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Gutenberg > Julius Wolff >

Till Eulenspiegel redivivus

Julius Wolff: Till Eulenspiegel redivivus - Kapitel 10
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band XII
authorJulius Wolff
year1912
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
titleTill Eulenspiegel redivivus
pages305-306
created20021014
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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VIII.

Hic fuit!

                  Wenn, wilder Wein, an deinen Schweben
Auch keine Traube saftig schwillt,
Aus deinen unfruchtbaren Reben
Uns nie ein andrer Tropfen quillt,
Als jene helle Freudenträne,
Die du dem Wecker Frühling weinst,
Du spannst doch deine krause Mähne
Um Dach und Fach und prangst und scheinst
Und kletterst mit den schlanken Fingern
Empor an Fenster, Tür und Stiege,
Und unter deinen grünen Zwingern
Schläft's friedevoll in Nest und Wiege.
Doch wenn der Herbst aus Berges Schlucht
Hinunter auf die Stoppel fährt,
In deines edlen Bruders Frucht
Ein neuer Geist schon drängt und gärt,
Dann rötet sich – ist's Scham? ist's Neid?
Dein grünes Junggesellenkleid;
Er birgt dann in der Erde Schoß,
Warm zugedeckt die zarten Triebe,
Du aber trotzest kinderlos
Dem Winterzorne und der Liebe.
Du habe Dank! man nennt dich wild
Und fängst doch auf als Schirm und Schild
Auf dieser Laube Giebelsprosse,
Die sich der Gartenfreund gezimmert,
Der Sonne feindliche Geschosse,
Daß nur grüngoldne Dämmrung schimmert
Durch dein verworrenes Geäste
Zu jenen zwei, die lang gestreckt
Auf wackeligen Bänken liegen,
Derweil der Tisch noch halb bedeckt
Vom Rest des Mahles, das die Fliegen
Umsurrn als ungebetne Gäste.
 

Es war der trägen Stunde Gunst,
Wo man sich innen gern beschaut
Und der Havanna duftend Kraut
Uns leis' umspinnt mit blauem Dunst.
Doch schläfrig war mir nicht zumut,
Mit raschen Atemzügen fachte
Ich zehrend an die helle Glut
Und blies den Rauch und dacht' und dachte
Nur an des nächsten Tages Ziel,
Wie mir des Schicksals Würfel fiel.
Till, der gemächlich mich betrachtet,
Hielt seinen Spott nicht mehr zurück
Und drückte los: »Wie einer schmachtet!
Und sich schon balgt mit seinem Glück!
Du kommst mir vor wie ein Vulkan,
Dem nur mit Vorsicht ist zu nah'n,
Der schweigend nur unschuld'gen Rauch
Gemütlich aus dem Krater pafft,
Dem aber in dem finstern Bauch
Titanenhafte Leidenschaft
In der Zyklopenschmiede glüht,
Der Amboß dröhnt, die Esse sprüht,
Der Berges Felsgerüste bebt,
Und – grausig schön! – die Lava hebt
Sich donnernd aus der Tiefe Schoß.
Wärst du nur erst die Schlacken los,
Den Ballast auf den Feuerschwingen!
Zur Höhe wirst du niemals dringen,
Eh' du den Staub nicht abgeschüttelt,
Den erbliches Philistertum
Wie Strafgepäck dir aufgebüttelt.
Das ist es, was die Bahn zum Ruhm
Als drohend Hindernis versperrt,
Die blöde Menge stutzt und zerrt
An ihres Esels Halfterstrick,
Er wird zum Sprung sich nie bequemen
Und bräche doch nur das Genick;
Denn nur zwei flotte Renner nehmen
Mit ihrer Reiter leichter Bürde
Den sumpf'gen Graben und die Hürde,
Die rings von gift'gen Dornen starrt:
Der Dichtung schäumend Flügelroß,
Das schon vorm Ablauf knirscht und scharrt,
Und sein hellwiehernder Genoß,
Der muntre Vollbluthengst Humor.
Die andern Klepper scheu'n davor,
Modestia, Virtus – wie sie heißen,
Sie werden in den Zügel beißen,
Du magst sie noch so wütend treiben,
Du wirst mit ihnen hinten bleiben,
Holst keinen Preis, kommst nimmer weiter,
Die Rasse macht's bei Roß und Reiter.
Philistertum! 's ist wie ein Alp,
Der uns bedrückt mit Bergeslast,
Daß vor dem Unhold fahl und falb
Die rote Lebenslust erblaßt.
Die Furcht nur ist das Narrenseil,
Mit welchem man die Meute bändigt,
Und Eigennutz, dem stets sein Teil
Mit Schmeichelei wird eingehändigt.
Der Köder, der den Gründling fängt,
Zu dem er sich in Scharen drängt.
Zeig' ihm des Ideales Glanz,
Der Ehre rentenlosen Kranz,
So steht's beiseite, mault und trotzt,
Und kaum gleichgült'ge Neugier glotzt
Hinan mit staunender Grimmasse;
Damit bringst du die starre Masse
Niemals in Fluß, stehst wie gerammt,
Kannst selber dich nicht drehn und wenden
Und bist bewegungslos verdammt,
Erstickend in dem Pfuhl zu enden.
Das war so weit auf dem Planeten
Hinauf reicht der Geschichte Kunde,
Heroen gingen und Propheten
An dem Philistertum zugrunde.
Und so ist's auch noch gegenwärtig,
Das einz'ge bleibt, sich zu salvieren:
Auslachen oder ignorieren.
Doch bringst du keins von beiden fertig,
So bist du nimmer draus zu retten;
Dann mach' dich ja nicht groß und breit,
Gewohnheit und Gewöhnlichkeit
Umstricken garstig dich wie Kletten
Und hängen sich an deine Sohle,
Du fühlst den Atem dir beklemmt, –
Nicht auffall'n! das ist die Parole,
Mit welcher die Spießbürgergarde
Dir vor gekreuzter Hellebarde
Zu Luft und Licht die Schritte hemmt.
Wenn des Gewöhnlichen Niveau
Du einen Zoll nur überragst,
Nach dem langweiligen Tableau
Des Hergebrachten wenig fragst,
Gleich fällst du auf; sei's durch Talent,
Sei's durch den Höcker auf dem Rücken,
Du fällst doch auf, die Menge kennt
Bald jeden, der sich nicht kann bücken.
Dagegen kannst du dich nicht wehren,
Doch laß dich nicht ins Bockshorn jagen,
Versuch's auch nicht, sie zu belehren;
Willst du den Narrn ein Schnippchen schlagen,
Entschließ' dich kurz, die ganze Bande,
Die deinen Sinn ja nie begreift,
Zurückzustoßen, wie vom Brande
Dein Finger dort die Asche streift.«
– »Des Philisteriums Signatur
Hast du nicht richtig aufgefaßt,
Das Bild ist nicht nach der Natur,
Mit seinen dunklen Strichen paßt
Es allerdings in die Schablone,
Die du mit deinem bittern Hohne
Auf alles, was dir vorkommt, legst,
Weil du mit ganz demselben Besen
Den Goldstaub wie den Kehricht fegst,
Doch klingt's, als hättest du's gelesen.
Du zeichnest einen Fratzenkopf,
Der vorne ungeschlacht und wütig,
Wo aber bleibt der steife Zopf,
Der hinten wackelt und gutmütig
Und ängstlich wedelnd sich verkriecht,
Wenn er von fern nur Pulver riecht.
Philistertum ist ehrlich, brav,
Der Schuster bleibt bei seinem Leisten,
Kürzt sich nicht gern den tiefen Schlaf
Und traut nicht gleich dem Weitgereisten;
Das Fremde ist ihm leicht verdächtig,
Es wehrt dagegen sich und schüttelt
Argwöhnisch mit dem Kopf bedächtig,
Wenn man am Altgewohnten rüttelt;
Erschrocken stürzt es an die Fenster,
Kommst du mit deinen wilden Rossen,
Die funkenstiebend wie Gespenster
Das Pflaster stampfen, angeschossen.
Ihm grauet vor der Rosse Glut,
Den Reiter hat es kaum entdeckt,
Und grollend schilt's den Übermut,
Der es aus seiner Ruh geweckt.«

»Das dacht ich mir! und dieser Zug
Kommt graden Wegs dir aus dem Busen,
Denn du hast selber schon genug
Philistertum trotz deinen Musen.
Es hat den Reiter nicht erkannt,
Allein es muß doch auf ihn schelten,
Und läßt, wie er vorbeigerannt,
Nicht mal die Reiterkunst ihm gelten;
Der freie, unbedachte Mut,
Der alles sonst elektrisiert,
Bleibt unverständlich dieser Brut,
Die er wie Sonnenglanz geniert.
Ist's nicht, als ob auf hohem Seile
Ein Tänzer nur vor Blinden hüpft?
Sie sehen es nicht, wie die Steile,
Die sich vom First zum Turme knüpft,
Der Gaukler schwindelfrei erklettert,
Sie hören es nur, wenn vom Joch,
Dem luft'gen stürzend er zerschmettert,
Und murr'n: was stieg er auch so hoch!
Wenn du dich jemals daran kehrst,
Was deine braven Leute sagen,
Wenn du sie höflich gar beehrst,
Nach ihrer Meinung sie zu fragen,
Bist du schon selber der ihren einer,
Deuchst ihnen selber näher, kleiner,
Darfst keinen kecken Sprung mehr wagen,
Hilfst ihnen staunen, schimpfen, klagen
Und geigst die ganze Partitur
Der mißvergnügten Ignoranten
Mit andern schlechten Musikanten
Vom Blatt herunter nach der Schnur,
Gehst nicht mehr deinen eignen Gang,
Läßt nicht mehr deiner Stimme Klang,
Wie dir's um's Herz ist, frei erschallen,
Weil du dich fürchtest – aufzufallen.
Die Nachbarangst, der Rücksichtsgrund
Sind stärker nicht und mehr nicht nütze,
Als Spinnenweb, das vor dem Mund
Sich spreizt geladener Geschütze.
Doch Blei ist's an des Geistes Flügel,
Die Schlacken, die sich vor dir türmen,
Schutt sind sie nur und Scherbenhügel,
Und über sie hinweg zu stürmen,
Nannt' ich dir schon die mächt'gen Schwingen,
Damit kannst du sie überspringen,
Daß dich ihr Scheitel nicht berührt,
Doch übern Haufen sie zu rennen,
Wie dem Gerümpel es gebührt,
Das nicht mehr wert ist zu verbrennen,
Bedarfst du einer tiefen Kraft,
Die bis zur Sättigung inwendig
In Mark und Blut dir sei lebendig.
Urwüchsig starke Leidenschaft.
Die laß als reinigend Gewitter
Mit Blitzes Strahl dazwischen schlagen,
Den Plunder hier und dort den Flitter
Zu allen Teufeln zu verjagen.
Laß nur des Lebens träge Wellen
Von einem Sturm grundauf durchwühlen,
Sie werden dich nach oben schnellen,
Getragen wirst du von Gefühlen,
An Inhalt wird dein Herz gewinnen,
Und unerschrocknen Angesichts
Wagst du, das Größte zu beginnen.
Doch ohne sie erreichst du nichts,
Nicht Geld und Gut, nicht Weib, nicht Ruhm,
Nicht mal ein würdig Martyrtum;
Sie säugt und zieht den Künstler groß,
Der ohne sie kaum Virtuos.
Sie ist der wahre Löwenteil
Am welterschütternden Gedanken,
Gebrauch, Herkommen, Vorurteil
Und alle die erfundnen Schranken
In der Komödie sind vor ihr
Nur eben Wände von Papier.
Der Kraft nur glückt's, den dicksten Sparren
Selbst auszuroden mit den Wurzeln,
Sie schlägt ein ganzes Heer von Narren,
Die rechts und links zu Boden purzeln.
Dich hebt empor des Busens Feuer,
Wenn's auch ein wenig sinnlich leckt,
Es geht nicht ohne Abenteuer,
Begeistrung siegt, auch wenn sie schreckt,
Und knackt's auch mal in der Moral,
Platz! rufst du, für mein Ideal!«

»O Posthumus! der nicht die Lehre
Der vorgeschritten Zeit versteht,
Siehst du denn nicht das Ziel, das hehre,
Um das der große Kampf sich dreht,
Der von Geschlecht sich zu Geschlecht
Langsam wie ein Prozeß vererbt,
Mit jedem Schimmer nur von Recht
Erleuchtend das Jahrhundert färbt?
Den Kampf des selbstbewußten freien
Gedankens, der die Welt durchschwirrt,
Der sie aufbieten und entzweien,
Doch endlich auch versöhnen wird, –
Den Kampf, der unsre Zeit erfüllt,
Mit dem Urwüchsigen, Naiven,
Mit dem Gedankenlosen, Schiefen
Und allem, was sich blendend hüllt
In falschen Scheins Autorität,
Und was noch Urzustand verrät, –
Den Kampf, den sittlich ernste Mächte
Beim Schwinden überwundner Nächte
Schon siegreich mit dem Chaos führen,
Den willst du gegen sie noch schüren?
Du löst des Lebens Rätsel nicht,
Siehst in der Sphinx die Bestie nur,
Nicht auch die göttliche Natur,
Die aus dem Menschenantlitz spricht,
Und predigst mit frivolem Sinne
Die sittliche Revolution,
Hebst von des Aufruhrs trotz'ger Zinne
Die Leidenschaft hoch auf den Thron
Und läßt die Akte der Gewalt
Verantwortlich – von wem vertreten?
Von dem Humor in der Gestalt
Des Kanzlers mit den lust'gen Räten.«

»Natürlich! und was ist der Schluß?
Des Lebens fröhlicher Genuß, –
Er mag in einer Dichtung Traum
Aus deiner Seele sich entwickeln,
In des Champagners Perlenschaum
Berauschend deine Zunge prickeln,
Er mag von moosbewachsner Klippe
In Waldeseinsamkeit dir winken,
Magst ihn von heißgeküßter Lippe
An eines Weibes Busen trinken,
Er mag aus deiner Arbeit Drang,
Aus freier, frischer Tat dir quellen,
Mag mit der Ehre Siegesklang
In Kampf und Streit das Herz dir schwellen, –
Erkenne nur des Lebens Lust,
Sei deiner Kraft dir recht bewußt
Des Augenblickes flücht'ge Gunst
An deine Sohlen dir zu binden,
Und lerne, übe frei die Kunst,
Genuß zu suchen und zu finden.
Komm, laß uns sehn, ob sich's verlohnt,
Auch hier danach herum zu stöbern,
Ich bin's auf Reisen so gewohnt,
Auch unter den zerstreuten, gröbern
Quarzstücken emsig nachzuforschen,
Ob in den Rissen sich, den morschen,
In den verwitternd offnen Spalten
Kein blitzender Kristall versteckt,
In dem man, gegens Licht gehalten,
Ein heitres Farbenspiel entdeckt.
Komm mit, es wird die Zeit dir kürzen,
Dir andere Gedanken bringen,
Und in der Stimmung wird's gelingen,
Uns ins Philistertum zu stürzen.«
Was half es mir; ich mußte mit,
Wohl wissend, sträuben sei vergebens;
Es ging denn nun mit schlankem Schritt
Hinein in den »Genuß des Lebens«,
Wie er in Döselheim – so hieß
Das Nest – sich eben finden ließ.
Wir kamen durch ein andres Tor,
Als heute morgen wir passiert,
Und waren wie der brave Mohr
Ein gutes Stück hinaus spaziert,
Als wir ganz deutlich schon von weiten
Vernahmen lautes Schrei'n und Streiten
Und in dem Männerstreit die Rufer,
Die standen dicht an einem Teich,
Und drüben an dem andern Ufer,
An Zahl den ersten ziemlich gleich,
Stand auch ein dicht gedrängter Haufen,
Es schien die feindlichen Gewalten
Vom Handgemenge und vom Raufen
Der Teich allein noch abzuhalten.
Doch das, was wir für Karren hielten,
Gar Pulverkarren und Haubitzen,
Die auf die Feinde drüben zielten,
Nichts andres war's als – Feuerspritzen.
Allein noch gab es nichts zu löschen,
Als Zorn, mit dem man sich hier trug,
Der über den verstummten Fröschen
Hochauf in helle Flammen schlug.
Noch also war es nicht gefährlich,
Man hatte, wie es üblich jährlich,
Die Spritzenprobe unternommen
Weit von den Döselheim'schen Mauern,
Dahinter waren nun die Bauern
Im nahgelegnen Dorf gekommen
Und hatten gleichfalls ihre Spritze
Mit Ackergäulen schnell bespannt
Und auf dem unbequemen Sitze
Mit derben Fäusten wohl bemannt;
Denn jede der Kommunen nahm
Den Hackelteich – der Name kam
Schon aus dem grauen Heidentum –
Ihn als ausschließlich Eigentum
Für sich in Anspruch; er befand
Sich auf der Grenze ihrer Fluren,
Und in den ältsten Akten fand
Man vom Besitzrecht keine Spuren;
So wollte keine denn erlauben,
Ihn eines Tropfens zu berauben.
»Wenn sonst, sprach ich, in alter Zeit
Entbrannte so ein böser Streit,
Dann schritt man zu der Wahrheit Lobe
Zur Feuer- oder Wasserprobe.«
»Zur Wasserprobe! das ist wahr!
Rief Till, mir wird es plötzlich klar,
Herr Spritzenmeister, sagt einmal:
Wirft eure Spritze wohl den Strahl
Bis auf das andre Ufer hin?«

»Ja, Herr, so wahr ich ehrlich bin!«
»Na, denn mal vorwärts alle Mann!
Dann pumpt mal los, schafft Wasser 'ran,
Füllt immer zu und laßt nicht nach
Und pumpt, als brennt' eu'r eigen Dach!«

Damit schwang Till sich flink empor,
Stand auf der Spritze, hielt das Rohr
Hinüber nach der Gegner Reih'n
Und traf auch glücklich grad hinein,
Daß wie ein gut gezielter Schuß
Des kräft'gen Strahles Wasserguß
Die Schreier drüben voll erreichte
Und überströmend ganz durchweichte.
Die drüben nun, statt auszureißen,
Eröffneten auch unverzagt
– Das Feuer hätt' ich bald gesagt,
Das Wasser muß es hier wohl heißen –
Doch – Hohngelächter! plätschernd fiel
Ihr Strahl zehn Schritt vor seinem Ziel
Uns ungefährlich ins Gewässer.
Sie aber wurden immer nässer
Und wollten's mit Gewalt erzwingen,
Man sah den Hebelbaum sie schwingen
In Wut, bis er mit lautem Krach
Zerbrach, und dieses Ungemach
War für die Unsrigen Signal
Zum Sturmlauf und zum Überfall.
Die Mannschaft unsrer zweiten Spritze
Lief spornstreichs um des Teiches Spitze
Und kam nach kurzem Handgemenge,
Derweilen Till in das Gedränge
Von Freund und Feind zu Hilf und Stütze
Das Wasser warf, mit dem Geschütze
Als kampferrungnes Beutestück
In unser Lager stolz zurück.
Mit der Trophäe gings nun heim
Im Siegesschritt nach Döselheim,
Wo blitzesschnell wie fliegend Feuer
Ward ruchbar unser Abenteuer;
Erobert war mit diesem Streich
Der vielumstrittne Hackelteich.

Da war's doch wohl der Mühe wert,
Solch ruhmgekröntes Spritzenproben
Bei einem frischen Trunk zu loben;
Mit dem Hausschlüssel schnell bewehrt
Zog man nun eilig in die Schenken
Und faßte Posto auf den Bänken
Zu dem haarsträubenden Bericht.
Der Gasthof zum Vergißmeinnicht
Ward vom wohledlen weisen Rat,
Von Bürgermeister und Senat
Und sonstigen Honoratioren
Zur Herzerquickung auserkoren.
Nun war's so um das dritte Glas –
Der Bürgermeister trank nur Tulpen –
Als sich ein Mann mit tiefem Baß,
Breitkremp'gem Hut und hohen Stulpen
Eintretend an uns alle wandte
Und sich mit seinen zwei Begleitern
Als Schüppenhäuser Abgesandte
Vorstellte, um hierorts des weitern
Von wegen der vollführten Taten
Mit dem Kolleg sich zu beraten.
Der Schulze war es mit zwei Schöffen,
Drei hanebüchene Gestalten,
Gewillt, sich in dem neuen Treffen
An ihr vermeintlich Recht zu halten.
Und den Parteien schwoll der Kamm,
Sie schlugen donnernd auf den Tisch
Und rechteten um jeden Fisch,
Der in dem Hackelteiche schwamm.
Bald hatte störrisch man den Kopf
Und bald die Hände sich geschüttelt,
Bald hatte man sich nah am Schopf,
Bald alte Freundschaft aufgerüttelt.
Till hetzte hier und hetzte dort,
Und schien dem einen Teil sein Wort
Ein guter Rat nur zur Versöhnung,
So klang's dem andern wie Verhöhnung
Doch endlich kam es zum Vergleich
Um Spritze und um Hackelteich,
Der ward geteilt nach Rut' und Zoll,
Und Till nahm auf ein Protokoll.
Ein Schriftstück ward es, das kaum Platz
Auf drei gebrochnen Bogen fand,
Fast ohne Punkt ein einz'ger Satz,
Worin genau beschrieben stand
Die ganze grausige Geschichte
Der späten Nachwelt zum Berichte.
Es war ein bunt Konglomerat
Von Hackelteich und Spritzenschlauch,
Von Feldmark und verjährtem Brauch,
Von Pumpenschwengel und Senat,
Von Schulzenamt und Wiesenpächter
Und Bürgermeister, Feuerwächter,
Daß nie ein Advokat auf Erden
Draus unterrichtet ward und klar,
Wer eigentlich verurteilt war,
Der Länge nach geteilt zu werden.
Man unterschrieb's, trank in die Runde
Noch einmal nach des Kampfes Hitze,
Dann ließen in der späten Stunde
Die Schüppenhäuser vor die Spritze
Die wohlgepflegten Gäule spannen
Und rasselten vergnügt von dannen. –

Spät schlief ich ein. Als ich erwacht,
Gestärkt von tiefen Schlummers Segen,
Da lächelte in heller Pracht,
Der frische Morgen uns entgegen.
Balsamisch war die Luft und klar,
Und aus dem Garten klang's in Chören
Denn was ein lust'ger Vogel war,
Der ließ auch seine Stimme hören.
Wir dehnten gern und mit Behagen
Die Frühstückstunde, bis der Wagen,
Der uns nach Raben führen sollte,
Zu unsrer Abfahrt war bereit;
Und als er übers Pflaster rollte,
Da stand mit Kreide groß und breit
Geschrieben an der Wirtshaustür
Till's altes Wort, das für und für
Er zum Gedächtnis wie zum Dank
Für irgend einen lust'gen Schwank
Vor Zeiten schrieb an jedes Haus,
Aus dem er lachend zog hinaus:

Hic fuit!
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