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Timon von Athen

William Shakespeare: Timon von Athen - Kapitel 24
Quellenangabe
typetragedy
booktitleTimon von Athen
authorWilliam Shakespeare
translatorChristoph Martin Wieland
year1993
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20143-3
titleTimon von Athen
pages3-140
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1763
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Dritte Scene.

(Der Wald.)

Timon tritt auf.

Timon. O Sonne, Quelle der segensvollesten Einflüsse, ziehe faule Dünste aus der Erde, und vergifte die Luft unter deiner Schwester Kreis – – Zwillings-Brüder, zugleich gezeugt, von einer Mutter gebohren und gesäugt, sind im Glüke getheilt. Der Grössere verschmäht den Kleinern. Die menschliche Natur selbst, sie, die von so unzählbaren Uebeln belagert wird, kan zu keinem grossen Glüke kommen, ohne sich ihrer selbst zu schämen. Erhebt mir diesen Bettler und zieht mir diesen Lord aus, so wird der Lord so verachtet seyn, als ob er zum Bettler gebohren worden wäre, und der Bettler geehrt werden, als ob er kein gebohrner Bettler wäre. Es ist die Weide, die des Widders Seiten spikt, und der Mangel, der ihn mager macht. Wo ist der, dem die Aufrichtigkeit seiner eignen unverfälschten Seele den Muth giebt aufzustehen, und zu sagen: Dieser Mann ist ein Schmeichler? Wenn einer es ist, sind es alle; denn jede Stuffe des Glüks findt ihre Schmeichler eine Stuffe niedriger; der gelehrte Kopf bükt sich vor dem goldnen Narren; alles ist krumm, es ist nichts gerades in unsrer verfluchten Natur, als unverbesserliche Büberey. So sey dann alle Gesellschaft und alle Gemeinschaft mit Menschen von mir verabscheut! Alle von seiner Gattung, ja sich selbst hasset Timon. Verderben über das ganze Menschen-Geschlecht! – – Erde, gieb mir Wurzeln.

(Er gräbt die Erde auf.)

Wer etwas bessers von dir begehrt, dem würze den Rachen mit deinem würksamsten Gifte! – – Was ist hier! Gold! gelbes, blinkendes, feines Gold? Nein, ihr Götter, das verlangt' ich nicht von euch; Wurzeln, gütiger Himmel! Nur so viel von diesem hier ist genug, weiß, schwarz; schön, häßlich; unrecht, recht; niederträchtig, edel; ein altes Gesicht, jung; und eine feige Memme, tapfer zu machen. Ihr Götter, wozu das? warum das? Ihr Götter! wie, das kan eure Priester von eurer Seite loken, und Leute mit frischem Herzen ins Grab befördern; dieser gelbe Sclave kan geheiligte Bündnisse zusammenkütten und auflösen; dem Verfluchten Segnungen, und dem grindigen Aussaz Anbetung zuziehen; Diebe zu Ehrenstellen erheben und ihnen neben den Senatoren, Titel, Kniebeugungen und Beyfall geben: Diß ist's, was die bekümmerte Wittwe wieder freyen macht, und was einer von Geschwüren und Krebsschäden zerfressenen Candidatin des Siechenhauses, durch seine balsamische Kraft die frische Anmuth der Jugendblüthe wieder giebt. Komm, du verdammte Erde, du gemeine Meze des menschlichen Geschlechts, die so viel Lermens unter der Rotte der Nationen macht – – (Man hört von fern einen Marsch.) Ha, eine Trummel – – Du bist sehr lebendig, aber ich will dich doch begraben; wenn deine podagrische Besizer nicht mehr stehen, kanst du noch davon lauffen – – Doch nein, bleib noch ein wenig da, ich will dich für Handgeld gebrauchen.

(Er stekt eine Anzahl Goldstüke zu sich.)

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