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Gutenberg > Julius Wolff >

Till Eulenspiegel redivivus

Julius Wolff: Till Eulenspiegel redivivus - Kapitel 7
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band XII
authorJulius Wolff
year1912
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
titleTill Eulenspiegel redivivus
pages305-306
created20021014
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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V.

Sonnwendnacht.

                Sein eigenes Gewächs, – mein Treu!
Mir fällt ein Wort ein, just nicht neu,
Es heißt, daß Glaube Berge rückt;
Ob mir's wohl auch mal damit glückt?
Ich will einmal recht kräftig glauben,
Der Scharlachberg mit seinen Trauben
Sei mein; ob er wohl zu mir kommt?
Dann wüßt' ich doch, was Glauben frommt. –
 

Ein heftiges Gewitter schlug
Sich spät noch aus den Wolken nieder,
Das seine Donner nordwärts trug,
Und klarer Himmel glänzte wieder.
Wir saßen in der Abendkühle
Und hatten unsre Gartenstühle
Auf einen freien Platz gerückt,
Vom Blick auf Strom und Berg entzückt.
Mit leisem, schattenhaften Flug
Uns Fledermäuse hier umschwirrten
Und kamen oft uns nah genug,
Als ob wir lockten sie und kirrten,
Um sie mit Händen zu erwischen.
Ihr Zirpen, ihr vernehmlich Zischen,
Und wie sie fächelnd uns umkreisten,
Schien mir bedeutungsvoll, die Dreisten
Umflatterten in engem Ringe
Tills Haupt, als ob besondre Dinge
Sie ihm nur hätten zu vertrauen.
Er horchte, zog empor die Brauen
Und neigte dann sich an mein Ohr:
»Du, diese Nacht hab' ich was vor,
Sprach er, es ist Johannisnacht,
Heut' hält mit wundersamer Pracht
Den Hoftag ab der Vater Rhein,
Da woll'n wir mit beim Feste sein;
Ich bin schon öfter Gast gewesen
Und weiß auch ganz genau Bescheid
Mit dem geheimnisvollen Wesen,
Die Stunde naht, mach' dich bereit
Zur Fahrt und die drei Römer trage,
Jetzt aber weiter keine Frage!«
Wir schritten schweigend an den Rhein,
Da lagen in des Vollmonds Schein
Die weinbewachsenen Gelände,
Die Berge und die Felsenwände,
Und unten zog der Strom entlang
Mit Glockenton und Nixensang.
Als wir dicht an des Ufers Rand,
Till um sich spähend, lauschend stand
Und pfiff dann laut auf eigne Weise.
Doch was war das? von drüben leise
Kam es zurück wie Widerhall,
Dann Stille wieder überall.
Nun übers Wasser hergeschwommen
Sah bald ich einen Nachen kommen;
Wir stiegen zu den beiden Zwergen,
Die hergesteuert ihn als Fergen,
Und als wir mitten auf dem Rhein,
Da schenkte Till die Gläser ein,
Nahm eins, gab mir eins in die Hand
Und stellt' das dritte auf den Rand
Des Kahns und sprach:
    »Die Welle quillt,
    Die Traube schwillt.
    Das Gold im Grund,
    Das Gold im Mund,
    Es kommen zwei
    Zum Fest herbei,
    Heil! Vater Rhein!
    Laß ein! laß ein!«
Wir stießen an das dritte Glas,
In stiller Nacht wie tönte das!
Dann aber samt dem edlen Trank
Stürzt' über Bord es und versank.
Da rauscht' es in der Flut zur Stelle,
Und hochauf schäumte eine Welle,
Sprang in das Boot, netzt' uns den Fuß,
Das war des Rheines Gegengruß.
»Wir sind willkommen! hoch! trink aus!
Jetzt geht's zu Sang und Tanz und Schmaus.«
»Zum Wohl euch!« krächzten beide Zwerge.
»Nimm hin, Gesell, vom Scharlachberge
Als Fährgeld diesen Wein, du Tropf,
Und trinkt euch einen tücht'gen Zopf.«
Dann ging's mit Ruderschlag stromauf,
Ein breiter Talgrund tat sich auf,
Von sanften Hügeln eingeschlossen,
Auf denen ringsum Reben sprossen,
Wie vor dem Paradies die Pforten
Liegt Ingelheim vorm Rheingau dorten.
Hier ward gelandet. An dem Strande
Empfing uns eine ganze Bande
Von Zwergenvolk, die uns umringte.
Jedwedem auf der Kappe blinkte
Ein blutrot leuchtender Karfunkel,
Es war, wie sie im Schattendunkel
Hinhuschten, trippelten und lärmten,
Als wenn Johanniskäfer schwärmten.
Uns in die Mitte nahm der Hauf,
Wir beid' im Schritt und sie im Lauf,
So ging es nun landeinwärts fort,
Wir beide sprachen nicht ein Wort,
Sie kicherten und zischelten
Und quiekten, schlurften, rischelten,
Als ob vom Mäuseturm die Schar
Den Strom herauf gefolgt uns war.
Und balde kamen wir ans Ziel,
Wo uns mit lichtem Farbenspiel
Ein fürstlicher Palast empfing,
Auf den es graden Weges ging.
O Feenwelt, o Zauberpracht,
Die uns aus alten Märchen lacht,
Was habt ihr nun da aufgebaut?
Wie meld' ich's nur, was ich geschaut!

Erst führte eine Strecke lang
Ein überdeckter Bogengang,
Da hallten unsre Schritte wieder,
Und rauchend flackerte hernieder
Von Feuerbränden Schein und Glut,
Gedämpft von blauen Mondlichts Flut.
Doch durch der Pfeiler lange Reih'n
Sah in den Garten man hinein,
Da blühten Rosen ohne Zahl,
Da dufteten Jasminenhecken,
Da warfen hoch den Silberstrahl
Die Bronnen in umkränzten Becken.
Nun stiegen Stufen wir empor
Und traten durch ein offnes Tor
In weite Hallen, sanft erhellt
Von bunten Ampeln, die vom Zelt
Der hohen Wölbung niederschwebten,
Zu der granitne Säulen strebten.
Dann kamen prächtige Gemächer,
Die Wände eingeteilt in Fächer
Voll Jagdgerät und Waffenzier
Und Fell von allerlei Getier,
Trinkhörner, von des Krieges Glück
Auch manches reiche Beutestück.
Und in den hochgewölbten Hallen,
Den prunkenden Gemächern allen
Da wimmelte von tausend Zwergen
Der Troß der Diener und der Schergen,
Die uns den Weg der Freude zeigten,
Sich tief vor unsrer Größe neigten.
Und endlich standen wir vorm Saal,
Aus dem ein Meer voll Sonnenstrahl
Erglänzte, daß wir schier geblendet.
»Schau hier!« sprach Till zur Tür gewendet!
Auf breitem Schwell ein schwarzer Stein.
Drauf Runenschrift aus Elfenbein.

        Freies Herz und frohe Sinne,
Jugendkraft und Mut zur Minne,
        Becherklang, Frauengunst,
        Liedersang, Zauberkunst,
Hast du Lust an solchen Dingen,
Magst du ins Geheimnis dringen,
        Tritt herein,
        Schließ' den Reihn,
Was du dir gewinnst, sei dein!
 
                        In einer mächtigen Rotunde
Da standen Säulen in der Runde,
Rot wie Rubinen war der Schaft,
Wie wenn der Traube Purpursaft
Ausfüllt des Glases Höhlung ganz,
Durchleuchtet von des Feuers Glanz.
Die Kapitäle schön geschwungen
Von weißem Marmor und umschlungen
Von Rebenlaub und Efeuranken
Gleich heitern, lieblichen Gedanken.
Kristallen war des Saales Wandung,
Von der zurück wie Meeresbrandung
Sich an dem steilen Felsen bricht,
Abspiegelnd strömte alles Licht,
Das von der tausend Kerzen Schein
Traf auf das blitzende Gestein.
Und oben lief herum ein Fries
Von Künstlerhand gemalt, der pries
In wunderbarer Bilderpracht
Des Nordens alte Göttermacht.
Allfader Wodan ernst und hehr
Im Goldhelm mit dem Eschenspeer
Saß auf dem Thron, und seine Raben
Ihm Kunde von der Erde gaben;
Und neben ihm, das Aug' erfreuend
Stand Hertha Frücht' und Blüten streuend.
Blondlockig, strahlenden Gesichts
War Baldur dort, der Gott des Lichts,
Mit Hulda, die der Spinnerin
Und Häuslichkeit Beschützerin.
Dort auf dem güldenborst'gen Eber
Ritt Fro, der Frühlingskraft Beleber;
Die Liebesgöttin Freia schmückt
Sich mit dem Breising und beglückt
Den heißgeliebten Oedur dort
Mit Liebesblick und Liebeswort.
Da drüben Hela schrecklich sitzt,
Der finstre Loki Rache blitzt,
Und mit dem Hammer in der Hand
Ragt Thor und donnert übers Land.
Von Jugendanmut überflossen
Die Nornen hier das Schicksal küren.
Dort reiten auf den schwarzen Rossen
In üpp'ger Schönheit die Walküren.
Und an der Decke war gezogen
Um den gestirnten Himmelsbogen
Der Tierkreis, wie die Sternenuhr
Der wandelbaren Welten Spur
Von Anfang schwingt durch Raum und Zeit
Von Ewigkeit zu Ewigkeit.
 

Vom Prunkschrein, von dem reich geschnitzten,
Vom eichenen Kredenztisch blitzten
Da Ziergerät und Edelstein,
Smaragd, Rubin und Demantschein;
Da standen Kannen, Humpen, Becher
Für jeden königlichen Zecher,
Da blinkten Vasen, Schüsseln, Schalen,
Wer gibt die Menge an in Zahlen?
Wer mocht' es schätzen, wer es wiegen?
Und alles war von Gold gediegen.
Da stand er nun, der alte Schatz,
Den ihr an manchem tiefen Platz
Vergessen und verloren denkt,
Seit in den Rhein er ward versenkt.
Chriemhildens Brautschatz prangte dort,
Es war der Nibelungenhort.
So schnell wie ich es hier beschrieben,
Erschaut' ich nicht die stolze Pracht,
Dazu ist mir die Zeit geblieben
Allmählich erst im Lauf der Nacht.
Uns traf im halbgefüllten Saal
Aus schönen Augen Blitz und Strahl,
Doch wußten wir uns gut zu helfen
Mit all den allerliebsten Wesen,
Den Nixen, Nymphen, Sylphen, Elfen,
Von Schönheit alle auserlesen.
Man trat auch keiner auf die Schleppe,
In Kleidung waren sie höchst sparsam,
Die Garderobe an der Treppe
Hielt wohl die Schleier in Verwahrsam.
Dort auf dem Thron, von dem man sagte,
Es sei das Holz, das wurmzernagte,
Von Noah's Arche Sündflutholz,
Saß würdevoll, doch ohne Stolz
Der alte biedre Vater Rhein
Und ließ sich ohne Reverenzen
Gemächlich einen Humpen Wein
Stets nach dem anderen kredenzen.
Statt einer Krone war sein Haupt
Von grünem Rebenkranz umlaubt,
Er trug ein grünlich weiß Gewand
Mit einem großen Diamant,
Ein kostbar reicher Gürtel hielt's,
Der sah mir aus wie der Brunhilds.
Wie Silber glänzte Bart und Haar,
Und blaue Augen treu und klar,
Die schauten königlich und froh,
Ein weiser Barde schien er so.
Jetzt war er mitten in der Probe
Des neuen Weins, sprach hier zum Lobe,
Zum Tadel dort, just, wie es kam,
Und also ich sein Wort vernahm:
»Ja, Kinder, das ist nicht so leicht,
Der Vierundsiebziger erreicht
Noch lange nicht den edlen Elfer,
War der langschwänzige Komet
Auch immerhin ein wackrer Helfer,
Die echte, rechte Blume weht
Mich noch nicht an aus eurem Moste,
Ihr wißt, ich bin ein scharfer Prüfer,
Wenn ich mit allen Sinnen koste.
Könnt' ich nur die verdammten Küfer
Hier bei der Probe gleich erwischen!
Die Schufte schmieren euch und mischen,
Was sie nach unsern Bergen taufen,
Ich wollt', sie müßten's selber saufen.
Allein ich rede mich in Ärger,
Gieb noch mal her den Brauneberger,
Mein Moselblondchen, – ja, ganz süffig!
Ein saubres Weinchen! glatt und schliffig,
Doch mehr Charakter, Kind! mehr Geist!
Den du doch sonst zu zeigen weißt.«
»Ja, säß' im Geist nur nicht die Säure,
Die mancher Trinker nicht verträgt,
Sprach Mosel, und die, wie ich steure,
Sich scharf im Magen niederschlägt.«
»Von dir ein leichtes Räuschchen wirft,
Lacht' Vater Rhein, nicht untern Tisch,
Wer dich aus grünen Römern schlürft,
Der bleibt gesund als wie ein Fisch.
Was reichst denn du mir, kleine Hex?«

»Vom Marcobrunnen das Gewächs.«

»Ja, wunderbar ist dem Bukett!
Und dabei mild und voll und fett,
Wie Feuer glüht's in deinem Weine.«
»Ja Feuer hab' ich, sprach die Kleine,
In meiner edlen Traube Saft,
Die Winzer spürten meine Kraft,
Als sie zu Hattenheim mich lasen.«

»Haha! daher die roten Nasen,
Die deine stille Glut gebrannt.
Nun Ihr, Hochwürden Domdechant,
Laßt sehn von Hochheim die Kreszenz.«
Der Pfaff, selbst ein rotnäs'ger Zecher,
Reicht' rechts und links ihm einen Becher:
»Hier Kirchenstück und hier Präsenz!«

»Mal her mit Eurem Kirchenstücke!
Befahl der Greis, – ein Bratenwein!
Der bringt den Lahmen von der Krücke,
Ein wenig süßer könnt' er sein,
Und auch mehr Farbe möcht' ich raten,
Ihr münzt wohl auch des Weines Gold
Zu Peterspfenn'gen und Dukaten
Und anderm röm'schen Bettelsold?«
»Für diese Welt, so arg verderbt,
Ist Gold genug hineingegerbt,«
Der Domdechant von Hochheim murrte,
Doch Vater Rhein aufbrausend knurrte:
»Schweigt! hier bin ich der Unfehlbare,
Nehmt Euch in acht, Ihr im Talare!
Ich möchte sonst ein wenig fluchen,
Hier gilt nur mein Wort beim Versuchen,
Weh dem, der drum die Nase rümpft!
Und wer mir meinen schönen Strom
Noch einmal Pfaffengasse schimpft,
Den häng' ich an den Kölner Dom,
Sei's Kirchenherr, sei's Kirchendiener,
Das gilt auch dir, Benediktiner!
Mal her, Johannisberger Bruder!
Wieviel denn gab es diesmal Fuder?«

»Drei Dutzend Stück gab's, Vater Rhein,
Vom Schloß, das Dorf bracht' mehr noch ein.«
Der Vater Rhein nahm den Pokal
Und trank, trank wieder, trank nochmal:
»Est, Bruder! – Est, est! – Est, est, est!
Wenn ihr noch hundert Jahr so lest,
Sind, Mönch, in dies' und jenem Leben
Die schwersten Sünden euch vergeben;
Für diesen Wein such' dir, mein Sohn,
Ein hübsches Nixchen aus zum Lohn.«

»Du, hier ist's hübsch! sprach ich zu Till,
Mein Lebtag ich dir danken will
Für diesen Gang zur Zauberwelt,
Wann werden wir denn vorgestellt?«
Mit einemmal erhob sich, eh'
Die Antwort kam, ein Evoë
Um uns herum, wir wurden fast
Erdrückt und bei der Hand gefaßt,
Es ging mit hellem Jubelton
Im Fluge vor des Alten Thron.
»Sieh da! mein lieber, lust'ger Kauz!
Willkommen! rief der Greis, wie schaut's
Denn heuer noch so aus im Reich?
Geschwind nur deinen neu'sten Streich!«

»Wie immer, Vater Rhein, Pack schlägt sich
Heut' noch wie sonst, und Pack verträgt sich;
Mein neu'ster Streich nun ist im Leben,
Daß ich auf Reisen mich begeben
Mit diesem dunklen Ehrenmann,
Den ich jedoch, so viel ich kann,
Sehr deiner weisen Huld empfehle,
Ist eine arme Dichterseele.«
»Wie nennt er sich?« kam in die Quer
Die Frage mir; als nom de guerre
Was sag' ich nun? doch flink und flugs
Antwortet' ich: »Ich heiße Fuchs!«

»Nun Kauz und Fuchs, das reist sich gut,
Seid vor einander auf der Hut,
Gib mir die Hand, du Menschenkind!
Laß nur den Kratzfuß, sieh geschwind
Mir in die Augen, steh gerader,
Ich bin den Versemachern gut,
Es rollt in der poet'schen Ader
Manch Tröpflein wohl von meinem Blut.
Fehlt dir's mal an Begeisterung,
So melde dich nur bei dem Alten,
Paß' auf, ich bringe dich in Schwung,
Wir werden drum kein Kerbholz halten,
Braucht mich nicht immer zu besingen,
Wenn euch von mir die Gläser klingen;
Halt' nur an den dich mit der Glatze,
Der hat vom Faß, drauf sitzt die Katze,
Hier! du Poet, versuch' einmal,
Ist's nicht, als küßt sich Berg und Tal?« –
Wie Frauenliebe süß und hold,
So heiß wie feuerflüssig Gold,
So mild und weich wie Frühlingsluft,
So stark und voll wie Blumenduft, –
Mir war, als tränk' ich Poesie,
Die sich ins Herz berauschend senkte:
»Dem Deutschen Rheine gelt' es hie!«
Rief ich, als ich den Becher schwenkte.
So war die Vorstellung beendet,
Und als wir in den Saal gewendet,
Rief eine schmetternde Fanfare,
Daß Ruhe man umher bewahre.

Nun kam geschritten durch die Tür
Ein feierlicher Zug herfür;
Die Flüsse waren's, die Vasallen,
Die im Gebiet des Stromes wallen,
Ein jeder schritt allein daher
Mit edlem Anstand, stolz, gelassen,
Und, nach Bedeutung, brachte er
Von seinen kleinern Hintersassen
Ein stattliches Gefolge mit,
Das nach ihm wohl geordnet schritt,
Von Nebenflüssen, freien, schnellen,
Von Bächen auch und auch von Quellen.
An die Fünfhundert stieg die Zahl,
Jungfrau'n und Mädchen fast zumal,
Geschmückt mit Blumen und Geschmeide,
Welch anmutsvolle Augenweide!
Die Bäche waren muntre Knaben
Und holde Kinderchen die Quellen,
Blondköpfchen die, die schwarz wie Raben,
Mit dunklen Augen und mit hellen,
Im Antlitz Freude, Schmuck am Kleid.
So waren sie im Zug gereiht:
Zuerst von Zwergenvolk Musik
Betrat des Saales Mosaik;
Dann kam ein blühender Mann, der Main,
Der mußte wohl der Herold sein,
Trug einen Wappenrock gestickt,
Drauf man des Reiches Aar erblickt.
Es folgten aus der Schweiz Plessur,
Ill, Landquart, Glatt und Töß und Thur,
Die hatten stürmisch wildes Blut,
Aus ihren Augen blitzte Mut.
Die ernste, sagenreiche Aar,
Die viel erlebt, die nächste war.
Dann kamen drei mit langen Zöpfen,
Die aus des Schwarzwalds Bächen schöpfen,
Die Wutach war's und Alb und Wiese,
– Wenn ich ein Schätzchen von den drei'n,
So schlank wie Tannen, mir erkiese,
So soll's die dritte, Dunkle sein, –
Dann Ill vom Jura, Elz und Kinzig
Mit manchem Bächlein kraus und winzig.
Dann kam die Murg, die Flösse trägt
Und in der Mühle fleißig sägt;
Doch hinterdrein schritt burschikos
In vollem Wichs ein Studios.
Das nenn' ich einen flotten Jungen!
Der Neckar ist's, ein echter Schwab
War er dem finstern Wald entsprungen
Und kam von Ludwig Uhland's Grab
Nach Heidelberg, wo er studiert
Und mit den Burschen kommerziert;
Es folgte auch sein Nesenbach
Aus »Stuckert« ihm als Leibfuchs nach,
Der brachte Gruß und gute Mär
Von Ferdinand Freiligrath daher.
Nun kam die Selz, ein Mägdlein hold,
Die Nahe dann, hat heimlich Gold,
Dann kam die Wisper an, von der
Das garstige Gerede geht,
Daß sie manchmal benebelt wär',
Wie ihr der Wind gerade steht.
Der muntre Heimbach machte Staat
Mit schön geschliffenem Achat,
Und jetzt –
                  »Till! Till! sieh dorthin, dort!
Ist's Wahrheit oder Narretei?
Ist das – das ist die Lorelei!
Sieh diese Stirne, diese Brauen,
Sieh diesen Nacken, diese Brust!
O Till! noch hab' ich nicht gewußt,
Was Schönheit ist, jetzt kann ich's schauen;
Mir schwillt das Herz, mir tobt das Blut
Vor ihres tiefen Blickes Glut.«

»Bei meinem Kauz! ich dacht' es wohl,
Sie würde auf dich Eindruck machen,
Ja, sie ist schön wie ein Idol,
Doch hüte dich vor ihrem Lachen,
Vor ihren Augen, ihrem Mund,
Sie macht das Herz dir krank und wund« –

»Was da! bei meiner Sünden Not!
Ich will von diesen Lippen rot
Des Lebens Lust und Wonne trinken,
Mag drum dies Schloß in Trümmer sinken.«

»Freund, keine Torheit! Nixenhaar
Bringt Leib und Seele in Gefahr;
Ich werde dir zur Seite bleiben,
Berausche dich am muntern Treiben,
Nimm alles heitern Angesichts,
Doch, warn' ich dich, – begehre nichts!«
Da ging schon die gelehrte Lahn.
Hier sahen wir die Mosel nahn,
Die sich mit ihrem Festgeleit
Dem großen Zuge eingereiht.
Dann Sain und Nette, Wied und Ahr
Und Sieg und Erft; zu Ende war
Nun bald der Zug, so reich gestaltet.
Die Hände vor der Brust gefaltet
Kam jetzt die fromme Wuppernix
Mit demutsvollem Muckerknix
Am Thron vorbei den Saal entlang
Andächtig wie beim Kirchengang.
»Wie kommt dir denn dies Kätzchen vor?
Die kleine Heuchlerin! sprach Till,
Die hat es faustdick hinterm Ohr,
Des Neckars Liebchen ist's, doch still!
Zwei Aschenbrödel folgen noch,
Sind arbeitsam und immer heiter,
Die Ruhr und Lippe, weißt ja doch,
Die Hand, die Samstags und – so weiter.«

Das waren sie, ein ganzes Heer,
Vom Main an uns vorbei geleitet,
Sie hatten wie ein wogend Meer
Im weiten Saal sich ausgebreitet.
Ich hab' wohl manchen übersehn,
Nicht jeder war mir auch bekannt,
Till hatte beim Vorübergehn
Die Namen einzeln mir genannt.
Doch im Gefolge war ja da
Die zwanzigfache Zahl beinah;
Darunter war von gutem Klang
Auch mancher hochberühmte Name,
Manch reizend Kind, manch Jüngling schlank,
Manch liebenswürd'ge junge Dame.
Doch den Verlauf nun von dem Feste,
Wie sich vergnügt die vielen Gäste,
Und was so drum und dran gewesen,
Müßt ihr im sechsten Kaput lesen.

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