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Ernest Thompson Seton: Tierhelden - Kapitel 9
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnest Thompson Seton
titleTierhelden
publisherKosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
printrun39. Auflage
year1922
translatorMax Pannwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130109
projectidaf588633
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Die Sage vom weißen Renntier.

Heil; Heil! Nordland Heil!
Singet das Lied vom Vand-dam-Troll!
Berg' ich mich wohl,
wirst du es sehn,
Das weiße Renn;
Nordlands Glück
Bringt es zurück!

 

.

Bleich, öde, düster, tief und kalt liegt Utrovand, eine lange Nische voll eisigen Wassers, eine Schrunde im Erdball, eine Runzel im norwegischen Hochgebirge, abgeschlossen durch einen gewaltigen Bergriesen, von starrer Flut erfüllt, neunhundert Meter über seiner Mutter, der Salzsee, und doch dem Herzen seines Vaters, des Sonnenballs, nicht näher gebracht. Das reizlose Seeufer umfaßt ein Gürtel verkrüppelter Bäume, der mühsam das Tal hoch hinaufklimmt, bis er zu Gesträuch und Moos verkümmert, wie wir dies auch schon in halber Höhe der Granitfelsen sehen, die sich dreihundert Meter rings um den See erheben, hier ist die Baumgruppe, oberhalb deren sich kein Holz mehr entwickelt. Birke und Weide sind die letzten, die dem langen Kampf mit dem Frost erliegen. Ihr Kleingehölz beleben die Weindrosseln, Pieper und Schneehühner; aber diese verschwinden, wenn man der Hochfläche näherkommt, wo nur das Schattenspiel der Felsen und das Ächzen des Windes Leben vortäuschen. Das eisige Hoifjeld dehnt sich aus, eine zerrissene, steinige Fläche, mit großen Schneewehen in allen tieferen Spalten und mit der Aussicht auf die schneeigen Berge, die sich heben und dehnen und schimmern und glitzern, bis verschwommen und dämmerhaft im Norden sich Jötunheim auftut, die Stätte der Geister, der Gletscher, des ewigen Schnees.

Die baumlose Strecke ist ein einziges, gewaltiges Zeugnis von der Kraft der Wärme. Jeder Rückgang der Sonnenwirkung um einen Grad macht sich durch eine Einschränkung des Lebenskreises bemerkbar; der nördliche Abhang einer Schlucht ist minder winterlich als der südliche. Schon lange haben Tanne und Kiefer den Kampf aufgegeben, die Bergesche folgte ihrem Beispiel; die Birke und Weide klommen noch die Hälfte des Abhangs empor. Weiter wachsen nur noch am Boden kriechende Pflanzen und Moos. Die Hochfläche selbst hat eine fahle, graugrüne Färbung – denn soweit das Auge reicht, sieht es nichts als die Renntierflechte –, aber sie geht stellenweise, wo Laubmoose üppig gedeihen, in warmes Orange über und an wärmeren Winkeln in lebhaftes Grün. Die überall verstreuten Felsen zeigen ein zartes Lila, das aber in mannigfaltiger Weise mit gefranstem Einsatz graugrüner Flechte oder orangefarbenen Streifen oder schwarzen Schönpflästerchen geziert ist. Diese Felsen vermögen die Wärme in hohem Maße festzuhalten, so daß sie regelmäßig von einem kleinen Gürtel wärmeliebender Pflanzen umgeben sind, die sonst in dieser Höhe nicht gedeihen könnten. Zwergbirken und Zwergweiden klammern sich so innig an den lebenspendenden Felsen, wie ein frostiger Alter im Winter an den Kamin, und breiten ihre Zweige über ihn, statt sie in die eisige Luft zu strecken. Nur einen halben Meter davon sieht man einen kälteren Heidegürtel, und dort beginnt schon wieder die Gegend, wo nichts mehr gedeiht, als die allgegenwärtige Renntierflechte, die der Hochfläche ihr Gepräge und ihre Farbe leiht. Die Schluchten sind noch immer mit Schnee gefüllt, obwohl wir schon Juni haben. Aber jede von diesen Schneeoasen schwindet immer mehr dahin und wandelt sich in Ströme eiskalten Wassers, die irgendwie in den See münden. Die sogenannten Schneeflecke zeigen keinerlei Spur von Leben, nicht einmal die Rotschneefärbung, und jeden umschließt ein Gürtel öden Erdreichs zum Beweis, daß Leben und Wärme voneinander unzertrennlich sind.

Ohne Vögel und ohne Leben überhaupt erstreckt sich die graugrüne, schneebekleckste Fläche von der Baumgrenze bis zu der des ewigen Schnees. Nach Norden zu rücken beide Grenzlinien dem Boden näher, bis die Baumgrenze mit der Meereshöhe zusammenfällt, und all dies Land in dem baumlosen Gebiet, das man in der Alten Welt Tundra und in der Neuen Barrens nennt, ist allenthalben die Heimat des Renntiers – das Reich der Renntierflechte.

I.

.

Und ein und aus flog er, ein und aus über und unter dem Wasser, wie Varsimlé, da; weibliche Leittier der Renntierherde, an den grünen Ufern vorbeischritt, und er sang:

»Heil, Heil, tapferm Nordland Heil!« und weiter von einem weißen Renntier und Nordlands Glück, wie wenn der Sänger mehr wisse als andere Leute.

Als Sveggum einst seine Mühle auf dem unteren Hoifjeld erbaute, gerade über Utrovand, und seine Mühlräder in Gang setzte, meinte er, er sei der Herr über alles. Aber einer war schon vor ihm da. Und dieser eine tauchte in den stürzenden Strom und aus ihm heraus und sang Lieder, die er ersonnen hatte, wie Ort und Zeit es ihn hießen. Von einer Speiche des Rades zur andern hüpfte er und tat vieles, was Sveggum nur als Glück auffassen konnte, – was dies nun auch sei, und manche sagten, Sveggums Glück sei ein Radtroll, ein Wassernix mit braunem Rock und weißem Bart, einer, der auf dem Lande oder im Wasser lebte, wie's ihm beliebte.

Aber die meisten von Sveggums Nachbarn sahen nur einen Wasserstar, den kleinen Wasserfallvogel, der jedes Jahr kam und im Strome tanzte oder untertauchte, wo das Wasser am tiefsten war. Es mag sein, daß beide recht haben, denn von den allerältesten Bauern kann man hören, daß ein Trollnix die Gestalt eines Menschen oder eines Vogels annehmen kann. Nur lebte dieser Vogel, wie sonst kein Vogel leben kann, und sang Lieder, die man in Norwegen noch nie hatte singen hören, wundervolles erschaute er, was andere niemals sahen. Denn die Weindrossel baute ihr Nest vor ihm, und der Lemming fütterte seine Jungen gerade vor seinen Augen. Und was für Augen waren das! Denn der dunkle Fleck auf Suletind, den ein Menschenauge kaum erspähen konnte, war für ihn ein Renntier mit sich verhärendem Fell und der grüne Schimmer auf dem Vandren eine grüne Weide, die des Festschmauses harrt.

Oh, der Mensch ist so blind und macht sich selbst so verhaßt! Der Wasserstar tat niemand was zuleide, so hatte auch niemand Furcht vor ihm. Er sang nur, und seine Lieder waren manchmal voll Schalkheit, manchmal auch voll Weissagung des Kommenden, manchmal auch voll Spott.

Von der Spitze eines Felsens aus konnte er den Lauf des Mühlstromes über den Nastuen-Weiler hinaus verfolgen, bis er sich in den düstern Gewässern Utrovands verlor, oder bei höherem Flug konnte er sogar über die öde Hochfläche schauen, die sich nach Norden bis Jötunheim dehnte.

Nun hob ein großes Erwachen an. Schon hatte der Lenz den Wald berührt, und in den Tälern regte sich reiches Leben; neue Vögel waren aus dem Süden gekommen, Winterschläfer krochen hervor, und das Renntier, das in den Niederungen überwintert hatte, bereitete sich zum Zug aufs Hochland.

Nicht kampflos weichen die Frostriesen von der Stätte, die sie so lange besaßen, ein großer Kampf ging an; jedoch die Sonne gewann langsam, aber sicher die Oberhand über sie und trieb sie in ihr Jötunheim zurück. Bei jeder Nische, jedem beschatteten Platze suchten sie standzuhalten, oder sie krochen nachts zurück, erlitten aber immer nur neue Niederlagen. Das war ein Krachen und Wettern, denn sie sind starke Kämpen; manch ein Granitfels zerbarst und flog in Stücken herum bei dem wilden Ringen, so daß seine innere Fleischfarbe offenbar wurde und warm schimmerte zwischen den graugrünen Felsmassen, die zahllos wie Thors Herden über die Fläche gestreut waren. Allenthalben fand man diese Zeugen der Kampfwut, und auf dem Abhang von Suletind, da lag ein Haufen, der sich fast eine Viertelstunde weit erstreckte. Doch halt! Die hatten ja Bewegung; es waren keine Steine, sondern lebende Geschöpfe.

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Scheinbar regellos trieben sie durcheinander und doch nur in einer Richtung, sämtlich dem Wind entgegen. In einer Senkung entschwanden sie den Augen, erschienen aber bald auf einem weit näherliegenden Erdrücken, wo sich ihre Gestalten scharf vom Himmel abhoben. Wir erkannten ihre sich verzweigenden Geweihe und wußten nun, es war eine Renntierherde in ihrem Heimatland.

Die Tiere kamen uns immer näher, sie weideten wie Schafe und grunzten, wie es eben nur Renntiere tun. Jedes fand einen Weidefleck, blieb stehen, bis er abgegrast war, und trottete dann mit knisternden Hufen nach vorn, um sich einen andern gedeckten Tisch zu suchen. So wechselte die Herde beständig ihre Reihenfolge und Ordnung. Ein Tier war aber stets nahe dem Wasser, ein großes, wohlgebautes Weibchen. So sehr sich auch sonst die Stellung der Tiere untereinander änderte, diese Hindin war stets die erste, und der aufmerksame Beobachter würde bald erkannt haben, daß die allgemeine Bewegung von ihr abhing, daß sie tatsächlich die Führerin war. Selbst die großen Männchen mit ihrem mächtigen Geweih in purpurner Samthülle fügten sich dieser Herrschaft einer ungekrönten Königin, und wollte einer, vom Freiheitssinn getrieben, die Herde anderswohin führen, so hatte er bald den Verdruß, sich vereinsamt zu sehen.

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Die Varsimlé oder Leithindin hatte die Herde an der Waldgrenze entlang geführt, jeden Tag etwas höher hinauf ins ungeschützte Hochland, wo der Schnee verschwand und die Bremsen sie nicht plagten. Wie der Weidegürtel aufwärts stieg, folgte sie ihm bei der täglichen Äsung, kehrte aber regelmäßig wieder bei Sonnenuntergang in den Schutz der Wälder zurück, denn die wilden Tiere scheuen den kalten Nachtwind nicht minder als die Menschen. Jetzt wurde aber die Bremsenplage in den Wäldern groß und andererseits die geschützten Stellen an den Felsen warm genug für ein Nachtlager, und so mieden sie hinfort das Waldland ganz.

Schwerlich empfindet das Leittier einer Herde einen bewußten Stolz auf seine Führerstellung, aber es ist ihm unangenehm, wenn man ihm keine Folge leistet. Doch kommen für jeden Zeiten, wo er die Einsamkeit sucht. Die Varsimlé war fett und gesund den ganzen Winter hindurch, jetzt aber war sie von Unruhe ergriffen und blieb kopfhängerisch stehen, während die weidende Herde sie überholte.

Manchmal stand sie da, mit leerem Blick ins Weite schauend, während ihr das Bündel Flechten ungekaut vom Maul hing. Dann raffte sie sich auf und stellte sich an die Spitze der Herde wie zuvor; aber die Augenblicke müßigen Hinstarrens und das Bangen nach Einsamkeit nahmen zu. Sie wandte sich abwärts, nach dem Birkengehölz, jedoch die ganze Herde machte es ihr nach. Dann stand sie still, wie von Stein, mit gebeugtem Kopf; die andern schritten grasend und grunzend weiter und ließen sie wie ein Standbild am Felsrand stehen. Als alle vorwärts gegangen waren, schlug sie sich ruhig beiseite, machte ein paar Schritte, schaute sich um, tat, als wollte sie weiden, schnüffelte am Boden, schaute hinter der Herde drein und musterte die Felsen; dann griff sie schneller aus, dem bergenden Gehölz zu.

Als sie einmal über eine Erdwelle schaute, bemerkte sie eine andere Renntierhindin, die ruhelos umherwanderte wie sie selbst. Aber die Varsimlé verlangte nicht nach Gesellschaft; sie wußte nicht warum, aber ihr Gefühl trieb sie, sich irgendwo zu verbergen.

Sie stand still, bis die andere vorüber war; dann wandte sie sich seitwärts und ging mit schnellerem Schritt, bis sie Utrovand zu Gesicht bekam, immer den kleinen Strom hinab, der Sveggums Mühlräder treibt. Oberhalb des Dammes schritt sie durch den klaren Strom, denn tiefeingewurzelt und unfehlbar ist der Trieb eines wilden Tieres, der es anweist, fließendes Wasser zwischen sich und die, die es scheut, zu bringen.

Dann wandte sie sich von dem andern Ufer, das jetzt noch öde und kaum ein wenig grün war, zwischen die knorrigen, verkrümmten Stämme und ließ die lärmvolle Mühle hinter sich. Auf dem höher gelegenen Gelände dahinter blieb sie stehen, blickte hierhin und dorthin, ging ein Stück weiter und kam dann zurück, und hier inmitten sanft getönter Felsen und von Birken im Schmuck ihrer Frühlingstroddeln umgeben, schien sie endlich rasten zu wollen; doch fand sie auch hier keine rechte Rast, denn unruhig stellte sie sich bald so, bald so, trieb die Fliegen weg, die sich auf ihre Leine setzten, achtete nicht auf die jungen Grassprossen und dachte, sie sei vor aller Welt verborgen.

Doch nichts entging dem Wasserstar. Er hatte gesehen, wie sie sich von der Herde schlich, und nun saß er auf einem riesigen, überhängenden Felsen und sang, als hätte er darauf gewartet und wüßte, daß Norwegens Schicksal mit dem, was in dem fernen Talwinkel vor sich ging, verbunden war. Er sang:

Heil! Heil! Nordland Heil!
Singet das Lied vom Vand-dam-Troll!
Berg' ich mich wohl,
Wirst du es sehn,
Das weiße Renn;
Nordlands Glück
Bringt es zurück!

In Norwegen gibt es keine Störche, und doch lag nach einer Stunde ein wundervolles, kleines Renntier neben der Leithindin. Sie säuberte ihm das Fell, indem sie es mit mütterlicher Zärtlichkeit beleckte, stolz und glücklich, als sei dies das erste Renntier, das je geboren wurde. Wenn aber auch Hunderte in jenem Monat in der Herde zur Welt gebracht wurden, so war schwerlich eines diesem gleich, denn es war schneeweiß, und der Sänger auf dem bunten Felsen sang:

Es bringt uns Nordlands Glück
Ein weißes Renn zurück,

als ob er genau wisse, welche Rolle das weiße Renntierkälbchen später einmal spielen sollte.

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Aber noch ein anderes Wunder trug sich zu; ehe noch eine Stunde verfloß, war ein zweites Kälbchen da – diesmal ein braunes. Sonderbares kommt in der Welt vor, und die Not treibt manchmal zu tun, was einem schwer ankommt. Als das Varsimlé nach zwei Stunden das weiße Kälbchen fortführte, war kein braunes Kalb mehr da, sondern nur ein paar mit, Renntierfell bedeckte Fetzen.

Die Mutter sagte sich: Besser ein Starkes als zwei Schwächlinge. Nach ein paar Tagen führte die Hindin wieder die Herde, und neben ihr her sprang das weiße Kalb. Die Varsimlé nahm in allem Rücksicht auf ihr Junges, so daß dieses eigentlich den Schritt für die Herde angab, was allen Müttern, die jetzt Kälber bei sich hatten, sehr gut paßte. Groß, stark und klug war die Varsimlé und stolz auf ihre Kraft, und das weiße Kalb war die Blüte ihrer Blüte. Oft rannte der Kleine vor der Mutter her, wenn diese die Herde leitete, und Rol, der eines Tages auf sie stieß, lachte laut bei dem Anblick, als sie vorüberzogen, alt und jung, Leittier und starker Hirsch, eine zahlreiche braune Herde, und alle, wie es schien, geführt von einem kleinen, weißen Kalb.

So zogen sie fort zum Hochgebirge, um den ganzen Sommer wegzubleiben. »Fort zu den Geistern, die da oben Hausen, wo der schwarze Lun auf dem Eise lacht,« sagte Leif aus dem untern Tal, aber Sveggum, der immer unter den Renntieren gelebt hatte, sagte: »Ihre Mütter lehren sie, genau wie uns die unsrigen.«

Als der Herbst kam, sah Sveggum, wie sich in der Ferne ein Schneefleck auf dem braunen Moorland fortbewegte; aber der Troll sah einen weißen Jährling, einen Rekbuk; und als sie sich an Utrovand zur Tränke nebeneinander aufstellten, schien der stille Spiegel das Weiße auf dem Hintergründe der dunklen Hügel voll zurückzuwerfen, während er die anderen kaum in Umrissen zeigte.

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So manches kleine Kalb, das in jenem Frühling das Licht der Welt erblickt hatte, war auf den moosigen Öden von der Herde abgekommen, um nie mehr zurückzukehren, denn manche waren Schwächlinge und manche töricht; manche fielen unterwegs zu Boden, – kann das bei so vielen anders sein? – und manche wollten sich nicht den Regeln fügen, und auch sie kamen um. Aber das weiße Kalb war das stärkste von allen und war auch klug, denn es lernte von seiner Mutter, der klügsten von allen. Es lernte, daß das Gras auf der Sonnenseite des Hügels süß ist, und daß es in der dunklen Schlucht trotz des gleichen Aussehens doch nichts taugt. Es lernte, daß es aufpassen und sich fortbewegen müsse, wenn seine Mutter mit den Hufen knackte, und daß Gefahr drohe und es sich neben der Mutter halten müsse, wenn die ganze Herde mit den Hufen knackte. Denn dieses Knacken ist, wie das Pfeifen der Schwingen einer Pfeifente, dazu bestimmt, die Artgenossen zusammenzuhalten. Es lernte, daß da, wo das Wollgras seine Büschel hängen läßt, gefährlicher Sumpfboden lauert, daß das mißtönige Gackern des Schneehuhnes die Nähe von Adlern kündet, die dem jungen Wild so gut wie dem Geflügel nachstellen. Es lernte, daß die kleinen Trollbeeren den Tod bringen, daß man sich vor dem Stich der Verrafliegen auf einen Schneefleck retten muß, und daß von allen Tiergerüchen nur der der Mutter ganz ungefährlich sei. Es merkte auch, daß es heranwuchs. Seine eingefallenen Flanken wurden hübsch rund, seine dicken Gelenke glatt und schön, wie es die Glieder eines Jährlings sind, und die kleinen Höcker auf seinem Kopfe, die er bereits als vierzehntägiges Junges trug, waren nun scharfe, harte Spitzen und ein gutes Kampfmittel geworden.

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Mehr als einmal hatten sie den gefürchteten Räuber des Nordens gewittert, den die Menschen Vielfraß nennen; und eines Tages, als sie dieser gefährliche Geruch einmal überraschte, sprang plötzlich etwas Großes, Braunes von einem Felsrand herunter, gerade auf den vordersten, den kleinen Weißen, zu. Sein Auge fing den Blitz einer wirbelnden; scheckigen Masse mit schimmernden Zähnen und blutgierigen, wilden Augen auf. Bleicher Schrecken ließ sein Haar sich sträuben, seine Nüstern verzogen sich vor Furcht, aber ehe er flüchtete, erwachte in ihm ein anderes Gefühl – das des Grimms über den Friedensbrecher, ein Gefühl, das alle Angst verscheuchte. So hielt er, die Beinmuskeln stählend, seine Hörner bereit. Mit tiefem Geheul stürzte der Räuber auf seine Beute los, stieß aber gerade auf deren nadelscharfe Hornspitzen. Tief bohrten sie sich ein, jedoch der Schreck und die Wucht waren zu groß, das Weiße stürzte zu Boden und wäre vielleicht zum Opfer gefallen, hätte nicht eine wachsame und immer fürsorgliche Mutter mit ihren noch besseren Waffen und ihrer größeren Kraft eingegriffen und den Unhold an den Boden gespießt. Und nun raffte sich das weiße Kalb mit einem wilden Blicke in seinen sonst so sanften klugen auf und drang ebenfalls auf den Störenfried ein; und als der Vielfraß nur noch eine haarige Masse war und die Mutter sich schon wieder zur Herde gewendet hatte, bohrte das Zunge immer noch seine Hornspitzen in den Körper des Verhaßten, bis sein schneeweißer Kopf mit dem Blute des Gegners bespritzt war.

So zeigte der Jährling, daß unter seiner ruhigen Oberfläche die tierische Kampflust loderte, daß er, wie die Nordmänner, rauh, stark, ruhig, langsam zum Zorn, aber, wenn einmal in Erregung versetzt, blindwütend war.

Als sie sich im Herbst wieder alle zusammen am See einstellten, sang der Wasserstar sein altes Lied:

»Berg ich mich wohl,
Werdet ihr's sehn,
Das weiße Renn;
Des Nordlands Glück
Bringt es zurück.«

Es war, als habe er nur auf das Erscheinen des kleinen Weißen gewartet; dann verschwand er, niemand wußte wohin. Der alte Sveggum hatte gesehen, daß er durch den Strom flog, wie die Vögel durch die Luft, daß er auf dem Boden eines tiefen Teiches ging, wie ein Schneehuhn auf den Felsen, daß er lebte, wie kein Vogel leben kann, und doch sagte der Alte, er sei nur des Winters halber nach Süden gezogen. Aber der alte Sveggum konnte weder lesen noch schreiben, wie konnte er es wissen?

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II.

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Jedes Frühjahr, wenn die Renntiere bei ihrem Zuge vom waldbestandenen Tiefland zu dem öderen Ufersaum des Utrovand kamen, war der Wasserstar da und sang vom weißen Renn, das jedes Jahr mehr der wahre Führer der Herde wurde.

Im ersten Frühling war das Junge kaum größer als ein Hase; als es im Herbst bei Sveggum zur Tränke kam, ragte sein Rücken über den Felsen an der Ecke empor, wo Sveggums Wasser in Utrovand mündet. Im nächsten Jahr konnte es kaum unter der gekrümmten Birke durchgehen, und im dritten blickte der Wasserstar auf dem bunten Felsen zu dem vorbeiziehenden weißen Renntier hinauf, nicht hinunter. Das war der Herbst, wo Rol und Sveggum sich zum Hoifjeld aufmachten, um ihre halbwilde Herde zusammenzutreiben und einige von den stärksten Tieren für den Schlitten auszusuchen. Darunter durfte das weiße Leittier nicht fehlen. Größer als die andern, schwerer, weiß wie Schnee, mit einer Mähne, die den Schnee vom Boden fegte, mit einer Brust wie die eines Streitrosses und mit Hörnern wie eine im Sturm gewachsene Eiche, war der weiße Renntierhirsch der König der Herde und sollte nun auch der König der Schlittenbahn werden.

Es gibt zwei Arten von Tierbändigern; die eine zähmt und lehrt das Tier und wird ihm ein einsichtiger, freundlicher Helfer; die andere will seinen Geist brechen und erzieht nur einen stumpfsinnigen Sklaven, der stets zur Auflehnung und zu Taten des Hasses geneigt ist. Mancher Lappe und mancher Norweger hat die Roheit gegen sein Renntier mit dem Leben büßen müssen, und auch Rol fand durch sein Renn einen frühen Tod. Sveggum aber war der milderen Art. Als er den weißen Rennhirsch einzufahren begann, ging es langsam, denn dem Leithirsch war alle Willkür von Menschen, wie vorher von seinen Artgenossen, unerträglich; aber mit Freundlichkeit, nicht mit Furcht, ließ er sich zähmen, und als er dem Zügel gehorchen gelernt hatte und stolz mit andern Renntierschlitten um die Wette lief, da sah es gar stattlich aus, wenn das gewaltige, weiße, mildblickende Tier die lange Schneebahn am Utrovand dahinrannte: aus seinen Nüstern flog der Dampf, der Schnee wirbelte vor seinen Füßen auf wie die schaumgekrönten Wellen vor des Dampfers Bug, daß Schlitten, Lenker und Zugtier, alles von fliegendem, weißem Staub verhüllt wurde.

Dann kam die mittwinterliche Julfestzeit mit den Wettfahrten auf dem Eis. Da war Utrovand lust- und freudevoll, und die düsteren Berge ringsum hallten wider von heiterem Lärm. Zuerst kam der Wettlauf der Renntiere mit manchem sonderbaren Mißgeschick, das Scherz und Gelächter hervorrief. Auch Rol nahm damals noch teil mit seinem schnellsten Renntier, einer großen, dunklen, fünfjährigen Hindin in der Vollkraft des Lebens. Aber, allzu erpicht auf den Sieg, allzu roh peitschte er sein Tier, bis es sich auf einmal, in der Mitte der Rennbahn und bis dahin allen voraus, bei einem grausamen Schlag gegen seinen Herrn wandte und Rol sich unter den umgestürzten Schlitten retten mußte, bis das Renn seine Wut gegen das Holz ausgetobt hatte; so verlor er das Rennen, und der junge, weiße Leithirsch trug den Sieg davon. Dann gewann er das Fünf-Kilometer-Rennen um den See, und bei jedem Triumph hing Sveggum ein Silberglöckchen an sein Geschirr, so daß das Geläut, das ihn zum Siege führte, immer heller und lustiger wurde.

Dann kamen die Pferderennen, wirkliche Rennen – die Renntiere traben nur – und als Balder, das siegreiche Pferd, ein Ehrenzeichen erhielt und sein Herr den Geldpreis, kam Sveggum mit seinem ganzen Gewinn in der Hand und sagte: »Hoho, Lars, du hast ein schönes Pferd, aber ich habe ein besseres Leitrenn: komm, wir legen unsere Gewinne zusammen und lassen unsere beiden Tiere um das Ganze Wettlaufen.«

Ein Renn gegen ein Rennpferd – solch ein Wettlauf war noch nicht dagewesen. Beim Knallen der Pistole flogen beide davon.

»Ho, Balder! Ho, hi, Balder!« Fort schossen sie der schöne Renner und der Weiße mit seinem langsameren Trab.

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»Ho, Balder!« »Hi, Leitrenn!« Wie das Volk aufschrie, das Pferd in mächtigen Sätzen immer weiter voraussprang! Aber dieses war von Anfang an mit seiner größten Schnelligkeit gelaufen, das Leitrenn aber lief je länger, desto schneller, und bald fing der Zwischenraum zwischen den beiden an, sich, statt zu vergrößern, zu verkleinern, und als Sveggum aufmunternd rief: »Ho, Leitrenn! Gutes Leitrenn!« und mit leichtem Zügeldruck anfeuerte, ging es noch hurtiger vorwärts. Am Wendepunkt, als die halbe Strecke durchmessen war, rannten beide Hals an Hals. Dann glitt das Pferd, es war gleich gut gelenkt und gut beschlagen, auf dem Eise aus und hielt sich nun wie in Furcht zurück; so flog das Renn voraus. Der Pony und sein Lenker waren noch weit hinten, als ein Hochruf aus allen Menschenkehlen in Filefjeld verkündete, daß das Leitrenn oder der Storbuk, wie ihn die Norweger nennen, das Ziel erreicht und das Rennen gewonnen hatte. Und doch geschah dies alles, noch ehe das Tier die Jahre seiner vollen Kraft und Schnelligkeit erreicht hatte.

Eines Tages versuchte Rol, den Storbuk zu lenken. In guter Gangart griff der weiße Hirsch aus, dem kleinsten Zügeldruck entsprechend und mit mildem Ausdruck vor sich blickend. Aber ohne jeden andern Grund als seine rohe Gewohnheit schlug ihn Rol. In einem Augenblick änderte sich das Bild. Der Renner lief nicht weiter, alle vier Glieder sperrte er gegen den Boden, die Augenlider, die gewöhnlich den Augenstern verschleierten, gingen empor, die Augen rollten wild, und ein grünes Licht schoß daraus hervor. Drei Dampfströme stürzten aus jeder Nüster. Da schrie Rol, der Gefahr sich bewußt, laut auf, stürzte schnell den Schlitten um und barg sich darunter. Schnaufend und den Schnee mit dem Fuß aufwühlend, wandte sich Storbuk gegen den Schlitten, aber Sveggums Sohn, der kleine Knut, lief herbei und warf seine Ärmchen um den Hals des Storbuks; da wich der wilde Blick aus dem Auge des Renns, und es ließ sich von dem Kinde ruhig zum Ausgangspunkt zurückführen. Hüte dich, Lenker, auch den Storbuk kann Berserkerwut ergreifen!

Das war das erste Auftreten des Storbuks unter den Männern des Filefjeld.

In den nächsten zwei Jahren wurde er im ganzen Lande berühmt als Sveggums Storbuk, und manche seltene Tat erzählte man von ihm. In zwanzig Minuten trug er den alten Sveggum zehn Kilometer weit um den Utrovand herum. Als ein Schneesturm die ganze Ortschaft Holaker begrub, war es der Storbuk, der den Hilferuf nach Opdalstol brachte und in sieben Stunden die fünfundsechzig Kilometer im tiefen Schnee mit einer guten Ladung von Branntwein und Nahrungsmitteln zurücklegte.

Als der waghalsige kleine Knut durch das dünne Neueis des Utrovand brach, führte sein Hilferuf das Renn als Retter herbei; denn es war das denkbar freundlichste Tier und jedes Rufes gewärtig.

Er brachte den ertrinkenden Knaben triumphierend zum Ufer, und als sie über den Mühlstrom gingen, ließ der Wasserstar sein Lied erschallen:

»Viel Glück, Viel Glück
Bringt der weiße Hirsch zurück –«,

worauf er auf Monate verschwand, zweifellos in irgendeiner Höhle unter Wasser, um dort den ganzen Winter zu festen und zu schmausen; aber Sveggum wollte das nicht wahr haben.

III.

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Wie oft lag schon das Geschick von Königreichen in Kinderhänden oder hing gar von Vögeln oder wilden Tieren ab! Eine Wölfin war die Amme des römischen Reiches. Ein Zaunkönig, der Krumen auf einem Trommelfell aufpickte, weckte dadurch das oranische Heer, wie es heißt, und machte der Herrschaft der Stuarts in Großbritannien ein Ende. Was Wunder, daß Norwegens Schicksal von einem edlen Storbuk bestimmt werden und der Wasserstar auf dem Rade mit seinem Reim recht behalten sollte!

Es waren damals schlimme Zeiten für Skandinavien. Böse, verräterische Menschen säten Zwietracht zwischen den Brudervölkern Norwegens und Schwedens. »Nieder mit der Union!« klang es von Mund zu Mund.

Oh, ihr törichten Völker, hättet ihr nur bei Sveggums Mühle sein und hören können, wie der Wasserstar sang:

»Der Rabe und der Löwe
Hielten den Bären beiseite
Doch zwang er sie alle beide,
Als sie miteinander in Streit.«

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Von Bürgerkrieg, von Kampf für die Unabhängigkeit war überall in Norwegen die Rede. Mehr oder minder geheim wurden Versammlungen gehalten, und jedesmal stellte sich dabei ein Mann mit gefüllten Taschen und glatter Zunge ein, der das Unrecht, das dem Lande geschehe, übertrieben schilderte und Beistand von einer unwiderstehlichen auswärtigen Macht verhieß, sobald sie nur zeigen würden, daß es ihnen mit der Erhebung gegen Schweden ernst sei. Offen genannt wurde diese auswärtige Macht von keinem; das war aber auch nicht notwendig; jeder wußte, welche es war. Wahrhaft vaterländisch gesinnte Männer fingen an, die Sache zu glauben. Ja, ihrem Lande geschah unrecht, und nun konnte ihm Gerechtigkeit verschafft werden. Männer, deren Ehre niemand anzweifelte, wurden geheime Vertreter jener Macht. Der Staat wurde unterwühlt und unterhöhlt, und ein Netz von Verschwörungen umspannte die Bevölkerung. Der König war ratlos, obwohl einzig von dem Streben nach dem Wohl seiner Völker erfüllt. Ehrlich und aufrichtig, wie er war, was konnte er gegen diese weitgesponnenen Treibereien tun, da selbst seine berufenen Räte eine falsch verstandene Vaterlandsliebe mißleitete! Der Gedanke, daß sie dem Ausländer in die Hände arbeiteten, blieb dem Hirn dieser Toren fern, mindestens dem der meisten. Ein paar von ihnen, die der Erbfeind versucht, erwählt und erkauft hatte, kannten das eigentliche Ziel, und ihr Haupt war Borgrevinck. Ein ungewöhnlich befähigter Kopf, Mitglied des Storthings und ein geborener Führer, hätte er längst Ministerpräsident sein können; nur das Mißtrauen, das er durch einige von maßlosem Ehrgeiz zeugende Schritte erweckt hatte, stand im Wege. Erbittert über diesen Mangel an verdienter Wertschätzung, wie er es auffaßte, und gekränkt in seinem Ehrgeiz, erwies er sich als williges Werkzeug, als ihm der Vertreter der fremden Macht näher trat. Zuerst mußte seine Vaterlandsliebe beschwichtigt werden; diese Notwendigkeit entfiel aber, als das Spiel weiter ging, und er war vielleicht von all den Verschwörern der einzige, der bereit war, im Interesse des Auslandes gegen die Union anzukämpfen.

Die Pläne der Verschwörer reiften allmählich; es gelang, Offiziere, insbesondere durch das Gerede vom Unrecht gegen das Land, ihrem Treueid abwendig zu machen und für die Sache des Aufruhrs zu gewinnen, und immer klarer fiel Borgrevinck die Führerschaft der ganzen Bewegung zu – da kam es zwischen ihm und dem auswärtigen »Befreier« über die Frage des Preises zum Streit. Ungemessenen Lohn in Gold wollte man ihm zugestehen, aber königliche Gewalt niemals. Der Streit verschärfte sich immer mehr. Borgrevinck fuhr fort, alle Versammlungen zu besuchen, trug aber immer mehr Sorge, alle Macht in seiner Person zu vereinigen, und war sogar geneigt, zur Partei des Königs abzuschwenken, wenn dies seinen Ehrgeiz mehr befriedigen sollte. Der Verrat an seinen Anhängern sollte dann der Preis für seine eigene Begnadigung und Beförderung sein. Aber zur Verwirklichung dieses Planes mußte er Beweise für die Teilnahme der andern an der Verschwörung haben, und so machte er sich daran, Unterschriften unter eine Rechtserklärung zu sammeln, die nichts anderes war als ein verhülltes Eingeständnis des Verrats. Viele von den Führern hatte er zur Unterzeichnung verlockt, ehe die Zusammenkunft in Laersdalsoren stattfand. Hier trafen sich im Anfang des Winters einige zwanzig Vaterlandsfreunde, von denen manche angesehene Stellungen bekleideten, alle aber Männer voll Klugheit und Willenskraft waren. Hier, in dem engen und schwülen Zimmer, planten, berieten und ratschlagten sie. Große Hoffnungen kamen zum Ausdruck, und große Taten malte man an die Wand des überheizten Raumes.

Draußen in der Winternacht lag ein großes, weißes Renntier vor einem Schlitten, im Schlafe den Kopf auf die Seite neigend, ruhig und still. Wer, sollte man meinen, hatte mehr Einfluß aus das Geschick des Volkes, die ernsten Denker drinnen oder der vergessene Schläfer draußen?

In Laersdalsoren ging es wie zuvor: von Borgrevincks beredten und täuschenden Worten betrogen, steckten alle ihre Häupter in die Schlinge und gaben ihr Leben und ihr Land in seine Hände, da sie in diesem nichtswürdigen Verräter das Muster des opferbereiten Vaterlandsfreundes sahen.

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Alle? Nein, nicht alle. Der alte Sveggum war dabei, und dieser konnte weder lesen noch schreiben. Das genügte zur Entschuldigung für die Verweigerung der Unterschrift. Konnte er aber auch keinen Buchstaben in einem Buche lesen, so vermochte er es doch in den Herzen der Menschen. Als die Zusammenkunft zu Ende war, flüsterte er Axel Tanberg zu: »Steht sein eigener Name auf dem Papier?« Und Axel, von dem Gedanken verblüfft, sagte: »Nein!« Darauf erwiderte Sveggum: »Ich traue dem Mann nicht. Das sollten sie in Nystuen wissen.« Dort sollte nämlich eine noch wichtigere Zusammenkunft stattfinden. Aber wie man es sie wissen lassen sollte, das war ein Rätsel, da Borgrevinck mit schnellen Rossen hinfahren wollte.

Sveggum nickte blinzelnd nach dem am Zaun angebundenen Storbuk hin. Borgrevinck sprang in seinen Schlitten und fuhr eilig davon, denn er war ein tatkräftiger Mann.

Sveggum band die Glöckchen vom Geschirr, band das Renntier los und trat auf den Schlitten. Er schwang den Zügel, schnalzte dem Storbuk und zog dessen Kopf nach Nystuen hin. Die schnellen Rosse waren weit voraus, aber ehe sie den östlichen Hügel erklommen hatten, mußte Sveggum den Lauf des Renntiers mäßigen, um Borgrevinck nicht einzuholen. Er hielt also seinen Renner zurück, bis sie zu der Biegung über dem Walde von Maristuen kamen. Dann verließ er die Straße und ließ nun sein Tier auf der Fläche Flusses voll ausgreifen, ein weiterer Weg, aber der einzige, um dem Verräter zuvorzukommen.

Squiek, kräck – squiek, kräck – squiek, kräck machten die weitschreitenden Schneeschuhe des Storbuks, und das beständige Schnauben seines Atems klang wie der Dampfer Nordland im Hardanger Fjord. Hoch oben konnten sie auf der glatten Straße das Geklingel der Schlittenglöckchen und das Rufen von Borgrevincks Rosselenker hören.

Die Hochstraße war kurz und glatt, und das Tal lang und uneben, aber als Borgrevinck nach vier Stunden nach Nystuen kam, sah er unter den versammelten ein Gesicht, das er eben in Laersdalsoren zurückgelassen hatte. Er tat, als wenn er es nicht bemerkte, obwohl doch seinen scharfen Augen nichts entging.

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In Nystuen wollte kein Mensch unterzeichnen. Irgend jemand mußte gewarnt haben. Das war bedenklich und konnte gerade jetzt verhängnisvoll werden. Wie Borgrevinck die Sache überdachte, richtete sich sein Argwohn immer mehr auf Sveggum, den alten Toren, der in Laersdalsoren seinen Namen nicht schreiben konnte. Aber, wie war der so viel schneller als er selbst mit seinen flinken Rossen hierhergekommen?

An diesem Abend fand in Nystuen ein Tanz statt, der zur Verdeckung der politischen Zusammenkunft dienen sollte, und in seinem Verlauf erfuhr Borgrevinck von dem schnellen, weißen Storbuk.

Der Nystuer Plan war wegen der Schnelligkeit des weißen Renners fehlgeschlagen. Vor der Runde hiervon mußte Borgrevinck in Bergen sein, oder alles war verloren. Es gab offenbar nur ein Mittel, um eher als jeder andere dort zu sein, vielleicht war schon von Laersdalsoren eine Botschaft abgesandt. Aber auch dann konnte Borgrevinck hingelangen und sich, wenn's sein mußte, auf Kosten des ganzen Landes retten, vorausgesetzt, daß er den weißen Storbuk zu seiner Verfügung hatte. Man schlug ihm, dachte er, die Bitte darum sicher nicht ab. Er war auch nicht der Mann, sich irgendeinen Vorteil entgehen zu lassen; doch mußte er seinen ganzen Einfluß aufbieten, um die Einwilligung des alten Sveggum zu erlangen.

Der Storbuk schlief ruhig im Pferch, als Sveggum kam, ihn zu holen. Langsam erhob er sich, zuerst mit den Hinterfüßen, streckte einen, sodann den anderen aus, preßte dabei seinen Schwanz dicht auf den Rücken, schüttelte das Heu aus den großen Geweihschaufeln und ging langsam hinter dem ihn führenden Sveggum her. Er war so schläfrig und langsam, daß ihm Borgrevinck in seiner Ungeduld einen Stoß gab, der ihm vom Renn ein kurzes, heftiges Schnauben und von Sveggum eine ernste Warnung eintrug, was er beides etwas verächtlich aufnahm. Die Glöckchen waren wieder am Geschirr aufgehängt, aber Borgrevinck, der lieber eine stille Fahrt haben wollte, ließ sie daher abnehmen, Da Sveggum nicht zurückbleiben wollte, wenn sein bestes Tier nach Bergen ging, erhielt er einen Sitz in dem Pferdeschlitten, der folgen sollte, dessen Lenker aber von Borgrevinck insgeheim die Weisung erhalten hatte, sich nicht zu beeilen.

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Dann stieg Borgrevinck mit den Schriften, die für eine ganze Zahl mißleiteter Männer den Tod bedeuteten, mit teuflischen Absichten im Herzen wie mit der Macht, sie auszuführen, und mit Norwegens Geschick in seiner Hand in den vom Storbuk gezogenen Schlitten.

Auf ein Wort von Sveggum setzte sich das weiße Renntier in Bewegung mit ein paar mächtigen Sätzen, die Borgrevinck in den Schlitten zurückwarfen. Das verdroß ihn, aber er verschluckte seinen Zorn, als er sah, daß der Pferdeschlitten zurückblieb. Er schüttelte den Zügel, schrie, und der Storbuk setzte sich in einen langen, schwingenden Trab. Bei jedem Tritt hörte man den Doppelton seiner breiten Hufe. Seine geradeaus gestreckten Nüstern stießen regelmäßige Dampfwolken in den frostigen Morgen hinaus, als er in seinen gewohnten Trab gefallen war.

Das Vordergestell des Schlittens schnitt zwei lange Furchen in den Schnee, der über Mann und Schlitten aufwirbelte, bis alles weiß war. Und die großen, stillen Augen des Renntierkönigs glänzten freudig von dem Vergnügen über die Bewegung und auch ein wenig von Stolz, als der Klang der Glöckchen des Pferdeschlittens in der Ferne erstarb.

Auch der ränkevolle Borgrevinck konnte nicht anders, als mit Befriedigung das edle Geschöpf betrachten, das in der letzten Nacht das Mittel zu seiner Niederlage gewesen war und jetzt die schnellen Füße seinen Zwecken dienstbar machte, denn es war seine Absicht, wenn irgend möglich, um Stunden früher als der Pferdeschlitten in Bergen zu sein.

Die ansteigende Straße flogen sie dahin, als ging's bergab, und des Fahrenden Mut stieg mit der erquickenden Schnelligkeit. Unablässig ächzte der Schnee unter dem Bug des Schlittens, und das frostige Knirschen unter den Hufen des eilenden Renns war wie das Knirschen gewaltiger Zähne. Dann kam die ebene Strecke von dem Hügel von Nystuen bis zur Höhe von Dalekarl, und als sie im Frühschein des Tages vorbeiwirbelten, stand gerade der kleine Karl am Fenster und sah das große, weiße Renn vor einem weißen Reiseschlitten und den weißen Insassen, gerade wie es in den Geschichten von den Riesen erzählt wird, und er klatschte in die Hände und schrie: »Gut, gut!«

Als aber sein Großvater das weiße Wunder ohne jeden Klang fröhlicher Schlittenglöcklein vorüberfliegen sah, da überlief ihn ein kalter Schauer, und er ging und zündete ein Licht an, das am Fenster stehen sollte, bis die Sonne hoch war, denn sicher war das der Storbuk aus Jötunheim.

Aber das weiße Renn wirbelte weiter, und der Fahrende schüttelte die Zügel und dachte nur an Bergen. Er schlug sein weißes Zugtier mit dem losen Ende der Leine, heftig schnaubend machte das Renn drei gewaltige Sätze. Dann ging es schneller als vorher, und als sie bei Dyrskaur vorbeikamen, wo der Riese auf dem Eckfelsen sitzt, war sein Kopf ganz in eine Windwolke gehüllt, was den nahen Ausbruch des Sturms verkündet. Der Storbuk wußte es wohl. Er schnüffelte, musterte den Himmel mit ängstlichem Blick und mäßigte sogar seine Schnelligkeit ein wenig, aber Borgrevinck schrie auf das eilende Tier los, obwohl es so schnell lief, wie kein zweites zu tun vermochte, und er schlug es einmal, zweimal, dreimal und noch stärker als das erstemal. So stäubte der Schlitten dahin, wie ein Skiff im Fahrwasser eines Dampfers; aber im Auge des Storbuks war jetzt Blut, und Borgrevinck konnte nur mit Mühe den Schlitten im Gleichgewicht erhalten. Wie Meter flogen die Zehnmeter dahin, bis Sveggums Mühle auftauchte. Nun blies der Sturmwind, aber auch der Troll war da. Woher er kam, wußte niemand, aber er war da und sang, auf dem Felsblock hüpfend, vom »Versteckten Troll und von Nordlands Glück, das der weiße Storbuk bringt zurück«.

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Den gewundenen Hochweg kamen sie hernieder und bogen beim Schwung um die Ecke nach innen. Bei der Stimme auf der Brücke schlug das Renn die Ohren zurück und verlangsamte seinen Schritt. Borgrevinck, der nicht wußte, von wannen die Stimme kam, schlug wütend nach dem Renner. In dessen sonst so milden Augen aber leuchtete es wieder rot auf. Mit wütendem Schnauben schüttelte er sein mächtiges Geweih, aber er hielt nicht an, um sich für den Schlag zu rächen; es galt eine furchtbarere Vergeltung, vorwärts ging's noch schneller als zuvor, aber von nun an hatte Borgrevinck alle Macht über das Tier verloren. Die einzige Stimme, auf die das Renn hörte, war weit dahinten geblieben. Sie wirbelten beiseit, von der Straße ab, ehe noch die Brücke erreicht war. Der Schlitten schlug um, richtete sich aber wieder auf, und Borgrevinck wäre hinausgeschleudert und getötet worden, wenn nicht die Riemen gewesen wären. So sollte es nicht gehen; es war vielmehr, als sei Norwegens ganzer Fluch absichtlich in den Schlitten gepackt worden. Zerschunden und zerschlagen kam Borgrevinck wieder zum Vorschein. Der Troll sprang von der Brücke mit leichter Berührung auf den Kopf des Storbuks und hielt sich an den Geweihstangen, während er tanzte und sein altes Lied sang und noch ein neues dazu:

»Endlich, ach, zum Glück sich's wendet,
Nordlands Fluch mit einem endet.«

Borgrevinck war voll Schreck und Wut. Stärker schlug er nach dem Storbuk, der nun über den rauheren Schnee sprang und über den er vergebens Gewalt zu gewinnen suchte. In der Angst verlor er den Kopf; er nahm schließlich sein Messer heraus und schlug nach den Sehnen des wilden Renns, aber ein Hufschlag schleuderte es ihm aus der Hand. Ihre Eile auf der Straße war langsam im Vergleich mit der, wie sie jetzt vorwärts rasten, nicht länger in langem Trab, sondern in tollen, fünfmal so langen Sätzen, während der unglückliche Borgrevinck im Schlitten, in die Riemen verwickelt, allein und hilflos, schreiend, fluchend, flehend lag. Mit blutunterlaufenen Augen stürzte der Storbuk sinnlos den zerrissenen Abhang hinauf zum unebenen, sturmgepeitschten Hoifjeld. Er nahm die Höhen wie der Sturmvogel die Wogenkämme, fuhr über die ebenen Flächen wie eine Möwe über den Strand und folgte dabei der Fährte, auf die seine Mutter zuerst seine unsicheren Schritte gelenkt hatte, vom Mühlstrom empor. Er folgte der alten, vertrauten Straße, der er fünf Jahre lang gefolgt war, wo die schwarzen Felsengebirge nahekommen und den Himmel versperren, wo »das Renntier in der Welt des ew'gen Schnees Wunder schaut und wunderbares hört«.

Aufwärts, gleich dem Schneekranz, den der Wind vor dem Okan hertanzen läßt, aufwärts gleich dem Wirbelwind, der über den Rücken von Suletind jagt oder über die Knie von Torholmenbrä – die Riesen, die am Torweg sitzen. Schneller, als Mensch oder Tier zu folgen vermögen, aufwärts, aufwärts, aufwärts und vorwärts; und niemand sah sie, außer einem Raben, der hinterdrein fegte und flog, wie Raben niemals fliegen, und dem Troll, demselben alten Troll, der bei der Mühle sang und der nun zwischen dem Geweih tanzte und schrie:

»Für Nordland Glück, für Nordland Glück!
Mit dem weißen Storbuk kehrt's zurück!«

Über Twindefug schwanden sie dahin, wie fliehende Wolken über dem Moorland, empor in die düstere Ferne, hinweg nach Jötunheim, dem Sitz der bösen Geister, dem Land des ewigen Schnees. Jedes Merkmal, jede Spur tilgte der treibende Sturm, und kein Mensch kennt das Ende.

Das Volk des Nordens erwachte wie von bösem Alpdruck. Das Unglück des Landes war vermieden. Auch ging es ohne Blutopfer ab, denn man hatte keine Beweise, und der Aufwiegler fand keinen Boden mehr.

Das einzige Körperliche, was an jene Schreckensfahrt erinnert, ist die Schnur silberner Glöckchen, die Sveggum dem Storbuk abgenommen hatte, Siegesglöckchen, von denen jedes einen Triumph bedeutete, und als dem Alten der Zusammenhang klar wurde, seufzte er und reihte an die andern noch eine letzte Glocke, die größte von allen.

Nie wieder sah und hörte man etwas von dem Mann, der sein Vaterland bei einem Haar ans Ausland verkauft hätte, oder von dem Storbuk, der seinen Plan vereitelte. Doch sagen die, welche unweit Jötunheim wohnten, in stürmischen Nächten, wenn der Schnee fliegt und der Wind durchs Gehölz rast, dann ziehe manchmal mit furchtbarer Schnelle ein weißes Renntier mit feurigen Augen einher und hinter ihm ein schneeweißer Reiseschlitten, und darin schreiend ein elender Mensch und auf dem Kopf des Tieres, am Geweih sich schwingend, ein braungekleideter, weißbärtiger Troll, der ihm grimmig lachend zunicke und singe:

»Es bringt uns Nordlands Glück
Das weiße Renn zurück.«

Derselbe Troll soll es sein, der mit weissagendem Geiste bei Sveggums Mühle gesungen hat an jenem fernliegenden Tage, wo die Birken ihre Frühjahrstroddeln trugen und ein großes Leitrenn allein daherkam, um dann mit einem kleinen, weißen Rennkalb wiederzuerscheinen, das langsam und gesetzt neben der Alten herging.

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