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Timon von Athen

William Shakespeare: Timon von Athen - Kapitel 30
Quellenangabe
typetragedy
booktitleTimon von Athen
authorWilliam Shakespeare
translatorChristoph Martin Wieland
year1993
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20143-3
titleTimon von Athen
pages3-140
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1763
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Zweyte Scene.

Der Poet und der Makler treten auf.

Mahler. Nach der Erkundigung, die ich von dem Ort eingezogen habe, kan er nicht weit von hier sich aufhalten.

Poet. Was soll man von ihm denken? bestättigt sich das Gerücht, daß er soviel Gold haben soll?

Mahler. Er hat; Alcibiades erzählt es, Phrynia und Timandra haben Gold von ihm bekommen; er schenkt' auch etlichen armen verlaufenen Soldaten eine grosse Menge davon. Man sagt, er gab seinem Verwalter eine starke Summe.

Poet. So war folglich diese Bankrutt nur eine Prüfung seiner Freunde.

Mahler. Nichts anders; ihr werdet ihn bald in Athen unter den Ersten wieder glänzen sehen. Es wird also nicht übel gethan seyn, wenn wir ihm in dem Unglüks-Stand', worinn man ihn versunken glaubt, unsre Freundschaft bezeugen; es wird uns das Ansehen eines edelmüthigen Betragens geben; und es ist sehr wahrscheinlich, daß es uns zu unserm Zwek führen wird, wenn es wahr ist, daß er so reich seyn soll.

Poet. Was habt ihr bey euch, womit ihr ihm aufwarten wollet?

Mahler. Nichts für dißmal als meinen Besuch; allein ich will ihm ein vortrefliches Stük versprechen.

Poet. Ich will ihn auf die nemliche Art bedienen.

Mahler. So ist's am besten. Versprechen öffnet das Auge der Erwartung, und macht sich oft für etwas, das niemals gehalten wird, zum voraus bezahlt. Halten ist allemal der Narr in seinem eignen Spiel; sobald ein Versprechen gehalten ist, so nüzt es, ausser bey der einfältigern Art von Leuten, dem Geber nichts mehr. Versprechen ist hofmännisch, und ein Stük von der feinen Lebensart; Halten ist eine Art von leztem Willen oder Testament, welches bey dem, der es macht, eine grosse Krankheit – – am Verstand anzeigt.

Timon kommt, ohne daß ihn die vorigen Personen gewahr werden, aus der Höle hervor.

Timon (vor sich.) Vortreflicher Künstler! du kanst keinen so schlechten Kerl mahlen als du selbst bist.

Poet. Ich besann' mich, was ich sagen will, das ich für ihn in der Arbeit habe – – Es muß eine Vorstellung von ihm selbst seyn; eine Satyre über die Weichlichkeit, die eine Folge des Wohlstands zu seyn pflegt; mit einer Entdekung der unendlichen Schmeicheleyen, die das Gefolge von Jugend und Reichthum sind.

Timon. Must du dich dann in deinem eignen Werk als einen Nichtswürdigen abschildern? Willt du deine eigne Laster auf andrer Leute Rüken peitschen? Thue es, ich habe Gold für dich.

Poet. Wir wollen ihn aufsuchen.

Wer einen Vortheil einzuholen
Zu spät kommt, hat sich selbst bestohlen.

Mahler. Ihr habt recht.

Poet.

Such', was dir fehlt, bey Tag, der unbezahlt dir scheint;
Die Nacht im schwarzen Flor ist niemands Freund.

Kommt!

Timon. Ich will euch beym Umkehren entgegen kommen – – Was für ein Gott ist Gold, daß er in Tempeln verehrt wird, die verächtlicher sind als die Oerter, wo Schweine ihre Speise suchen. Du bist es der das Schiff ausrehdet, und die beschäumten Wellen pflügt; du verschaffst dem Sclaven Bewundrung und Ehrfurcht; niemals möge dein Dienst abnehmen, und verderbliche Plagen sollen deine Anbeter umkränzen! – – Izt ist es Zeit, ihnen entgegen zu kommen.

Poet. Heil dir, würdiger Timon.

Mahler. Einst unser edler Gebieter.

Timon. Wie, erleb' ich es, noch zween ehrliche Männer zu sehen?

Poet. Mein Herr, da wir so viel Gutes von euch genossen haben, und vernehmen mußten, daß ihr euch entfernt, und daß alle eure Freunde abgefallen, für deren undankbare Gemüther – – (oh, verabscheuungswürdige Seelen!) alle Ruthen des Himmels nicht hinreichend sind – – Was? von euch? dessen Stern-gleiche Großmuth Leben und Einflüsse ihrem ganzen Wesen gab? Ich komme ganz ausser mich, und kan keine Worte groß genug finden, die ungeheure Grösse dieser Undankbarkeit darein zu kleiden.

Timon. Laßt sie nakend gehen, so sehen die Leute sie desto besser; ihr, die ihr ehrliche Männer seyd, macht durch das, was ihr seyd, das was sie sind am besten sichtbar.

Mahler. Er und ich haben in dem grossen Regen eurer Freygebigkeit gereißt, und ihn auf eine angenehme Art empfunden.

Timon. Ja, ihr seyd ehrliche Männer.

Mahler. Wir sind hieher gekommen, euch unsre Dienste anzubieten.

Timon. Sehr ehrliche Männer! Wie kan ich's euch wett machen? Könnt ihr Wurzeln essen, und kaltes Wasser trinken? Nein.

Beyde. Wir wollen thun, was wir nur immer können, um euch Dienste zu leisten.

Timon. Ihr seyd ehrliche Männer; ihr habt gehört, daß ich Gold habe; ich bin versichert, ihr habt's gehört; sagt die Wahrheit, ihr seyd ehrliche Männer.

Mahler. So sagt man, mein edler Lord; allein deßwegen kam ich und mein Freund nicht hieher.

Timon. Guter ehrlicher Mann; du mahlst das beste Portrait unter allen Mahlern in Athen; du bist, in der That, der beste; du mahlst vortreflich nach dem Leben.

Mahler. So, so, Gnädiger Herr.

Timon. Eben so, mein Herr, wie ich sagte. (Zum Poet.) Und was deine Gedichte betrift, deine Verse fliessen so voll und lieblich, daß du in deiner Kunst eben so natürlich bist. Allein eben darum, meine ehrlich-gesinnten Freunde, muß ich euch sagen, ihr habt einen kleinen Fehler; der aber in der That euch nicht sehr entstellt; auch wünscht' ich nicht, daß ihr euch grosse Mühe gäbet, ihn zu verbessern.

Beyde. Wir bitten Euer Gnaden ihn uns bekannt zu machen.

Timon. Ihr möchtet es übel aufnehmen.

Beyde. Mit höchstem Dank, Gnädiger Herr.

Timon. Ist das euer Ernst?

Beyde. Zweifelt nicht daran, Milord.

Timon. Es ist niemals einer von euch allein, ohne sich einem Spizbuben anzuvertrauen, der euch gewaltig hinter's Licht führt.

Beyde. Thun wir das, Gnädiger Herr?

Timon. Das thut ihr, und ihr hört seine Schmeicheleyen; seht wie er sich verstellt, kennt seine groben Schelmstüke, und doch liebt ihr ihn, gebt ihm zu essen, und tragt ihn in euerm Busen; aber seyd versichert, er ist ein ausgemachter Spizbube.

Mahler. Ich kenne keinen solchen, Gnädiger Herr.

Poet. Noch ich.

Timon. Schaut ihr, ihr seyd mir lieb, ich will euch Gold geben, wenn ihr mir diese Schelmen aus eurer Gesellschaft ausstossen wollt; hängt sie oder erstecht sie, gebt ihnen Gift ein, oder schaft sie sonst auf eine Art aus der Welt, und kommt wieder zu mir, so will ich euch Gold genug geben.

Beyde. Nennet sie, Gnädiger Herr, wir möchten sie kennen.

Timon. Geht ihr auf diese Seite, und ihr auf diese – – Aber es sollte jeder allein seyn – – wenn jeder von euch ganz allein und einzeln ist, so hält ihm doch ein Erz-Spizbube Gesellschaft. (Zum Mahler.) Wenn da wo du bist, nicht zween Spizbuben seyn sollen, so komm ihm nie zu nah – – (Zum Poet.) Wenn du nirgends seyn willt, als wo nur ein Spizbube ist, so verlaß ihn. Fort, pakt euch, hier ist Gold; (Er giebt ihnen Schläge.) ihr kamet um Gold zu kriegen, ihr Sclaven; ihr habt Arbeit für mich; – – hier ist eure Bezahlung – – Fort – – Ihr seyd ein Alchymist, macht Gold aus diesem; fort, ihr Lumpenhunde!

(Er prügelt sie, und jagt sie fort.)

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