mir immer nahn. 251


Die Gedichte eines ganzen Jahres atmeten dies erste schwere Liebesleid:

Ich hatt' ein Lieb so minnesam,
Das Lieb ist tot jetzund.
Die Vöglein sangen einst so schön,
Viel Blümlein blühten bunt.

Jetzt sind die Vöglein alle fort,
Die Blümlein starben all,
Beim Lieb allein am dunkeln Ort
Singt eine Nachtigall.

Sie singt und singt viel Nächte lang,
Ich horch' ihr heimlich zu,
O singe, holde Sängerin,
Mich selber bald zur Ruh!

                                Herbst 18 . .


– bis mit dem kommenden Frühling auch in ihm wieder Aufschwung sich regte:

Auf dem Baum vor meinem Haus,
In dem düftereichen Flieder,
Läßt die Nachtigall sich nieder,
Trillert froh ihr Lied hinaus. 252

Daß es klinget durch die Luft,
Daß es dringt voll süßer Wonne,
Wie ein Strahl von Frühlingssonne,
Selbst in meines Busens Gruft.

Und im düstern Herzensschrein
Eine Hoffnung froh erwachet,
Und zum ersten Male lachet
Wieder mir ein Sonnenschein.

Raff' dich auf aus Leid und Schmerz,
Lasse deine trüben Lieder,
Auch für dich wird's Frühling wieder,
Ödes, stürmemüdes Herz!

                                2. Mai 18 . .

So saß er Abend für Abend in seinem Atelier und lebte dieser Arbeit, diesem Untertauchen in die Vergangenheit. Und mit der Jugendzeit und dem Elternhaus erstanden vor ihm auch die Bilder von Vater und Mutter wieder in einer Klarheit, als hätte er gestern noch ihre goldenen Worte gehört, ihren Einfluß genossen, und er fühlte klar, wie ihr Geist ihn noch immer umgab, wie ihr edles Wesen ihm trotz ihres allzufrühen Todes so eindrücklich geblieben war, daß es ihn in seiner ganzen Lebensführung, seinem 253 Tun und Lassen – bald bewußt, bald unbewußt – immerfort mitbestimmend begleitete.

Tag um Tag wuchsen die Aufzeichnungen, und eine bessere Stimmung kam in ihn durch die Gewißheit, jetzt neben seiner malerischen Tätigkeit noch etwas Weiteres zu fördern, was für sein ganzes Leben ein wertvoller Besitz werden mußte. Zugleich aber entrang sich diesem Rückblick auf das Stück Jugend, das mit solchem Inhalt bereits hinter ihm lag, immer drängender die Sehnsucht nach dem endlichen Erleben eines wahrhaften, großen, ungetrübten Menschenglücks.

Doppelt fieberhaft trieb es ihn wieder an sein Bild. Nur schaffen, schaffen, damit endlich erstand, was ihm Beruhigung bringen mußte! Dann, dann wollte er es suchen, sein persönliches Glück! Denn wie blieb bei ihm in dieser Zeit des künstlerischen Ringens ein wesentlicher Teil seines Ich in Schlaf gehalten: das Bedürfnis nach Liebe! 254

 

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