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Timon von Athen

William Shakespeare: Timon von Athen - Kapitel 28
Quellenangabe
typetragedy
booktitleTimon von Athen
authorWilliam Shakespeare
translatorChristoph Martin Wieland
year1993
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20143-3
titleTimon von Athen
pages3-140
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1763
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Siebende Scene.

Die Diebe treten auf.

1. Dieb. Wo mag er wol sein Geld haben? Es wird irgend ein armseliges Fragment, irgend ein übriges Bißchen sein, das er noch davon gebracht hat. Nichts anders, als der Mangel an Geld, und der Undank seiner Freunde, hat ihn zu dieser Melancholey gebracht.

2. Dieb. Das Gerücht geht, er hab' einen Schaz gefunden.

3. Dieb. Wir wollen einen Versuch machen; wenn er nichts darnach fragt; wird er's uns gutwillig geben; aber wenn er so geizig ist, daß er's für sich allein behalten will, was ist dann zu thun?

2. Dieb. Er wird den Schaz nicht bey sich tragen; er wird ihn verstekt haben.

1. Dieb. Ist der nicht Timon?

Alle. Wo?

2. Dieb. Der Beschreibung nach ist er's.

3. Dieb. Er ists, ich kenn' ihn.

Alle. Grüß dich Gott, Timon.

Timon. He, Diebe.

Alle. Soldaten, keine Diebe.

Timon. Beydes, und von Weibern gebohren.

Alle. Diebe sind wir nicht, aber Leute, die sehr viel Bedürfnisse haben.

Timon. Euer gröstes Bedürfniß ist, was ihr aller Orten finden könnet: Was solltet ihr bedürfen? Seht, die Erde hat Wurzeln; innert einer Meile um uns her entspringen hundert Quellen; die Eichen tragen Eicheln, die Gesträuche, Hambutten; die gutthätige Hausmutter, Natur, legt auf jedem Busch ihren ganzen Kram vor euch aus – – Bedürfnisse? Warum Bedürfnisse?

1. Dieb. Wir können nicht von Gras, Beeren und Wasser leben; wie Thiere, Vögel und Fische.

Timon. Auch nicht von den Thieren, Vögeln und Fischen selbst; ihr müßt Menschen essen. Doch muß ich euch Dank dafür sagen, daß ihr offenbare Diebe seyd, und euch nicht in heiligere Gestalten einhüllet; denn es herrscht grenzenlose Dieberey auch in gesezmässigen Lebensarten. Galgenschwengel, Diebe, hier ist Gold! (Er giebt ihnen Geld.) Geht, saugt das flüchtige Blut der Traube, bis das hizige Fieber euer Blut zu Schaum kocht, und entgeht dadurch dem Galgen. Vertraut euch keinem Arzt, seine Arzneyen sind Gift, er tödtet mehr Menschen als ihr beraubt, und nimmt ihnen ihr Geld mit samt dem Leben. Treibt eure Bubenstüke, treibt sie, weil ihr euch dazu bekennt, wie ein andres Handwerk; ich will euch Beyspiele genug von Dieberey geben. Die Sonn' ist ein Dieb, und beraubt durch ihre starke Anziehung das weite Welt-Meer. Der Mond ist ein ausgemachter Dieb, und maußt sein blasses Licht der Sonne. Das Meer ist ein Dieb, dessen schmelzende Wellen Dämme in salzichte Thränen auflösen. Die Erde ist ein Dieb, die uns das Futter, wovon sie lebt, aus dem Unrath aller Dinge zusammenstiehlt; ein jedes Ding ist ein Dieb. Die Geseze, die euch binden und mit Ruthen streichen, haben ungestraften Diebstahl in ihrer rauhen Gewalt. Liebt euch selbst nicht, hinweg, beraubt einander, hier habt ihr mehr Gold; schneidet Kehlen ab; alle die euch begegnen sind Diebe: Geht nach Athen, brecht in offne Buden ein, denn ihr könnt nichts stehlen; das nicht von Dieben verlohren wird; stehlt nichts desto minder, weil ich euch Gold gebe, und Gold verderbe euch, Amen!

(Er geht ab.)

3. Dieb. Er hat mir mein Handwerk schier erleidet, indem er mich dazu aufmunterte.

1. Dieb. Das ist die allgemeine Bosheit der Menschen; er giebt uns einen Rath, in Hoffnung, daß er uns an den Galgen bringen werde.

2. Dieb. So will ich ihm glauben wie einem Feind, und meine Profeßion aufgeben.

1. Dieb. Wir wollen erst warten, bis zu Athen Fried' ist.

2. Dieb. Es ist kein so schlimmer Zustand, worinn ein Mensch nicht noch gut werden kan.

(Sie gehen ab.)

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