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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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12

Er war lange nicht eingeschlafen. Tristans Gewalt und seines eigenen Werkes erstrebte Stimmungsmacht hatten sich in Halbträumen durcheinandergewoben; in drängenden Vorstellungen und Empfindungen, die wie ein befruchtender Tau in seinen nun etwas ausgeruhten Geist gefallen waren. Mit Bildern und Tönen war er endlich eingeschlummert.

Es war so spät, als er am folgenden Morgen zu erwachen begann, daß das Modell eben vom verschlossenen Atelier zu seiner Schlafzimmertür sich wenden und ihn vollends wachklopfen mußte. Er fühlte sich ungewöhnlich erquickt. Er frühstückte mit einem Behagen, wie seit lange nicht mehr; ohne Hast, – der Italiener konnte warten.

Und als er nun sein Atelier wieder betrat, aus dem er vier Tage lang weggeblieben war, empfand er an Stelle des Widerwillens und der Übersättigung, mit welchen er es verlassen hatte, eine Regung der alten Liebe, mit der er jeweilen an guten Tagen an die Arbeit zu schreiten pflegte, und eine frische Unternehmungslust, einen entschlossenen Mut: rücksichtslos gegen Alles zu sein, was er schwach finden 228 würde, mit neuem Zuge hineinzumalen, und gelte es verzweifelte Arbeit. Er rollte die Staffelei ins Licht und hielt vor Allem scharfe Prüfung. Er fühlte sich dem Geschaffenen gegenüber in der Tat etwas objektiver.

Das blaue Glas in der Hand, durch welches angeschaut, die Malerei dem Auge farblos erscheint, sich bloß in ihren Wertverhältnissen von Hell und Dunkel, in ihrer Licht- und Schattenstärke darstellt, studierte er lange und genau. Er verweilte suchend an Einzelheiten, ließ dann wieder das Gesamte auf sich wirken. Das kam ihm jetzt in seiner Schwarz-Weiß-Erscheinung genau so vor, wie eine verblaßte Reproduktion des Gemäldes, wie es annähernd zuerst gewesen war und wie er es haben wollte. Etwa so, wie der vielhundertste Abdruck einer abgenutzten radierten Platte: matt und verblasen, weil eben die Werte nicht mehr im alten wirksamen Verhältnis zueinander standen.

Einen Augenblick blieb er in ernster Überlegung. Es gab da nur eine Rettung, er sah es ein. Er dankte Nicolo auf weitere zwei Tage ab und machte sich daran, frei aus seinem Empfinden eine Skizze des Bildes, wie es in seiner Leuchtkraft und Tiefe ihm vorschwebte, genau erwogen, in bloßem Schwarz-Weiß auszuführen. Eine Skizze in Kreide und 229 Kohle, an die er sich in aller Folge für die richtige Einhaltung der Stärkeverhältnisse von Licht und Schatten würde halten können, wie immer er auch nebenbei aus koloristischen Rücksichten vorzugehen das Bedürfnis fühlen mochte.


Die nächste Zeit hindurch arbeitete er mit neuer Ausdauer. Es war für den Augenblick eine Beruhigung in ihn gekommen, welche seinem Schaffen sehr zustatten kam.

Wäre das Werk gleichmäßig vorwärts geschritten wie in den zwei ersten Monaten, so hätte Moralt vor Beginn des Sommers damit zu Ende kommen müssen.

Doch wie unberechenbar in Beziehung auf die Zeit künstlerisches Gestalten sei, erfuhr er nun von Woche zu Woche auf's Neue, ja, er befand sich schließlich in vollständiger Ungewißheit, ob ihn dieses Werk noch Monate oder ein Jahr festhalten werde. Denn die ersten Störungen blieben nicht die einzigen; es folgten vielmehr immer neue; ihm wurden Dinge zu Klippen, welche vollständig in der Natur der Sache liegend, für Andere, die weniger fieberhaft nach dem Erreichen ihres Zieles drängten, weit geringere Gefahr in sich schlossen.

In demjenigen Stadium, in welchem ein 230 Kunstwerk vom Künstler weniger das innere Feuer, die Begeisterung und Gestaltensfreude erheischt, als vielmehr unendliche Ausdauer, peinliche Geduld für allerlei handwerkliche, unerquickliche, geistlose Notwendigkeiten, leidet Einer, der nicht ein starkes Vertrauen in seine Kraft besitzt und zugleich die Fähigkeit hat, mit einem Liedchen auf den Lippen die unerfreulichen Arbeitstage hinzuleben, beim Erstlingswerk ja meistens wahre Qualen.

Das Bewußtsein seiner Fähigkeiten und der Glaube, daß man etwas Tüchtiges zu leisten im Zuge sei, tritt in dieser Zeit vollständig zurück hinter die Empfindung drückender Alltagsarbeit, welche vielleicht im Augenblick nicht einmal wesentliche Wirkungen sehen läßt. Der berauschende Duft der Blüte, welcher bei der Konzeption und in der ersten Zeit den Schaffenden beseligt, ist genossen, ist verweht, und die dereinst zu erwartende Frucht noch nicht zu schauen. Eine unerbauliche Zwischenexistenz zwischen Künstler und Handwerker stimmt die innere Freude, den heiligen Trieb gewaltig herab. Die schönen Gedanken sind in ihrem Flug vorläufig angehalten, die Materie jeder einzelnen Kunst, sei es die Farbe, der Marmor, die Instrumentierung, verlangt in dieser Periode vor Allem die Erfüllung ihrer Bedingungen, damit diese schönen Gedanken zum Ausdruck gelangen können. 231

Und so erlebte Moralt, als dieser Punkt bei seinem Bilde eingetreten war, bald neue Mutlosigkeiten, bald derartige Übersättigungen an der Arbeit, daß sie in einzelnen Stunden seiner Liebe zum Ganzen gefährlich zu werden drohten und ihn mit ihren jähen Wechseln zusehends düsterer und verschlossener stimmten.

Es fiel den Freunden auf, wie seine Neigung wuchs, sich von aller, selbst ihrer engsten, vertrauten Gesellschaft zurückzuziehen. Rolmers versuchte es mit seinem ernsten Einfluß, Holleitner mit seinen Possen, ihn auf einzelne Abende aus diesem Alleinsein mit sich selber herauszureißen, aber es gelang ihnen nur selten. Moralt verspürte in seiner augenblicklichen Verfassung doch keinen Nutzen, keine wahre Erfrischung vom Verkehr mit Andern. Er war zu sehr erfüllt von dem, was seines Lebens Grundbedingung ausmachte, als daß er anders als obenhin an der Unterhaltung teilzunehmen vermocht hätte.

Die Freude, die ihm Alle bezeugten, wenn er zur Seltenheit während der Woche erschien, tat ihm wohl, aber nach einer Stunde war diese gelinde heilsame Erregung verflogen, und er sank zurück in sein schweigsames Wesen, in seine Gedanken an das halbwegs steckende Werk. Überdies glaubte er zu bemerken, daß die Andern es andauernd und daher wohl 232 absichtlich vermieden, in seiner Gegenwart von ihrer eigenen Arbeit zu erzählen, was sonst doch immer üblich gewesen war; und das war ihm peinlich.

Eines Abends hatte er sogar einen offenkundigen Beweis davon. Im Bierhause begann Duplessy, der lange Zugvogel gewesen war und erst seit Kurzem wieder an einer Arbeit festsaß, Zakácsy und Holleitner die Erwartungen zu entwickeln, die er von seinem neuen Werke hegte. Er war voll Zuversicht und behauptete, nie so im Zuge gewesen zu sein wie jetzt. Darüber war er etwas laut geworden, und Moralt bemerkte mit seiner scharfen Aufmerksamkeit, trotzdem die Drei am andern Ende des Tisches saßen und nach der entgegengesetzten Seite sprachen, wie die beiden Zuhörenden sich bemühten, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. Als aber Duplessy, der von der Gedrücktheit des Kollegen nichts ahnte, lustig fortfuhr und erzählte, wie die Idee zu seinem Bild einmal plötzlich entstanden, wie er sie schnell und glücklich skizziert, und wie das nun vorwärtsgehe Tag für Tag, »hupp! schwupp!« – er machte die Bewegung, als setzte er bloß so Farbe neben Farbe, – da erwischte Moralt ein Augenzwinkern des kleinen Ungarn gegen Duplessy, dessen Bedeutung er nur zu gut verstand. Gleichzeitig hörte er Holleitner das Gespräch kurz abschneiden mit einem: »ich komme morgen zu Ihnen!« 233 und Duplessy, nachdem er eine Sekunde gestutzt, glitt plötzlich mit geschickter Überleitung auf ein anderes Thema. Diese Zartheit fiel Moralt wie eine Last auf die Seele. Jetzt erst recht fühlte er das Bedürfnis, sich fern zu halten; er störte ja nur, wo er mit seiner jetzigen Stimmung hinkam. Noch strenger als bisher blieb er von da ab für sich allein. 234

 

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