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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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13

Seine Abende brachte er nun damit zu, mit den Aufzeichnungen fortzufahren, die er seit längerer Zeit über seine Jugend und über seine Entwicklung zu machen begonnen hatte, soweit diese sich durch das Verfolgen des äußeren Lebensganges schon jetzt von ihm überschauen ließ.

Wie erkannte er, indem er bei dieser Arbeit seinem jetzigen Menschen beständig das frühere Ich gegenübergestellt sah, mit einem geheimen Bangen, welche Veränderungen in ihm vorgegangen seien, seitdem er Künstler geworden, wie das frohe Element in ihm stark dahingeschwunden war und er, der früher als einer der Lustigsten im Kreise der Kameraden gegolten, mehr und mehr ein Melancholiker, ein Grübler, ein schwerblütiger Nachsinner zu werden Gefahr laufe.

War er übrigens wirklich so lustig gewesen, wie er den Ruf gehabt? Im Verlauf der Aufzeichnungen ward er sich klar, daß das nur seine eine, und zwar die äußere Seite während gewisser Jugendjahre gewesen war, daß er aber innerlich von jeher ein zweites Leben geführt, welches dunkel neben der scheinbar sorgenlosen äußeren Existenz einherging.

Schon als Knaben hatte ihn, sobald er mit sich 235 allein gewesen, allerlei Tieferes bekümmert, hatte ihn vor Allem die Frage verfolgt, was er wohl einst mit der Zustimmung des Vaters in der Kunst werden dürfe. Zuerst hatte ein heiliger Glaube an ein schauspielerisches Talent und eine ausgeprägte Empfindung für alles Pathetische und Tragische ihn mächtig zur Bühne gezogen, trotzdem er die Unmöglichkeit gekannt, je mit der elterlichen Erlaubnis dahin zu gelangen. Nach einigen gleichwohl unternommenen, natürlich erfolglosen Kämpfen mit dem gelehrten Vater um eine solche künstlerische Laufbahn war bereits das Verschließen seines innersten Lebens in die verschwiegene Brust erfolgt. Von da ab eine anhaltende Reihe tiefer Erregungen; eine wahre Sucht, Trauriges zu erleben, um sich dann ganz einem schönen, wilden Schmerz hinzugeben; bald aber Schmerz genug durch das Leben selbst. Seine leidenschaftlichen ersten Jugendfreundschaften mit ihren edlen Wettkämpfen und ihren späteren Enttäuschungen, da Keiner seiner Gefühlstiefe und seinen Ansprüchen auf die Dauer Stand gehalten. Seine erste Liebe zu einer Siebzehnjährigen, geheim, scheu und tief verborgen vor aller Welt. Seine eigene schwere Krankheit, an der er zu sterben glaubte und dann, genesen, zum erstenmal der Eindruck vom Tode, – der Tod der heimlich Geliebten. 236

Eine Zeit war gefolgt, in der ihn nur das eine, schmerzverbissene, trotzige Bedürfnis nach Einsamkeit erfüllte, und wenn er diese hatte, nach tatlosem Versinken in die unendliche, hehre Süßigkeit seines Leides.

Bei alledem hatte er nach außen ein vollständig entgegengesetztes Leben gezeigt, zeigen müssen, und dank seiner elastischen Natur zeigen können.

Nach den spätern, wiederum vergeblichen Anstrengungen, wenn nicht Schauspieler, so doch Maler zu werden, war die Zeit der Kaufmannschaft gekommen, mit welcher der Vater ihm eine Zukunft in den Kreisen der reichen industriellen Schweizerverwandten zu geben gedachte, und die er ihm durch die Aussicht zu versüßen trachtete: daß die Freiheit, all das Schöne zu genießen, für das er so viel Sinn zeigte, ja doppelt wertvoll aus dem Untergrund solch' einer soliden, sicheren Lebensstellung emporblühen könne.

Was er eigentlich war, hatte Tino von da ab vollends scheu vor jener Alltagswelt verborgen, in der er nun zu leben sich gezwungen sah. Aber die Rache, welche seine Natur in ihrer Jugendfrische oft gewaltsam genommen, in tollen augenblicklichen Lustigkeiten, in durstig leidenschaftlichem Auskosten der paar Glücksstunden, welche ihm die Freundschaft und die kurze erste Liebe gebracht, hatte ihm bei 237 seiner Umgebung jenen Ruf eines strahlend lebenslustigen jungen Menschen verschafft. Er war für seine ganze Bekanntschaft der vom Himmel verschwenderisch Ausgestattete, von allen Menschen Begünstigte und Beneidete gewesen. Die Vielseitigkeit seiner Gaben, mit denen er die Andern erfreute; sein enthusiastisches Feuer, sein gewinnendes äußeres Wesen – Alles hatte ihm eine Ausnahmestellung, eine Liebe, eine Verwöhnung verschafft, die ihn zum glücklichsten Menschen hätte machen müssen, wenn ihm nicht gerade die unentbehrlichste Grundlage zum Glücklichsein gefehlt hätte: die innere Befriedigung vom Lebenswerk.

Oh, war das ein Scheinleben gewesen, zwei Jahre lang in Heidelberg, ein Jahr in Köln und zwei Jahre in Paris, auf all den Kontorböcken, bis endlich doch noch zur Wirklichkeit geworden, was er immer erträumt, aber schließlich gar nicht mehr gehofft hatte: das Übergehen zur Kunst, ein ausschließliches Leben mit Solchen, die empfanden wie er, die erstrebten, was ihm erstrebenswert erschien.

In Paris hatte er damals einige junge Maler gefunden, deren Umgang ihn für Manches entschädigt und im Verständnis ihrer Kunst mächtig vorwärtsgebracht hatte. Aber da er mit dem ganzen Ballast seiner schweren inneren Erlebnisse dorthin gekommen war, und überdies zur weitern Ausbildung in dem 238 ungeliebten Fache, nicht aber als freier Mensch dort weilte, hatte Paris ihm bei Weitem nicht das sein können, was es dem Künstler hätte sein müssen. Erst nachträglich hatte er erkannt, was Alles er der herrlichen Stadt, der geistreichsten, künstlerischesten und anregendsten unter allen verdankte, was Alles, ihm selber unbewußt, sich unter den Eindrücken des dortigen Lebens in ihm entwickelt und verfeinert hatte.

Den Eindruck, daß er zu leben, wirklich Mensch zu sein beginne, hatte er erst an jenem Tage erlangt, als die ganze nüchterne Welt des Handels plötzlich hinter ihm gelegen wie ein böser Traum, und er in München die Luft einer gänzlich neuen Umgebung geatmet hatte. Aber auch da war dem ersten Glücksrausch bald genug der Schatten gefolgt. Diese zweite Jugendwallung hatte kurz gedauert; denn das Eine war unwiederbringlich vorüber gewesen in ihm: die unbefangene Genußfähigkeit für diese späte Freiheit.

Man lernt nicht ohne Schaden das fachliche ABC einer Sache erst dann, wenn man sie geistig längst beherrscht. Es gibt vereinzelte Individuen, aber selten genug, die ein so unverwüstlich heiteres Wesen und eine so unerschütterlich vertrauensstarke Energie mitbringen, daß sie derlei auch noch spät mit Glück durchzuführen vermögen. In einem Menschen jedoch, der innerlich in den Jahren, in welchen Andere sich sorglos 239 austoben, so viel durchgemacht hatte wie Moralt, waren diese Bedingungen nicht mehr möglich.

Er legte eines Abends während seiner Aufzeichnungen die Feder plötzlich weg und sah zur Decke auf. Wie alt, wie schmerzerfahren kam er sich vor! Und wo blieb jetzt jenes frühere, erlösende Umschlagen der Kümmernisse in laute Lustigkeit, in Augenblicke jugendlichen Vergessens aller Trübsal? Das wenigstens hatte damals ein bißchen das Gleichgewicht hergestellt. Aber jetzt? – wie schlich dieses Grübeln unterbrechungslos mit durch sein Leben! War das nun das gehoffte Glück: gegen kurze Zeiten herrlicher Schaffensfreude diese Wochen der Zweifel, der Selbstquälerei?

Aber es mußte anders kommen, sobald er nur den ersten Beweis erlebt haben würde, daß er ein Kunstwerk zu schaffen imstande sei. Er war als Maler doch endlich auf dem richtigen Wege, innere Zufriedenheit zu erkämpfen und damit den Grundstein zu legen zu dem Lebensglück, nach welchem seine Seele hungerte seit Jahren. 240

 

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