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Gutenberg > Julius Wolff >

Till Eulenspiegel redivivus

Julius Wolff: Till Eulenspiegel redivivus - Kapitel 6
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band XII
authorJulius Wolff
year1912
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
titleTill Eulenspiegel redivivus
pages305-306
created20021014
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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IV.

Bei Tische.

                  Nun endlich war es Essenszeit,
Es suchte nach Gelegenheit
Sich jeder einen Platz am Tisch,
Man saß im buntesten Gemisch;
Der Geldmann mit drei Achtel-Gruß
Ließ sich uns gegenüber nieder,
Den allerliebsten kleinen Fuß
Fand ich zu meiner Linken wieder,
Und wie der Zufall manchmal spielt,
Mein lustiger Genoß erhielt
Den Blaustrumpf gar zur Nachbarin.
Das war nun just nach seinem Sinn;
Bald war von Spottlust er geprickelt
In ein Gespräch mit ihr verwickelt,
Das mit der geist'gen Diätetik,
Sentimentalität begann
Und dann sich über die Ästhetik
Der Alten und der Neuen entspann.
Sie war zwar fürchterlich belesen
Und sprach am liebsten in Zitaten,
Doch war sie mit gelehrtem Wesen
Ihm gegenüber schlimm beraten.
Als zur Sentimentalität
Die finanzielle Fakultät,
Der Herr Bankier das Wort ergriff
Und sein erbaulich Liedlein pfiff,
Fuhr Till empor und bot ihm Schach:
»Herr Kommissionsrat, jeder nannte
Die Börse nach dem großen Krach
Sentimental erst, vorher kannte
Sie diese menschlich schwache Rührung
Wohl nicht; da ging es aus dem Vollen,
Ansteckend wirkte die Verführung,
Man ließ Millionen scherzend rollen.
Das Strafgesetz war das Gewissen,
Doch klug umging man den Verlaub
Und hat sich buchstäblich gerissen
Um Aktienwert und Gründerraub;
Ein jeder Frühlingstag bescherte
Uns eine neue Emission,
Der reine Zucker! und man zehrte
Von künft'ger Dividende schon;
Man fuhr in blitzenden Karossen,
War's auch einstweilen noch auf Pump,
Wer jetzt ins Schwarze nicht geschossen,
Der war ein Dummkopf oder Lump.
Da – mitten im Champagnerknallen,
Horch! was war das? – ein Donnerkrach!
Die Kurse fallen, fallen, fallen,
Und männlich Weh! und weiblich Ach!
Hört man, will sich die Haare raufen,
Geh still zu Fuß, um zu verkaufen,
Papiere? nein! Die sind nichts wert,
Demanten aber, Kutsch' und Pferd;
Vermögen sind verspielt, verwettet,
Wohl dem, der noch die Ehre rettet!
Doch mancher macht sich aus dem Staub
Und nimmt mit sich als Beut' und Raub
Ein kleines, heimliches Milliönchen
Und ein geschminktes Tausendschönchen.
Doch hinter ihm bricht ein die Bank,
Und Fluch und Tränen sind der Dank
Fürs Kursetreiben, Fixen, Plündern,
Der reich gespendet wird den Gründern
Von jedem, der mit ihnen stürzt,
Den sie um Hab' und Gut gekürzt;
Das Armesünderglöckchen läutet,
Das goldne Kalb hat sich gehäutet.
Da wurde denn mit einemmal
Die Börse selbst sentimental.
Der Kommissionsrat still sich neigte;
Die Frau war stolzer, als ihr Gatte,
Sie warf den Mantel ab und zeigte,
Daß sie noch Diamanten hatte.
 

Till wandte das Gespräch sofort
Und wusch in Unschuld seine Hände,
Er führt' am Tisch das große Wort,
Als ob sich das von selbst verstände;
Besonders waren es die Schönen,
Die er geschickt aus allen Tönen
Zu fesseln und zu necken wußte,
Wobei er auch sich wehren mußte.
Bald sah sich Fräulein Florentine
– So hieß der Blaustrumpf – rings umgeben
Von einem Stab, der ihm das Leben
Ein wenig sauer und schon Miene
Zu einem Massenangriff machte;
Sie merkten endlich wohl, er dachte
Nicht eben groß von ihrem Wissen,
Das hatt' ihn selber immer dreister
Zum kecksten Spotte hingerissen,
Und darin war er ihnen Meister.
Er sprach: »Als Gott die Welt geschaffen,
Die Spatzen und die lieben Affen,
Maikäfer, Blumen, und zuletzt
Die Menschen noch hineingesetzt
Und dann das alles nochmal zählte,
Da fühlt' er, daß noch etwas fehlte,
Eins, was auf all die Wohlgerüche
Schwach sauer reagiert und beizt,
Was, wie das Salz in Ihrer Küche
Die Speisen würzt, den Gaumen reizt,
Dem wunderlichen Weltragout
Etwas pikanten Beigeschmack
Verleih und duftend von Hautgout
Dem nie zufriednen Menschenpack
Mach' Appetit bei der Beschauung
Und ihm erleichtre die Verdauung.
Er überlegte hin und her,
Was da wohl noch zu schaffen wär',
Und schuf, was Genesis doch nie
Erwähnt, er schuf die Ironie.
Sie kommt in jeglicher Gestalt
Und in verschiednem Feingehalt
Mit vielen Elementen vor,
Am meisten aber mit Humor,
Damit ist chemisch sie verwandt.
Wenn sie in richt'ger Proportion
Schwer löslich sich mit ihm verband,
So gibt die Kristallisation
Den vielgepriesnen Stein der Weisen,
Dem ich nachspür' auf meinen Reisen;
Sitzt man zu Haus Jahr aus, Jahr ein,
Fängt man wahrhaftig Grillen ein
Und wird, eh's einem selbst bekannt,
Der Langenweile Hofliefrant.
Mit Ironie und mit Humor
Find' ich mich in die schlimmsten Sachen,
Es kommt mir nichts im Leben vor,
Wobei nicht irgendwas zu lachen.«
»Um den Humor in manchem Falle,
Sprach eine, seid Ihr zu beneiden,
Doch eines schickt sich nicht für alle,
Er würde uns auch nicht recht kleiden.«
»Wieso? das wird nicht eingeräumt,
Wir haben mehr, rief Florentine,
Als Eure Schulweisheit sich träumt,
Und daß er vollends uns nicht diene,
Das muß uns erst bewiesen werden;
Sind denn wir Frauen nur auf Erden
Zum stillen Leiden und zum Schweigen?
Und soll'n wir nicht den Männern zeigen,
Daß wir wie sie uns nichts draus machen
Und über Kleinigkeiten lachen?«

»Ja! Kleinigkeiten, meine Damen,
Die wahrlich nicht einmal den Namen
Von Pein verdienen oder Plagen,
Verstehn Sie musterhaft zu tragen;
Im Tischtuch so ein Rotweinfleck,
Ein enger Schuh, ein kleiner Schreck,
Daran ist keine noch gestorben,
Doch ernster wird die Sache schon,
Wenn eine Schüssel mal verdorben,
Da hält mit Müh der gute Ton
Der Tränen heißen Strom zurück,
Als wär' dahin ein süßes Glück.
Der gute Ton ist Ihr Humor,
Und Selbstbeherrschung meisterhaft,
– Ich habe ja Respekt davor! –
Das ist der schwachen Frauen Kraft.«
»So sagen Sie's doch grad' heraus,
Sprach Florentine, was Sie meinen,
Sie woll'n nicht mit der Tür ins Haus
Und wollen ungalant nicht scheinen,
Doch auf der Zungenspitze schwebt
Ein Wort, das nicht zu fest dort klebt,
Verstellung wollen Sie wohl sagen,
Um nicht noch schlimmer anzuklagen.«

»Ist das denn noch nicht schlimm genug,
Wenn jedem freien Herzenszug,
Der sich zu Mund und Auge drängt
Ein Mäntelchen wird umgehängt?
Kriegt man denn von euch mehr zu sehn,
Als eine Maske undurchdringlich,
Und ist die List nicht unbezwinglich,
Womit die Frauen es verstehn
Zu scheinen, was sie doch nicht sind?
Aufrichtig ist man nur als Kind;
Sobald einmal in reifern Jahren
Sich mit freimütigem Gebaren,
Sei's nun im guten, sei's im bösen,
Gefühl will aus der Tiefe lösen,
Gleich kommen wie der Frost im Lenz
Zwei alte, superkluge Basen
Mit ihren kalten, spitzen Nasen,
Die Etikett' und Konvenienz,
Mit Eisumschlägen und mit Salben
Und woll'n des guten Tones halben
Das Fieber der Gefühle stopfen,
Den Kindern auf die Finger klopfen.
An euch ist alles Toilette,
Mehr als die Mode je ersann,
Ihr zieht vor lauter Etikette
Dem Herzen selber Handschuh an.
Warum denn nennt man eu'r Geschlecht
Das schwache? oh mit Fug und Recht
Darum, weil, was die Nerven stählt,
Geborener Humor euch fehlt.«

»Frailty, thy name –! ich bin zufrieden
Mit dem, was mir Natur beschieden,
Und kenne selber meinen Weg.
Doch daß Sie ihn als Privileg
Für Männer nur in Anspruch nehmen,
Ist einer von den mehr bequemen
Als überzeugenden Beweisen,
Daß unserm Blute fehlt dies Eisen,
Ist in der Herrn Gedankenreich
Irrtum und Anmaßung zugleich.
Was nun betrifft die Ironie,
Die hab' ich, das gesteh' ich, nie
Recht fassen und vertragen können
Und keinem will das Recht ich gönnen,
Mit Ironie mich zu behandeln
Und Ernst in Witz und Spott zu wandeln.«

»Das ist's ja eben, Ironie
Ist mit Humor nur zu vertragen,
Fehlt der, so fehlt die Sympathie,
Und keine tiefen Gründe schlagen.
Oft sind's die Dinge selbst, die kranken
An den ironischen Gedanken,
Und nicht die Dinge bloß, vielmehr
Der irrenden Gefühle Heer,
Auslegung, Einbildung, Begriff,
Der ganze künstlich falsche Schliff
An der Betrachtung Brillenglase,
Der sieht nichts, den beißt's in die Nase;
Ob Enthusiasmus auch beordert
Die offizielle Tradition,
Man wird ja förmlich aufgefordert
Auf Schritt und Tritt zur Vexation,
Schwer ist es, ernsthaft oft zu bleiben,
Schwer ist's, Satiren nicht zu schreiben.«

»Wo aber kommt man hin zuletzt,
Wenn man mit schadenfrohen Mitteln
In eine Stimmung sich versetzt,
Die auch am besten weiß zu kritteln?
Verdirbt man sich die Freude nicht?
Macht so sarkast'sche Phantasie
Das große, ewige Gedicht
Der Schöpfung nicht zur Travestie?«

»O nein! daran ist nicht zu rütteln;
Wie Winterreif und Sommerstaub
Die Winde von den Bäumen schütteln,
So nimmt der kurzen Tage Raub
Der Menschen Meinen mit hinfort,
Was sie heraus, hinein gedeutet,
Und es verhallt das frechste Wort;
Das Köstlichste, was sie erbeutet,
Ist doch nur eine bare Schuld,
Die mit unendlicher Geduld
Die Schöpfung still und ohne Mahnen
Zurück erwartet, ihre Bahnen
In Ewigkeit sind Macht und Licht,
Sie hat die Zeit, die Menschen nicht.«

»So kann nichts andres übrig bleiben,
Als nur, daß Sie das Tun und Treiben
Der Menschen schonungslos verspotten,
Das Schlechte suchen auszurotten,
Sich aber deshalb nicht genieren,
Das Gute auch zu persiflieren,
Wenn es zufällig grade nicht
Dem eigenen Geschmack entspricht.«
»Getroffen! lachte Till, allein
Das Wort Geschmack ist mir zu klein,
Es klingt so weiblich-handarbeitlich
Und ist kurzlebig nur und zeitlich,
Doch da es schwierig zu umschreiben,
Mag's meinetwegen stehen bleiben.
Nun aber müssen Sie gestehn,
Daß über alles, was geschehn,
Gedacht, gedeutet und gesprochen,
Getan, gelassen und verbrochen,
Sich urteilen und denken läßt,
Und – sag' ich – Lachen ist der Rest!«
»Nun, das klingt wahrer, als verbindlich,
Rief Florentine jetzt empfindlich,
Was wird man da groß Federlesen
Mit uns bejammernswerten Wesen
Bei einer Untersuchung machen,
Von der der Zweck nur ist, zu lachen!«

»Schönheit und Anmut finden Gnade,
Ihr Lob ertönt mit allen Glocken,
Und Blumen blühn auf ihrem Pfade;
Was mir Bewundrung kann entlocken,
Verteidigen des Herzens Triebe,
Spottvogel schweigt, es spricht die Liebe.«
Das war nun doch ein wenig stark,
Mir selber schnitt es bis ins Mark,
Aus diesem Mund in diesem Ton
Klang's wirklich wie der frechste Hohn,
Und es entstand ein peinlich Schweigen.
Allein Till war es nun mal eigen,
Sich um dergleichen nicht zu grämen,
Und statt verlegen sich zu schämen,
Schlug an sein Glas er klingend an,
Erhob vom Platze sich bedächtig,
Sah sich im Kreis' um und begann:
Er sei der Rede zwar nicht mächtig,
Allein – mit ernstestem Gesicht –
Gebiete hie loyalste Pflicht,
Der er gewohnt sei sich zu neigen,
So wär's Verbrechen, still zu schweigen.
Dann macht' er eine kurze Pause.
Am Tische, der Erwartung voll
Von irgend einer neuen Flause,
Ließ jetzt schon sich des Beifalls Zoll
In all den heitern Mienen lesen.
Er fuhr nun fort mit wicht'gem Wesen:
Er brächte dieser Tafelrunde
Die außerordentliche Kunde,
Daß hier in unserer trauten Mitte
Ein hoher Gast zugegen wäre,
Den er ganz untertänigst bitte,
Daß er die Gnade ihm gewähre,
Zu Königlicher Hoheit Ehren
Und auf ihr Wohl ein Glas zu leeren,
Er woll' des hohen Potentaten
Inkognito auch nicht verraten. –
Elektrisch wirkte dieses Wort,
Und all' erhoben sich sofort;
Der Herr Bankier war ganz entzückt,
War lauter »Brief« und »angeboten«
Und sah schon seine Brust geschmückt
Mit einem Bändchen von dem »Roten«.
Der Herr Assessor spekulierte,
Daß er im Fluge avancierte
Aus unbesoldetem Misere
Zu einer glänzenden Karriere,
Sein jung aufstrebendes Talent
Sah sich bereits als Präsident
Des obersten Gerichtshofs stehen,
Und um ganz sicher auch zu gehen,
Begann er ohne Auswahl jeden
Mit »Eure Hoheit!« anzureden,
Doch niemand ließ es sich gefallen.
Wer war denn nun der Prinz von allen?
Till hatte alle nach der Reihe
Bei seinem Toaste angeschaut,
Doch wem speziell das Glas er weihe,
Das hatt' er keinem anvertraut.
Nun sahen sie sich gegenseitig
Scharf prüfend in das Angesicht,
Und jeder macht' dem andern streitig
Der tiefsten Ehrerbietung Pflicht.
Das Gläserklingen und Verbeugen
Das wollte schier kein Ende finden
Und mit Loyalitätsbezeugen
Den Prinzen jeder sich verbinden.
Es ward am Topp in kurzer Frist
Die große Flagge aufgehisst,
Die Böller donnerten Salut,
Und schneller schnitt der Kiel die Flut.
Ich biß mir fast die Lippen wund,
Doch Schweigen bannte meinen Mund,
Ich sah allein Till in die Karte,
Wie so ein Narr viel Narren narrte.
Der wurde nun bestürmt mit Fragen
Vom Blaustrumpf: »Oh Sie müssen's sagen!«
Rief sie erregt und ungeduldig,
Till aber sprach mit ernstem Ton,
Er wäre Seiner Hoheit schuldig
Die allerstrengste Diskretion.
»Ach! sehn Sie doch mal durch die Finger!«
Rief jene nur noch mehr gereizt.
Was tat der kecke Toastbringer?
Er hielt die rechte Hand gespreizt
Vor sein Gesicht und blickte dann
Sie durch die Finger schelmisch an:
»Ich sehe, sprach er, keinen Schimmer,
Als – ein neugierig Frauenzimmer.«
Sie schlug nach ihm, allein er band
Geschickt ihr Händchen, neigte sich
Darauf hernieder minniglich
Und küßte – seine eigne Hand.
War denn von allen keiner nüchtern?
Katzbuckelte denn jeder schüchtern
Vor diesem unbekannten Gott?
Till hatte recht mit seinem Spott:
Auf Eitelkeit und Torheit baut,
Wollt ihr, daß euch die Welt vertraut.

Zu Ende war das Mittagsmahl,
Doch niemand wagte aus der Zahl
Zuerst die Tafel aufzuheben,
Es hieß, nun müss' es sich ergeben,
Wer hier der Prinz sei und wer nicht,
Denn so erheische es die Pflicht
Der Höflichkeit in solchen Stücken,
Nicht früher mit dem Stuhl zu rücken,
Als Seine Hoheit es geruht,
Drum also, wer zuerst dies tut,
Der ist der Prinz, der muß es sein,
Nun richtet auf Geduld euch ein.
Da saß man nun wie in der Schule,
Und niemand rückte mit dem Stuhle,
Ein jeder sah mit Spähersinn
Zur leisesten Bewegung hin,
Die unwillkürlich, unbedacht
Man sich zu Schulden kommen ließ,
Es wurde dabei viel gelacht,
Und wie die Sache lag, verhieß
Sie eine Sitzung ohne Ende,
Wenn nicht der Prinz sich balde fände.
Ich saß wahrhaftig wie auf Kohlen,
Denn mir allein ja war kein Zweifel,
Ein Blick auf Till: dich soll der Teufel
Mit dem verrückten Einfall holen!
Da sprach er: »Meine Herrn und Damen!
Um das Inkognito zu wahren
Des hohen Herrn, mit dem wir fahren,
Heb' ich in Seiner Hoheit Namen
Die Tafel auf, ihr zu gefallen,
Erfülle auch wohl Ihre Wünsche,
Wenn ich gehorsamst Ihnen allen
Gesegneteste Mahlzeit! wünsche.«
Nun wieder ans Verbeugen ging's,
Zum Gegenüber, rechts und links;
Bald waren auf dem Deck zerstreut,
Die hier am Tische sich erfreut.
Der anonyme Prinz jedoch,
Der spukte in den Köpfen noch,
Und wenn sich zwei begegneten,
War's, als ob sie sich segneten
Mit dem respektvoll tiefsten Gruß,
Mit Bücklingen und Kratzefuß,
Sie machten beide einen Bogen,
Und jeder stand zurückgezogen,
Wenn auf dem Deck in dem Gedränge
An Stellen, wo der Raum nur enge,
Er mit devotem Komplimente
Dem andern ja den Vortritt gönnte;
Mißtrauisch blickten sie sich an
Und sprachen miteinander selten,
Bald mochte gerne jedermann
Selbst für den großen Prinzen gelten.
Mir aber schien's ein rechtes Glück,
Daß mittlerweil' ein gutes Stück
Vorwärts das Schiff gekommen war,
Denn vor uns lag schon Sankt Goar.
Dort stiegen wohlgemut aufs Boot
Studenten, schon beim Anmarsch singend,
Ein jeder war von echtem Schrot
Ein flotter Bursch, den Deckel schwingend,
Rhenanen waren's, denn sie trugen
An Band und Zerevis die Farben,
Es zeigten, daß sie brav sich schlugen,
Von manchem wackern Schmiß die Narben.
Sie fuhren fröhlich mit einander
Zum Niederwald, weil einer schied,
Und nach dem ersten Salamander
Aufs Vaterland klang Lied auf Lied.

        Herrlich auferstanden
Bist du, deutsches Reich,
Keins von allen Landen
Ist dir Hohem gleich;
Auf der Stirne sitzet
Dir des Kampfes Mut,
Aus den Augen blitzet
Dir der Liebe Glut.

Stehst in Macht erhoben
Wie ein Fels von Erz,
Läßt die Feinde toben,
Ruhig schlägt dein Herz;
Deine Söhne scharen
Rings sich um dein Bild,
Treu dich zu bewahren
Unsre Brust dein Schild.

Laß dein Banner fliegen,
Halte doch dein Schwert,
Bist mit deinen Siegen
Aller Ehren wert;
Von den Bergen blinket
Hell des Morgens Strahl,
Geist der Freiheit winket
Hoch herab ins Tal.

            Wüchsen mir Flügel,
Über die Hügel
Wollt' ich mich schwingen zum Himmel empor,
Frei wie der Vogel die Wipfel ersteigen
Und aus den grünen, dämmernden Zweigen
Lustige Lieder schmettern im Chor.

Schwebend im Bogen
Käm' ich gezogen
Stolz wie der Falke im sonnigen Blau,
Flink wie die Schwalbe wollte ich schweifen,
Über die Gräser, die nickenden streifen,
Netzen die Brust mir am blinkenden Tau.

Frühe am Morgen
Im Walde verborgen
Weckt' ich als Drossel den zögernden Tag,
Möve, vom Strande mit dir wollt' ich fliegen,
Mich auf den schäumenden Wogen zu wiegen,
Lauschen des Meeres donnerndem Schlag.

Aber, o Nachtigall,
Könnte ich überall
Schlüpfen wie du von Aste zu Ast,
Wüßt' einen Strauch ich vor einsamer Hütten,
Dahinein wollte in Tönen ich schütten
Grüße der Liebe, und da hielt' ich Rast.

            Oh trink' dich müd' und küss' dich satt,
Wo Krug und Lippen winken,
Doch jedes sei an seiner Statt,
Das Küssen und das Trinken,
Mit nassem Bart
Ist keine Art,
An Liebchens Brust zu sinken.

Sitzt auf der Bank ihr bei dem Wein
Mit Sang und Klang der Zither,
So könnt ihr drei, könnt hundert sein,
Ob Knappen oder Ritter;
Beim Minnespiel
Ist schon zuviel
Der beste Freund als Dritter.

Der schönste Klang auf Erden doch
Ist Gläserklang zu tauschen,
Doch einen schönern weiß ich noch,
Dem lieb' ich wohl zu lauschen,
Wenn auf dem Sand
Ich das Gewand
Der Liebsten höre rauschen.

Greif' munter zu! hie Weinesgold
Macht singen dich und reden,
Hie Purpurlippen frisch und hold
Wie Frucht vom Garten Eden;
Doch hüt' dich fein,
Nicht jeder Wein,
Nicht jeder Mund für jeden!

        Im Schaum der Räder zog die Gleise
Der Dampfer, doch wie unsre Reise
Nun fort ging, an der Lorelei,
An Stadt und Dorf und Burg vorbei,
Wie Oberwesel altertümlich
Und Kaub und Bacharach gar rühmlich,
Wie Lorch und Asmannshausen schwand,
Des schweren Roten Vaterland,
Davon will ich nicht weiter singen;
Wie stiegen dann zu Land in Bingen.
 

Der Doktor sprach in Köln zu mir:
»Kommt ihr nach Bingen, rat' ich dir,
Geht beide, du und dein Genoß,
Zu Soherr in das Weiße Roß,
Und wenn euch dann die Zunge dorrt,
So fordert euch vom Wirt sofort
Den Scharlachberger – vitae lex!
Es ist sein eigenes Gewächs.«

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