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Tino Moralt

Walther Siegfried: Tino Moralt - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleTino Moralt
authorWalther Siegfried
year1911
firstpub1890
publisherMeÿer & Jessen
addressBerlin
titleTino Moralt
pages693
created20180629
sendergerd.bouillon@t-online.de
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9

Um die gleiche Zeit ging es Äbi wieder recht schlimm. Er war gänzlich zu Ende mit seinen Mitteln.

Hatte er schon seit dem Herbst einen großen Teil der Arbeit für die lithographische Anstalt abgegeben und nur noch seine Spezialität der Verbrecherköpfe behalten, weil er es um seiner Studien willen so für notwendig erachtete, so hatte die Dringlichkeit gerade dieser Aufträge, unter welcher sein künstlerisches Schaffen immer wieder litt, ihn schließlich gezwungen, zwischen Studium und Erwerb, wenigstens für's Erste, definitiv die Wahl zu treffen. Beides ging im Augenblick nicht nebeneinander, es hieß jetzt entweder oder.

Wovon er leben sollte, wenn das wenige Ersparte zu Ende ging, hatte er vorderhand selber nicht gewußt; trotzdem war ihm nur ein Entscheid möglich gewesen: das Studium. Wochenlang hatte er seither kärglich gelebt und neben der Schule alsbald ein kleines Bild begonnen, auf dessen Verkauf er sichere Hoffnung hegte. Ein seltsamer Kauz, halb Kunstschwärmer, halb Hirnspinner, der sich eines Abends auf dem Keller mit Kunstgesprächen an ihn gemacht und ihn seither öfter 183 besucht hatte, begehrte längst etwas von ihm zu besitzen.

Eine landschaftliche Studie aus der Umgebung von München, die Äbi für gut hielt, hatte er daher für diesen Bekannten kopiert und mit Staffage zu einem Bildchen vervollkommnet, unter welches er mit gutem Gewissen seinen Namen zeichnete. Er hatte die Arbeit auf zweihundert Mark angesetzt; davon gedachte er im schlimmsten Falle drei Monate zu leben.

Aber der Liebhaber gab, als der Maler mit dem Bilde erschien, vor, er befinde sich auf der Abreise, und so sehnlich er bisher gewünscht habe, von ihm ein Werk zu besitzen, in diesem Augenblick sei er außerstande, es zu erwerben. Er gedenke den folgenden Winter jedoch abermals in München zu verleben und wenn er wieder eine Wohnung gefunden, die ihm behage, so werde er sich glücklich schätzen, sie mit dem Kunstwerk zu zieren. Von da ab blieb der sonderliche Kunstenthusiast in der Tat verschwunden. Äbi aber war ohne Geld.

Seine letzten paar Markstücke wußte er einzuteilen, daß es immer und immer wieder möglich wurde, einen Tag zu leben. Zuletzt aß er jeden Mittag im Mathäserbräu für sechs Pfennige Suppe und holte sich Abends in einem altväterischen Bäckerladen seiner Nachbarschaft an der Türkenstraße, wo die größten 184 Stücke im Ausschnitt verabreicht wurden, seine Portion schwarzes Brot. Aber es konnte nicht lange so gehen.

Den Freunden sich zu entdecken, war er zu eigensinnig stolz; lieber heimlich das Äußerste auf sich nehmen, als nicht selbständig durchkommen! Daß sein kleines Bild ohne Vermittlung Dritter nicht leicht zu verkaufen sein werde, wußte er genau. Also woher nun Geld? Der Hunger tat ihm weh, und sein übles Aussehen, welches Rolmers schon einmal zur Erkundigung nach seinem Befinden veranlaßt hatte, wurde von Tag zu Tag verräterischer. Das bemerkte schließlich auch seine Hauswirtin, und da sie seine Lage erriet, stellte sie ihn freundlich zur Rede.

Ihr Mann, ein Arbeiter, leitete einen Gesangchor von Genossen, unter denen Mehrere in einer großen Anstalt für vervielfältigende Kunst beschäftigt waren. Diese Leute hätten jetzt eben so viel zu tun, erzählte die gute Frau, daß sie bei den Musikproben fehlen müßten; vielleicht wäre daher auch Arbeit ins Haus für Äbi dort zu erlangen.

Das war zu bedenken. So wie es jetzt stand, war das Studium ebenso gehindert, wie früher durch die Nebenarbeit. Also griff der arme Bursche von Neuem zu dem bittern Aushülfsmittel, das er schon so oft hatte wählen müssen, und ging mit einer Mappe voll seiner bisherigen ähnlichen Arbeiten zum Besitzer jener 185 Anstalt. Seine Blätter gefielen; er erhielt Arbeit nach Hause.

Für's Erste war geholfen. Die Nächte hielten her zum Erwerb, die Tage verblieben dem Studium. Auf Glanzkarton übertrug er in Federzeichnung die photographischen Bildnisse, die kunstgewerblichen Gegenstände oder neuerfundenen Maschinen, welche ihm zur Vervielfältigung im Bilde überwiesen wurden.

Als die Weihnachtszeit nahte und alle Kräfte in der Anstalt überbeschäftigt waren, schickte der Arbeitgeber ihm die Kunden mit ihren Bestellungen sogar ins Haus, und nun ward Äbis Lage, der die Ferien der Schule zur ausschließlichen Erwerbsarbeit daheim ausnützte, beinahe komisch. Als Holleitner ihn eines Abends abholen wollte, fand er ihn am Zeichentisch in seiner ärmlichen Stube, umgeben von einer prunkvollen Auswahl des kostbarsten Kristallgeschirrs, das von zwei Dienern, aus Mangel an passendem Platz, eben auf dem Fußboden aufgestellt und nach Äbis Angabe gruppiert wurde.

War der gute Freund verrückt geworden und hatte all dieses Geschirr gekauft?

Er hatte den illustrierten Katalog einer Glasfabrik zu zeichnen!

Ein andermal erschien ein absonderliches Männchen in fadenscheinigem Rock und einer Schirmkappe 186 aus grünem Zeug, und bat den Herrn Maler, ihm eine Reihe möglichst günstiger Bilder von einer Erfindung für kirchliche Gegenstände anzufertigen, damit er sie vervielfältigen lassen und an die Krämer gutkatholischer Gegenden versenden könne. Aus einem sauberen Körbchen zog Herr Xaver Selnader eine Kollektion von Muttergötteslein und Heiligenfigürchen hervor, die sämtlich aus einem von ihm erfundenen Teiglein geformt und nebst naivem, ausschmückendem Beiwerk je unter eine winzige Glasglocke gesteckt waren. Diese Muttergötteslein, die man aus einer simpeln Mischung von Gips, Mehl und fettem Bindemittel bestehend vermutete, hatten eine kalte, gelblichweiße Farbe und glichen fast dem bekannten Backwerk Anisbrot. Nüchtern standen sie in einer Umgebung von scharf grasgrünen Pflänzlein, Stäudelein und Tannenbäumchen, welche aus gefärbten Federchen und bemalten Hölzchen kunstvoll und mühsam hergestellt schienen. Auch ein heiliger Antonius kam zum Vorschein und eine heilige Genoveva, neben der ein braunes Reh zwischen zwei Tannen einherging, während unter einem Felsen von Sandpapier eine staniolene Quelle hervorlief. Und wie sie alle dastanden in Reih und Glied, die heiligen Männlein und Weiblein aus Teig unter ihren Glasglocken, da warf der Erfinder einen erwartungsvollen Blick auf 187 den Maler. Ob das nicht einen großen Erfolg verhieß, an den hohen Kirchentagen auf dem Lande draußen?

Was die Abbildungen nun kosten möchten? Aber möglichst getreu, möglichst schön!

Äbi überlegte, wieviel Zeit er wohl für diese seltsame Aufgabe brauchen würde. Es reizte ihn, das zu machen; es war zu putzig. Er berechnete billig, das Männchen war entzückt.

– Viele Monate später überzeugte sich der Maler, daß trotz seiner Zeichnungen die brötenen Muttergötteslein kein lukrativer Artikel hatten werden wollen. Denn eines Morgens traf er das Männlein mit der grünen Zeugkappe vor einem armseligen, eben eröffneten Obstlädelein, wie es mit einem Tuch in der Hand von Korb zu Korb wanderte und den vor der Türe ausgestellten roten und gelben Äpfeln ihre Backen glänzend rieb. An der Tür aber prangte in kunstreich verzierten Buchstaben, mit blauer Wasserfarbe provisorisch auf ein weißes Papier gemalt, der Name Xaver Selnader. Das lateinische S war zwar verkehrt in der Bewegung, und zwei kleine Schulbuben blieben vor diesem seltsam geschriebenen ƧELNADER buchstabierend stehen, bis das Männchen, besorgt um seine Äpfel, sie weitergehen hieß.

Die endgültige Erlösung Äbis aus dieser Zeit 188 aufreibender Erwerbsarbeit wurde endlich durch einen glücklichen Zufall herbeigeführt.

Ein vornehmer Herr, der im Besitz interessanter handschriftlicher Partiturbogen von Richard Wagner war, wollte in der Anstalt ein Faksimile davon anfertigen lassen und wurde damit an Äbi gewiesen. Mit großer Hingebung unterzog sich dieser während des Restes seiner Ferien der schwierigen und anstrengenden Aufgabe, und mehrmals hatte er die Mithülfe des Bestellers nötig, um sich zurechtzufinden. Als aber die ersten Abdrücke zu dessen hoher Zufriedenheit ausgefallen waren, überreichte er Äbi, der die Hälfte gefordert hatte, eine Summe von zweihundert Mark und fragte zugleich nach dem guten kleinen Bild, das ihm in der dürftigen Wohnung aufgefallen war.

Als es ihm Äbi von der Wand geholt hatte und er den Namen darauf erblickte, schien er erstaunt.

»Sie sind auch Maler?«

»Ich bin eigentlich nur Maler.«

»Ich dachte, Sie wären Lithograph!«

»Nur zeitweise, des Erwerbes wegen, um meine Studien ungestört fortzusetzen.«

»Aber das Bildchen läßt es bedauerlich erscheinen, daß Sie veranlaßt werden, den Erwerb anders als durch Ihre eigentliche Kunst zu suchen!«

Äbi wollte etwas erwidern von der 189 Schwierigkeit zu verkaufen, aber er war zu feinfühlig, es unter den Umständen des Augenblicks zu tun.

Doch der Andere verstand auch sein Schweigen. Er ging mit dem Bilde unter dem Arm aus dem Hause, und Äbi hatte jetzt vierhundertundfünfzig Mark an barem Gelde und aus dieser neuen Zeit der Not einen Gönner gewonnen, der sich in der Zukunft für ihn zu interessieren verhieß. 190

 

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