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Timon von Athen

William Shakespeare: Timon von Athen - Kapitel 25
Quellenangabe
typetragedy
booktitleTimon von Athen
authorWilliam Shakespeare
translatorChristoph Martin Wieland
year1993
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20143-3
titleTimon von Athen
pages3-140
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1763
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Vierte Scene.

Alcibiades zieht auf eine kriegrische Weise mit Trummel und Pfeiffen auf; und Phrynia und Timandra.

Alcibiades. Wer bist du hier? Sprich!

Timon. Eine Bestie, wie du bist. Daß der Krebs dein Herz dafür durchfresse, daß du mir wieder ein menschliches Gesicht zu sehen giebst!

Alcibiades. Wie ist dein Name? Ist der Mensch dir so verhaßt, und du bist selbst ein Mensch?

Timon. Ich bin Misanthropos, und hasse das menschliche Geschlecht. Was dich betrift, so wünscht' ich, du wär'st ein Hund, damit ich dich ein wenig lieben könnte.

Alcibiades. Ich kenne dich wol; aber was für Unfälle dir zugestossen seyn müssen, davon weiß ich nichts.

Timon. Ich kenne dich auch, und verlange nicht mehr von dir zu wissen, als ich weiß; zieh deiner Trummel nach, färbe den Boden mit Menschen-Blut; roth, roth; – – Religions-Gebräuche, bürgerliche Geseze sind grausam, was soll dann der Krieg seyn? Diese faule Meze hier hat mit allen ihren Cherubin-Bliken mehr Zerstörung in sich als dein Schwerdt.

Phrynia. Daß dir die Lippen verfaulen!

Timon. Das könnte nur begegnen wenn ich dich küßte, und das will ich nicht.

Alcibiades. Wie kam der edle Timon zu diesem Wechsel?

Timon. Wie der Mond, weil er kein Licht mehr zu geben hatte; aber ich konnte mich nicht wieder erneuern wie der Mond, denn es waren keine Sonnen da, von denen ich hätte borgen können.

Alcibiades. Edler Timon, was für Freundschaft kan ich dir erweisen?

Timon. Keine, als mich in meiner Meynung zu bestärken.

Alcibiades. Was ist diese, Timon?

Timon. Mir Freundschaft zu versprechen, und keine zu halten. Wenn du mir keine versprechen willst, so verderben dich die Götter! denn du bist ein Mensch; und wenn du sie hältst, so sollen sie dich gleichfalls verderben, denn du bist ein Mensch.

Alcibiades. Es sind mir einige verworrne Nachrichten von deinen Unglüksfällen zu Ohren gekommen.

Timon. Du sahst sie, wie ich im Wohlstand saß.

Alcibiades. Ich seh sie izt, damals war eine glükliche Zeit.

Timon. Wie die deinige izt ist, zwischen einem Paar Mezen.

Timandra. Ist das der allgemeine Liebling von Athen, von dem die Welt so viel rühmliches sagte?

Timon. Bist du Timandra?

Timandra. Ja.

Timon. Bleib immer eine Hure; die lieben dich nicht, die dich gebrauchen; häng ihnen Krankheiten an, wenn sie ihre Lust mit dir gebüßt haben; mach einen guten Gebrauch von deinen bittern Stunden, bringe die Sclaven zu Schwiz-Kästen und Bädern, bring die rosenwangichte Jugend zur Hunger-CurTub-Fast, (Tonne-Fasten) im Englischen. Der Autor zielt auf die Venerische Seuche und ihre Würkungen. Die Cur derselben wurde in damaligen Zeiten entweder durch Guaiacum, oder Mercurialische Salben gemacht; und in beyden Fällen wurde der Patient sehr warm und eingesperrt gehalten; das erste, damit der Schweiß befördert werde; und das andre, damit er sich nicht wieder erkälte, welches gefährlich war. Das Regimen beym Gebrauch des Guaiacum, oder Lignum Sanctum (sagt Dr. Friend in seiner Geschichte der Arzney-Kunst, 2. Theil, S. 380.) war anfangs mit ausserordentlichen Umständen begleitet, und so strenge, daß der Patient in ein enges dunkles Loch gesperrt wurde, damit er desto besser schwizen möchte; und durch diese Veranstaltung wurde, wie sich Fallopius ausdrukt, der ganze Mensch bis auf die Knochen selbst durchgebeizt. Wisemann sagt, in England habe man sich zu diesem Zwek, anstatt der anderwärts üblichen Keller, Bak-Ofen, u. d. gl. einer Tonne bedient. Was die Unction betrift, so wurde sie zuweilen sieben und dreyßig Tage fortgesezt, wie er S. 375. bemerkt, und während dieser ganzen Zeit war eine ausserordentliche Abstinenz nothwendig. Daher dann das Wort Tub-Fast. , und zur Diät.

Timandra. An den Galgen, du Ungeheuer.

Alcibiades. Vergieb, meine liebe Timandra, seine Wiederwärtigkeiten haben seinen Verstand überwältiget. Ich habe nur wenig Geld übrig, wakrer Timon, und der Mangel daran verursacht täglichen Aufruhr unter meiner abgemergelten Kriegs-Schaar. Ich hörte mit Bekümmerniß, wie das verfluchte Athen, deiner Verdienste uneingedenk, und undankbarlich der Zeit vergessend, da sie ohne dein Schwerdt und deine Reichthümer, von ihren Nachbarn mit Füssen zertreten worden wären – –

Timon. Ich bitte dich, laß deine Trummel rühren, und geh' deines Wegs.

Alcibiades. Ich bin dein Freund, und habe Mitleiden mit dir, mein liebster Timon.

Timon. Wie kanst du Mitleiden mit dem haben, den du beunruhigest; ich wollte lieber allein seyn.

Alcibiades. Nun, so fahr wohl; hier hast du Gold.

Timon. Behalt es, ich kan es nicht essen.

Alcibiades. Wenn ich das stolze Athen in einen Steinhauffen umgekehrt habe – –

Timon. Ziehst du gegen Athen?

Alcibiades. Ja, Timon, und aus einer gerechten Ursache.

Timon. Die Götter verderben sie alle durch deine Hand, und wenn du sie vernichtet hast, dich auch!

Alcibiades. Warum mich, Timon?

Timon. Weil du gebohren wardst, durch Ermordung von Bösewichtern mein Vaterland zu Grunde zu richten. Ließ dein Gold wieder auf. Geh weiter, hier ist noch mehr Gold, geh; sey wie eine Planetarische Seuche, wenn Jupiter über irgendeine lastervolle Stadt sein Gift in die sieche Luft aushängt; laß dein Schwerdt nicht einen einzigen überspringen; schone dem ehrwürdigen Greis nicht um seines weissen Barts willen, er ist ein Wucherer; schlage die Ehefrau nieder, ihr Kleid allein ist ehrlich, sie ist eine Kupplerin. Laß nicht die jungfräuliche Wange dein schneidendes Schwerdt stumpf machen; schone dieses milchweissen Busens nicht, der unter dem gläsernen Flor zu den Augen der Männer emporschwillt, er ist ein schändlicher Verräther. Schone nicht des Säuglings, dessen kindisches Lächeln Narren zur Erbarmung zwingt; denk es ist ein Bastard, von dem ein dunkles Orakel vorhergesagt hat, daß er dir die Kehle abschneiden soll, und zerhak' ihn ohne Bedenklichkeit. Verschwöre dich wider jeden Gegenstand, der dein Herz erweichen könnte; leg' eine Rüstung um deine Ohren und deine Augen, deren Stählung weder das Heulen der Mütter, das Geschrey der Jungfrauen, und das Wimmern der Kinder; noch der Anblik von Priestern, deren Blut über ihre heiligen Kleider herab strömt, nur um eine Nadelspize durchdringen möge. Hier ist Gold, deine Soldaten zu bezahlen. Verbreite Verderben um dich her, geh', und wenn du deine Wuth ausgelassen hast, so verdirb selbst! Antworte nicht, geh!

Alcibiades. Hast du noch Gold? Ich nehme das Gold an, das du mir giebst, und lasse dir deinen Rath.

Timon. Du folgest ihm oder nicht, so falle der Fluch des Himmels auf dich!

Timandra, Phrynia. Gieb uns auch etwas Gold, guter Timon; hast du noch mehr?

Timon. Genug, um zu machen daß eine Hure ihr Handwerk verschwöre und eine – – Kupplerin werde. Hebt auf, ihr SchlüttenEin Provinzial-Wort für das Englische Slut, für welches dem Uebersezer kein hochdeutsches Wort bekannt ist. , die Schürze auf! Ihr seyd nicht eydfähig, ob ich gleich weiß, daß ihr schwören würdet; schwören, daß die unsterblichen Götter die euch hören, vor Entsezen schaudern müßten. Spart eure Schwüre, ich will euerm blossen Versprechen glauben. Bleibt immer Huren, und dem, dessen frommer Zuspruch euch bekehren will, dem macht es dreymal ärger als den übrigen; ködert ihn an, brennt ihn bis auf die Knochen; laßt nicht eher von ihm ab, biß euer Feuer über seinem Rauch Meister wird; doch sollt ihr dafür alle Jahre sechs Monate eine ganz entgegengesezte Mühe haben. Sezt euch falsche Haare an, und dekt eure arme dünne Schädel mit Aufsäzen von Todten (wenn schon einige davon gehangen sind, das hindert nichts); tragt sie, betrügt damit, und h** immer auf ihren Credit hin; schminkt euch, bis ein Pferd in euerm Gesicht steken bleiben möchte; der Henker hole die Runzeln!

Beyde. Gut, gut, nur mehr Gold; glaubt uns, um Gold thun wir was ihr nur wollt.

Timon. Säet Auszehrung in ihre marklosen Knochen, lähmet ihre dünnen Beine, und dämpfet den männlichen Trieb. Brecht die Stimme des Advocaten, daß er untüchtig werde schlimme Sachen zu führen, und Rabulisten-Streiche durch sein Geschrey gut zu machen; stekt den Priester an, der wider die Triebe des Fleisches eifert und sich selbst nicht glaubt; herab mit der Nase, platt ab, nehmt ihm den Nasenknörpel ohne Verschonen, der, seinen Privat-Nuzen ausser Gefahr zu sezen, das gemeine Beste aufopfert. Macht krausköpfichte Spizbuben kahl, und laßt auch die jungen Eisenfresser nicht leer ausgehen, die mit ihren grossen Thaten pralen, und nur nicht eine Narbe davon aufzuweisen haben. Verpestet alle Welt, und ruhet nicht, bis ihr die Quelle der Vermehrung selbst gänzlich verstopft und ausgetroknet habt. – – Hier ist mehr Gold für euch, bringt alle andre ins Verderben, dann verfaulet selbst und Misthauffen mögen euer aller Grab seyn.

Beyde. Mehr Rath und mehr Geld, guter Timon.

Timon. Ihr müßtet es erst besser verdienen; ihr habt nun euer Handgeld.

Alcibiades. Rührt die Trummel, und gegen Athen zu. Lebe wohl, Timon, wenn es mir gelungen seyn wird, will ich dich wieder besuchen.

Timon. Wenn mich die Hoffnung nicht betrügt, werd ich dich nicht mehr sehen.

Alcibiades. Ich that dir nie was zu leide.

Timon. Ja, du redtest Gutes von mir.

Alcibiades. Nennst du das beleidigen?

Timon. Die Menschen erfahren es alle Tage. Geh deines Weges, pake dich, und nimm deine Dachshunde mit.

Alcibiades. Wir sind ihm nur beschwerlich; rührt die Trummel!

(Alcibiades, Timandra und Phrynia gehen ab.)

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