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Gutenberg > Julius Wolff >

Till Eulenspiegel redivivus

Julius Wolff: Till Eulenspiegel redivivus - Kapitel 5
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band XII
authorJulius Wolff
year1912
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
titleTill Eulenspiegel redivivus
pages305-306
created20021014
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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III.

Zu Schiffe.

                    »Ja, Herr Kaplan, wenn aber nun
Die Seele in dem Fegefeuer
Nicht beichten will und Buße tun?
Was wird dann mit dem Ungeheuer?« –
 

Das hört' ich noch und war nicht lüstern,
Die Antwort darauf zu erlauschen;
Denn ich vernahm vom Rhein ein Flüstern,
Es sang und klang im Wellenrauschen:
Komm! komm! steh auf und laß sie streiten,
Jetzt wird es Zeit! nun umgeschaut!
Ihr naht euch schon den Herrlichkeiten,
Die um uns her sind aufgebaut. –
Wie gerne folgte ich der Mahnung,
Die wie des Wandervogels Ahnung
Vom Frühling in des Südens Bucht
Mich sehnend trieb zur schnellen Flucht.
Zur Flucht? wovon? von jener Ecke
Des Tisches dort auf dem Verdecke
Des Schiffs, wo Eulenspiegel saß
Und con amore seinen Spaß
Im Streit mit einem Pfaffen trieb,
Der kampfeslustig Hieb auf Hieb
Des Zweiflers meisterlich parierte
Und dabei schrecklich perorierte.
Beim Frühstück war der Streit entglommen,
Till frug, ob individuum
Hering, das seinen Weg genommen
Zerlegt, gesalzen um und um,
Soeben in des Redners Bauch,
Als Hering auferstünde auch.
Er wollte bloß den Schwarzen ködern,
Der biß auch an, und nun tät's födern;
Er war gesattelt und gezäumt
Mit den scholastischen Systemen,
Und Till, vortrefflich aufgeräumt,
Mit kasuistischen Problemen
Ihm plänkelnd nun zu Leibe rückte
Und Huhn und Hühnchen mit ihm pflückte.
Bald kamen beide sie in Trab,
Und keiner Recht dem andern gönnte,
Was jenseits von Geburt und Grab
Gewesen sei und werden könnte;
Die Seelenwandrung war im Gange,
Metaphysik in vollem Schwange.
Und als sie, um es kurz zu fassen,
Nun auf die sünd'ge Menschheit kamen,
Da mußt' ich's mir gefallen lassen,
Daß zum Exempel mich sie nahmen,
In was für eines Tieres Leibe
Ich früher wohl schon Gras gefressen,
Und wo ich einmal künftig bleibe,
Nachdem ich alles abgesessen.
Nun aber war mir's doch genug,
Mich lockt' es an des Schiffes Bug;
Da grüßte schmeichelnd und gelind
Mit frischem Odem mich der Wind
Und schüttelte die blassen, kranken,
Die überirdischen Gedanken
Mir aus der Seele halbem Traume
Gleich welken Blättern von dem Baume.
Wie freute mich des Schiffes Schnelle!
Ich blickte in die grüne Welle,
Mir war zumut, als ob der Kiel
Des Schiffes nicht im muntern Spiel
Des weißen Schaums den Strom durcheilte,
Nein, als ob selbst die Flut ich teilte,
Mit meinen Armen rudernd schwämme,
Und aller Wellen lichte Kämme
Mir weich um Brust und Nacken spülten,
Mit ihrer Tropfen Tau mich kühlten.
Und alte Märchen stiegen auf,
Vergessen in der Jahre Lauf,
Von Nixen und kristallnen Schlössern
Da unten in den tiefen Wässern;
Wo teuft der Grund, wo ist der Ort,
Da ruht der Nibelungen Hort?

Du mächtger Strom, für alle Zeit
Gepriesen sei, gebenedeit!
Wie rollst du deine stolzen Wogen
Vom Alpensee zum Niederland
Und kommst so frei daher gezogen
In dem romantischen Gewand.
Von grünen Bergen, reichen Gauen
Prangt deiner Ufer freundlich Bild,
Und kecke Ritterburgen schauen
In deines Spiegels blanken Schild.
Von alten rost'gen Waffen klirrt es,
Von wunderbaren Sagen schwirrt es
Aus fernen Zeiten durch die Luft
Um des entzückten Wandrers Ohr,
Und von den Reben steigt ein Duft
In heller Mondnacht still empor.
Wo ist am Rhein ein Fußbreit Land,
Das Ruhm nicht und Gedächtnis fand
In der Geschichte ehrnen Lettern,
Der Chronika vergilbten Blättern?
Von Schlachten meldet jedes Tal,
Von Kampf und Fehden ohne Zahl,
Und von Belagerung und Sturm
Erzählt euch jeder alte Turm.
Der Kaiser und die Fürsten stritten,
Die Ritter und die Knechte ritten,
Kurfürst und Bischof lebten flott,
Das Edelfräulein trug der Zelter,
Und fromme Mönche lobten Gott
Und brachten ihren Wein zur Kelter.
Da blühten Städte altersgrau,
Der Bürger schwang des Ritters Wehre,
Und Zunft und Gilde trug zur Schau
Des Handels Glück, des Handwerks Ehre.
Ein reiches, wildes, lust'ges Leben
Hat allezeit der Rhein gepflegt,
Ihm hat Natur den Kranz der Reben
Umsonst nicht auf die Stirn gelegt.

Das Schifflein hatt' uns mittlerweile
Stromauf getragen manche Meile,
Wir sah'n nicht mehr den Rolandsbogen,
Längst waren unserem Entzücken
Die sieben Berge schon entzogen,
Längst hatten wir die Ahr im Rücken
Und Andernach mit seinem Krahn
In Sicht. Hier schied auch der Kaplan,
Auf seinem Rock gleich einem Blatte
Vom Wein, den er getrunken hatte,
Das Etikette ihm hinten saß,
Von Till dort angeklebt zum Spaß.

Der war noch auf demselben Platz;
»Nun, sprach ich, ruhst du von der Hatz?
Es ist wohl scharf noch hergegangen?
Das war ein heikliges Kapitel,
Doch du bist schuld, hast angefangen,
Vergebens legt' ich mich ins Mittel
Und war besorgt, ihr kämt in Flammen
Mit Faust und Ferse noch zusammen.
Nun sei die Frage mir erlaubt:
Meinst du, daß der das alles glaubt,
Was er wie Holz vom Zaune bricht,
Und was er Stein und Bein verficht?«

»Das alles glaubt? o keine Spur!
Ist alles Disziplin, Dressur.«

»So hat der Weise an dem Frommen
Wohl seinen Meister gar gefunden?«

»Es war ihm nirgends beizukommen,
Er war gehetzt mit allen Hunden;
Auch will ich ehrlich dir bekennen,
Solch einem Schachspiel Zug um Zug
Und philosoph'schen Kirchturmrennen
Fühl' ich mich nicht geschult genug.
Wenn ihr mit Phantasie und Liebe
Das grenzenlose Sein umfaßt
Und mit des Sammlers dunklem Triebe
In ein System das ganze paßt,
So sehe ich mit meinen Augen
Die ird'schen Dinge anders an,
Was sie bedeuten, was sie taugen,
So treten sie an mich heran.
Ihr konstruiert euch eure Welt
In der Idee sublimem Reich,
Und was ihr euch da vorgestellt,
Das legt ihr schicklich als Vergleich
Wie einen Zollstock lang und breit
An die entdeckte Wirklichkeit;
Mir aber schießen wie Kristalle
Die Dinge vor den Sinnen auf,
Dem Sturm, dem Blitz, dem Licht, dem Schalle
Laß' ich den vollen, freien Lauf.
Und laß' sie ruhig auf mich wirken.
So findet jedes seinen Platz
In seinen eigenen Bezirken;
Im Wechsel und im Gegensatz
Liegt just der Reiz für das Gefühl.
Das ist's ja doch, worauf du baust,
In dem unendlichen Gewühl,
Das dich umflutet und umbraust,
Find'st du nicht Ruhe, kein Asyl,
Nicht Schirm und Schutz, als im Gefühl.
Das ist der feste Punkt im Raum,
Von dem du kannst die Welt bewegen,
Die Wurzel ist's am Lebensbaum,
Die in den Wipfel treibt den Regen.
Wohin du auch dein Fühlhorn streckst,
Was du erbeutest und entdeckst,
Das sucht und findet seinen Weg,
In deinem Herzen sich zu spiegeln,
Der Sinn ist Brücke nur und Steg,
Kannst dem Gefühl ihn nicht verriegeln,
Darüber kannst du nicht hinaus,
Trägst's mit dir wie die Schneck' ihr Haus.
»Gut, sprach ich, daß du dich entschuldigst,
Ich seh' da keinen rechten Plan,
Denn mit der Ansicht, der du huldigst,
Ist allerdings nicht viel getan;
'S ist eine eigne Politik,
Sie schwankt auf leicht bewegten Wellen.
Wie aber würde die Kritik
Wohl gegen das Gefühl sich stellen?«

»Kritik! Kritik! verdammtes Wort!
Ich hab' es lange schon im Magen,
Und diesen Journalistensport
Kann oft der Zehnte nicht vertragen.
Hab' mich zwar nie daran gekehrt
In meinen ungebundnen Sitten,
Denn was ich tu' und lasse, schert
Doch keinen Zweiten oder Dritten.
Allein das liebe Publikum
Ist nun mal so daran gewöhnt,
Als ob ein Evangelium
Ihm aus der Zeitung Spalten tönt,
Als ob daraus sich jeder hole
Die literarische Parole.
Man wagt kein Urteil im Salon,
Bevor nicht über das Problema
Hier Segen sprach das Feuilleton,
Dort ein vernichtend Anathema.
Dann aber weiß man schon genug
Vom neu erschienenen Romane,
Und vom Theater spricht man klug
Und schwört zu seines Blättchens Fahne.
Statt sich mit unbefangnen Sinnen
Genußempfänglich hinzugeben,
Gilt's nur, ein Urteil zu gewinnen,
Und über jeder Zeile schweben
Sieht man – ein Damokleisch Schwert –
Des Rezensenten spitze Feder,
Auf welche er vom hohen Pferd
Die Worte euch wie Lerchen spießt,
Aus welcher, zieht er scharf vom Leder,
Oft Schwärz'res noch als Tinte fließt.
Ich kann sie wahrlich nicht beneiden,
Die dieses Henkeramt bekleiden,
Den Vogel für sein lustig Singen,
Wie ihm der Schnabel ist gewachsen,
Mit Kennerweisheit umzubringen
Nach den landläufig festen Taxen.«

»So war ich wohl auf falscher Spur,
Wenn ich dich durch und durch gehalten
Für eine kritische Natur,
Der's Freude macht, ein Haar zu spalten?«

»So falsch war deine Fährte nicht,
Doch ist es mehr der Geist der Zeit,
Die kritisch denkt und kritisch spricht,
Sich leicht verhetzt in biß'gen Streit
Und anspruchsvoll Gefallen findet
Am Gladiatorenkampf der Meinung.
Mit dem Begriff Kritik verbindet
Sich leider stets der der Verneinung,
Ein Frösteln, das mich nie beschleicht,
Ich kann nur spotten, will nur lachen
Und sage, daß das Tadeln leicht,
Viel leichter ist, als Bessermachen.«

»Nun laß uns nicht darüber streiten,
Sonst ist kein Ende abzusehn,
Laß uns zum Bug des Schiffes schreiten,
Zum Ausblick dort vor Anker gehn.«
Und so geschah's, Till ging voran
Bis auf des Schiffes äußre Spitze
Und kletterte aufs Bugspriet dann
Platz suchend zu bequemem Sitze.
»Wo willst du hin? rief ich ihm zu,
Dort können wir nicht beide stehn.«

»Das merk' ich wohl, doch sagtest du,
Wir sollten vor den Anker gehn,
Der liegt hier, wie du siehst, ganz vorn,
Und vor ihm ist nur noch dies Horn,
Drum mußt du hinterm Anker bleiben.«

»Du bist doch immer noch wie eher
Der pudelnärr'sche Wortverdreher,
Dem's wahrlich ein Vergnügen scheint,
Gar wunderlich zu übertreiben,
Was man doch bildlich nur gemeint;
So kommt nur von der Stange wieder
Und wandle mit mir auf und nieder.«

Er folgte augenblicks und gern,
Wir maßen manches Mal die Länge
Des Schiffs vom Schnabel bis zum Stern
Und wanden uns durch das Gedränge
Der mit uns reisenden Genossen.
Mich fesselte das Bild der Landschaft,
Till aber machte seine Glossen
Und stellte über Wahlverwandtschaft
Der Reisenden Betrachtung an,
Er wollte aus Gesicht und Wesen
Und aus dem Kleid von jedermann
Charakter, Stand und Neigung lesen;
So ließ er bald den ganzen Haufen
Vor seinem Witz Spießruten laufen.
»Das ist vulkanisch offenbar!«
Sprach ich, er lächelte ironisch
Und zeigte auf ein Ehepaar:
»Jawohl! und das da ist plutonisch,
Sieh nur die diskontable Haltung,
Glatt wie ein Zahltisch ist sein Scheitel.
Ein Stückchen Kapitalverwaltung,
O Salomo! 's ist alles eitel!
Die Gnädige, zurückgezogen,
Gewiß ein wenig fatiguiert,
Die Nase etwas kühn gebogen,
Doch aber sehr, sehr distinguiert!
Und jene dort mit ihrer Mutter,
Der sieht man doch den Blaustrumpf an.
Die ganze Fahrt ist ihr nur Futter
Für ihren künftigen Roman;
Ihr Blick ist feurig, resolut,
Sie weiß sich intressant zu halten,
Die Züge geistvoll, und wie gut
Stehn ihrer Stirn die leisen Falten!
Kaum widersteh' ich dem Versuch,
Mit ihr ein wenig anzubinden,
Um mich demnächst in ihrem Buch
Als starken Geist gedruckt zu finden.
Vom blauen Strumpf nun zu den weißen
In hohen Stiefelchen, da rechts, –
Sieh nicht so scharf hin, sonst entreißen
Sie sich dem Blick, das ist nichts Schlechts!
Der Fuß, wie er da geht und steht,
So voll, so zierlich und kokett,
So reizend – sag' einmal, Poet,
Verdiente der nicht ein Sonett?
Sieh da! der Herr Geheime Rat
Besieht sich auch mal fremde Länder
Mit seiner Töchter reicher Saat
Vom Backfisch bis zum Dreißigender
Da storcht ein knöcherner Professor:
Quousque tandem, Oberkellner?
Und das da sind der Herr Assessor,
Der routinierte Bagatellner.
Sind nicht die vier mit ihren Faxen,
Die eifernd auf einander schrei'n,
Tuchmacher aus dem lieben Sachsen,
So will ich selber einer sein.
Tuchmacher sind gewitzte Leute,
Sie trinken lang und reden breit,
Sie tun, als wären sie nicht von heute,
Sind immer zu Krakehl bereit,
Und wenn sie mit den Armen fechten,
So strampeln sie auch mit den Füßen,
Die viere scheinen just die Rechten,
Ich werde mal das Handwerk grüßen.«
Doch kaum war dies gesagt, da fingen
Sie grade lustig an zu singen:

                Handwerksburschen durch die Welt
Frisch und fröhlich wandern,
Schlafen unterm Himmelszelt
Einer bei dem andern.

Handwerksbursch nach altem Brauch
Grüßet Werk und Meister,
Im Gelag die Brüder auch,
Und dann weiter reist er.

Handwerksburschen, flotte Leut,
Werfen ab den Ranzen:
Mädel! es ist Kirmeß heut,
Komm heraus zum Tanzen!

Handwerksburschen zahlen nicht,
Lachen. wenn sie zechten,
Herbergsvater ins Gesicht,
Kommen durch mit Fechten.

Handwerksbursch steht seinen Mann
Unverzagt im Streite,
Bettelvogt traut sich nicht 'ran,
Sucht vor ihm das Weite.

Handwerksbursch mit Sack und Pack
Immer guter Laune,
Pflückt sich seinen Rauchtabak
Überall vom Zaune.

Handwerksbursch ist auch ein Held
Mit zerrissnen Sohlen,
Apfelbaum und Rübenfeld
Sind ihm gut empfohlen.

Handwerksbursche schwenkt den Hut:
Braucht ja nichts zu geben,
Leichter Sinn und leichtes Blut,
Wandern ist mein Leben!

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