Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > William Shakespeare >

Timon von Athen

William Shakespeare: Timon von Athen - Kapitel 21
Quellenangabe
typetragedy
booktitleTimon von Athen
authorWilliam Shakespeare
translatorChristoph Martin Wieland
year1993
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20143-3
titleTimon von Athen
pages3-140
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1763
Schließen

Navigation:

Siebende Scene.

(Verwandelt sich in Timons Haus.)

Verschiedene Senatoren treten durch verschiedne Thüren auf.

1. Senator. Guten Tag, mein Herr.

2. Senator. Ebenfalls; ich denke dieser würdige Edelmann sezte uns lezthin nur auf die Probe.

1. Senator. Ich dachte nur eben auch daran. Ich hoffe, es steht nicht so schlimm mit ihm, als er vorgab, wie er seine Freunde auf die Probe sezte.

2. Senator. Es sollte nicht seyn, wenn man von diesem neuen Banket schliessen darf.

1. Senator. Ich kan nicht anders denken; er hat mir eine ernstliche Einladung zugesandt, die ich wegen vieler nothwendiger Geschäfte gerne abgelehnt hätte; allein, er hat mich so anhaltend bitten lassen, daß ich kommen mußte.

2. Senator. Ich befand mich in gleichen Umständen, allein er wollte keine Entschuldigung gelten lassen. Es ist mir leid, daß ich nicht versehen war, wie er um Geld zu mir schikte.

1. Senator. Es verdrießt mich für meinen Theil nicht weniger, da ich nun merke, wie die Sachen stehen.

2. Senator. Es ist keiner hier, dem es nicht eben so ist, wie uns. Wie viel wollt' er von euch entlehnen?

1. Senator. Fünfzig Talente.

2. Senator. Fünfzig Talente?

1. Senator. Wie viel von euch?

2. Senator. Er schikte zu mir – – Hier kommt er.

Timon tritt mit seinem Gefolg auf.

Timon. Von Herzen willkommen, meine Herren beyderseits – und wie steht es?

1. Senator. Aufs allerbeste, da wir gute Zeitungen von Eu. Gnaden hören.

2. Senator. Die Schwalbe folgt dem Sommer nicht williger, als wir Eu. Gnaden.

Timon (bey Seite.) Und verläßt den Winter nicht lieber; solche Sommer-Vögel sind die Menschen – – Meine Herren, unsre Mahlzeit wird nicht werth seyn, daß wir so lange drauf warten; Tractirt indessen eure Ohren mit der Musik, wenn Trompeten-Schall nicht eine zu harte Speise für sie ist; wir werden uns gleich sezen können.

1. Senator. Ich hoffe Euer Gnaden werde keinen Unwillen gefaßt haben, daß ich euch einen leeren Boten zurükgeschikt habe.

Timon. O mein Herr, laßt euch das nicht beunruhigen.

2. Senator. Mein edler Lord – –

Timon. Ah, mein guter Freund, wie gehts?

(Das Essen wird aufgetragen.)

2. Senator. Mein hochgeehrtester Herr, ich bin ganz krank vor Schaam, daß ich so ein unglüklicher Bettler war, als Euer Gnaden neulich zu mir schikte.

Timon. Denkt nicht an das, mein Herr.

2. Senator. Hättet ihr nur zwo Stunden eher geschikt – –

Timon. Laßt euch das nicht von angenehmern Erinnerungen abhalten – – He, stellt alles zugleich auf!

2. Senator zum Ersten. Lauter bedekte Schüsseln?

1. Senator. Ein Königliches Tractament, ich steh' euch dafür.

3. Senator. Daran ist kein Zweifel, was Geld und die Jahrszeit aufbringen können.

1. Senator. Wie befindet ihr euch? Was giebt's Neues?

2. Senator. Alcibiades ist aus der Stadt verwiesen worden.

1. Senator. Alcibiades verwiesen?

3. Senator. Es ist nichts gewissers.

1. Senator. Wie das? wie das?

2. Senator. Ich bitte euch, weswegen?

Timon. Meine würdigen Freunde, wollt ihr nicht näher kommen?

3. Senator. Ich will's euch sogleich sagen – – Wir haben ein prächtiges Gastmahl vor uns.

2. Senator. Er ist noch immer der vorige Mann.

3. Senator. Wird es dauern? wird es dauern?

2. Senator. Es wird, wenn Zeit und Glük will, und so – –

3. Senator. Ich versteh euch.

Timon. Ein jeder nehme seinen Plaz, so begierig, als ob er an die Lippen seiner Liebsten wollte; ihr werdet an allen Pläzen gleich gehalten werden. Macht nicht eine Stadt-Gasterey daraus, und laßt das Essen kalt werden, eh man einig werden kan, wer zu oberst sizen soll. Sezt euch, sezt euch! Die Götter fordern unsern Dank:

»Ihr grossen Wohlthäter, besprengt unsre Gesellschaft mit Dankbarkeit. Macht, daß ihr für eure Gaben gepriesen werdet; aber behaltet immer etwas, das ihr geben könnt, sonst möchten Eure Gottheiten in Verachtung gerathen. Leihet einem jeden genug, damit keiner nöthig habe dem andern zu leihen; denn wenn Eure Gottheiten selbst dazu kämen, daß sie von Menschen entlehnen müßten, so würden die Menschen Atheisten seyn. Macht die Mahlzeit beliebter, als den der sie giebt. Laßt keine Versammlung von fünfzehn ohne eine Mandel Bösewichter seyn. Wenn zwölf Weiber an einem Tisch sizen, so laßt ein Duzend von ihnen seyn – – was sie sind – – den Rest eurer Feinde, o ihr Götter, die Senatoren von Athen, nebst der Grund-Suppe des übrigen Volks, zählet, ihr Götter, dem Verderben zu. Was diese meine Freunde betrift – – So, wie sie für mich Nichts sind, so segnet sie auch mit Nichts, und zu Nichts sind sie mir willkommen.«

(Man dekt auf, und alle Schüsseln sind mit Hunden von verschiedner Gattung angefüllt.)

Etliche von den Gästen. Was meynen Se. Gnaden damit?

Andre. Das weiß ich nicht.

Timon. Daß ihr nie keine bessere Mahlzeit sehet, ihr Maul-Freunde; Dampf und laues Wasser ist euer vollkommnes Ebenbild. Das ist Timons Leze. Lebt lang, und von aller Welt verabscheut, ihr glatten, lächelnden, verwünschten Schmarozer, ihr liebkosenden Zerstörer, schmeichlerische Wölfe, zahme Bären, ihr Glüks-Narren, Teller-Leker, und Fleisch-Fliegen, ihr Kopf- und Kniebeugenden Sclaven, daß alle ungezählten Krankheiten von Menschen und Vieh euch in diesem Augenblik überdeken! Wo gehst du hin! Sachte, nimm erst deine Arzney ein – – du auch – – und du – –

(Er wirft die Teller nach ihnen, und jagt sie hinaus.)

Halt, ich will dir Geld leihen, ich will keines borgen. Wie? Alle in Bewegung? Von nun an sey kein Gastmahl, wo ein Bösewicht nicht willkommen sey! Brenn' auf den Grund ab, Haus; sink', Athen; und Timon hasse von nun an den Menschen, und alles was menschlich ist!

(Geht ab.)

Die Senatoren kommen zurük.

1. Senator. Wie gefällt euch das, Milords?

2. Senator. Kennt ihr die Beschaffenheit von Lord Timons Wuth?

3. Senator. Zum Henker, habt ihr meine Müze nicht gesehen?

4. Senator.
Ich habe meinen Oberrok verlohren.

1. Senator. Lord Timon ist nichts bessers als ein Narr, er läßt sich lediglich durch die Laune regieren. Lezthin schenkt' er mir ein Kleinod, und nun hat er mir's von meiner Müze abgeworfen. Seht ihr mein Kleinod nicht?

2. Senator. Habt ihr meine Müze nicht gesehen?

3. Senator. Hier ist sie.

4. Senator.
Hier ligt mein Rok.

1. Senator. Wir wollen uns nicht länger aufhalten.

2. Senator. Lord Timon ist verrükt.

3. Senator. Das fühl ich an meinen Beinen.

4. Senator.
Den einen Tag giebt er uns Diamanten, und den andern Steine.

(Sie gehen ab.)

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.