Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Julius Wolff >

Till Eulenspiegel redivivus

Julius Wolff: Till Eulenspiegel redivivus - Kapitel 8
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band XII
authorJulius Wolff
year1912
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
titleTill Eulenspiegel redivivus
pages305-306
created20021014
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
Schließen

Navigation:

VI.

Lurlei.

        Elfen! Elfen!
Die ihr im Moore,
Die ihr im Rohre,
Die ihr in Schlüften,
Tälern und Klüften
Nachbarlich wohnt;
Tag ist verblichen,
Sonne gewichen,
Nacht ist gestiegen,
Still und verschwiegen
Wandelt der Mond.
Eilet zur Feier,
Lasset der Schleier
Hüllende Falten,
Dorn mag sie halten,
Vorwitzig Ding.
Nebel nun streifen,
Schilfe nun pfeifen,
Orgeln und geigen,
Schlinget den Reigen,
Schließet den Ring.
Schwebet im Kreise
Wieder und wieder,
Leise, nur leise
Summet die Lieder;
Singet zur Ruh
Säuselnde Weste,
Vöglein im Neste,
Würmchen und Käfer,
Decket der Schläfer
Äugelein zu.
Blume im Traume,
Blätter am Baume,
Stiele und Stämme,
Pilze und Schwämme,
Gräser und Kraut,
Brücken und Wege,
Stufen und Stege,
Felsen und Klippen,
Steine und Wippen
Sorglich betaut.
Helfet den Masern,
Wurzeln und Fasern,
Nähret die Kräfte,
Leitet die Säfte
Wipfelempor.
Pfleget mit Liebe
Keime und Triebe,
Bringt die gesunden,
Schwellenden, runden
Knospen in Flor.
Werfet auf Matten
Tanzende Schatten,
Disteln und Nesseln,
Kletten euch fesseln,
Ritzen den Zeh;
Unter den Eichen
Wählet den weichen
Moosigen Teppich,
Primel und Eppich,
Kresse und Klee.
Flüsternde Weide,
Blühende Heide,
Sanfte Violen,
Still und verstohlen,
Streuen den Duft.
Schwebet im Kreise
Wieder und wieder,
Leise, nur leise
Summet die Lieder,
Schwindet in Luft!
 
        So klang der zarten Elfen Reigen,
Dem rings mit tief verhaltnem Schweigen
Entzückt der ganze Kreis gelauscht.
Doch wie der Mühle Wasser rauscht,
Wird vor dem Rad das Schütz gezogen,
So brachten hinterher die Wogen
Der lauten Freude ungezügelt
Im Saale nun hervor, geflügelt
Von Ohr zu Ohr, von Mund zu Munde
Ging Scherz und Mutwill in die Runde;
Manch sinnig und manch neckisch Wort
Traf gut gezielt den rechten Ort,
Wo das geprüfte Eis der Tugend
Zuzeiten eine dünne Stelle,
Da zehrend bei der lieben Jugend
Anklopft des Blutes warme Quelle.
Die Kleinen spielten nebenan
In den Gemächern, dann und wann
Hört' ich ihr kindlich Jauchzen schallen,
Und draußen in den weiten Hallen
Da balgten sich die Zwerge täppisch
Und würfelten und trieben läppisch
Unfug mit sich und Schabernack
Mit Blindekuh und Huckepack.
Im Saale floß die Unterhaltung
In ungezwungen nobler Haltung,
Hier sah man zwei, dort Gruppen stehn,
Sie hatten lang sich nicht gesehn,
Da gab's nach den verlebten Tagen
Viel zu erkunden und zu fragen.
Neckar und Wupper Arm in Arm
Durchwandelten den bunten Schwarm,
Der freundlich Platz dem Pärchen machte
Und hinter ihrem Rücken lachte.
»Wo hat sie denn, sprach die Plessur,
Ihr Hottentotten-Strickzeug nur?«
»Ach nein! entgegnete die Murg,
Mit ihren Heiden ist sie durch,
Jetzt macht sie innere Mission.«
»Aha! rief Till, das kenn' ich schon,
Was Judenhetze sonst genannt,
Tut nichts, der Jude wird verbrannt!«
»Was mögen sie zusammen flüstern?
Frug nun die Ill neugierig lüstern,
Sie hat mit ihm, scheint's, ihre Not
Und wird manchmal ganz türkischrot.«
Man sah's den beiden freilich an,
Wie er so sprach, sie lächelnd sann,
Sie hatten nicht den Saal betreten,
Um hier gemeinschaftlich zu beten.
Jetzt ging ein Zischen durch die Reih'n,
Und alle blickten auf den Main,
Der auf des Thrones Stufen stand
Und Schweigen winkte mit der Hand.
Der Herold sprach:
 
        »Der Ring ist geschlossen, Anfang und Ende
Zusammengeschweißt in der Sonnenwende,
Und wieder dunkelt die zaubrische Nacht,
Die euch aus Grotte und Höhle und Schacht
    Zur Stätte entboten.

Es träuften von Segen des Herbstes Locken,
Es wehte der Winter die schneeigen Flocken,
Und auf des Frühlings belebender Spur
Durchschreitet der Sommer die blühende Flur
    Und schüret und reifet.

Ihr ließet die Heimat, das Wassergeriesel
Und spranget frohlockend von Kiesel zu Kiesel,
Nun sagt, was ihr schufet im silbernen Schaum,
Und was ihr im spiegelnden, sonnigen Traum
    Geraunt und gemurmelt,

Und was an den sprudelnden, schattigen Bronnen
Ihr heimlich gesponnen, gewoben, gesonnen,
Und was ihr mit Brausen und donnerndem Fall
Gezürnt und getost mit wirbelndem Schwall
    In Sturm und Gewitter.

Ihr alle, entstiegen dem schimmernden Bade,
Willkommen am rebenumgrünten Gestade!
Nun singet und spielet und tanzet euch müd'
Und freut euch in Freiheit mit vollem Gemüt
    Der ewigen Jugend!«

Da sprach die Lurlei, und es klang
Aus ihrem Munde wie Gesang:
 
   
        »Als ich hernieder vom ragenden Sitze
Stieg in die dämmrige, lauschige Bucht,
Schossen die Schlangen rot züngelnde Blitze,
Brüllten die Drachen in gähnender Schlucht;
Aber der Sterne flimmernde Helle
Scheuchte ins Dunkel die grimmige Brut,
Silbern im Mondlicht blinkte die Welle,
Leise am Kiele rauschte die Flut.

Flüsternd wie Harfen klang es in Lüften
Und aus dem Wasser wie Glockengeläut,
Perlender Tau mit würzigen Düften
Wurde von Ufer zu Ufer gestreut,
Knospen erschlossen sich, Kelche erglühten
An den Geländen, von Reben belaubt,
Goldadern funkelten, Demanten sprühten,
Träumende Felsen bewegten das Haupt.

Und die lebendige, wonnige, süße,
Mondbeglänzete, klingende Nacht
Sendet dir fröhliche, jubelnde Grüße,
Huldiget deiner hochheiligen Macht;
Was mir im Zug auf dem Strome begegnet,
Nickte und winkte und jauchzte hinein:
Sei uns gegrüßet, gepriesen, gesegnet,
Bergeumgürteter König am Rhein!«

            Und hoch! und hoch! und abermal!
Musik fiel ein, und durch den Saal
Im Jubelruf, dem tausendfachen,
Ertönte helles Nixenlachen.
Dahin flog Paar um Paar im Tanz,
Es stieg des Festes Lust und Glanz
Wie Feuerwerk vor Augen flirrend,
Mir Herz und Sinne schier verwirrend.
Die Zwerge schlüpften durch behende
Und schafften Wein herbei ohn' Ende,
Die Nixen und die Nymphen schwangen
Die goldnen Becher, und die Wangen
Und Augen glühten Lieb' und Lust,
Es wogte jede schöne Brust.
Wir gingen zu dem Vater Rhein,
Dort stand die Mosel dicht am Thron,
Auch Wiese war dabei und Main,
Wir fanden selbst den Neckar schon
Nebst Wupper, die im Streite lagen
Mit Vater Rhein, ich hört' ihn sagen:
»Ach was! ihr brennt euch doch nicht weiß,
War auch der Sommer noch so heiß,
Ich denk', ihr kennt mich als geduldig,
Doch bliebt ihr allzuviel mir schuldig,
Ihr ließt mich dürsten, daß die Rippen
Zu zählen waren und die Klippen
Mir in der Mittagssonne brannten,
Die sonst das Tageslicht nicht kannten.
Doch ihr lagt faul in kühler Grotte,
Du, Mosel, ließest deine Flotte
Pflichtwidrig auf dem Trocknen sitzen
Und dachtest: laß den Alten schwitzen!
Deckt ihr das Defizit nicht heuer,
So gibt es eine neue Steuer.«
»Ja mit Verlaub! sprach Neckar kühn,
Wir fühlten selbst die Sonne glühn,
Wir hatten selbst nichts einzubrocken
Und kamen ohne Schuld ins Stocken.«
»So saugt die Brunnen, preßt die Quellen,
Nehmt es bei Tropfen, nehmt's bei Wellen
Und tretet die infamen Zwerge,
Daß sie sich knieen auf die Berge
Und an den geiz'gen Wurzeln rütteln,
Und müßt ihr's aus den Ärmeln schütteln,
Es muß herbei nach Roll' und Regel,
Ich komm' um den Kredit am Pegel.«
»Die geiz'gen Wurzeln? ach! Papa,
Wie bist du auf dem Holzweg da!
Die Wurzeln mußten selber darben,
Sprach Wiese, viele Tausend starben.«
»Und dafür, nahm das Wort der Main,
Wuchs überall auch so viel Wein,
Daß wenn wir ihn ins Bett dir gießen,
Du bis zum Herbst in Wein kannst fließen.«
»Wie könnt ihr nur um Wasser rechten!
Das laßt doch groben Müllersknechten,
Rief Till, und sollte ich in Sachen
Rhein contra Mosel und Genossen
Den Schiedsmann unparteiisch machen,
So macht' ich's ohne viele Glossen
Wie jener alte, brave Richter,
Der händelsüchtigem Gelichter
Wie folgt das Urteil ausgeklügelt:
Die Schuster hatten sich geprügelt
Einst mit den Gerbern auf der Gasse,
Und nun mit lang genährtem Hasse
Verklagten sie sich gegenseitig
Und machten vor Gericht sich streitig,
Die andern hätten sie beleidigt
Und sie in Notwehr sich verteidigt.
Es war ein ganz verzwickter Fall;
Hier standen nun die Schuster all
Und dort die Gerber vor den Schranken
Und schuldigten sich heftig an.
Der Richter wälzte die Gedanken
– Er sprach noch platt, der Ehrenmann –
Und sprach, als sie genug gestritten:
»Schaustergeselln, ji mötten sitten!«
»Wat? schrien die, dat dau'n wei nich,
De Gerbersch sind an allen schuld,
Wei sitten nu un nimmer nich!«
»Still! rief der Richter, man Geduld!
Ji wull'n nich sitten, Schaustersch, wat?
Is ook juch letztes Woort nu dat?«
»Wei daun et nich, Herr Richter, nie! –«
»No, Gerbergeselln, denn sitten ji!« –
 

»Ein weiser Daniel! das ist wahr!
Sprach Lahn, die zugetreten war,
Wo hat denn der das Jus traktiert?«
»In Marburg hat er promoviert
Vermutlich oder auch in Gießen,
Sie Jungfer Weisheit, laß es sie
Doch aber weiter nicht verdrießen
Und denk': mundus vult decipi!
Wie steht's denn mit dem grünen Tisch?
Tabula rasa! und kein Fisch
Will sich im alten Garn mehr fangen,
In das so mancher Narr gegangen.«

»Was kümmert mich Roulett und Zero,
Gieß' voll den Becher! absque mero
Friget Venus
, – drum hoch die Musen.«

»Du meinst, cur rora flos am Busen
Der Schönsten dort von allen Schönen?
O Lorelei! laß uns in Tönen,
Die du nur hast, ein Lied vernehmen!«
Sie mußte wirklich sich bequemen
Und tat es gern, ein süß Gekose
Ward damit freilich unterbrochen,
Sie nahm von ihrer Brust die Rose,
Und als sie sinnend dran gerochen,
Griff schnell sie in der Harfe Stränge,
Und mächtig rauschten ihr Klänge.
Doch endlich, wie der Brust entquoll
Ihr schwebend Lied und stieg und schwoll,
Da fühlte man, daß im Gesang
Die ganze Seele ihr erklang.
Und wie erfaßt von der Gewalt
Des Liedes sie erglühend stand,
Die schönheitstrahlende Gestalt,
Da glich sie an des Saales Wand
Der Freia nun, die glanzumsäumt
Mit Liebeszauber euch umstrickt,
Der Saga, die verkündend träumt
Und drohend in die Ferne blickt.

                Der Donner rollt um Berg und Tal,
Dumpf rauscht's im Felsenschacht,
Kein Stern geht auf, kein Mondesstrahl
Durchbricht die finstre Nacht.
Mir graut nicht, mit dem Sturme ringt
Mein Lied, er deckt's nicht zu,
Kein Säuseln wiegt, kein Brausen zwingt
Mein lechzend Herz in Ruh.

Wo bist du, zweites Herz, das wild,
Wild wie mein eignes schlägt?
Wo weilest du, o Menschenbild,
Das gleiche Sehnsucht trägt?
Oh schwinge dich herauf zu mir,
Dir blüht und glüht mein Mund
Und lockt und lächelt Frühling dir
Bis auf der Seele Grund.

Ich will mich schmiegen wonnevoll,
Dir tief ins Auge sehn,
In meinen Armen selig soll
Dir Tag und Nacht vergehn
Doch wandelt je dein Lieben sich, –
Bei dieser Blitze Schein!
Dann stürz' ich hoch vom Felsen dich
Hinunter in den Rhein.

     So sang die Lurlei, und es schwieg,
Sowie der erste Ton aufstieg,
Der laute Jubel überall,
Sie standen wie ein fester Wall
Um uns in dicht gedrängtem Kreise
Und lauschten der seltsamen Weise.
Uns zitterte der letzte Ton
Noch mächtig in der Seele nach,
Doch lauerte der Spötter schon
Und rüttelte uns unsanft wach.
»Da haben wir's, rief Till, das ist
So Weibertück und Weiberlist,
Sie lächeln uns ins Angesicht
Und haben sie den armen Wicht
Mit Leib und Seele, Haut und Haaren,
So läßt man ihn zum Teufel fahren;
Dabei vergißt man fast das Lachen,
Du könntest einen gruseln machen.
Doch nun muß ich was Lust'ges hören,
Um die Gespenster zu beschwören,
Ach! Wupperchen, woll' dich erbarmen
Und gib uns du einmal aus Barmen
So recht was Komisches zum besten,
Zum rechten Gaudium allen Gästen
Sing uns ein kräftig Kernlied vor,
Wir singen den Refrain im Chor,
Zum Beispiel, das sich so anfängt:
 
            »Ain sünder bin ich ohn all gnad
Und stolpre auff dem sündenpfad
Des lebens in den finstern gaßen,
Du teuffel willt an hand mich faßen,
Ich geh nit mit dir in dein stadt,
Die eitel stank und moder hat,
Diweil darin ersäuffet sindt
All sündhaft vieh und menschenkind.«
 
       Da lachte baß der Vater Rhein:
»O aller Käuze Kauz halt' ein!
Denn den Refrain sang Noah weiland,
Als er den festen Grund betrat
Von einem flutumspülten Eiland
Und anderweit Getränk erbat.
Der Noah und der Karl, der Kaiser,
Das waren mir zwei Patriarchen!
Wer war wohl klüger, frömmer, weiser,
Der auf dem Thron, der in der Archen?
Sie pflanzten alle beide Wein,
Am Euphrat der und der am Rhein,
Drum will ich zu der beiden Ehren
Jetzt diesen vollen Humpen leeren.«
Die Wupper tat, als ob sie schmollte,
Warf einen Blick dem Spötter zu,
Der eigentlich recht bös' sein sollte,
Anfangs auch war, jedoch im Nu
Sich in ein herzlich Lachen kehrte,
Als Eulenspiegel sich bewehrte
Mit einer Armensündermiene,
Die nichts zu wünschen übrig ließ,
Von der's in der Gesellschaft hieß,
Daß er sich ihrer stets bediene,
Wenn man für dies und das Vergehn
Ihm ernstlich woll' zu Leibe gehn.
Da pustete mit hellem Ton
Der Neckar, wir verstanden schon:
»Ich bin, sprach er, bei Stimme just,
Wollt ihr was Muntres, soll es gelten,
Zum Singen hab' ich immer Lust.«
Das ist bei Tenoristen selten,
Drum ward es dankbar angenommen,
Und jedermann war es willkommen.
 
        Mädchenaug'! Mädchenaug'!
Strahlender Schimmer!
Unter den Wimpern vor
Schelmisch zu mir empor
Funkle nicht immer.
Dein Blick in meinem brennt,
Meiner von deinem trennt
Nun sich und nimmer.
Ich schau' durchs Fensterlein
Dir in das Herz hinein,
Bald tret' ich selber ein,
Mädchenaug'! Mädchenaug'!

Mädchenmund! Mädchenmund!
Lockend wie Trauben!
Lächelst so minniglich,
Inniglich! sinniglich,
Mußt nun dran glauben,
Daß ich dich küssen muß,
Tausend und einen Kuß
Will ich dir rauben.
Sieh! so umschling' ich dich,
Und so bezwing' ich dich,
Ach! und so küß' ich dich,
Mädchenmund! Mädchenmund!

Mädchenherz! Mädchenherz!
Laß dich bekehren!
Daß ich dich liebe heiß,
Nichts andres will und weiß,
Kannst du mir's wehren?
Wie du mich wieder liebst,
Mir dich zu eigen gibst,
Soll ich's dich lehren?
Bis mir dein Mund verspricht:
Liebster, dich laß' ich nicht!
Nützt dir kein Sträuben nicht,
Mädchenherz! Mädchenherz!

            »Nun lös' auch ich der Zunge Fessel,
Sprach Till und sprang auf einen Sessel
Und rief in das Gewirr hinein:
»Ich bitt' ums Wort! silentium!
Ehrwürd'ger Greis, o Vater Rhein!
Und hochgeehrtes Publikum!
Ein unbeschreibliches Behagen
Drückt mir den Becher in die Hand,
Um eine Schuld euch abzutragen
Als Lebemann und Narr von Stand.
Ihr habt mich zwar nicht eingeladen
Zu dem, was man eu'r Hoffest nennt,
Doch, dacht' ich, kann es nimmer schaden,
Wenn zu dem nassen Element,
Das hier das Oberwasser hält,
Sich etwas trockner Witz gesellt.
So kam ich, wie ich oft gekommen.
Daß ihr uns freundlich aufgenommen,
Dafür bedank' ich mich aufs beste
Und bringe jedem hier am Feste
Ein dankbar Hoch! gedenket mein
Im guten nur; du Vater Rhein
Sei hochgelobt! und Berg und Gau
Bekränze dir mit duft'ger Blume
Der Tage Glut, der Nächte Tau
Zu gnadenreichen Herbstes Ruhme.
Ihr Flüsse nun und Bäche, Quellen,
Vergeßt mir ja nicht zu bestellen
Viel Grüße an die lieben Unken,
Nehmt guten Rat auch mit nach Haus:
Wahrt euch vor Feuer, fangt nicht Funken
Und leiht auch keine Bücher aus,
Lauft nicht bergauf, denn das macht müde,
Erstaunt nicht, wenn's Palmarum schneit,
Seid nicht kokett und auch nicht prüde,
Sagt ja! wenn einer um euch freit,
Und kriegt, wenn ihr bei Jahren seid,
Nicht Podagra und Herzeleid.«
 

Und nun, statt auszutrinken, wippte
Er mit dem blitzenden Pokal
Geschickt in kurzem Ruck und kippte
Den reichen Inhalt in den Saal,
Daß weit im Bogen hin der Segen
Mit tausend Tropfen sich ergoß
Und sprühend wie ein goldner Regen
Die schönen Danaen umfloß.
Da bahnte durch den Saal sich schräg
Ein sonderlicher Zug den Weg:
Im Gänsemarsche schob ein Bann
Von vierundzwanzig Zwergen an,
Von denen schleppten mühsam drei
Ein mächtig Trinkhorn schwer herbei.
Sie stellten sich im Kreise auf
Um Eulenspiegel und darauf
Trat dreist der Sprecher vor und schnarrte,
Sie stünden hier als Abgesandte
Des Zwergenvolks, das seiner harrte
Und jetzt sich bittend an ihn wandte,
Er möchte doch zu Nutz und Frommen
Zu einem kleinen Schnickschnack kommen,
Mit ihnen einen Umtrunk halten,
Sie schickten hier zu seinem Lobe
Von ihrem Wein aus einem alten,
Sehr alten Faß die kleine Probe.
»Was?! rief es da aus hundert Kehlen,
Schon trinken jetzt? das sollte fehlen!
Erst muß er mit uns allen tanzen
Und darf sich eher nicht verschanzen
Mit Krügen, Fässern und sich laben,
Wir wollen auch was von ihm haben!«
So riefen Nixen, Nymphen, Elfen,
Die auf ihn ein mit Jubel drangen.
Da war nun anders nicht zu helfen,
Er gab sich willenlos gefangen,
Und wie er von der Nächsten Arm
Ward fortgezogen in den Schwarm,
Rief er den Zwergen zu in Eile:
»Ich komm' in einer kleinen Weile,
Sobald mein Pensum durchgerast;
Jetzt, Musikanten, paukt und blast!«
In tollen Sprüngen sah ich jetzt
Ihn wirbelnd auf des Tanzes Wogen,
Wie er von der zu der gehetzt
Kam schnell an uns vorbei geflogen,
Sie ließen ihn nicht wieder los,
Und ich verlor ihn im Getos'.

Wie lieblich und wie reizend auch
Die schönen jungen Tänzerinnen,
Mich lockte nicht der lust'ge Brauch,
Ein Schleier lag auf meinen Sinnen,
Mir war das Herz bedrückt, beschwert,
Nach innen war mein Blick gekehrt,
Ich starrt' hinein in all den Glanz
Und sah und hörte nichts vom Tanz,
Ich hörte nur des Liedes Klang
Und sah die eine nur, die's sang,
Lurlei stand überstrahlt von Licht
Mir hier und dort und überall
Vor Augen wie ein Traumgesicht
Unnahbar in dem wilden Schwall.
Sie hatte kurz vor dem Gesange
Ein einzig Mal mich voll und lange
Mit tiefem Blicke angeschaut
Wie einen, dem man gern vertraut
Verschwieg'nes, den man gerne fragte,
Erforschen möchte und ergründen
Bis tief ins Herz, und dem man wagte
Des Lebens Glück und Leid zu künden.
War mir der Blick wie Speeres Schaft
Geschleudert in die Brust gedrungen?
War's dieser Augen Zauberkraft,
Die mich verwandelt und bezwungen,
Daß ich vergaß, was je gewesen,
Mein Geist verwundet lag danieder,
Nicht anders glaubte zu genesen,
Als an denselben Augen wieder?
Vergebens sucht' ich sie im Saal
Und wagte nicht, nach ihr zu fragen,
Von meinen Schritten ohne Wahl
Ließ ich mich wie von fremden tragen.
So fand ich in des Parkes Wegen
Mich endlich wieder ganz allein
An einem Platze weit entlegen,
Da unten floß vorbei der Rhein.
Vom Spiel der Harfen und der Geigen
Drang aus der Ferne her der Schall,
In dunkelnden Gebüsches Zweigen
Sang schmelzend eine Nachtigall.
Sonst tiefe Ruh, warm war die Nacht,
Der Mond schien hell in voller Pracht,
Es duftete so stark umher,
Mir ward das Atmen seltsam schwer,
Und plötzlich vor mir, eh' ich sah,
Woher sie kam, stand Lurlei da.
Das leichte, schimmernde Gewand
War von der Schulter ihr gefallen,
Die Herrliche, wie sie da stand
In ihres goldnen Haares Wallen
Und mit dem wunderbaren Blick,
Der fest und fester mich umfing,
Da fühlte ich, daß mein Geschick
An diesem roten Munde hing.
»Lurlei!« – mehr bracht' ich nicht heraus,
Entwichen aus des Körpers Haus
War jedes Willens letzte Spur,
In ihrem Wesen lebt' ich nur.
Von ihrer Schönheit Majestät
Ging aus ein Leuchten und ein Strahlen,
Doch mild, wie Duft von Rosen weht,
Anmut und holder Liebreiz stahlen
Sich in mein überwältigt Herz
Sänftigend Ungestüm und Schmerz.
Wie tief auch sie bewegt, verriet
Mir ihres Busens rasches Wogen,
Und wie ein schweres Wetter zieht
Des Abends auf am Himmelsbogen,
So spann jetzt zwischen mir und ihr
Sich ein geheimnisvolles Walten,
Das mußte sich lebendig hier
Im nächsten Augenblick gestalten.

»Du stehst da vor mir, sprach die Fei,
Zerstreut und wie von Traum umwoben,
Als ob das erste Weib ich sei,
Vor dem die Wimper du erhoben;
Sprich, was in deinem Sinn du wägst,
Warum den Blick du auf mich prägst
Kühn fordernd halb und halb verzagend,
Bereit zu reden, stumm nur fragend.«

»Ich fühl' es, meine Augen plaudern
Verrätrisch von des Herzens Zaudern,
Das dich umkreist, dich nah umschwebt,
Dann wieder flieht, dann zu dir strebt
In immer engern, engern Kreisen,
Die unentwirrbar sich erweisen;
Es wächst die Kraft, die meine schwindet,
Ich bin gebannt für alle Zeit,
Wenn nicht das rechte Wort sich findet,
Das lösende, das mich befreit.«
Sie lächelte: »Das rechte Wort
Zu dieser Stund', an diesem Ort,
Wer wird von uns zuerst es sprechen?
Wird's Fesseln schmieden oder brechen?
Wie du da vor mir stehst und sinnst
Und bangst und hoffst, daß du gewinnst
Ein Etwas, was du noch nicht nennst,
Wohl nur vom Hörensagen kennst,
Da spielst du um den Preis des Lebens,
Wagst deinen Wurf und wagst vergebens;
Hast du so jung schon Lust zu sterben?«

»Ich weiß es wohl, ich darf nicht werben.
Man sagt, wer deinen Mund berührt,
Von deiner Schönheit Reiz verführt,
Dem haucht er bittre Liebespein
Und sterbenstiefe Sehnsucht ein,
Und in das Herz hinein ergießt
Ein Feuer sich, das lebenslang
In unauslöschlich heißem Drang
Durch alle Adern stürmend fließt.
Ich glaub's nicht, deiner Lippen Hauch
Ist nimmer Gift, und wär' es auch –
Ich liebe dich! laß dich besiegen,
Laß mich in heißer Liebesglut
Den Arm um deinen Nacken schmiegen,
Laß alle, alle Lebensflut
An deinem Busen mich durchschauern,
Laß mich an deinen Lippen hangen,
Und sollt' ich ewig danach trauern,
Aus deinem innigsten Umfangen
Mich nimmermehr lebendig winden,
Den Tod in deinen Armen finden.«
»– Ich liebe dich!? ist dies das Wort?
Ich hab' es lange nicht gehört,
Wenn nun der Mund, der's sprach, verdorrt?
Ich liebe dich! wie das betört!
Es klingt so süß mir in den Ohren,
Und ist denn nun in Lust und Leide,
Wer spricht: ich liebe dich! verloren?
O nein! und doch ist, was uns beide
Auf ewig von einander trennt,
Nur das, was keine Lippe nennt.
Oh liebtest du! – Es liebt kein Mann,
Und wie das Weib nur lieben kann,
Das weiß kein Mann, ihm sagt's kein Wort,
Hier nur, nur hier glüht's fort und fort,
Doch ihr seid blind und taub und kalt
Und lernet nie ein Weib begreifen,
Seht nicht mit schwellender Gewalt
Die Knospe euch entgegen reifen,
Aus der euch, wenn sie sich erschließt,
Himmel- und Erdenwonne sprießt.
Allein euch mag es selten glücken,
Die Wunderblüte zu entfalten,
Ihr wagt nicht, sie vom Stamm zu pflücken,
Laßt sie verwelken und veralten
Und ahnet nicht den Schmerz, den bittern,
Seht in den Augen nur die Lust,
Doch nicht die stille Träne zittern
Bei dem Begräbnis in der Brust.
Doch glaub' uns nicht so schwach und feige,
Daß wir bei euch um Gnade flehn,
Geht's mit der Liebe auf die Neige,
So fühlen wir den Haß erstehn,
Der in der Asche wühlt und stört,
Bis er zur Flamme sie empört.
Denn wiss', es ist kein Weib so bange,
Etwas Dämonisches versteckt
Ist in ihm, etwas von der Schlange,
Die nicht der erste Blick entdeckt,
Die um sich selber sanft sich ringelnd
In Taubenunschuld vor euch spielt,
Doch klug und schmeidig euch umzingelnd
Nach eurem Herzen lauernd zielt.«

»Ob das Gefühl, das mich durchflammt,
Aus Himmel oder Hölle stammt,
Ob uns ein Gott damit beschenkt,
Ob es ein Dämon hat gesenkt
Uns in die Brust, um uns den Frieden
Aus dieser schönen Welt zu rauben,
Das Rätsel löst sich nicht hienieden,
Hier forsch' ich nicht, hier will ich glauben
An eine holde Wunderkraft,
Die sich im Menschen menschlich regt,
Ein unbegreiflich Sehnen schafft
Und, ein Geheimnis, uns bewegt.
Es ist lebendig, hat Gestalt,
Mit deinem Blick hat's mich umschlungen,
Aus deines Liedes Sturmgewalt
Hat's mich durchschüttert und durchklungen.
Nach eines andern Herzens Glut
Dein eigenes sich mächtig sehnt,
Wie in der weiten Meeresflut
Sich Wog' an Woge brausend lehnt, –
Hier schlägt ein Herz, das nimmer fragt
Nach dem, was war, nach dem, was wird,
Dem nimmer bangt, das alles wagt,
Wohin, wohin sich's auch verirrt.«
»Ist, Freund, die Lieb', an die du glaubst,
Nicht kurz wie eine Sommernacht,
In der du Kuß auf Kuß dir raubst
Von einem Mädchen, schlecht bewacht,
Das du umschlingst mit keckem Arm
In schnell aufflackerndem Gelüsten,
Um dich in der Genossen Schwarm
Mit einer Liebschaft mehr zu brüsten?
Weh dir! wenn du von solchem Wahn
Geblendet wagtest, mir zu nahn.
Der Liebe, die ich fordre, gleicht
Nichts andres unterm Sternenzelt,
Was endlich und vergänglich, reicht
Nicht bis hinein in ihre Welt.
Des Herzens große Leidenschaft,
Die tönend durch das Leben schwingt,
Mit ihrer ew'gen Jugendkraft
Im Glücke schwelgt, mit Schmerzen ringt,
In Leib und Seele webt und glüht,
In Sinnen und Gedanken blüht,
Das ganze Sein erfaßt, erfüllt,
In Sehnsucht sich und Schweigen hüllt,
Nur in des andern Wesen lebt,
In ihm ganz zu vergehen strebt, –
Die Liebe, kannst du die mir zeigen,
Dann wag's, dann ist in dieser Brust
Ein unbezwungnes Herz dein eigen
In starker, süßer, wilder Lust,
Dann laß bis in den tiefsten Raum
Mich deine Menschenseele trinken
Und in der Liebe sel'gen Traum,
Von deinem Kuß berauscht, versinken.«
»Wankt nicht, ihr Sterne!!« jubelnd flog
Ich an die Brust der schönen Fei,
Ach! einen Kuß in Wonnen sog
Ich heiß vom Mund der Lorelei. –
Doch sich aus meiner Arme Haft
Entwindend stieß mit Riesenkraft
Sie mich zurück, ich sank danieder
Und ohne Macht
Um Sinne mir und Glieder
War Todesnacht. – –

Früh bei des Tages Dämmerschein
Fand ich im kühlen Tau mich liegen,
Fort war der Zauber, aus dem Rhein
Empor die weißen Nebel stiegen;
Und wie sich bald der Dampf erhöhte
Und durch die Täler floß und schwamm,
Bestreute schon die Morgenröte
Mit Rosen des Gebirges Kamm;
Sie wirkte, daß ich mich ermannte
Und neben mir den Freund erkannte.
Er sah vergnügt aus, ohne Groll,
Pfiff sich ein Lied gedankenvoll
Und saß auf einem Eichenstumpf,
Als ob er im Gedächtnis krame:
»Ja siehst du! sprach er, Coeur ist Trumpf,
Das sticht den Buben und die Dame!
Daß du verlorst dein keckes Spiel,
Das ist dir im Gesicht zu lesen,
Die Handschrift kenn' ich und den Stil,
Versuch' es wieder nie, mit Wesen
Wie unsereines dich zu messen,
Darfst keinen Augenblick vergessen,
Daß du nur Mensch, und Menschenkraft
Zerschellt an höh'rer Wissenschaft
Wie Schaumesblasen an den Klippen,
Die Götter lachen, wenn du sinkst;
Wähnst du, daß von Dämonenlippen
Du die Unsterblichkeit dir trinkst?
Ich wollte dir im lust'gen Reigen
Von übersinnlicher Natur
Ein unverhülltes Stückchen zeigen,
Ein unantastbar Traumbild nur,
Doch du, entzogen meiner Führung,
Hast selber dich hinein gemengt,
Tagfalter du! der bei Berührung
Der Flamme sich die Schwingen sengt.
Sie brennt zu hoch, zu schön, zu heiß,
Bringt Menschenblut zu schnell ins Kochen,
Und wohl von Glück zu sagen weiß,
Wem nicht das Herz dabei gebrochen.«
Still schwieg ich mit verstörtem Sinn,
Wir brachen auf zur Weiterreise,
Till trällerte halb laut, halb leise
Zu meinem Ärger vor sich hin:
    »O Menschenherz, possierlich Ding,
    Wie oft an seidnem Faden hing
    Dein Blühen und Vergehen!
    So kalt, so stark, so schwer erweicht,
    So stolz du bist, Versuchung schleicht
    Sich an dich auf den Zehen.
    Entschlüpfst du wie der Katz die Maus
    Noch ihrer Teufelskralle,
    Fängst du dich anderswo im Haus,
    Und Liebe ist die Falle.«

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.