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Ernest Thompson Seton: Tierhelden - Kapitel 8
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnest Thompson Seton
titleTierhelden
publisherKosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
printrun39. Auflage
year1922
translatorMax Pannwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Der Wolf von Winnipeg.

I.

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Im Jahre 1882, während des großen Schneesturms, war es, als ich den Wolf von Winnipeg zum erstenmal zu Gesicht bekam. Ich hatte St. Paul Mitte März verlassen und wollte quer über die Prärie nach Winnipeg, wo ich nach vierundzwanzig Stunden einzutreffen gedachte. Aber der Sturmkönig hatte es anders beschlossen und schickte einen schwerbeladenen Ostwind. In tollem, unaufhörlichem Sturz kam der Schnee Stunde auf Stunde herunter. Noch nie hatte ich solch ein Unwetter erlebt. Die ganze Welt war im Schnee begraben, in wirbelndem, beißendem, stechendem, treibendem Schnee, und die puffende Mammutlokomotive mußte auf Geheiß der winzigen, tadellos reinen Federkristalle stehen bleiben.

Zahlreiche starke Hände kamen, mit Schaufeln bewaffnet, zu den feingestalteten Schneemassen, die uns den Weg versperrten, und in einer Stunde konnte die Maschine weiterfahren, nur um bald wieder in einer neuen Verwehung steckenzubleiben. Es war eine langweilige Geschichte, Tag für Tag und Nacht für Nacht immer wieder steckenzubleiben und sich immer wieder ausgraben zu lassen, und dabei kam immer noch mehr Schnee, wirbelnd und tanzend, über uns.

»Zweiundzwanzig Stunden bis Emerson,« hatte der Beamte gesagt; aber fast zwei Wochen lang mußte gegraben werden, bis wir nach Emerson und in das Pappelland kamen, wo das Dickicht die Schneewehen unmöglich macht, von da an lief der Zug schnell, das Pappelgehölz wurde immer dichter – kilometerweit fuhren wir durch regelrechte Pappelwälder, dann hin und wieder durch offenes Gelände. Als wir uns St. Bonifaz, an der östlichen Grenze der Provinz Winnipeg, näherten, kamen wir durch ein kleines, fünfzig Meter weites Tal und sahen dort eine Gruppe, die mich im innersten Herzen ergriff.

Ganz deutlich sah man einen großen Haufen Hunde, große und kleine, schwarze, weiße und gelbe, die offenbar in heftiger Aufregung einen Kreis bildeten; auf einer Seite lag ein kleiner, gelber Hund still, lang ausgestreckt auf dem Schnee; außen sprang ein mächtiger schwarzer hin und her und bellte, hielt sich aber stets vorsichtig hinter der vor- und zurückflutenden Meute. Und in der Mitte stand als Ursache von dem allen ein großer, grimmiger Wolf.

Ein Wolf? Wie ein Löwe sah er aus, so fest und ruhig, mit gesträubter Mähne und festgepflanzten Füßen stand er da, jedes Angriffs aus jeder Richtung gewärtig. Seine Lippen waren gekrümmt, man hätte meinen mögen vor Verachtung; ich vermute aber, es war in Wirklichkeit der Ansatz zu kampflustigem Zähnefletschen. Von einem wolfartig aussehenden Hunde geführt, der sich hätte schämen sollen, stürzte die Meute zum Angriff vor – zum zwanzigsten Male vermutlich. Aber die große, graue Gestalt sprang hierhin und dorthin, und schnapp, schnapp, schnapp gingen die furchtbaren Kiefer, der einzige Laut, den der einsame Kämpe von sich gab, aber ein gellender Todesschrei erklang von mehr als einem seiner Gegner, während die andern, die es noch konnten, zurücksprangen, so daß er wieder als stolzer Mittelpunkt dastand, unbesiegt, unverletzt und voll Verachtung für sie alle.

Wie wünschte ich doch, der Zug möchte jetzt, wie er es so oft getan hatte, steckenbleiben, denn mein ganzes Mitgefühl gehörte dem Wolfe; ich wollte hingehen und ihm helfen. Aber das schneegefüllte Tal flog vorbei, die Pappelbäume schwanden aus den Augen, und wir eilten der letzten Station zu.

Das war alles, was ich sah, und es war anscheinend wenig, aber nicht lange danach wußte ich gewiß, daß ich das Glück gehabt hatte, am hellen Tage ein seltenes und wunderbares Geschöpf zu sehen, nämlich den Wolf von Winnipeg.

Was von ihm erzählt wurde, klang seltsam genug; er war ein Wolf, der lieber in der Stadt als auf dem Lande hauste, der die Schafe in Ruhe ließ, aber die Hunde anfiel, und der regelmäßig allein jagte.

Wenn ich hier die Geschichte von Le Garou, wie er gewöhnlich genannt wurde, erzähle, so bin ich sicher, daß viele in der Stadt kaum etwas von dieser Geschichte wußten.

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II.

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Eines schönen Junitages im Jahre 1880 strich der Geiger Paul, das wohlgestalte, aber arbeitsscheue Halbblut, dem das Jagen besser paßte als das Arbeiten, mit seiner Büchse an den baumbestandenen Ufern des Red River bei Kildoman entlang. Er sah einen Wolf aus seiner Höhle kommen, schoß nach ihm und traf ihn auch. Nachdem er sich durch seinen Hund darüber Gewißheit verschafft hatte, daß kein zweiter Wolf darin war, kroch er in die Höhle und fand zu seinem höchsten Erstaunen und Entzücken acht junge Wölflein – neun lebende Siegeszeichen je mit einer Prämie von zehn Dollars. Wieviel macht das? Sicher ein ganzes Vermögen. Mit einigen kräftigen Stockschlägen und mit dem Beistand seines gelben Köters wurden die jungen Wölfe mit Ausnahme eines einzigen getötet. Abergläubischerweise scheuen sich die Jäger, das letzte von einer Brut zu vertilgen; sie meinen, das bringe Unglück. So machte sich Paul mit dem Skalp des alten Wolfes, den Skalpen der sieben Jungen und dem übriggebliebenen Wölflein auf nach der Stadt.

Der Schankwirt, in dessen Tasche die für die Skalpe eingetauschten Dollars flossen, hatte auch bald das lebende Junge in seinem Besitz. Er legte es an die Kette und behielt es zum Vergnügen für seine Gäste. Dieses Vergnügen bestand gewöhnlich darin, daß man Hunde auf den Gefangenen hetzte. Mehrmals war es nahe daran, daß der junge Wolf zu Tode gebissen oder auch geprügelt wurde, aber er erholte sich immer wieder, und jeden Monat hielt es schwerer, Hunde zu finden, die mit ihm anbinden wollten. So führte er ein recht trauriges Dasein. Nur ein Sonnenstrahl erhellte es, es war die Freundschaft des kleinen Jim, des Wirtssohns.

Jim Hogan war ein eigensinniger und energischer kleiner Kerl. Den jungen Wolf hatte er gern, weil er einen Hund getötet hatte, von dem er, Jim, einmal gebissen worden war. Hinfort fütterte er den armen Geplagten und stand ihm nach Kräften bei, und der Wolf vergalt dies, indem er ihm Vertraulichkeiten gestattete, die sonst niemand wagte. Als Jim einmal einen dummen Streich gemacht hatte und sich vor seinem heftigen Vater fürchtete, flüchtete er sich in die Hütte des Wolfes und blieb dort so lange unter dem Schutze seines Freundes, der jedem Näherkommenden die Zähne wies, bis des Vaters Zorn verraucht war. Hinfort suchte er regelmäßig diesen Zufluchtsort auf, wenn er in Angst war, und manchmal merkte man nur aus dem Aufenthalt in der Wolfshütte, daß er ein schlechtes Gewissen hatte.

So wurde die Zuneigung zwischen den beiden immer größer. Der Wolf aber, der sich sichtlich zu einem besonders kraftvollen Stück seiner Art mit breiter, starker Brust und furchtbaren Kiefern entwickelte, gab täglich Beweise von seinem tödlichen Haß gegen Männer, die nach Schnaps rochen, und gegen Hunde, denn von diesen beiden hatte er am meisten zu leiden. Da, diese Abneigung und andererseits die Zuneigung zu Jim und in gewissem Maße zu Kindern überhaupt wurden die ausschlaggebenden Kräfte in seinem Leben.

III.

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Zu dieser Zeit, d. h. im Herbst 1881, beklagten sich die Viehzüchter des Appelle-Gebiets, daß sich die Wölfe in ihrer Gegend vermehrten und ihrem Viehstand großen Abbruch täten. Gift- und Fallenlegen erwiesen sich als vergeblich, und als ein hervorragender Ausländer in ihrem Klub zu Winnipeg erklärte, er wolle ihnen Hunde verschaffen, die das Land leicht von Wölfen säubern könnten, erregte diese Aussicht ihr höchstes Interesse. Denn die Viehfarmer sind große Sportsfreunde, und der Gedanke, sie könnten der Viehzucht dadurch aufhelfen, daß sie einen Hundepark anlegten, gefiel ihnen ungemein.

Bald schaffte auch der Ausländer, um die Wahrheit seiner Worte zu erweisen, zwei prachtvolle dänische Doggen herbei, eine weiße und eine blaue mit schwarzen Flecken und einem eigentümlichen weißen Auge, das ihr ein besonders wildes Aussehen gab. Jedes von diesen Geschöpfen wog nahezu neunzig Kilogramm. Muskeln hatten sie wie Tiger, und man glaubte dem Ausländer gern, als er erklärte, diese beiden allein nähmen es mit dem größten Wolf auf. Ihre Art zu jagen beschrieb er folgendermaßen: »Sie haben nichts weiter zu tun, als ihnen eine Fährte zu zeigen, und wenn sie auch schon einen Tag alt ist, sie folgen ihr unverzüglich und lassen sich auf keine Weise davon abbringen. Bald werden sie den Wolf finden, mag er auch noch so sehr die Spur zu verwirren und zu verstecken suchen. Dann gehen sie ihm an den Leib; er will davonrennen, aber der Blaue packt ihn an der Flanke und schleudert ihn so« – der Erzähler warf eine Brotkrume in die Luft – »und ehe er wieder auf den Boden kommt, hat ihn der Weiße am Kopf und der andere am Schwanz, und sie reißen ihn auseinander – sehen Sie, so!«

Das klang nicht schlecht, und alle brannten darauf, die Probe zu machen. Bald fand eine Jagd statt; aber vergebens ritten sie drei Tage lang, ohne einen Wolf zu finden, und sie wollten es schon aufgeben, da erinnerte einer an den Wolf, der in Hogans Wirtschaft an der Kette liege, und den sie für den Preis des Schießgelds haben könnten; er sei zwar erst ein Jahr alt, aber immerhin könnten die Hunde schon an ihm zeigen, was sie vermöchten.

Hogans Wolf stieg sofort im Preise, als sein Besitzer von der guten Gelegenheit hörte; auch machte er »Gewissensbisse« geltend. Aber diese Gewissensbisse schwanden, als man seiner Preisforderung nahekam. Das erste war, daß er den kleinen Jim durch einen Auftrag an seine weitab wohnende Großmutter aus dem Wege räumte; dann wurde der Wolf in seine Hütte getrieben, diese zugenagelt, auf einen Wagen gesetzt und in die Prärie hinausgefahren.

Die Hunde ließen sich mit Mühe zurückhalten, so kampflustig waren sie, nachdem sie einmal den Wolf gewittert hatten. Aber ein paar starke Männer hielten sie an den Riemen fest, der Wagen wurde achthundert Meter weitergefahren und der Wolf nicht ohne Schwierigkeit herausgebracht. Zuerst sah er erschreckt und verwirrt aus. Er suchte sich den Männern, die den Wagen begleitet hatten, zu entziehen, ohne jedoch Versuche zum Beißen zu machen. Als er sich aber nun frei fühlte und mit Geschrei und Hallo gescheucht wurde, machte er sich in langsamem Trott davon, nach Süden zu, wo unebenes Gelände lockte. In diesem Augenblick ließ man die Hunde frei, die mit wütendem Gebell dem jungen Wolfe nachsprangen. Die Männer ritten mit lautem Hurra hinterdrein. von vornherein schien für den Wolf keine Möglichkeit des Entkommens zu bestehen, denn die Hunde waren weit schneller als er, und der Weiße konnte rennen wie ein Windhund. Der Ausländer war außer sich vor Begeisterung, wie sein schnellster Hund über die Prärie flog und jede Sekunde dem Wolfe sichtlich näher kam. Viele wollten auf die Hunde wetten, aber kein Mensch nahm die Wette an. Jetzt griff der Wolf aus, so gut er konnte, aber nach tausend und einigen Metern war der Hund gerade hinter ihm und fuhr auf ihn los.

Im Augenblick waren die Tiere aneinander. Beide fuhren zurück, aber keiner flog, wie es der Ausländer vorausgesagt hatte, in die Luft, im Gegenteil, der Weiße überschlug sich mit einer furchtbaren Wunde in der Schulter und war kampfunfähig, wenn nicht tot.

Nach zehn Sekunden war der Blaue zur Stelle. Auch diesmal dauerte der Zweikampf nur kurze Zeit und verlief fast ebenso unbegreiflich wie der erste. Kaum sah man, wie die Tiere sich berührten. Der Graue sprang beiseite, während sein Kopf bei einer blitzschnellen Wendung einen Augenblick unsichtbar blieb, und der Blaue taumelte und zeigte eine blutende Flanke, von den Männern angefeuert, griff er noch einmal an, aber nur, um sich noch eine Wunde zu holen, die ihn nach keiner weiteren verlangen tragen ließ.

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Nun kam der Hundewärter mit vier weiteren mächtigen Hunden. Diese wurden losgelassen, und die Männer hielten sich bereit, dem Wolf mit Stöcken und Wurfschlingen vollends den Garaus zu machen, da kam ein kleiner Knabe auf einem Pony über die Prärie geritten. Er sprang auf den Loden, drängte sich durch den Kreis und schlang seine Arme um den Hals des Wolfes. Er nannte ihn seinen Liebling, sein liebes Wölfchen, während ihm der Wolf das Gesicht leckte und mit dem Schweif wedelte. Dann wandte sich der Kleine den Männern zu und schalt sie, während ihm noch die Tränen über die Backen liefen, wegen ihrer Grausamkeit gegen »seinen« Wolf.

Hätte ihnen ein Mann gesagt, was ihnen der unerschrockene Junge ungescheut ins Gesicht sagte, so wäre ihm das sicher nicht ungestraft hingegangen; aber da es von einem Knaben ausging, wußten sie nicht recht, was sie daraus tun sollten, und taten schließlich das beste, was sie konnten: sie lachten laut – nicht über sich, bewahre, das kommt kaum je vor –, sondern sie lachten allesamt über den Ausländer, dessen unvergleichliche Hunde einem halbausgewachsenen Wolfe gegenüber den kürzeren gezogen hatten.

Jetzt fuhr Jim mit seiner kleinen, nicht sehr sauberen, tränenbefeuchteten Hand in seine echte Jungentasche, fischte dort aus seinem Vorrat von Marmeln, Bonbons, Streichhölzern, kleinen Pistolenpatronen und sonstigem Zeug ein Stückchen Bindfaden heraus und band ihn dem Wolf um den Hals. Dann stieg er, immer noch ein wenig aufschluchzend, auf sein Pony und ritt heim, den Wolf mit sich führend und den Männern ein letztes, kräftiges Wort zuschleudernd.

IV.

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Im Anfang des nächsten Winters wurde der kleine Jim vom Fieber ergriffen. Jämmerlich heulte der Wolf im Hof, als sein Freund tagelang nicht zu ihm kam, und wurde endlich auf die Bitte des Knaben ins Krankenzimmer gelassen, hier wachte dann der große, wilde Hund, – denn ein Wolf ist nichts anderes – treu am Lager seines menschlichen Freundes.

Anfangs war das Fieber nicht stark, aber plötzlich trat eine Wendung zum Schlimmern ein, und drei Tage vor Weihnachten war der kleine Jim tot. Niemand beklagte ihn mehr als sein »liebes Wölflein«.

Das große, graue Geschöpf heulte jämmerlich zum Klange der Kirchenglocken, als er am Christabend der Leiche auf den St.-Bonifazius-Friedhof folgte. Bald stellte sich der Wolf wieder im Hof der Wirtschaft ein; als man ihn aber aufs neue an die Kette legen wollte, sprang er über den Zaun und war bald aus den Augen entschwunden.

Als der Winter weiter vorgerückt war, zog der alte Trapper Renaud mit seiner hübschen Halbbluttochter Ninette in eine kleine Blockhütte auf der Uferhöhe. Er wußte nichts von Jim Hogan und seinem vierbeinigen Freunde und war sehr erstaunt, auf beiden Seiten des Flusses zwischen St. Bonifaz und Fort Garry Wolfsspuren zu finden. Gespannt, aber voll Zweifel lauschte er den Berichten anderer hier heimischer Trapper von einem großen Grauwolf, der hier Hause, nachts sogar den Ort besuche und sich mit Vorliebe in dem Gehölz um die St.-Bonifazius-Kirche aufhalte.

Als er später beim abendlichen Klang der Kirchenglocken aus jenem Gehölz ein einsames und schwermütiges Wolfsgeheul hörte, kamen ihm die Erzählungen nicht mehr so unwahrscheinlich vor. Ihm war die Wolfssprache wohlbekannt – das Heulen um Hilfe, das Liebesgeheul, der einsame Klagesang und das Trutzlied. Hier handelte es sich um das einsame Klagelied.

Der Trapper wandte sich zum Fluß und ließ ein erwiderndes Geheul hören, hieraus verließ eine schattenhafte Gestalt das ferne Gehölz und kam über das Eis herüber auf die Stelle zu, wo der Mann stumm wie ein Stock auf dem Balken saß. Der Wolf – als solcher erwies sich beim Näherkommen das Tier – kam ziemlich nah, ging in weitem Halbkreis schnüffelnd vorüber und starrte den Trapper mit glühenden Augen an; dann knurrte er wie ein zorniger Hund und glitt in die Nacht zurück.

So erlangte Renaud Gewißheit, und bald merkten auch die Leute im Ort, daß sich ein Wolf, »dreimal so groß wie der, der in Hogans Schenke an der Kette lag«, in den Straßen der Stadt herumtrieb. Er war der Schrecken der Hunde, die er bei jeder Gelegenheit, die sich ihm bot, totbiß, und es hieß, wenn es auch niemals sich erweisen ließ, daß er mehr als einen nächtlich heimkehrenden Betrunkenen umgebracht habe.

Das war also der Wolf von Winnipeg, den ich bei jener winterlichen Eisenbahnfahrt zu Gesicht bekommen hatte. Ich hatte gewünscht, ihm helfen zu können, in der Meinung, seine Lage sei der Übermacht gegenüber hoffnungslos, aber das dachte ich später nicht mehr. Welchen Ausgang der Kampf nahm, konnte ich nicht sehen, aber ich weiß, daß der Wolf später noch oft gesehen wurde, manche von den Hunden aber nicht mehr.

So führte er das sonderbarste Leben, das je ein Wolf geführt hat. Fern von Wald und Prärie zog er ein waghalsiges Dasein in der Stadt vor, wo er jede Woche mindestens einmal in Lebensgefahr geriet, jeden Tag eine verwegene Tat auszuführen hatte und manchmal sich nur durch schleuniges Verkriechen unter den ersten besten Bretterbelag von Gehwegkreuzungen retten konnte. Voll Haß gegen die Menschen und voll Verachtung gegen die Hunde ging er seinem Tagewerk nach und hielt die Köterscharen in Scheu oder biß sie tot, wenn er sie einzeln oder zu zweien oder dreien antraf; den Trunkenen heftete er sich an die Ferse, Männer mit Büchsen vermied er, lernte Fallen und auch Gift kennen – auf welche Weise, vermag ich nicht zu sagen, aber sicher lernte er sie kennen, denn er ging oft genug daran vorbei, ohne sie zu beobachten.

Keine Straße gab es in Winnipeg, die er nicht gekannt hätte, und keinen Schutzmann daselbst, der ihn nicht in der Morgendämmerung schnell und schattenhaft hätte dahinhuschen sehen, keinen Hund, der sich nicht mit gesträubten Haaren geduckt hätte, wenn der wind seiner Nase mitteilte, daß der alte Garou in der Nähe weile. Sein Leben war nur ein Leben des Kampfes, und die ganze Welt stand wider ihn. Aber in diesem heimlich-unheimlichen Leben gab es einen lichten Punkt: niemals hat Garou einem Kinde etwas zuleide getan.

V.

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Die schöne sechzehnjährige Ninette war eine einsame Prärieblume wie ihre indianische Mutter, dabei grauäugig wie ihr Vater, ein Sohn der Normandie. Sie hätte unter den reichsten und bravsten jungen Männern sich den Gatten auswählen können; aber sie hatte sich nun einmal in den Kopf gesetzt, niemand als der Taugenichts Paul des Roches könne sie glücklich machen.

Ein hübscher Bursche, guter Tänzer und trefflicher Geigenspieler, war er bei allen Festen vielbegehrt, aber dabei ein unverbesserlicher Trunkenbold, und es hieß auch, er habe schon eine Frau in Unterkanada. Es war deshalb begreiflich, daß Renaud ganz energisch seine Werbung um die Hand der Tochter abwies. Das nützte ihm aber wenig. Die sonst in allem gefügige Ninette wollte von ihrem Liebhaber nicht lassen. Noch am selben Tage, wo ihm ihr Vater die Tür gewiesen hatte, versprach sie, ihn in dem Gehölz jenseits des Flusses zu treffen. Das ließ sich unschwer ausführen, denn sie war eine gute Katholikin, und der Weg zur Kirche geradeaus über den See war kürzer als der Umweg über die Brücke.

Als sie durch das schneebedeckte Wäldchen zu dem Stelldichein ging, bemerkte sie, daß ihr ein großer, grauer Wolf folge. Er schien ganz friedlich gesinnt, und das Kind – denn das war sie eigentlich noch – fürchtete sich nicht, aber als sie zu der Stelle kam, wo Paul wartete, ging das Tier tief grollend vorwärts. Mit einem Blick erkannte Paul, daß er einen mächtigen Wolf vor sich habe, und feig, wie er war, lief er sofort davon. Nachher sagte er, er sei nach seiner Flinte gelaufen. Er muß wohl vergessen haben, wo er sie gelassen hatte, denn er suchte sie auf dem nächsten Baum, den er erreichen konnte. Indessen rannte Ninette über das Eis zurück, um Pauls Freunden mitzuteilen, in welcher Gefahr er sich befinde. Da der tapfere Liebhaber auf dem Baume keine Flinte fand, machte er sich einen Speer, indem er sein Messer am Ende eines abgeschnittenen Steckens befestigte, und brachte richtig Garou eine schmerzliche Wunde am Kopfe bei. Das wilde Tier heulte furchtbar, hielt sich aber hinfort in sicherer Entfernung, wenn es dabei auch offenbar seine Absicht nicht aufgab, zu warten, bis der Mann herunterkomme. Aber die Annäherung einer Schar von Rettern bewog den Wolf, seinen Plan zu ändern, und er zog sich zurück.

Der Geigenspieler fand es leichter, sich bei Ninette als bei sonst jemand zu rechtfertigen. Noch immer besah er allein ihre Zuneigung, und da der Vater von seiner Abneigung gegen Paul nicht ließ, so verabredeten sie eine gemeinsame Entweichung, sobald Paul aus Fort Alexander, wohin er als Hundetreiber im Auftrage der Hudsonbai-Gesellschaft gehen sollte, zurückkomme. Der Faktor der Gesellschaft war sehr stolz auf seine Zughunde – drei große Langhaarige mit gekrümmten, buschigen Schweifen, groß und stark fast wie Rinder, dabei wild und unbändig wie Seeräuber. Mit diesen sollte Paul des Roches als Überbringer von wichtigen Paketen von Fort Garry nach Fort Alexander gehen. Er war ein erfahrener Hundetreiber, was gewöhnlich dasselbe besagen will, wie unbarmherzig und grausam. Munter machte er sich nach Vertilgung einer erheblichen Menge Branntwein am Morgen flußabwärts aus den Weg. Nach einer Woche dachte er wieder zurück zu sein mit 20 Dollar in der Tasche und wollte dann nachdem er sich so mit den nötigen Mitteln versehen, seine Ninette entführen.

Schnell ging der Lauf auf der Eisfläche den Fluß hinab. Schnell, aber widerwillig zogen die großen Hunde den Schlitten über das Eis, als er die lange Peitsche knallen ließ und schrie: » Allez, alles, marchez!« Eilig flogen sie bei Renauds Hütte vorbei, und Paul, der, die Peitsche in der Rechten, hinter dem Zuge herlief, winkte Ninette, die vor der Tür stand, mit der Hand. Rasch verschwand der Schlitten mit den störrischen Hunden und dem betrunkenen Treiber um die nächste Biegung – und das war das letzte, was man je vom Geigenspieler gesehen.

Am selben Abend kamen die zottigen Zughunde einzeln nach Fort Garry zurück. Sie waren mit gefrorenem Blute bedeckt und wiesen verschiedene Wunden auf. Aber sonderbarerweise hatten die sonst so gierigen Hunde gar kein Verlangen nach Nahrung.

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Läufer gingen den Spuren des Schlittens nach und fanden die Pakete unverletzt auf dem Eise liegen. Stücke von dem Schlitten waren kilometerweit über das Eis gestreut, und nicht weit von den Paketen fand man die Fetzen von den Kleidern des Geigenspielers. Es war ganz klar, die Hunde hatten ihren Herrn getötet und aufgefressen.

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Der Faktor ärgerte sich entsetzlich über das Ereignis, das ihn seine Hunde kosten konnte. Er wollte nicht glauben, was ihm gemeldet wurde, und machte sich selbst auf, die Wahrheit zu ergründen. Renaud sollte mit ihm gehen, und als sie noch fünf Kilometer von der verhängnisvollen Stelle entfernt waren, wies Renaud auf eine sehr große Spur, die vom westlichen zum östlichen Ufer des Flusses führte. Er verfolgte die Fährte am Ostufer entlang, bemerkte, daß ihr Urheber im Schritt gegangen war, wenn es die Hunde getan hatten, und daß er ebensolange wie sie gelaufen war. Dann wandte er sich zum Faktor und sagte: »Ein großer Wolf – ist die ganze Zeit hinterm Schlitten hergelaufen.«

Nun folgten sie der Fährte, wo sie zum Westufer hinübergeführt hatte. Drei Kilometer oberhalb des Waldes am Kildoman hatte der Wolf seinen Galopp unterbrochen und war hinübergegangen zu der Schlittenfährte, war dieser ein paar Meter gefolgt und dann zum Westufer zurückgekehrt.

»Hier hat Paul was fallen lassen; der Wolf ist gekommen und hat daran gerochen; nun weiß er, daß es der betrunkene Paul ist, der ihn auf den Kopf gehauen hat.«

Einen Kilometer weit lief die Fährte des galoppierenden Wolfes hinter dem Zuge her; dagegen verschwand jetzt die Spur des Mannes, der offenbar auf den Schlitten gesprungen war und auf die Hunde losgepeitscht hatte, hier hat er die Bündel aufgeschnitten, darum sind die Pakete auf dem Eise zerstreut. Sieh, wie die Hunde unter der Peitsche gesprungen sind, hier liegt das Messer des Treibers im Schnee. Er muß es beim Stoße nach dem Wolf haben fallen lassen. Und hier – was ist das? Die Wolfsfährte verschwindet, aber die Schlittenspur geht weiter. Der Wolf ist also auf den Schlitten gesprungen, voll Schrecken sind die Hunde noch schneller gelaufen, aber auf dem Schlitten hinter ihnen ist etwas Fürchterliches geschehen. In einem Augenblick ist der Kampf zu Ende; beide rollen vom Schlitten, und die Wolfsspur zeigt sich wieder auf der östlichen Seite, um in den Wäldern zu verschwinden. Der Schlitten fliegt schwankend zum Westufer, wo er nach einigen hundert Metern an einer Wurzel hängen bleibt und zersplittert.

Aus den Spuren im Schnee konnte Renaud ferner lesen, daß die Hunde, in ihre Riemen verstrickt; miteinander gekämpft und sich losgebissen hatten; wie sie dann, voneinander getrennt, auf dem Eise zurückgelaufen waren, sich aber bei dem Leichnam ihres Herrn wiedergefunden und diesen verschlungen hatten.

Schlimm genug für die Hunde, aber der Mord fiel ihnen wenigstens nicht zur Last; der war von dem Wolfe ausgeführt, und Renaud stieß, nachdem er das erste Gefühl des Entsetzens überwunden hatte, einen Seufzer der Erleichterung aus mit den Worten: »Der Garou ist's gewesen. Er hat mein kleines Mädel von dem Paul freigemacht. Er ist immer gut zu Rindern gewesen.«

VI.

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Das war die Ursache für die große Schlußjagd, die am Weihnachtstage, gerade zwei Jahre nach der Szene am Grabe des kleinen Jim, stattfinden sollte. Es war, als habe man alle Hunde im Lande hier versammelt. Die drei zottigen Zughunde waren da, ohne die es, wie der Faktor dachte, nicht ging; auch dänische Doggen, Spürhunde, sowie ein ganzer Haufen Farmhunde und Mischlinge waren zur Stelle. Den Morgen hindurch wurden alle Wälder östlich von St. Bonifaz abgesucht, und nichts gefunden. Es kam aber eine Fernsprechnachricht, man habe die gesuchte Spur unweit der Wälder von Assiniboine im Westen der Stadt gesehen, und eine Stunde später gellte die Jagd auf der frischen Spur des Wolfes von Winnipeg dahin.

Dahin eilten sie, eine Meute Hunde, eine bunte Reiterschar und ein wirrer Haufen von Männern und Knaben zu Fuß. Garou fürchtete sich nicht vor Hunden, aber Männer mit Gewehren kannte er als gefährlich. Er wollte sich dem Dunkel des den Assiniboine-Rücken deckenden Tannenwaldes zuwenden, aber die Reiter waren im offenen Gelände schneller und schnitten ihm den Weg ab. So schwankte er ins Hohltal des Kolonienbaches ab, um den Kugeln, die schon nach ihm flogen, zu entgehen. Er konnte einen Stacheldraht zwischen sich und die Reiter bringen und wurde diese so eine Zeitlang los, mußte sich aber der Kugeln wegen wieder an das Hohltal halten. Jetzt holten ihn die Hunde ein. Das war für ihn kein Schrecken; er hätte im Gegenteil wohl nichts sehnlicher gewünscht, als es mit ihnen allein aufzunehmen, und wenn sie ihm zu vierzig oder fünfzig gegenüberstanden. Jetzt hatten die Hunde den Ring um ihn geschlossen, aber keiner wagte ihn anzugreifen. Ein schmächtiger Hund, der sich auf seine Schnelligkeit verließ, lief an ihm vorüber, erhielt aber einen Seitenhieb, der ihn hinstreckte. Die Reiter mußten einen ziemlich großen Umweg machen, aber jetzt nahm die Jagd die Richtung auf die Stadt, und immer mehr Menschen und Hunde schlossen sich von dort den Verfolgern an.

Der Wolf wandte sich dem Schlachthaus zu, und das Schießen mußte aufhören, weil sich hier in der Nähe Wohnhäuser befanden. Jetzt waren die Hunde wieder an ihm und bildeten ringsherum einen so starken Ring, daß er schwerlich durchbrechen konnte. Er sah sich nach einem Platz um, wo er mit gedecktem Rücken standhalten konnte, und da er eine hölzerne Brücke über einer Straßenrinne bemerkte, sprang er hinein und hielt die ganze Meute in Schach. Die Männer holten eiserne Stangen herbei und fingen an, mit diesen die Brücke einzuschlagen. Jetzt wußte er, daß ihm die Deckung nichts mehr nützen konnte. Er sprang hinaus, um seinen Feinden offen entgegenzutreten und sein Leben wenigstens so teuer wie möglich zu verkaufen.

VII.

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Jetzt endlich, nach drei Jahren des Kampfes, stand er ihnen allein gegenüber, er, der eine, gegen vierzig Hunde, und hinter diesen als Rückstellung Männer mit Büchsen, aber trotzdem zeigte er die gleiche Unerschrockenheit wie an dem Wintertage, da ich ihn zum ersten Male sah. Genau wie damals kräuselten sich die Lippen, die sehnigen Flanken bebten kaum, und die Glut seiner grüngelben Augen zeugte von ungebrochener Kraft und Wildheit. Die Hunde stürzten auf ihn los – an ihrer Spitze nicht die mächtigen Zughunde, die ihn zu gut kannten, sondern eine Bulldogge aus Winnipeg; man hörte das Auftrappen zahlreicher Hundepfoten, das Kläffen der Meute löste ein tiefes Knurren ab, dann flogen blitzartig die rotgrauen Kiefer vor, der Ansturm flutete im Augenblick zurück, und wieder stand der grimmige, alte Räuber allein da wie ein starker Fels, an dem sich die Wogen brechen. Dreimal fluteten sie heran, und dreimal ebbten sie zurück und ließen die kühnsten als Opfer auf dem Platze, vor allem die Bulldogge. Jetzt hatten sie fürs erste genug; der Bedrängte aber zeigte noch nicht die geringste Spur von Mattigkeit, und nach ungeduldigem Harren rückte er ein paar Schritte vor und gab damit endlich den Schützen die langersehnte Gelegenheit. Drei Büchsen knallten, und so wurde der Garou zu Boden gestreckt und seinem kampfreichen Leben ein Ziel gesetzt.

Er hatte sich selbst sein Geschick gewählt und zog ein Dasein voll täglicher, ja stündlicher Gefahren einem bequemeren Leben vor. Wer vermag die Tierseele völlig zu ergründen? Wer kann die Triebkräfte tierischen Handelns restlos klarlegen? Warum klammerte sich unser Wolf so fest an den Ort endloser Mühsal? Unmöglich, weil ihm keine andere Gegend bekannt gewesen wäre; denn unendlich dehnt sich die Ebene aus, Nahrung bietet sich überall, und seine Streifen hatten ihn schon hundert Kilometer weit geführt. Auch konnte ihn nicht etwa der Rachedurst festhalten, kein Tier weiht je sein Leben einem solchen Gefühl; das kommt nur bei Menschen vor, das Tier sucht nur den Frieden.

So bleibt zur Erklärung nur ein Band übrig, das ihn fesseln konnte, das schönste und stärkste von allen auf der Erde.

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