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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Karten mit geschickten Aquarell-Vignetten luden am Tag nach Neujahr Äbi, Holleitner, Duplessy, Zakácsy und Lanz auf den Abend des 5. Januar zu Moralt ein, dort den Geburtstag des großen Rolmers zu feiern.

Auf jeder der Karten prangte in einer Wiege mit altnordischen Ornamenten ein Riesenkind. Auf der einen strampelte es mit monströs wulstigen Beinen nach einem Farbtopf hin, der in der Nähe stand; auf der andern lutschte es an einem Riesenpinsel; auf der dritten ließ es sich von einer weiblichen Figur, der Malerei, die nackt war und Flecken von allen Regenbogenfarben den Körper entlang zeigte, in Zukunftsträume singen; auf der vierten war es gar schon aus der Wiege gekrochen, hatte beide Händchen in die rote Farbe getaucht und war daran, die weiße Wand mit zahllosen fünffingerigen Abdrücken zu verzieren.

Die Eingeladenen sagten sämtlich zu bis auf Duplessy, dessen Antwort ausblieb. Er war über Neujahr verschwunden und noch nicht zurück.

Für Moralt war die eben beendete Festzeit still und freudlos genug vergangen. Mit sich selbst 191 unzufrieden, hatte er auch die Freunde nicht gesehen. Kein Beisammensein war möglich gewesen, Jeder hatte Abhaltung gehabt. Der Weihnachtsabend zumal war in solcher Verlassenheit für ihn Anlaß zu trübseligem Meditieren, zu wehmütiger Rückschau geworden, und am Silvestertag hatte Rolmers eine einzige kurze Abendstunde für ihn frei gehabt, welche sie überdies damit zugebracht hatten, ihren übereinstimmenden Empfindungen über die Armseligkeit des Junggesellenlebens in der Fremde, an solchen Tagen der Familienfreude, Luft zu machen. Das hatte Moralt auch nicht viel geholfen.

Der fünfte Januar war ein Samstag, zu fröhlichem Gelage der günstigste Tag. Moralt hatte in der Mittagstunde schon mit Hülfe seiner Hausmeisterin den Tisch selber gedeckt; einen Tisch, wie nur er ihn verstand; einen Tisch für Maler; einen Tisch, der die vornehmste Hausfrau neidisch gemacht hätte: mit altem Silbergeschirr, mit blumigem, sächsischem Porzellan, mit gekringelten böhmischen Gläsern; ein Damastgedeck mit kunstvollen, mattfarbigen Säumen und Einsätzen – eine aus der Ausstattung seines elterlichen Hauses mitgeschleppte Auslese dessen, was seinem künstlerischen Geschmack am meisten behagt hatte. In der Mitte des Tisches stand ein mächtiges antikes Kupferbecken, mit einer Garbe hochroter Mohnblumen und 192 scharfgrünen Gräserwerks aus dem Süden, die er bei einer Blumenhändlerin in der Nachbarschaft entdeckt hatte; daneben ein Fruchtkorb, mit koloristischer Meisterschaft zum Stilleben zusammengestellt. Dann war die Tafel in die Vertiefung des Ateliers neben den Flügel geschoben, und der Vorhang, welcher diesen Teil des Raums abgrenzte, davorgezogen worden.

»Alles bereit! Sie werden heute ausnahmsweise fünf Herren, die erwartet sind, herauflassen;« sagte er der Frau, – »von morgen ab gilt wieder die strenge Klausur!«

Nach Beendigung der Nachmittagssitzung, als Nicolo fort war, hatte er das nasse Bild ebenfalls im Alkoven untergebracht, sorgfältig der Mauer zugewendet, und nur die Nebenstaffeleien stehen lassen, auf deren einer die Studie einer Hand vergessen blieb.

Der Ofen sang, das Fenster war nach langem Offenstehen wieder geschlossen, eine gute, frische Luft erfüllte das Atelier. Moralt zeichnete in Eile beim entschwindenden Tageslicht noch die Tischkarten und warf jedem der Freunde ein paar Verse hin.

Mit Genugtuung übersah er nochmals prüfend die Tafel und verteilte die Karten in der Reihenfolge, wie er die Freunde nebeneinander haben wollte, als es an die Türe klopfte.

»Schon?« fragte er sich. Es war ja noch nicht 193 einmal fünf Uhr! Er ließ den Vorhang wieder zusammenfallen und eilte zu öffnen.

Im Halbdunkel des Treppenhauses stand eine große, etwas karikiert elegante Gestalt als Silhouette vor ihm. In diesem Augenblick flackerte aber das Licht der elektrischen Lampen im Korridor auf: in langem, havannabraunem Überrock mit Schößen, nach Art einer Kutscherlivree, in Zylinder und grellfarbigen Handschuhen – Podjenyi. Ein endlos langer, englischer Schnabelschuh unter hellen Gamaschen streckte sich über die Schwelle.

»Ich hoffe nicht zu störén, Herr von Moralt?«

»Bitte!«

Mit den angelernten Manieren eines Weltmanns legte er Stock und Hut auf das nächste Taburett und knöpfte langsam seine Handschuhe auf, während Moralt die große, von der Decke niederhängende Lampe anzündete.

»Ich wollte mir einmal doch gestatten, bei Ihnen anzuklopfen. Mein sehrr großén Interesse an olle Ihre Arbeiten ist nicht vérgongen, wenn Sie auch lange nicht mehr bei Rahde worén. Bin dort auch fort jetzt.«

»Ich höre, Sie malen Porträts?« fragte Moralt kühl und lud ihn mit einer Handbewegung ein, auf dem Diwan Platz zu nehmen. 194

Der Ungar schlug die Schöße seiner Livree auseinander und setzte sich.

»Bin – sehrr beschäftigt im Augénblick, Herr – eh – von Moralt, jawohl!« – und als spräche er von einer unvermeidlichen Schattenseite seiner werdenden Berühmtheit, fügte er, den Kopf zur Seite werfend und die Achseln zuckend, bei: »Kommén eben immer wieder neue Aufträgén, die man doch nicht oblehnén darf, verstehen Sie? – wenn man ist jung und fängt an erst Namen zu békommen. Muß man schauen, gleich mit den ersten Béstellungen durchzuschlogen und Verbindungen zu géwinnen, wenn man will Karriere mochén. C'est le premier pas qui coûte, sagt Franzos sehrr richtig!«

In einem Zug, und ohne, wie sonst, seine Worte suchen zu müssen, hatte er das Alles heruntergeschnarrt; sichtlich eine Phrase, die er jetzt für den täglichen Gebrauch eingelernt hatte.

Während er die Handschuhe langsam von den Fingern streifte, um sie dann modegerecht gefaltet zwischen zwei Knöpfen an die Brust zu stecken, erkundigte er sich nach der augenblicklichen Arbeit Moralts. Mit seinem lauernden Blick hatte er bereits das ganze Atelier abgesucht und sich insgeheim geärgert, von einer größern Arbeit nirgends eine Spur zu entdecken. Die Studien an den Wänden waren ihm von 195 früheren Besuchen her bekannt, und auf den Staffeleien standen bloß kleine Leinwandrahmen.

Moralt antwortete ausweichend und lenkte das Gespräch abermals auf die Aufträge des Ungarn, der nun auch eine gute Viertelstunde lang ununterbrochen Vortrag hielt. Meist Lobreden über die vornehmen und berühmten Modelle, die ihm gegenwärtig zu Bildnissen säßen. »Ungorische Baroneß Soundso; – Pianistin Stovároff, Künstlerin von erstén Rang. Porträt noch nicht fertig, wechselt jetzt augenblicklich Sitzungén mit Herrn von Sulkomir. Oh! jungér, sehrr reiche Mensch, dieser Sulkomir! Tut gor nix in München! – nur so – omüsierén!«

Indem Podjenyi diesen nützlichen Jüngling des Weitern in seinen Lebensgewohnheiten schilderte, war er aufgestanden und hatte sich eine Zigarette angezündet, die ihm Moralt angeboten. Jetzt nahm er auf einem zur Seite stehenden, zierlichen, hochrot angemalten Holzstuhl mit Strohgeflecht, einem sogenannten »Salzburger«, Platz. Wohl weil er auf diesem koketten Möbel mehr Effekt zu machen, elegantere Posen zu erreichen dachte, als in dem weichen Polster des Diwans. An diesem Menschen war jetzt jede Bewegung gewollt, studiert, war alles »Stil«; so was er ungefähr für Gentleman-Stil hielt. Moralt beobachtete das, mit seinem feinen Merks, voll innerer 196 Belustigung. Es war ja eigentlich auch unleugbar ein Stil; denn es herrschte vollkommene Übereinstimmung der gewählten Form mit dem Inhalt: das Eine so unecht wie das Andere!

Während Podjenyi fort und fort erzählte, mit seinem Stuhl hintenübergelehnt an die Wand, schaukelnd, die Beine übereinandergeschlagen, großartig und in absoluter Selbstzufriedenheit, rieb er die Rücklehne seines Sitzes beständig gegen das Holzgetäfel, daß ein unaufhörliches Knacken seine Worte begleitete. Eine Musik, die ihn nicht im Geringsten störte, während sein Gegenüber nervös seine Aufmerksamkeit in das Gespräch und in das Ertragen dieser scheußlichen Ohrenmarter teilen mußte.

Aber schließlich kam der Porträtist doch wieder auf seinen Versuch zurück, Moralt zum Vorweisen seiner Arbeit zu veranlassen.

»Augenblicklich habe ich leider gar nichts Fertiges zu zeigen!« erwiderte dieser mit merklicher Entschiedenheit.

Der Ungar lächelte verschmitzt.

»Und wos is nur holbfertig, zeigén Sie nicht gern?«

»N–nein!«

Er war vor die Staffelei hingetreten, auf der jene Studie stehen geblieben war, – was Moralt 197 aufatmend benutzte, um den roten Stuhl von der Wand wegzurücken, – und betrachtete die Arbeit, nahe daraufgebeugt: eine lässig über eine Lehne niederhängende, schöngeformte Hand.

Bewundernd wiegte er nach seiner Gewohnheit den Kopf hin und her und tupfte sich dabei die Nase mit einem kleinen, rotseidenen Taschentuch, das durchdringend nach Ylang-Ylang duftete.

»Ah, sehrr viel studiert, diese Hand! – und sehrr schön gebautes Modell dazu, wos?«

Moralt nickte bejahend. »Hauptsächlich sehr lebendig, sehr geistig, ausdrucksvoll!«

Podjenyi, die elegante Handhabung seines roten Tuches einen Moment vergessend, machte ein Gesicht, als hielte er diese Bemerkung über eine Hand für einen schlechten Witz, den sich Moralt mit ihm erlaube, und schaute diesen an.

Im selben Augenblick wurden vor der Türe Tritte hörbar, und Holleitner erschien. Ein wenig früh zwar, aber er hatte dem Freund allerlei von den Ferien, von Wien, von daheim zu erzählen beabsichtigt, bevor die Übrigen kämen, und sein Gesicht wurde merklich etwas lang, als er den Andern hier entdeckte.

Da klopfte es schon wieder, und auch Äbi war da, der pustend schon lange hinter dem Kleinen 198 hergelaufen war, ihn noch vor der Tür zu erreichen. Er war ganz außer Atem.

Das Umbragesicht erschöpfte sich in Ausdrücken der Freude über dieses Zusammentreffen: »Ah, sehrr schön, sehrr schön, hob die Ehre!« – während Holleitner sich durch seine Anwesenheit nicht im Mindesten abhalten ließ, seine Verwunderung darüber auszudrücken, daß hier kein Tisch gedeckt sei.

»Du frecher Spatz!« rief Moralt, halb verlegen, halb belustigt, – »du wirst dein Futter wohl dann nehmen, wenn du's kriegst!«

Äbi hatte sich umgedreht und hob etwas vom Boden auf, was ihm nicht hinuntergefallen war.

»Oh? ich störe, Sie erwortén Gäste?« – fragte hastig Podjenyi und tat, als wollte er sich unverzüglich verabschieden, während er sich in seinem schlauen Hirn blitzschnell überlegte, wie er Moralt am sichersten in die Lage bringe, ihn zum Dableiben nötigen zu müssen.

Er gehörte zu jenen Menschen von niedriger Eitelkeit, die im gegebenen Fall auch gemeine Zudringlinge werden und in der Nichtachtung ihrer selbst so weit gehen, daß sie sich sogar der erzwungenen Teilnahme an einer Gesellschaft freuen können, von der sie sich sonst gemieden, ja vielleicht ausgeschlossen sehen. Solchem gemeinen Sinn wird der Sieg um so leichter, 199 je wahrer die Vornehmheit ist, welche den begehrten Kreis beseelt. Denn der wahrhaft Vornehme – das fühlt Jener instinktiv – ist geschickt überfirnißter Schamlosigkeit gegenüber hülflos, ob er sie gleich vollständig durchschaut, weil er ein zu gut erzogener Mann ist, als daß er um eines nicht genehmen Menschen willen sich so leicht vergäße und die einmal bestehenden, zu seiner zweiten Natur gewordenen, feineren Formen des Umgangs verletzte.

Moralt sah in der Tat gar nichts Anderes voraus, als den Ungarn an dem Abend teilnehmen zu lassen, als Holleitner mit unverkennbarer Absicht zu Podjenyi sagte: »Gäste? – erwarten wir nicht, bloß Freunde; Rolmers wird noch kommen!«

Das wirkte. Mit Rolmers vertrieb man das Umbragesicht, wie Ungeziefer mit Insektenpulver, von wo immer er war. Denn er fühlte sich gänzlich trocken gestellt mit seinem Bedürfnis, von sich groß zu sprechen, sobald der Norweger dabei saß und ihm in die Augen sah. Er ließ sich jetzt auch durchaus nicht mehr zurückhalten, wiewohl Moralt die Höflichkeit nicht unterließ, ihn einzuladen.

Harkmer habe vier Studien aus den Isarauen sehr gut verkaufen können und erwarte ihn mit einigen Freunden heut Abend im Restaurant Schleich: »Kleinér Chompognér-Souper!« – er dürfe nicht 200 wegbleiben; es sei ohnehin schon spät, und er müsse zuvor noch nach Hause!

Zylinder – Handschuhe – Stock – Schnabelschuhe – fliegende Livreeschöße – Bücklinge – »hob die Ehre!« – und draußen war er.

Als die Türe wieder geschlossen war, faßte Moralt den kleinen Österreicher beim Ohr. »Du hast hier weder Hauswirt noch Hausknecht zu spielen! weder nach dem gedeckten Tisch zu schreien, noch Gäste vor die Tür zu spedieren, verstehst du mich?«

»Zu Befehl! – aber froh bist du doch!«

Äbi hielt sich die Seiten; zuletzt brachen alle Drei in ein unbändiges Gelächter aus. Da rückte Rolmers an.

»Nanu?«

Sie konnten ihm nicht antworten. Fragend deutete er mit dem Daumen über die Achsel nach der Treppe.

Sie nickten.

Die lustige Geschichte half Moralt für den ganzen Abend in eine andere Stimmung, als wie sie sonst wohl bei seinem inneren Zustande möglich geworden wäre. Denn er hatte sich zu dieser Zerstreuung von heute weit mehr gezwungen, als daß er damit einem Gelüste nach Gesellschaft Befriedigung verschaffte. Er hatte sich einfach vor einem Verbohren in die gedrückte 201 Stimmung gefürchtet, in welche ihn die künstlerischen Sorgen und das einsame Jahresende gebracht, und hatte in einem plötzlichen Entschluß den Neujahrstag dazu verwendet, jene Einladungskarten zu malen und sich solcherweise über die Öde des Tages hinweggeholfen.

Als auch Lanz und Zakácsy sich eingestellt hatten, wurde der Vorhang zurückgeschlagen, der gedeckte Tisch aus seinem Versteck gezogen und unter dem Hurra der Malerschar an seinen Platz gerückt.

Es ging bald lebhaft zu. Moralt gab in Wahrheit eine Festtafel. Er hatte sich einmal etwas ganz Besonderes erlauben wollen und das ganze Essen bei einem Delikatessenhändler bestellt. Eine geschickte Aufwärterin besorgte die Bedienung.

Als Horsd'oeuvre ein kunstvoller Bau von Hummer und Meerfisch in Mayonnaise, in einer altväterischen Riesenplatte. Dazu Chablis. Darauf kam des Norwegers Leibgericht: ein gespickter Rehrücken mit pommes frites und einem alten Bordeaux. Zum Schluß ein kalter Kapaun in Gelee, ein Salat von Schwämmen und ein prachtvoller gelblicher, krachender Kopfsalat aus dem Süden.

Aus besonderer Aufmerksamkeit für Holleitner, der ein Feinschmecker erster Sorte war, wenn es an's eigentliche Schlecken ging, erschien als süße Platte eine 202 wundervolle, eiskalte Charlotte russe. Die Früchte und ein tüchtig gründurchsetzter Roquefort-Käse, wie ihn Zakácsy liebte, machten mit dem Rheinwein den Nachtisch aus.

Schon beim ersten Gang tat Jeder sein vollstes Behagen kund. Sie hatten die roten Blumen, die auf ihren Servietten gelegen, ins Knopfloch gesteckt und bildeten so eine festlich geschmückte Gesellschaft. Peter Lanz thronte im Kirchenstuhl; mit seinem geschorenen Kopf, seinem schwarzen, kurz zugespitzten Bart und mit den kühnen Formen seines bleichen Gesichtes in dieser Umrahmung ein Typ des Velasquez.

Äbi war so munter, wie ihn die Freunde lange nicht gesehen.

»Was ist mit dir,« bemerkte Moralt, als er dem Freunde das Glas einmal füllte, »du siehst so unternehmend aus?«

»– – und so frisiert, nicht wahr, der alte Krauskopf?« ergänzte Holleitner.

Der Schweizer schmunzelte.

»Geheime Geschäfte gemacht in dieser Zeit?« fragte Rolmers.

»Oder Verse zum Geburtstag?« neckte der Österreicher.

Als nun Äbi den Verkauf seines Bildchens um 203 250 Mark und die Geschichte von den Wagner'schen Partiturbogen mit dem Honorar von weiteren 200 Mark und der wertvollen Gönnerschaft erzählte, ging ein Hurra durch den Raum, wie es so aufrichtig nur aus Malerherzen kommen konnte, die wußten, was solch ein Glückstreffer bedeute.

Holleitner, eingedenk jenes Besuches bei Äbi in der Weihnachtswoche, fiel dem Freunde bald ins Wort, da ihm dieser viel zu bescheiden und zu wenig ausführlich beichtete, was Alles in der letzten Zeit geschehen sei, und gab nun selber die ganze mitangeschaute Geschichte von jenem Glasgeschirr zum Besten, und zwar so drastisch, mit solchen Kreuz- und Quersprüngen im Atelier, mit solcher Schilderungskunst und Aufschneiderei, mit so unglaublichen Tönen von klingendem Glas und zerbrochenem Geschirr, »herjesses! klimbim! et cetera« – daß der also vorgeführte Katalogzeichner selber davon höchlich ergötzt, nun auch die ganze übrige Reihe von Beschäftigungen erzählte, allerdings ohne zu erwähnen, von wie bitterer Not er dazu getrieben worden sei.

»Das ist, als läse man Gottfried Keller!« rief Moralt, »den Mann mit den Muttergötteslein müssen wir hochleben lassen; der könnte in Seldwyl nicht putziger gewachsen sein. Auf guten Erfolg seines Handels!« 204 »Du hast also insgeheim ganz üble Zeit durchgemacht?« fragte Rolmers den neben ihm sitzenden Schweizer leise, als das allgemeine Gespräch wieder in Fluß geraten war.

»Tut nichts!« antwortete der. »Man erlebt nie mehr und nie Interessanteres, als wenn es einem schlecht geht. Da bringen uns oft Wochen die Erfahrung von Jahren. Nie gerät man so in alle möglichen Lagen, nie lernt man die Menschen gründlicher kennen, wahrhafter durchschauen als da, und nie besser sich selber, in seiner Kraft, in seiner wahrsten Natur mit ihrem gesunden Guten und mit ihren Neigungen zum Bösen, die stets nur auf den gegebenen Augenblick lauern.«

Der Norweger stimmte schweigend bei. Er kannte solche Zeiten auch, wenngleich die Lage bei ihm nie so bedenklich geworden war.

Den Andern hatte Holleitner inzwischen zu erzählen begonnen, welcher Zuwachs ihrer Tafelrunde vor einer Stunde noch gedroht.

»Au, au!« rief Zakácsy – »das wäre mir sehr unangenehm gewesen! Wir hätten sicherlich den Kerl wie ein Alpdrücken verspürt. Ich habe zudem einen ganz frischen Zorn auf ihn im Leibe. Nicht auf den Menschen! über den reden wir gar nicht mehr, aber über den Nebenbuhler im Fach.« Er verbesserte sich: 205 »Nebenbuhler? nein auch nicht – über die platzversperrende Null, will ich es nennen.«

Zakácsys Christusköpflein wurde voll leidenschaftlichen Zorns.

»Ein Geschrei wird jetzt über sein Talent gemacht und über seine Leistungen, daß es unsereinen, der ihn kennt, anekeln kann. Ich habe Ihnen schon neulich gesagt, was ich von den zwei ersten Porträts halte. Heute Morgen hatte ich etwas bei ihm zu fragen; natürlich ließ er mich ein, trotzdem er eben Sitzung hatte. Ich mußte mich doch von der Primaqualität seiner Kundschaft überzeugen! Der Mensch hat aber auch wirklich ein Glück – mir unbegreiflich! Ich hätte rasend werden können über die Unmöglichkeit, ihm die Palette aus der Hand zu reißen und mich selber vor die Aufgabe zu stellen.

Die Pianistin Stovároff aus Warschau, in einem ärmellosen weißen Kleid. Ein Weib, um einen Maler toll zu machen, toll! sag' ich Ihnen. Was die Frau für einen Arm hat! was da drin steckt von Charakter, von Kraft, von Temperament, von Geist – ah – von Musik geradezu! Was da ein Leben, ein Ausdruck liegt in der ganzen Gliederung des Armes, in der Muskulatur, in der Formung des Fleisches! Ich schwöre Ihnen, ein Wunder von Charakteristik. Und der Idiot! der Hund! begriff nicht 206 den blauen Dunst von dem Herrlichen, was er vor sich hatte.

Was hat er aus der ganzen Frau gemacht? Ein Paradebild, eine schöne Puppe. Er soll sie ›Dame in Weiß auf gelbem Grund‹ nennen, das wäre das Richtige; denn in seiner Darstellung kann es Irgendeine sein. Auf den prickelnden Effekt, dem die gesamte Erscheinung günstig war, hat er den einzigen Wert gelegt, die herrliche Individualität zur allgemeinen Toilettenprotze herabgewürdigt, den Arm als nebensächlich bloß so ungefähr modelliert, bis jetzt unfertig gelassen. Er wäre imstande, ihn, wenn er ihm schließlich nicht genügt, nach dem ersten besten Modell noch einmal zu malen, bloß um der Dame eine Sitzung zu ersparen. Und gerade solch ein stupider Frevler an der Natur muß bekommen, was Andern nie vor den Pinsel gerät: Menschen von Geist, an denen Alles vom Kopf bis zu den Beinen redet!

O heilige Charakteristik!« – er ballte die Fäuste – »hinknien wollte ich mich vor eine solche Aufgabe; aber toll möchte man werden, wenn man zusehen muß, wie sich ein Anderer vor seiner impotenten Versündigung lächelnd die Hände reibt!«

Der heilige Zorn steckte die Andern an. Talentlosigkeit verziehen sie, gegen Charlatanerie kannten sie keine Schonung. 207

»Und mit solchen Schmarren,« rief Rolmers – »kann Einer, der sich auf die Kniffe beim Publikum versteht, sich in einem einzigen Monat das Geld verdienen, mit dem ein Anderer –«

»– einen ganzen Sommer in Holland reist!« warf Holleitner flink dazwischen. Der Norweger ließ die Wendung gelten.

»Und ein Bild wie das Ihrige,« – fuhr Holleitner gegen Lanz gewendet fort – »bleibt unbeachtet aus Mangel an Posaune. Aber nur abwarten!« – er stieß mit ihm an – »Ihre Zeit kann nicht lange mehr ausbleiben. Wenn Sie mit Ihren Bestrebungen immer gleich konsequent hervortreten und Bild auf Bild gleich unbeirrt Ihre Überzeugung vertreten, wird das Publikum schließlich doch seine Glotzaugen aufreißen müssen und Notiz nehmen.«

Lanz schüttelte verächtlich den Kopf. »Bah! ich möchte mein Bewußtsein nicht gegen das eines Podjenyi tauschen. Es ist zwar verdammt mißlich, wenn man nicht die geringste Geschicklichkeit besitzt, in der weiteren Gesellschaft etwas aus sich zu machen; denn das hilft gewaltig zum Namen, und Namen braucht nun einmal der Ehrlichste von uns, um zu existieren. Es ist auch in Augenblicken, in denen man keinen Pfennig Geld in der Tasche hat, sehr entmutigend zu 208 sehen, wie neben einem solch ein Pfuscher, ein Unfertiger, der noch nichts kann, aufkommt, Geld verdient, Namen erwirbt und doch Alles eine Seifenblase ist, die jeden Tag platzen kann. Aber ich denke mir, es wird ihm selber nicht allzu wohl dabei sein, während unsereiner wenigstens mit Seelenruhe arbeitet und immer weiter arbeitet und vom jetzigen Elend ausgehend, in der Zukunft nur bessere Zeiten erleben kann!«

In diesem Augenblick war mit der Charlotte russe bei dem kleinen Österreicher angefangen worden.

»Du bist zum Vergolden! wahrhaftig, lieber Moralt!« schrie der laut auf, und eine so seltsame Rührung lag dabei auf seinen Zügen, in seinen großen braunen Augen, daß die Andern alle zu lachen anfingen über den plötzlichen, tiefgehenden Eindruck der leckeren Speise. Aber dieser heftige Ausbruch der Dankbarkeit galt keineswegs dem Spender der Charlotte russe allein, sondern wurde in seiner tieferen Ursache von Moralt gar wohl verstanden. Auf Holleitners Serviette hatte nämlich unter dem Tischvers ein winziges Briefcouvert gelegen mit der Aufschrift: »Beim Dessert, jedoch nur verstohlen, aufzumachen!« Das war soeben unter dem Tisch geschehen, und auf einem Zettel hatte der Kleine die kurzen zwei Zeilen gefunden: »Ich habe zu Neujahr Überschuß gehabt. 209 Du kannst also für Holland 2500 Mark bekommen, aber – kein Wort reden!«

Das Glück blieb somit nach diesem kurzen Ausruf stumm und verschwiegen. Nur einige Blicke wurden zwischen den Freunden gewechselt. Der Kleine erstickte seine Erregung mit großen Bissen von dem köstlichen kalten Gericht.

»Sie haben vorhin einen großen Irrtum laut werden lassen,« – hatte sich Zakácsy wieder an Lanz gewendet – »als Sie meinten, Podjenyi könne sich in seinem falschen Glanz nicht wohl fühlen. Er ist eine Schwindlernatur, die den Versuch gemacht hat, zu scheinen, was sie nicht ist, und da ihn das Publikum willig für das nimmt, als was er sich aufspielt, so genießt er die volle Selbstzufriedenheit eines Menschen, der sich selber emporgebracht hat. Hält er doch Gaunersinn und malerische Begabung für zwei durchaus gleich benützenswerte Talente! Glauben Sie nur, der ist sehr glücklich!«

»Und mit ihm wohl auch die rote Pöntl, hm?« fragte Rolmers.

»Oh, die bläht sich ordentlich auf in seiner Glorie!« rief Zakácsy – »und mit dem Modellstehen hat es jetzt gute Weile. Die hängt sich mit dem richtigen Dirneninstinkt an Solche, bei denen es eines Tages für sie etwas Tüchtiges zu fischen gibt. Ach, Sie 210 sollten sie nur sehen: sie spielt jetzt vollständig Madame Podjenyi, streckt zur Unzeit den Kopf zur Ateliertüre herein, um ein wichtiges Nichts zu fragen, macht Abends seinen Freunden den Tee, trägt Schlafröcke aus meergrünem Seidenbattist mit Wolken von Spitzen und Bänderchen und läßt sich ihre Kostüme und Hüte von ihm skizzieren!«

»Haha – dacht ich's doch!« lachte Rolmers. »Sie schwirrte gestern beim Hoftheater an mir vorüber, in braunem Sammt und Skunks bis über die Ohren, und ich spürte ordentlich, wie mir ihr kurzer Blick sagen wollte: siehst du, anständige Kanaille in deinem alten Überzieher, wer von uns Beiden es schließlich weiter gebracht hat!«

»Silentium!« – ließ sich plötzlich eine Stimme aus der Tiefe des Ateliers vernehmen. Holleitner, der ewige Schabernacker, hatte sich vom Tisch geschlichen, stand im Hintergrunde des Raumes und kündigte marktschreierisch ein improvisiertes Possenspiel zum Dessert an.

»Die Geschichte vom Bettler Umbragesicht, der König ward, oder: Volk, wie bist du dumm!«

Die Andern merkten auf, die Löffelchen sanken leis in die Teller.

»Meine Herrschoftén!« hub er, Stimme und Sprache des Ungarn unübertrefflich nachahmend, an, 211 – »is ollés Einbildung auf dieser Welt! Der Glück, das Ruhm, die echte Künstlértum! istenem! Gibt es do Leute z. B. unter den Molern, sind so dumm und schoffén und studieren und hungérn und hoben Moralischen fünf Johré, sechs Johré, sieben Johré und sind nie zufrieden mit ihm felbér! Und endlich wenn sie molén mit Ach und Weh ein Bild und stellen es aus – schaut es keine Katz an, weil sind diese Herren so stolz wie ungarische Magnat! und meinen, das Bild wird sie schon mochén von allein bérühmt. òrdogadta! Bilden sich ein, Reklome is zu gémein für sie; bilden sich ein, ihre Kunst is schon génug zum Berühmtwerden. Is ollés saudumm! Sog ich Ihnén, meine Herrschoftén. Dos is Einbildung, wos magér macht! Kenn ich obér Einbildung, wos fett macht! Will ich Ihnén Rézept davon geben!

Zuerst a bissl studieren, drei Johré, vier Johré, oh! mehrr als génug! Dann obér tun, als ob man is schon ganz großer Künstlér – wenn man auch kann noch gor nix! Nur recht frech auftretén, meine Herrschoftén, recht frech! Elegante Toilett, gewixte Schnauz! Und dann ein Damenporträt chik hinmolén. Viel Atlas hinsaucen, viel Spitzen, noblér Hintérgrund, héraldische Gobelin, wos is sehrr beliebt! A bissl Teint schmeicheln, a bissl Glanzlicht in 212 die Augen. Werden schon sehen, meine Herrschoftén: gleich kommt ondére Madam, will auch so gemalt sein. Und die Dritte – recht galant sein! Und die Vierte – immer galant! Aber dann: immer frecher werden mit Ansprüche! Und Ollés ansstellén, und immer Reklom! Nur Kurasch! is jo das Publikum so dumm! sooo dumm! Macht man ihm nur Schwindel vor nach sein Géschmack, so glaubt's gleich daran; versteht doch nix von Kunst! Und dann wird man bérühmt iber Nocht – teremtette! – und bildét sich zuletzt selbér ein, man is großer Maler, und dann verdient man Geld, sehrr viel Geld, oh! – – Sehn Sie, meine Herrschoftén, dos is Einbildung, wos fett macht!«

»Bravo!« rief die Tafelrunde.

»Werd ich Ihnén nun vorspielén« – fuhr er fort – »die Geschichte vom Bettler Umbragesicht, wie er is géworden König und wor doch gor nix königlich an ihm – bloß weil er hot verstanden auszunützen die Dummheit von der Publikum, weil er hot auf seine Weise angéwendet das Rezept von der Einbildung, wos fett macht!«

Er riß aus dem Requisitenkasten Moralts einen großen Fetzen verfärbten, ehemals purpurroten Brokatstoffes und hüllte sich vollständig darein, also, daß er das Ende des Stoffes einer Schleppe gleich am Boden hinter sich herschleifte. Eine alte, vergoldete 213 Schmuckkette hängte er von der Wand ab und legte sie sich um den Hals. Er stülpte eine goldbrokatene Riegelhaube gleich einer Krone auf den Kopf, nahm einen Pinsel mit farbfleckigem Stiel in die Rechte, einen Apfel vom Tisch in die Linke und trat dann auf das Podium, drauf bei Tag Nicolo saß.

»Meine Herrschoftén! nun sollen Sie sehen, wie die Einbildung ollés macht! ebadta!«

»Bin ich nicht ein König in herrliche Géwänder, mit Krone, Zeptér und Opfél? Seht diese prachtvolle géwirkte Kleider aus Morgénland!« Er zeigte die Mottenlöcher und Flecken. »Aus reinstem Gold is der Opfél in meiner Linken!« Er hielt die grüne Seite des Apfels gegen die Freunde. »Funkélnd von edelstes Gestein is dos Zeptér in meiner Rechten!« – voll Farbflecken wies er den Pinselstiel – »und mein géweihtes Haupt schmückt eine Krone!«

Jetzt bat er die Flammen sämtlicher Lampen herabzuschrauben. »So – noch mehr – noch mehr!« – bis eine unbestimmte Dämmerung den Raum erfüllte.

»So hell, meine Herrschoftén,« – rief er – »ist es nun ungéfähr in den Köpfen von der Welt, von der Haufen, dem man will vorspielén sein Schwindel!«

Darauf richtete er sich majestätisch hochauf und schritt, die Schleppe hinter sich herziehend, in 214 hoheitsvollem Gang in diesem ungewissen Licht auf dem Podium hin und her.

»So! Ihr, die Ihr die staunende Menge bédeutet, nun sehet her! Bin ich nun nicht ein König? Müssét Ihr nicht sagén, daß wos Ihr vérmöget zu sehen, ist fürwahr die Gestalt von ein König? fegete kutja!«

Toller Beifall lohnte die Posse. Holleitner riß sich den Brokat vom Leib und warf ihn in den Kasten, das Übrige dazu.

»Seht Ihr, wie Alles Einbildung ist? und nun lasset uns für heute in der Einbildung glücklich sein: wir wären Alle schon große Tiere und hätten Geld wie Steine! Stoßen wir an aufs Lustigsein, aufs Jungsein, aufs leichte Blut! Juh! Gieß ein, Äbi!«

Die Laune des Kleinen steckte an. Als auf der Festtorte auch noch die siebenundzwanzig Kerzchen für Rolmers angezündet waren, hielt Moralt den Toast auf das Geburtstagskind, welcher unter dem Einfluß der Stunde, die plötzlich auch ihn mitzureißen begann, zu einem wahren Feuerwerk seines Geistes wurde. Neckereien und Komplimente Schlag auf Schlag, herzliche Worte für den Freund, wie sie nur der Vertraute sprechen konnte, und Glückwünsche für den Künstler, daß Rolmers ob all der Liebe das Herz in seiner breiten Brust mächtig zu klopfen begann. Ein Blick aus den tiefen grauen Augen schoß einmal kurz zu 215 Moralt auf, der verriet, welcher Empfindungen für diesen die Seele des Norwegers voll war.

Zakácsy hatte sich an den Flügel geschlichen und krönte die Rede mit einem Tusch. Darauf begann er einen Walzer zu spielen, und Holleitner, davon natürlich wie vom elektrischen Schlag berührt, sprang auf. Mit Ballerinengrazie verbeugte er sich vor dem nordischen Koloß, und als der einen Augenblick zögerte, faßte er ihn um die Hüfte und zog ihn von seinem Platz.

Im Nu wirbelten die Beiden durch das Atelier. Dienstfertig rollte Äbi die Staffeleien aus dem Wege und sah den Zweien lächelnd zu. Ihm selber begann heut nachgerade etwas von dem Quecksilber des Koboldes da in die Glieder zu fahren. »So unrecht hat der Holleitner mit seinem Leichtsinn fürs Leben weiß Gott nicht,« dachte er, – – »aber es haben nicht alle Leute Wienerblut!« 216

 

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