Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Julius Wolff >

Till Eulenspiegel redivivus

Julius Wolff: Till Eulenspiegel redivivus - Kapitel 11
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band XII
authorJulius Wolff
year1912
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
titleTill Eulenspiegel redivivus
pages305-306
created20021014
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
Schließen

Navigation:

IX.

Die Fahrt.

                    Hochsommer ist's, die Melodien
Der Nachtigall sind nun verklungen,
Sie muß zum Nest im Flieder hin,
Da sperrn die Schnäbel ihre Jungen.
Schon wird die Rose blaß und matt,
Die heißen Sonnenpfeile schießen
Ihr aus dem Kelche Blatt auf Blatt
Und lassen sie im Winde fließen.
Vom Himmel tief die Wolke hängt,
Es rollt und blitzt aus dunklen Streifen,
Und alles rüstet sich und drängt,
Die angesetzte Frucht zu reifen;
Noch selber grün im grünen Laube
Verbirgt und ründet sich die Birne,
Doch leckt der Fuchs schon nach der Traube
Und lauscht, ob bald der Saft sich firne.
Nun prüft der Landmann sein Gerät,
Das Ernteseil und Zaum und Trense,
Und wer im letzten Herbst gemäht,
Nimmt von der Wand die breite Sense.
Noch ist nicht große Erntezeit,
Noch sind nicht schwer genug die Ähren,
Und bis zum Erntetanz ist's weit,
Eh' sich die letzten Felder klären.
Doch auf der Wiese ellenlang
Des Grases fette Halme stehen,
Da sieht man jetzt mit Sang und Klang
Die Schnitter an die Arbeit gehen.
Die Sense schwirrt im Takt und greift
In weiten, immer gleichen Bogen,
Mit Fauchen und mit Sausen schweift
Sie blitzend durch die grünen Wogen.
Wenn Rosenhauch und Veilchenduft
Mir wie ein Gruß der Liebe schmeichelt,
Wenn mich die sanft bewegte Luft
Mit weichen Wohlgerüchen streichelt,
Dann komm auch du heran und streu
Mir deinen Duft, o Wiesenheu!
Strömt mir in Feierabends Ruh
Anheimelnd dein Gewürz herzu,
Bleib' ich am Rain tiefatmend stehn,
Laß' mich umwallen und umwehn,
Und mit dem Duft zieht's in die Brust
Wie Sensenklang und Erntelust.
 

Wie brav auch unser Rößlein zog,
Auf Fittigen der Liebe flog
Mein hoffend Herz ihm weit voraus
Mit Gruß und Kuß und Blumenstrauß,
Und keines Wortes war ich mächtig.
Auch Eulenspiegel saß bedächtig,
Es kam kein Laut ihm aus den Zähnen,
Er brütete wohl über Plänen.
Als jetzt durch sanft geschwungne Hügel
Der Weg um eine Ecke bog,
Da wuchsen unserm Rosse Flügel,
Die Ohren spitzend, wiehernd flog
Es schnurstracks auf ein Wirtshaus los,
Das freundlich in dem grünen Schoß
Der breiten Wiesen einsam stand,
Als winkt' es Durst'gen mit der Hand,
Nicht ohne Trunk vorbei zu gehn,
Und wär' es einer nur im Stehn.
Aus einem seiner Fenster oben
Hing blutrot eine Fahne nieder,
Und ein Getös', Rumor und Toben,
Ein Lachen, Streiten hin und wieder
Scholl draus hervor von hundert Kehlen.
»Halt! kommandierte Till vergnügt,
Da schein' ich wieder mal zu fehlen,
Und wie sich das so glücklich fügt!
Wir wären beinah eingeschlafen,
Wenn wir kein Abenteuer trafen –«
Da sprang er auch schon aus dem Wagen.
Der Wirt schien ängstlich und beklommen
Und beichtete auf unser Fragen,
Was ihm für Gäste angekommen,
Die Sozialisten sei'n versammelt,
Vielleicht die Internationale;
Erst hätten sie die Tür verrammelt,
Doch bei dem wachsenden Skandale,
In den die tagenden Vereiner
Sich schimpfend immer mehr verhetzt,
Sei alle paar Minuten einer
Kopfüber an die Luft gesetzt;
Drum ließen sie die Tür jetzt auf,
Damit sie das bequemer hätten,
Es könn' in der Debatte Lauf
So leicht sich keiner davor retten,
Der sich zum Widerspruch erkühne,
Gleich an der Tür sei die Tribüne.
Till war treppauf mit einem Satz,
Wie auch des Aufruhrs Woge schäumte,
Bald stand er auf dem Rednerplatz,
Den eben ein Sozialer räumte.
Dann rief er: »Sehr geehrte Herrn!
Ich komme hergereist von fern
Und heiße Kauz, bin Literat
Und durch und durch ein Demokrat,
Laßt, ohne mich zu unterbrechen,
Mich längstens fünf Minuten sprechen,
Ich will mich heilig auch verbinden,
Nachher die Türe selbst zu finden.«
Bravo! rief's links mit Donnerton,
Doch rechter Hand schon Fäuste drohten.
Was? Literat? das kennt man schon!
Zum alten Text nur neue Noten!
Es wuchs der Lärm, bald kam's zu Püffen,
Till aber ließ sich nicht verblüffen,
Stand auf dem Platz wie angenagelt,
Und als das Schauer ausgehagelt
Und Ruhe ward, begann er so:
»Nicht Freundschaft ist's, sagt Cicero,
Wenn ein Freund will dem andern nicht
Die Wahrheit sagen ins Gesicht,
Und wenn ein Mann vom andern Mann
Die Wahrheit nicht vertragen kann.
Bis jetzt habt ihr noch nichts vollbracht,
Als nur euch lächerlich gemacht;
Drum höret meinen guten Rat,
Wie ihr wohl euren Feind, den Staat,
Am schnellsten könnt zugrunde richten.
Vor allem müßt ihr erst verzichten
Auf alles das, was Ordnung heißt;
Vernunft, die weiter nichts beweist,
Als daß der Herr und jener Knecht,
Wird abgeschafft, und gar das Recht,
Die abgenutzte Vogelscheuche,
Und seine längst verjährten Bräuche,
Das werft ihr alles über Bord,
Verboten höchstens ist der Mord;
Was sonst ihr findet von Gesetzen,
Reißt ihr in hunderttausend Fetzen.
Privatbesitz und Kapital,
Genie, und was euch sonst noch kränkt,
Wird teils gestrichen radikal,
Teils auf ein Minimum beschränkt;
Zum »Volksstaat« wird das Erdenrund,
Soweit der Pflug das Land befährt,
Als internationaler Grund
Für das Proletariat erklärt.
Um auszugleichen Wohl und Wehe,
Wird flugs das Erbrecht aufgehoben
Und in universaler Ehe
Kindergemeinschaft eingeschoben.
Wahrheit und Ehre, Kunst und Ruhm
Und ihre törichten Gewinste
Sind null und nichtig, Hirngespinste
Aus fabelhaftem Altertum.
Seid ihr nun erst konstituiert
Als edle, große Volkstribune
In der beglückenden Kommune,
Wird ein Exempel statuiert,
An einem, der euch lang geneckt,
Dann kriegt die Welt vor euch Respekt.
Der eine aber muß dran glauben,
Er trieb sein handwerksmäßig Rauben
Zu offenkundig und sein Drängen,
Der Kerl heißt Fiskus und muß hängen,
Und hat die Rache ihn ereilt,
Wird unter eure »Volksmillionen«
Sein Eigentum sofort geteilt,
Auf dem sie vogelfrei dann wohnen.
Nach dieser schweren Arbeit können
Die Herrn sich wieder Ruhe gönnen,
Im Komitee wird dann getrost
Die Reihenfolge ausgelost
Der Streike für das nächste Jahr.
Wenn aber alles klipp und klar,
Und ihr nun mit Verwundrung seht,
Daß sich die Welt trotz eurer dreht,
So hänget wie ein Drohnenhauf
Euch einer an dem andern auf!« –
Die Menge war, als ob sie schlief,
Saß still und starr mit offnem Munde
Vor Staunen, »schließt die Sitzung!« rief
Ein einz'ger aus dem Hintergrunde;
Die Mehrzahl war vom Unerhörten
Und doch Gehörten so verdutzt,
Daß sie bis hieher Till nicht störten,
Und der Moment ward schnell benutzt
Von uns, die Türe zu gewinnen,
Die Till von außen fest verschloß;
Wir waren draußen, und da drinnen
Saß eingesperrt der ganze Troß.
»So! sagte Till, geschlossen ist
Die Sitzung jetzt, daß ihr es wißt!«
Da brach der Sturm im Saale los,
Und donnernd folgte Stoß auf Stoß
Nun an die Tür, daß sie erdröhnte.
Der Wirt, der an das wilde Heer.
Und seinen Lärm sich schon gewöhnte,
Beachtete das gar nicht mehr,
Es dacht' auch sonst niemand daran,
Die oben etwa zu befreien,
Wir aber fuhren flugs hindann
Und horten Mordio! sie schreien.

»Till, sagte ich, im Übermut
Bist du da viel zu weit gegangen,
Es gibt darunter ehrlich Blut –«
»Ach! mit gefangen, mit gehangen!
Rief er, der ganze Narrenchor
Lügt selber schon genug sich vor.
Es wird viel mit dem Strom geschwommen,
Die künstlich aufgeregten Massen,
Die müssen zur Besinnung kommen,
Sich nicht ins Schlepptau nehmen lassen
Von Schreiern, die sich Führer nennen,
Ehrgeizig vor Parteien traben,
Des Weges Fährlichkeit nicht kennen
Und selbst nichts zu verlieren haben.
Die andern folgen jenen Raschen
Und woll'n den Kindern gleich in Treuen
Das Glück wie einen Vogel haschen,
Wenn Salz sie auf den Schwanz ihm streuen.
Die »Retter der Gesellschaft« fechten
Stets hinter ihrer Truppen Front,
Und wie sie trüg'risch diese knechten,
Geht über vieler Horizont.
Drum wenn sie das begreifen sollen,
Der Folgen denkend für das Leben,
Muß man es ihnen aus dem Vollen
Und faustdick in die Hände geben.«
Wir tauschten offen unsre Meinung,
Ein Weilchen ward noch drum verhandelt
Und dann durch folgende Erscheinung
Die Szene wiederum verwandelt.

Langsam, wie man den Fuß in Träumen
Nur zögernd vor den andern setzt,
Daher mit würdevollem Säumen
Kam eine Kirchensäule jetzt,
Ein Geistlicher in Uniform
Mit weißer Binde, steifem Kragen,
Wie sie nach ortodoxer Norm
Die frommen Eifrer gerne tragen;
Ein Büchelchen mit goldnem Schnitt
Hielt lesend er in beiden Händen
Und schlug bei jedem sechsten Schritt
Die Augen zu des Himmels Wänden,
Als hätt' er's gern von dem verbrieft,
Wie er in Andacht so vertieft.
Kein Truthahn kann vor rotem Tuch
Aufkollernd so in Wut geraten,
Wie auf den Mann mit seinem Buch
Till Eulenspiegel; als wir nahten,
Wollt' er mir aus dem Wagen springen,
Kaum konnt' ich mit Gewalt ihn zügeln
Und mußte mannhaft mit ihm ringen;
»Laß mich heraus! den muß ich prügeln!«
So schrie er wiederholt und tappte
Nach irgendeinem Wurfgeschoß,
Ein Rätsel war mir mein Genoß,
Ich dachte: wenn der überschnappte!
Der Pastor, dem bald klar geworden,
Daß Till auf ihn es abgesehn,
War überzeugt, man woll' ihn morden,
Und sprang, dem Schicksal zu entgehn,
Mit Schrecken über Stock und Stein,
Lief, was er konnte, querfeldein.
Das gab denn nun zum guten Glück
Dem Till die Fassung schnell zurück.
Er drohte mit erhobner Faust
Dem Flüchtling, dem noch immer graust',
Und brach in ein erschütternd Lachen,
In das ich herzlich selber stimmte:
»Nun sag mir aber, welcher Drachen
Fuhr in dich, der dich so ergrimmte?
Was ist dir von dem Mann geschehn,
Daß du ihm willst den Hals umdrehn?«

»Mir? gar nichts! aber dir, euch allen,
Den Teufel kenn' ich schon von weiten
Auch ohne Hörner, Schweif und Krallen;
Er ist der Sünder aller Zeiten,
Und seine Schuld ist so gehäuft,
Daß mir die Galle überläuft,
Wenn einer mir von dieser Sorte
Zu nahe kommt, mit einem Worte:
Er ist ein Heuchler, ein Verräter
Am Höchsten, Heiligsten auf Erden,
Was Menschen früher oder später
Begreifen können, schauen werden.
Mit jeder Waffe will ich fechten,
Mit Vorurteil und Irrtum rechten,
Mit jedem Zänker mich vertragen,
An keinem Taugenichts verzagen,
Will mit dem blutigsten Despoten
Aus einem Glase trinkend wetten,
Zu jedem Lebenden und Toten
Mich auf dasselbe Lager betten,
Doch von dem Tische steh' ich auf,
Wie ich auch selber fehl' und sünd'ge,
An den ein Frömmler tritt, und künd'ge
Ihm menschliche Gemeinschaft auf.
Und ihr im stolzesten Jahrhundert,
Die ihr euch selbst so gern bewundert,
Nach Freiheit eifersüchtig ringt,
Ihr Schlachten schlagt und Lieder singt,
Ihr seid nicht frei, ihr habt vergebens
Erlösung und Triumph gefeiert,
Es steht das Ideal des Lebens
Noch immer vor euch tief verschleiert.
Ihr habt die schaffende Natur
Durchforscht und die geheime Spur
Der Elemente aufgefunden,
Habt ihre ungeheure Macht
Auf jedem Felde überwunden,
Habt Nächte schlummerfrei durchdacht,
Die ewig hohen Rätselfragen,
Die laut wie Donner bald, bald leise
Aus fernem, fernem Sternenkreise
Wie Hauch an Stirn und Brust euch schlagen,
Zu lösen und der Gottheit Wesen,
Der Menschenseele Sein und Werden
Und jegliches Gebild auf Erden
In seinen Quellen nachzulesen,
Ihr setztet Leiter über Leiter,
Systeme sich wie Berge türmen,
Als wolltet ihr den Himmel stürmen,
Und kommt und kommt und kommt nicht weiter.
Die Speise, die im Kindheitsstand
Der Menschheit leichte Nahrung war,
Reicht noch derselben Amme Hand
Dem denkenden Geschlechte dar,
Noch immer sollt in Treu und Glauben
Ihr auf die Offenbarung schwören.
Leicht ist's, die Blinden und die Tauben
Mit einer Lüge zu betören,
Allein der Menschheit Genius spürte
Mit seinem Himmelslichtes Klarheit
Der Überliefrung nach und führte
Sie vor den Richterstuhl der Wahrheit,
Und alles, was die höchsten Zeugen
Des Menschentums vor diesen Schranken
Bestätigt haben, davor beugen
Sich stumm der Sterblichen Gedanken;
Was aber des Erkennens Lehre,
Was dir des Herzens innrer Zug
Nicht sagt mit der Gewißheit Schwere,
Ist fromme Sage oder Trug.
Fort mit den Wechslern aus dem Tempel!
Ihr hohl Metall ist falsch geprägt,
Fort mit dem Dogma, das den Stempel
Nicht des Vernünft'gen an sich trägt!
Fort mit Artikeln, Sakramenten!
Die heiligen Gebote stehn
Auf Tafeln nicht und Pergamenten,
Im Herzen mußt du sie verstehn.
Bekenntnis ist ein enges Kleid,
Gefügt aus Worten, Klauseln, Listen,
Wenn ihr nur rechte Menschen seid,
Was braucht es noch des Namens: Christen?
Denn jener weiseste der Weisen,
Den alle Zeiten werden preisen,
Ein Edler, Hoher, Auserkorner,
Er ward geboren, mußte enden,
Als Mensch, wie darf ein Staubgeborner
Sich betend an den andern wenden?
Die Heil'gen und die Engelscharen
Und Teufelsspuk und Höllenglut,
Der alt und neuen Wunder Flut
Treibt prüfende Vernunft zu Paaren
Der Zweifler macht den Himmel ärmer,
Er jagt die Schemen vom Gefild
Und weist sie in den Traum der Schwärmer
Und in der Künstler hold Gebild.
Und doch gibt's – nenn' es wie du willst –
Ein Etwas noch in dieser Welt,
Womit du deine Schmerzen stillst,
Worauf sich deine Hoffnung stellt;
In deiner Brust und überall
Im weiten, weiten Weltenall
Hoch über aller Wissenschaft
Da lebt und webt die ew'ge Kraft,
Und hier im zeitlichen Getriebe,
Was ist das Höchste hier? – die Liebe!
Darf dir nun der von Liebe reden,
Der selber nicht in Liebe lebt,
In frechem Dünkel über jeden,
Der anders denket, sich erhebt?
Zum Blendwerk dient der Heil'genschein,
Darunter grinst die Teufelsfratze,
Ein Wolf im Schafspelz, schleicht sich ein
Der Pfaffe mit und ohne Glatze.
Die einen lassen den Unmünd'gen
Madonnen hier und dort erscheinen
Und Sündenablaß euch verkünd'gen,
Wenn ihr auf euren lahmen Beinen
Zu Knochen oder Röcken kriecht,
Und lassen bei verzückten Weibern
Gar Wunden bluten an den Leibern,
Wo's meilenweit nach Lügen riecht, –
Und Lieder euch die andern singen
Von himmelschreiendem Unsinn voll,
Ihr lasset auf die Knie euch zwingen,
Dann messen sie nach Grad und Zoll,
Wie tief ein Alter-Jungfern-Nacken
Zerknirscht sich aufs Gebetbuch senkt,
Wie muß das liebe Schaf es packen,
Wenn's an den Seelenbräut'gam denkt!
Sie fragen, wenn ein Kind sie taufen,
Ob man auch an den Teufel glaubte,
Und heizten gern noch Scheiterhaufen,
Wenn's nur die Polizei erlaubte.
Sie weigern euch der Ehren letzte,
Noch in die Gruft sie Unkraut streut,
Wie einen Fußtritt noch versetzte
Der Esel dem entschlafnen Leu'n.
Sie sprechen, während mit der Rute
Sie euch wie bangen Kindern drohn,
In maßlos frechem Übermute
Beschworenen Gesetzen Hohn.
Das ist die Demut, die sie stiften,
Das ist die Liebe, die sie heucheln,
Wenn sie des Volkes Herz vergiften,
Ihm Glück und Ruh und Frieden meucheln.
Bei meinem Kauz! ich könnte rasen,
Daß ihr vor den verdammten Phrasen
Des tollsten Aberglaubens schweigt,
Der euch umnebelt und umnachtet,
Und dieser Lügnerbrut nicht zeigt,
Wie grenzenlos ihr sie verachtet. –
Fragst du jetzt noch, woher mein Zorn
Beim Anblick jenes Wichtes stammt?
Es steckt im Fleisch mir wie ein Dorn,
Der mich mit Fieber wild durchflammt,
Ich hasse diese Bande tiefer
Als Pestilenz und Ungeziefer,
Und kommt mir einer in die Quer,
So fall' ich wütend drüber her
Und rufe: Knüppel aus dem Sack
Aufs Heuchlervolk, aufs Muckerpack!«

Wo war der muntre Schelm geblieben,
Dem allzeit launig und durchtrieben
Ein loser Schalk im Nacken saß,
Der zwischen auch den trübsten Zeilen
Noch immer etwas Heitres las,
Mit seines Witzes scharfen Keilen
Das härt'ste Holz zu spalten wußte,
Stets spotten, narr'n und necken mußte?
Wie? war das mein Till Eulenspiegel,
Dem auf die Stirn gedrückt das Siegel
Des faltenreichsten Ernstes war,
Wo alles sonst so hell und klar?
Ich hatte ihn in all den Tagen
So ernst, so bös' noch nie gesehn,
Kaum konnt' ich seinen Blick vertragen,
Der drohend wie des Sturmes Wehn
Hervorbrach unter finstern Brauen,
Mir glühend in die Seele brannte
Und mich durchfuhr mit jenem Grauen,
Das mich schon einmal übermannte.
Gleichwie nach tobenden Gewittern
Geht durch die Flur ein leises Schauern,
So fühlt' ich neben mir ein Zittern
In seinem schlanken Körper dauern.
Doch balde wie ein Sonnenstrahl,
Der tief ins Waldesdunkel greift,
Im regenüberströmten Tal
Um Stamm' und Sträucher huscht und streift,
In dem sich aus dem Neste flink
Die Federn schüttelnd setzt der Fink
Und seinen ersten Triller schlägt,
Vergnügt die liebe Sonne frägt,
Ob's Ernst ihr mit dem Scheinen sei,
Und ob das Donnern nun vorbei,
So flog es über Tills Gesicht,
Und aus der grauen Wolkenschicht
Trat hie und da ein Stückchen Blau,
Das breiter sich und breiter machte,
Bis ihm im Antlitz froh und schlau
Der ganze Himmel wieder lachte.

Gespräch kam nicht so recht in Gang,
Mich deuchte unser Weg zwar lang,
Doch statt zu kürzen ihn mit Plaudern,
War fast willkommner mir das Zaudern,
Wie man denn oft nach dem sich sehnt,
Was uns die nächste Stunde beut,
Ein andermal die Zeit gern dehnt
Und vor dem Glücke selbst sich scheut.
Doch geht durch Hoffen sie und Harren,
Ob man die Uhr auch rückwärts stellt,
Die Räder roll'n am schlechtsten Karren
So schnell wie unterm Lauf der Welt.
Die Fahrt sich ihrem Ende neigte,
Dort lag das Gut, schon konnt' ich spähen,
Ob an den Fenstern sich nichts zeigte,
Wir hörten schon die Hähne krähen,
Schon waren wir ins Dorf gelenkt,
Von vielen Hunden angeklafft
Und noch mehr Kindern angegafft,
Jetzt ins Gehöft ward eingeschwenkt,
Jetzt hielt der Wagen, und jetzt stand
Mit einem Fuß und jetzt mit beiden
Ich auf des heil'gen Bodens Sand,
Wo sich mein Schicksal mußt' entscheiden.
Die erste, die auf diesen Wegen
Uns hier im Garten trat entgegen
Und uns sogleich wie Altbekannte
Recht freundlich bei den Händen griff,
Das war des Hauses Gouvernante,
War unser »Blaustrumpf« von dem Schiff.
Da war denn übers Wiedersehen
Die Freude gegenseitig groß,
Nichts Liebres konnte uns geschehen,
Sie fiel uns wie ein Glück in Schoß.
Nach manchem hin und wider Fragen
Benutzte schnell sie eine Pause
Und ging, uns bei der Frau vom Hause
Zu Tisch als Gäste anzusagen.
Till sah mich an, ich ihn, – wie Blitz
Fuhr es uns beiden durch die Sinnen,
Fürs erste galt' es allen Witz,
Sie zur Alliierten zu gewinnen,
Das andre sei bei unsrem Plan
Dann schon so gut wie halb getan.
»Na, sagte Till, das fängt gut an.
Ich sehe mich schon als Galan,
Denn wohl das beste wird es sein,
Damit bei eurem Stelldichein
Wir wenigstens zwei Pärchen sind,
Mich in den Blaustrumpf zu verlieben;
Daß ich bei ihr gut angeschrieben,
Bezweifle ich, doch Lieb' ist blind.
Der Spaß ist goldwert, denke nur,
Welch eine köstliche Figur
Ich als Verlobter machen werde,
Gib nur auf Wort, Blick und Gebärde
Recht acht, wie Eulenspiegel freit!
Doch dazu hast du selbst nicht Zeit,
'S ist wirklich schade, bei den Gaben
Kein dankbar Publikum zu haben!«
Das Thema wurde unterbrochen,
So gern wir's auch noch mehr besprochen
In Ruh, durch zweier Herrn Erscheinen,
Die auf uns zu wir sahen wandern.
Wir lernten grüßend in dem einen
Den Herrn des Guts und in dem andern
Den Landrat dieses Kreises kennen.
Nach gegenseit'gem Namennennen
Und einem kurzen Vorspiel kamen
Wir auf die Politik und hatten
Bald die erbaulichsten Debatten.
Es schien auch, daß in diesem Rahmen
Die Unterhaltung sich bewegte,
Die unser Wirt vor unserm Kommen
Im Garten mit dem Landrat pflegte.
Man stritt sich über Nutz und Frommen
Gewisser Standesinteressen,
Auf die der Landrat ganz versessen;
Er nahm auch gar kein Blatt vorn Mund
Und schüttete von Herzensgrund
Den Groll aus über die Nation
Und hoffte eine Reaktion,
Der, wo's in seinen Kräften stände,
Er rührig böte beide Hände.
»Herr Landrat, sagte Till, verloren
Sind Sie mit Ihren Matadoren,
Ich seh' in Ihrer Hand nur Schwächen,
Mit denen auch ein Glückskind paßt,
Man hindert mit den kleinen Bächen
Nicht auch des breiten Stromes Hast,
Der wogt und flutet ungemessen,
Wird aller faulen Stoffe Grab
Und lagert Standesinteressen
Wie Urwaldschlamm im Grunde ab.
Es wird einmal in spätern Tagen
Ihr Privileg der Forscher heben
Wie ein Fossil und staunend fragen:
Wie konnte solch ein Monstrum leben?!«
Es war die allerhöchste Zeit,
Daß zu beenden diesen Streit,
Den Gang daher die Frauen kamen
Und Platz in unsrer Laube nahmen.
Bewußt sich ihrer Stellung hieß
Uns auch die Herrin jetzt willkommen
Freundlich und anmutsvoll und pries
Den Gatten, der uns festgenommen.
Des edlen Landrats Gattin war
Durchaus sein würdig Seitenstück,
Der beiden eheliches Glück
Nach Florentiner Ausspruch gar
Sehr mäßig nur, ihr war's ein Tadel,
Daß er nicht mehr Karriere machte,
Sie wünschte sich so sehr den Adel
Und träumte, wenn sie schlief und wachte,
In diese Glorie sich hinein;
Mit Adligen nur zu verkehren
War ihr der Gipfel aller Ehren
Nächst der, geadelt selbst zu sein.
Aus jenen »distinguierten« Kreisen
Das Unbedeutendste zu preisen,
Fand sie kein Ende aus und kramte
Wie wichtige Erfindung aus,
Wie man in jedem reichen Haus
Aß, trank, sich trug und sprach, und ahmte
Das alles nach genau und eilig,
Denn was für »fein« galt, war ihr heilig.
Doch das Natürliche, Bequeme,
Das Praktische und Angenehme,
Was auf der Hand liegt, wie man's macht,
Weiß man sich nicht belauscht, bewacht,
Das ist nicht fein; das Abgefeimte,
Das widersinnig Ungereimte,
Was keinen freut und keinem frommt,
Worauf vernünft'ger Sinn nicht kommt,
Das Abgeschmackte und Absurde,
Was sonst nur Narr'n verziehen wurde,
Was nicht gehau'n und nicht gestochen,
Was nur geschnitzelt und gedrechselt,
Was nicht gehalten, nur versprochen,
Was alle Tage schwankt und wechselt,
So meinte Till, das ist das »Feine«,
Zuweilen ist's auch das Gemeine.
Das bleibend Schöne, wenn's im Spenden
Freigebig zum Genießen reizt,
Doch selbst im üppigsten Verschwenden
Mit seiner letzten Huld noch geizt,
War's auch die einfach kleinste Gabe,
Die jeder Tag bescheiden reicht,
Die nicht mal aus des Bettlers Habe
Die freudenlose Armut streicht,
Und war's für den verwöhnten Zecher
Des Glückes ungesuchter Fund,
Im schäumenden, bekränzten Becher
Die Perle erst auf goldnem Grund,
Das zu empfangen und zu geben
Mit vollen Händen, freiem Geiste,
Verlohnt schon einen Griff ins Leben;
Allein gekünstelt ist das meiste,
Was sich geräuschvoll mit Gepränge
Zur Schau stellt lüsternem Gedränge.
Man fälscht mit nachgemachtem Siegel
Den echten Stempel der Natur,
Und aus dem schief geschliffnen Spiegel
Gafft höhnend die Karikatur. –
Die von Gard'robe und Diners
Nur immerfort erzählen mußte,
Die eitle Frau rief: »Ich gesteh's,
Ich lernte, was ich noch nicht wußte,
Ja, denken Sie! das Neuste ist:
Von seinem Teller Suppe ißt,
Gilt es nicht eine Krankenkur,
Man einen halben Löffel nur,
Den in der linken Hand man führt,
Und läßt das andre unberührt!«
»Das setzt mich keineswegs in Staunen,
Denn sehn Sie, gnäd'ge Frau, sprach Till,
Die Mode hat so ihre Launen,
Und wer sich ihr nicht fügen will,
Der wird verachtet und verspottet,
Manch altes Vorurteil wird heute
Von ihr bekämpft und ausgerottet,
Zum Beispiel, was die kleinen Leute,
Die unsre feine Welt nicht kennen,
Beschränkt Vernunft und Anstand nennen.
Uns Männern geht es so beim Rauchen:
Wenn wir in untre Schichten tauchen,
So sehn wir, wie der Schurzfellmann
Den Stengel ganz und gar verbrennt,
Er sengt sich fast den Schnauzbart an,
Eh' er sich von dem Dinge trennt;
Der Bourgeois, der sich als Narre
Der großen Welt so gern beträgt
Und protzig auf den Beutel schlägt,
Raucht nur die Hälfte der Zigarre;
Der Finanzier läßt sich genügen,
Wenn kaum sie brennt, an wenig Zügen;
Der wahre Gentleman jedoch,
Der macht es jetzt viel seiner noch,
Denn die Havanna, die er nimmt,
Beißt er bloß ab und wirft sie fort
Vornehm und lässig, eh' sie glimmt,
Das nenn' ich nobel! das ist Sport!«
Der Landrat, der Till auf den Hieb
Vorher die Antwort schuldig blieb
Und gegen ihn jetzt Unheil braute,
Saß grimmig schweigend da und kaute
An Eulenspiegels harten Witzen;
Doch die Zigarre, fast zu kurz
Zum Halten mit zwei Fingerspitzen,
Ließ, als vom Manne mit dem Schurz
Die Rede, unvermerkt beiseiten
Ganz sachte er zur Erde gleiten.
Man wußte sich darin zu schicken,
Daß nun das Pärchen sich empfahl;
Sie grüßte nicht, der Herr Gemahl
Geruhte mit dem Kopf zu nicken,
Bevor er nach dem Kutscher rief,
Till neigte sich unendlich tief
Und sagte, als sie fuhren, bloß:
»So, Fuchs! die wär'n wir glücklich los!«
Sichtlich erleichtert schien vom Wagen
Auch unser Wirt zurückzukommen:
»Wir hatten uns seit manchen Tagen,
Sprach er, für heute vorgenommen,
Im Grünen unsern Tisch zu decken
Und in des Waldes stillem Frieden
Uns in den Schatten hinzustrecken,
Nicht wahr, das sind auch sie zufrieden?
Wir packten einfach und frugal
In Körbe unser Mittagsmahl,
Ein Stündchen ist's mit flinken Pferden,
Doch ob wir auch nicht dürsten werden,
Muß ich noch selber revidieren,
Dann woll'n wir keine Zeit verlieren,
Hin zu des Waldes grünen Fahnen!
Dort sehe ich schon zwei, die mahnen.«

Ja, wirklich! Arm in Arm gegangen,
Die eine überlustig eilend,
Die andre zagend und befangen,
Dicht angeschmiegt und gern noch weilend,
Die Wangen Mädchenscham erglühend,
Die Augen Herzensjubel sprühend,
So Liebe dort zur Liebe hie
Kam Florentine und –

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.