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Ernest Thompson Seton: Tierhelden - Kapitel 7
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnest Thompson Seton
titleTierhelden
publisherKosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
printrun39. Auflage
year1922
translatorMax Pannwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130109
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Schnapp, der Bullterrier.

I.

.

In der Abenddämmerung bekam ich ihn zum erstenmal zu sehen. Früh am Morgen war von meinem Studiengenossen Jack ein Telegramm eingelaufen: »Zur Erinnerung. Anbei erhältst du einen bemerkenswerten jungen Hund. Sei höflich gegen ihn, es ist sicherer.« Es hätte Jack ganz ähnlich gesehen, wenn er mir eine Höllenmaschine oder ein schleichendes Stinktier geschickt und als jungen Hund angegeben hätte; so erwartete ich das Paket voll Neugierde. Als es ankam, bemerkte ich die Aufschrift: »Vorsicht – beißt!«, und bei jeder leichten Berührung drang ein Knurren hervor. Durch das Drahtgitter sah ich, daß es kein junger Tiger, sondern ein kleiner, weißer Bullterrier war. Er schnappte nach mir und nach jedem und allem, was ihm plötzlich vor Augen oder was ihm zu nahe kam, und sein knurrendes Gebell verletzte fast beständig die Ohren. Man kann zwei Arten von Hundegebell unterscheiden: das eine tieftönig aus der Brust heraus, es bedeutet eine höfliche Warnung; das andere hat seinen Sitz im Maule und erfolgt in viel höherem Ton, es ist das letzte Wort vor tätlichem Angriff. Das Heulen des Terriers war stets von der letzteren Art. Ich als Hundefreund dachte, ich verstehe mich gründlich auf Hunde, und holte, als der Pförtner, der das Paket gebracht hatte, fort war, mein Patent-Hammer-Schere-Zahnstocher-Nagelfeile-Pfropfenzieher-Schrauben-Schaufel-Messer, eine Besonderheit unserer Firma, hervor und machte mich daran, mittels dieses vielseitigen Instruments das Drahtnetz zu entfernen. O ja, ich verstand mich gründlich auf Hunde. Die kleine Furie hatte bei jedem Gebrauch meines Patentmessers ein sehr ehrlich gemeintes Geknurr von sich gegeben, und sobald sich das Drahtgitter etwas hob, machte sie geradeswegs einen Marsch-Marsch-Angriff auf meine Beine. Zum Glück blieb mein ungestümer Gast mit einem seiner Füße am Gitter hängen und wurde so festgehalten, sonst wäre ich sicher gebissen worden, denn sein Streben war offenbar aufrichtig und herzhaft. Ich aber sprang auf meinen Tisch und suchte mich mit ihm zu verständigen. Immer war ich der Meinung, daß man mit Tieren sprechen müsse. Ich behaupte, daß ihnen zum mindesten unsere Absicht ein wenig zum Verständnis kommt, wenn sie auch unsere Worte nicht fassen können. Zuerst nahm der kleine Vierbein unter dem Tische Stellung und hielt ringsum scharfe Wache, ob vielleicht ein Bein herunterzukommen versuche. Ich war überzeugt, daß ich ihn mit meinem Auge beherrschen könne, aber ich konnte es, wo ich war, nicht wirken lassen oder vielmehr nicht da, wo er war; so mußte ich mich denn als Gefangenen bekennen. Ich bin ein sehr kaltblütiger Mensch, wie ich mir schmeichle; in der Tat bin ich Vertreter einer Eisenwarenhandlung, und wir stehen im allgemeinen niemand an Kaltblütigkeit nach, es müßten denn die wortreichen Herren Vertreter der »Kleiderbranche« sein. Ich langte mir eine Zigarre aus der Brusttasche und rauchte sie als Standbild auf meinem Tisch, während mein kleiner Tyrann unten beharrlich auf Beinwache stand. Noch einmal nahm ich das Telegramm zur Hand und las: »einen bemerkenswerten Hund. Sei höflich gegen ihn, es ist sicherer.« Ich glaube, meine Kaltblütigkeit war wirksamer als meine Höflichkeit, denn nach einer halben Stunde hörte das Knurren auf. Nach einer Stunde sprang er nicht mehr nach einer Zeitung, die ich vorsichtig über den Tischrand schob, um seine Laune zu erkunden; vielleicht verlor sich allmählich die gereizte Stimmung, in die ihn der Aufenthalt in dem engen Käfig versetzt hatte. Als ich meine dritte Zigarre anzündete, da watschelte er bereits unter dem Tisch hervor zum Ofen hin und legte sich dort nieder, doch nicht etwa, als ob er mir keine Beachtung mehr geschenkt hätte; über diese Art von Mißachtung hatte ich mich nicht zu beklagen. Er hielt beständig ein Auge auf mich gerichtet, und ich richtete beide Augen nicht auf ihn, sondern auf seinen Schwanzstummel. Wenn dieser, sagte ich mir, nur einmal von rechts nach links pendeln sollte, so hätte ich gewonnenes Spiel; aber er pendelte nicht. Ich erreichte ein Buch und las darin, bis mir die Beine krampfig wurden und das Feuer heruntergebrannt war. Um zehn Uhr abends wurde es recht kühl, und um halb elf war das Feuer völlig aus. Das Geschenk meines Universitätsfreundes erhob sich, gähnte und streckte sich und begab sich dann unter mein Bett, wo es ein kleines Bodenfell fand, das ihm als Lagerstätte zu passen schien. Leise stieg ich vom Tisch auf den Speiseschrank, dann auf den Kaminsims und kam von da glücklich aufs Bett, hier zog ich mich mit möglichst wenig Geräusch und möglichst wenig Bewegungen aus und konnte dann, ohne eine mißbilligende Kritik seitens meines Herrn hervorzurufen, glücklich hineingelangen. Noch war ich nicht eingeschlafen, als ich ein leichtes Kratzen unter meinem Bett hörte und dann fühlte, wie etwas aufs Bett kam und mir klump-pump auf die Füße fiel; offenbar hatte es Schnapp da unten zu kühl gefunden und beanspruchte das Beste und Wärmste, was mein Heim bot.

Er rollte sich auf meinen Füßen in einer Weise zusammen, daß es mir sehr unangenehm war und ich den Versuch machte, mir eine bequemere Lage zu verschaffen; aber die geringste Bewegung meiner kleinen Zehe genügte, ihn so wütend danach schnappen zu lassen, daß mich nur die dicke Wolldecke vor lebenslänglicher Verstümmelung bewahrte.

Eine geschlagene Stunde lang bewegte ich meine Füße bei jedem Vorrücken nur um Haaresbreite, bis sie so lagen, daß ich schlafen konnte, und mehrmals weckte mich in der Nacht zorniges Knurren – ich vermute, weil ich gewagt hatte, eine Zehe ohne seine Genehmigung zu bewegen, einmal wohl auch schon deshalb, weil ich schnarchte.

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Am Morgen war ich zum Aufstehen bereit, ehe Schnapp so weit war. Der Leser sieht, daß ich ihn Schnapp nenne. Es ist schwer, für manche Hunde einen bezeichnenden Namen zu finden, und manche benennen sich, kann man sagen, selbst.

Also, ich wollte um sieben Uhr aufstehen, Schnapp um acht; so standen wir natürlich um acht auf. Gegen den Mann, der Feuer anmachte, verhielt er sich ziemlich gleichgültig. Er gestattete mir auch, mich anzuziehen, ohne daß ich auf den Tisch steigen mußte. Als ich dann das Zimmer verließ, um zu frühstücken, sagte ich:

»Schnapp, mein Freund, es gibt Leute, die würden dich anders drillen; aber ich denke, ich weiß einen besseren Weg. Die Doktoren sind jetzt sehr für eine Hungerkur. Die will ich versuchen.«

Es scheint grausam zu sein, aber ich gab ihm den ganzen Tag nichts zu fressen. Ich mußte allerdings die Tür neu streichen lassen, wo er sie abgekratzt hatte; dafür nahm er aber abends gern das Futter aus meiner Hand.

In einer Woche waren wir sehr gute Freunde. Er schlief nun auf meinem Bett, und ich konnte meine Füße bewegen, ohne daß er in ernstlicher Absicht nach ihnen schnappte. Die kurze Hungerkur hatte Wunder gewirkt; in drei Wochen waren wir nun, kurz gesagt, Mann und Hund, und er rechtfertigte durchweg das Telegramm, das seine Ankunft gemeldet hatte.

Furcht schien er nicht zu kennen. Kam ein kleiner Hund in seine Nähe, so schenkte er ihm nicht die geringste Beachtung; war es ein Hund von mittlerer Größe oder gar ein großer Hund, so richtete er seinen Stumpf von einem Schwanz starr in die Höhe, ging dann um den Fremden herum, kratzte verächtlich mit den Hinterfüßen und sah auf den Himmel, in die Ferne, auf den Boden, kurz überallhin, nur nicht auf den Hund, und nahm von ihm nur durch wiederholte hohe Knurrtöne Kenntnis. Ging der Fremde nicht sofort seiner Wege, so hob die Rauferei an, und dann fand der Fremde gewöhnlich sehr schnell seinen Weg. Manchmal zog Schnapp auch den kürzeren, aber keine noch so schlimme Erfahrung konnte ihn bewegen, auch nur eine Spur vorsichtiger zu verfahren. Als ich einmal zur Zeit einer Hundeausstellung in der Droschke fuhr, bekam Schnapp einen riesigen Bernhardiner zu Gesicht, der eben ins Freie geführt wurde. Seine große Gestalt erregte in der Brust des jungen Hundes eine solche Begeisterung, daß er, um mit ihm zu balgen, aus dem Droschkenfenster sprang und dabei ein Bein brach.

Ja, Furcht kannte der kleine Kerl nicht, und er war auch sonst in manchem anders als alle Hunde, die ich gesehen habe. Wenn beispielsweise ein Knabe einen Stein nach ihm warf, so lief er nicht davon, sondern auf den Knaben zu, und wiederholte sich das Werfen, so nahm Schnapp selbst das Gesetz in die Hand, und so erwarb er sich wenigstens allgemeine Achtung. Nur meine Person und der Pförtner schienen seine sanfteren Gefühle zu wecken und wurden der hohen Ehre persönlicher Freundschaft gewürdigt, eine Ehre, die ich im Laufe der Monate immer höher schätzen lernte, und im Hochsommer hätten Carnegie, Vanderbilt und Astor zusammen nicht so viel Geld aufbringen können, um auch nur das Viertel eines Anteilscheines an meinem kleinen Schnapp zu erwerben.

II.

.

Wenn ich auch nicht regelmäßig zu reisen hatte, so mußte ich doch im Herbst in Geschäften fort, und Schnapp und meine Hauswirtin blieben zusammen zurück, was aber nicht gut tat: Mißachtung seinerseits, Furcht ihrerseits und Abneigung beiderseits.

Ich hatte Stacheldraht im nördlichen Drittel der Vereinigten Staaten abzusetzen. Nur einmal in der Woche wurden mir meine Briefe zugesandt, und meine Hauswirtin erhob verschiedentlich Klage gegen Schnapp.

Als ich nach Mendoza in Nord-Dakota kam, fand ich dort starke Nachfrage nach Draht. Natürlich setzte ich meine Ware an große Eisenwarenhändler ab, aber ich suchte auch die Viehzüchter auf den Farmen auf, um ihre praktische Ansicht über die verschiedenen Drahtsorten zu hören, und so kam ich auch zu der großen Viehfarm oder dem Ranch der Gebrüder Penroof.

Man konnte sich damals nicht lange in einer Gegend, wo Rindviehzucht getrieben wird, aufhalten, ohne daß man viel von dem Schaden hörte, den die immer gierigen Wölfe anrichteten. Die Zeiten waren vorüber, wo man sie in Massen vergiften konnte, und sie waren eine erhebliche Verlustquelle für den Farmer. Die Brüder Penroof hatten, wie neuerdings die meisten Viehzüchter, das Giftlegen und Fallenstellen fast ganz aufgegeben und versuchten es nun mit der Züchtung und Verwendung verschiedener Hunderassen zum Zwecke der Wolfsjagd, in der Hoffnung, daß so bei der unerläßlichen Bekämpfung der Wolfspest noch ein kleiner Sport für sie herausspringe.

Fuchshunde hatten aber versagt, sie waren nicht genügend kampflustig; die großen, dänischen Doggen waren zu plump, und Windhunde konnten dem Wild nur so lange folgen, als sie es vor Augen hatten. Jede Rasse hatte irgendeinen Fehler, aber die Viehzüchter hofften ihr Ziel mit einer gemischten Meute zu erreichen, und so konnte ich mich auch an dem Tag, wo ich zur Teilnahme an einer Wolfsjagd bei Mendoza eingeladen war, an der Mannigfaltigkeit der mitgenommenen Hunde ergötzen. Es waren verschiedene Köter darunter, aber auch einige Rassehunde reinster Zucht, insbesondere ein paar russische Wolfshunde, die schweres Geld gekostet haben mußten.

Der älteste Bruder, Hilton Penroof, »der Hundemeister«, war nicht wenig stolz auf sie und erwartete Großes von ihnen.

»Windhunde,« sagte er, »haben ein zu dünnes Fell, um es gut mit einem Wolfe aufnehmen zu können; die Dänen sind zu langsam, aber Sie werden sehen, wie die Wolle fliegt, wenn meine Russen mitmachen.«

So sollten also die Windhunde das Laufen besorgen, die Russen das Raufen und die Dänen bildeten die Rückstellung. Auch zwei oder drei Fuchshunde nahmen teil, um mit ihren feinen Nasen die Fährte zu verfolgen, wenn das Wild außer Sicht war.

Es war ein schöner Oktobertag, als wir hinausritten in die wellige Prärie. Die Luft war hell und frisch, aber trotz der vorgerückten Jahreszeit spürten wir noch nichts von Schnee oder Frost. Die Pferde waren jung und zeigten mir mehrmals, wie es ein Präriepony anstellt, wenn es seinen Reiter absetzen will.

Ungeduldig zerrten die Hunde an den Leinen, und als wir ein paar graue Punkte fern in der Ebene entdeckten, die Hilton für Coyoten oder Wölfe erklärte, eilte alles hoffnungsvoll vorwärts. Aber als der Abend gekommen war, hatten wir keine Spur von Siegeszeichen einer Wolfsjagd aufzuweisen; man hätte denn eine arge Wunde, die der eine Windhund an der Schulter hatte, dazu rechnen müssen.

Die Brüder Penroof waren über das unerwartete Ergebnis mißmutig; sie machten ihrem Ärger durch Schimpfen über ihre Hunde Luft und schienen auch ihr Vertrauen auf die kostspieligen Russen verloren zu haben.

Ich aber konnte mir den Mißerfolg nur auf eine Weise erklären. Die Hunde waren wohl schnell und stark, aber ein Grauwolf versteht sie regelmäßig in Schrecken zu setzen. Sie bringen es nicht fertig, ihm offen entgegenzutreten, und so gelingt es ihm regelmäßig, davonzukommen. Dabei wanderten meine Gedanken unwillkürlich zu meinem furchtlosen, kleinen Bettgenossen. »O wäre er nur hier,« dachte ich, »so hätten diese Waschlappen von Hunden ein Muster, das im Augenblick der Gefahr gewiß nicht versagen würde.«

Als ich am nächsten Tage nach Baroka weiterfuhr, fand ich dort ein Paket Briefe, darunter zwei Schreiben meiner Hauswirtin; in dem ersten schrieb sie, »das Vieh von Hund habe sich in meinem Zimmer schändlich aufgeführt«. Das zweite lautete noch energischer und forderte Schnapps sofortige Entfernung aus dem Hause.

»Warum soll ich ihn mir nicht nach Mendoza nachschicken lassen?« sagte ich zu mir. »'s sind nur zwanzig Stunden Eisenbahnfahrt, und die Leute dort sind froh, wenn sie ihn haben. Bin ich mit meiner Geschäftsreise fertig, so fahre ich über Mendoza heim und nehme ihn mit.«

III.

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Mein nächstes Zusammentreffen mit Schnapp war unserer ersten Begegnung nicht so unähnlich, wie man hätte meinen sollen. Er sprang auf mich zu, tat ganz, als ob er mich beißen wolle, und heulte fast beständig, aber es war ein aus der Brust kommendes, tieferes Heulen als das erstemal, und sein Schwänzlein wedelte kräftig hin und her.

Die Penroofs hatten inzwischen noch eine ganze Reihe von Wolfsjagden veranstaltet und waren schwer enttäuscht, daß sie dabei nicht erfolgreicher gewesen waren als das erstemal. Die Hunde konnten wohl jedesmal Wölfe aufspüren und einholen, aber sie konnten sie nicht töten, und die Männer kamen nicht nahe genug, um sich über die Ursache des Mißerfolges klar zu werden.

Am nächsten Morgen ritten wir wieder beizeiten aus; es waren im übrigen dieselben Männer, Pferde und Hunderassen, nur eine Kleinigkeit war dazu gekommen, mein kleiner, weißer Hund, der sich beständig in meiner Nähe hielt, und nicht nur, was ihm von Hunden zu nahe kam, sondern auch die Pferde liefen Gefahr, mit seinen scharfen Zähnen Bekanntschaft zu machen.

Niemals werde ich jene Jagd vergessen. Wir befanden uns auf einer jener flachen Präriewellen, die eine weite, fast unendlich scheinende Aussicht gewähren, als Hilton, der den Horizont durch ein Fernrohr absuchte, ausrief: »Ich seh' ihn. Da geht er, nach dem Schädelbache zu. 's wird ein Coyote sein.«

Nun ist das erste, die Windhunde dahin zu bringen, daß sie die Beute vor Augen bekommen – was keine leichte Sache war, da der Boden mit Salbeibüscheln bestanden war, die die Hunde überragten.

Aber Hilton rief: »hallo, Dander,« lehnte sich seitlich vom Sattel und streckte dabei einen Fuß aus. Mit einem geschickten Satz sprang Dander hinauf und stand, das Gleichgewicht haltend, auf dem Sattel, während Hilton seine Hand ausstreckte. »Dort ist er; sieh dort; sieh ihn!« Der Hund blickte angestrengt nach der Richtung, in die sein Herr wies; dann schien er den Wolf zu sehen, denn er sprang mit leisem Bellen zur Erde und eilte davon. Die andern folgten ihm in immer länger werdendem Zuge, und wir ritten, so schnell wir konnten, hintendrein, blieben aber immer weiter hinter der Meute zurück, da der Boden von Rissen durchfurcht, von Dachshöhlen unterwühlt und mit Steinen und Gesträuch bedeckt war, so daß man einen ungezügelten Galopp nicht wagen durfte.

Wie gesagt, wir blieben alle zurück und ich, als der mindest Sattelfeste, am meisten. Mehrmals konnten wir die Hunde sehen, wie sie über die Ebene dahinflogen oder in einer Schlucht verschwanden, um bald wieder jenseits zum Vorschein zu kommen, Dander, der Windhund, war an der Spitze, und als wir auf die nächste Erdwelle kamen, konnten wir die ganze Jagd überblicken. Vorn jagten in voller Eile ein Präriewolf, ein Coyote, dahin und dahinter, mit einem Zwischenraum von etwa vierhundert Metern, der sich aber sichtlich verringerte, die Hunde.

Als wir sie wieder zu Gesicht bekamen, war der Coyote tot, und die Hunde saßen keuchend herum, nur die beiden Fuchshunde und Schnapp waren nicht dabei.

»Zu spät zur Tat,« bemerkte Hilton mit einem Blick auf die Fuchshunde. Dann streichelte er Dander stolz und sagte, zu mir gewandt: »Sehen Sie, 's ging auch ohne Ihren Kleinen.«

Vater Penroof aber murmelte spöttisch: »Mächtig tapfer, wenn zehn große Hunde mit einem kleinen Coyote fertig werden. Woll'n doch sehen, wie sie's bei 'nem Grauen machen.«

Am nächsten Tage ging es wieder hinaus, denn ich war entschlossen, über die Sache ins klare zu kommen.

Von einer Anhöhe bemerkten wir einen grauen Fleck, der sich fortbewegte. Ein solcher weißer Fleck bedeutete eine Antilope, ein roter einen Fuchs, ein grauer entweder einen Grauwolf oder einen Coyote, und hier entscheidet die Haltung des Schweifes. Zeigt diesen das Glas nach unten gerichtet, so ist's ein Coyote, bei der Richtung nach oben ein verhaßter Grauwolf.

Dander wurde das Wild gezeigt wie am Tage vorher, und er war wieder der Führer der bunten Gesellschaft, die ihm folgte – Windhunde, Wolfshunde, Fuchshunde, Dänen, Bullterrier, Reiter. Einen Augenblick rollte sich wieder das ganze Bild der Jagd deutlich vor unsern Augen ab; sicher war das Wild diesmal ein echter Wolf. Ich weiß nicht, aber mir kam es vor, als rennten die vordersten Verfolger nicht so schnell wie den Tag vorher. Wie aber die Sache sich weiter entwickelt hatte, konnte niemand sagen, denn die Hunde kamen einer nach dem andern zurück, und von dem Wolf war nichts mehr zu sehen.

Vater Penroof machte wieder spöttische Bemerkungen über die Trefflichkeit und Tapferkeit der ganzen Meute, und Hilton konnte sich nicht enthalten, auf den furchtlosen, unübertrefflichen Terrier zu sticheln, worauf ich entgegnete: »Ich weiß nicht. Mir scheint's, er hat den Wolf gar nicht gesehen; wenn es aber je der Fall ist, so wette ich, er geht darauf los auf Leben und Tod.«

In der nächsten Nacht wurden mehrere Kühe dicht bei dem Hof getötet, und wir fühlten uns zu einer neuen Jagd angespornt.

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Der Verlauf war im Anfang wieder etwa der gleiche. Spät am Nachmittag erspähten wir keine achthundert Meter vor uns einen grauen Gesellen mit aufgerichtetem Schwanze. Hilton ließ Dander auf den Sattel springen. Ich folgte seinem Beispiel, um Schnapp ebenfalls anzuregen. Mit seinen kurzen Beinen mußte er mehrmals springen, ehe er hinaufkam; schließlich gelang es ihm aber, mit Benutzung meines ausgestreckten Beines als Zwischenstation hinaufzuklettern. Eine Minute lang mußte ich hinzeigen und aufmerksam machen, bis er das Wild erblickte. Dann aber rannte er hinter den schon vorauseilenden Windhunden her mit einem Eifer, der viel versprach.

Diesmal führte uns die Jagd nicht zu dem durchbrochenen Gelände am Fluß entlang, sondern der hochliegenden, offenen Ebene zu, und zwar aus Gründen, die später klar wurden. Wir waren dicht beieinander, als wir zur Hochebene aufritten, und sahen die Jagd etwa achthundert Meter vor uns, gerade als Dander den Wolf einholte und nach seiner Flanke schnappte. Der Wolf wandte sich gegen seinen Verfolger, und es bot sich uns ein anziehendes Schauspiel. Die Hunde kamen zu zweien oder dreien heran und umstellten den Wolf bellend im Kreise, bis zuletzt der kleine Weiße auf der Bildfläche erschien. Ohne sich lange mit Bellen aufzuhalten, sprang er geradeswegs dem Wolf an die Kehle, verfehlte sie zwar, packte ihn aber, wie es schien, an der Schnauze; dann griffen auch die großen Hunde ein, und in zwei Minuten war der Wolf tot. Wir waren schnell geritten, um den Kampf möglichst von nahem zu verfolgen, und konnten wenigstens so viel sehen, daß Schnapp meine Versicherungen nicht Lügen gestraft hatte.

Nun vergalt ich die spitzen Bemerkungen vom Tage vorher mit gleicher Münze. Schnapp hatte den Weg gezeigt, und die Meute hatte unter seiner Führerschaft endlich doch einen Wolf ohne Mithilfe der Menschen zur Strecke gebracht.

Zweierlei beeinträchtigte jedoch die Siegesfreude erstens war es ein junger Wolf, kein völlig ausgewachsener, woraus sich sein törichtes Laufen in die offene, unbehinderte Prärie erklärte, und sodann war Schnapp verwundet; der Wolf hatte ihm eine schlimme Wunde in der Schulter beigebracht.

Als wir in stolzem Zuge heimritten, sah ich, daß er ein wenig hinkte, Hier,« rief ich, »komm herauf, Schnapp!« Er versuchte ein paarmal, auf den Sattel zu springen, brachte es aber nicht fertig, »Hilton,« sagte ich, »helfen Sie ihm rauf!«

»Danke, hab' nicht gern mit Klapperschlangen zu tun,« war seine Antwort, denn jeder wußte nun, daß es nicht geraten war, mit Schnapp anzubinden, »hier, Schnapp, faß!« sagte ich und hielt ihm meine Reitgerte hin. Er packte sie; so zog ich ihn herauf, legte ihn vorn auf den Sattel und brachte ihn zur Farm, hier pflegte ich ihn, als sei er mein Kind. Er hatte den Viehzüchtern gezeigt, wie sie den schwachen Punkt ihrer Meute beseitigen konnten. Die Fuchshunde mögen gut zu brauchen sein und die Windhunde schnell und die Russen und die Dänen gute Raufer sein, aber doch sind sie alle nichts nutz ohne den unerschrockenen Mut und das Ungestüm des Bullterriers. An dem Tage lernten die Viehfarmer, wie sich die Wolfsfrage glücklich lösen läßt, wie jeder finden wird, wenn er nach Mendoza kommt; denn jede für Wolfsjagden bestimmte Hundemeute enthält jetzt einen Bullterrier, womöglich von der Schnapp-Mendoza-Zucht.

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IV.

Am nächsten Tage war Allerseelen, der Jahrestag von Schnapps Ankunft. Das Wetter war klar, hell und nicht zu kalt, und der Boden schneefrei. Gewöhnlich wurde der Festtag auf der Farm durch irgendeine Jagd gefeiert, und diesmal sollte es natürlich den Wölfen gelten. Zu aller Enttäuschung befand sich Schnapp wegen seiner Wunde in schlechtem Zustande. Er schlief wie gewöhnlich zu meinen Füßen, und blutige Flecke bezeichneten jetzt den Platz. Gegen die Wölfe kämpfen konnte er nicht, aber die Wolfsjagd war nun einmal festgesetzt und sollte trotzdem stattfinden. So wurde er in eine Scheune gelockt und dort eingeschlossen, während wir fortritten, ich mit dem vorahnenden Gefühl drohenden Unheils. Ich wußte, daß wir ohne meinen Hund kein Glück haben würden, ließ mir aber freilich nicht träumen, in welchem Maße uns das Unglück treffen sollte.

Weit draußen zwischen den Höhen des Schädelbaches ritten wir, als plötzlich ein weißer Ball durch die Salbeibüsche daherflog, und eine Minute später kam Schnapp bellend und schwanzwedelnd bei mir an. Zurückschicken konnte ich ihn nicht; er hätte einem solchen Befehl keine Folge geleistet, nicht einmal, wenn er von mir ausging. Seine Wunde sah schlecht aus; so rief ich ihm zu, hielt ihm meine Reitgerte hin und beförderte ihn auf meinen Sattel.

»Hier,« dachte ich, »wirst du sicher ruhen, bis wir heimreiten.« Ja, so dachte ich; aber ich hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Hiltons Ruf »hu, hu,« verkündete, daß er einen Wolf erspäht habe. Dander und Rileh, sein Genosse, sprangen beide zugleich zu dem Beobachtungsposten hinauf, so daß sie zusammenstießen und zappelnd in den Salbei zurückfielen. Schnapp aber, der seine Augen eifrig rollen ließ, hatte den Wolf erspäht, der gar nicht weit entfernt war, und ehe ich wußte, was geschah, war mein Hund vom Sattel und sprang im Zickzack bald hoch, bald tief durch den Salbei oder auch darunter und darüber gerade auf den Feind los, und zwar ein paar Minuten an der Spitze der Meute. Nicht weit natürlich; sobald die großen Windhunde den laufenden Fleck erblickten, bewegte sich der Zug in der gewohnten Reihenfolge über die Prärie. Es versprach, eine feine Jagd zu werden, denn der Wolf war keine achthundert Meter voraus und alle Hunde voll Eifer hinterdrein.

»Sie sind die Bärenschlucht hinauf,« rief Garwin. »Dahin, und wir schneiden den Weg ab.«

So wandten wir uns und ritten scharf um Hulmershöhe herum, während die Jagd um den Südrand zu verlaufen schien.

Wir galoppierten auf den Zedernrücken zu und wollten auf der andern Seite hinunter, als Hilton schrie: »Bei Sankt Georg, hier ist er! Wir gehen gerade auf ihn los!« Er sprang vom Pferde, ließ die Zügel fallen und rannte vorwärts, ich folgte seinem Beispiel.

Ein großer Grauwolf kam über die offene Prärie auf uns losgehumpelt. Sein Kopf war geneigt, sein Schweif wagerecht ausgestreckt, und fünfzig Meter dahinter flog Dander wie ein niedrig streichender Habicht über der Ebene, fast doppelt so schnell wie der Wolf. In einer Minute war der Hund neben ihm und schnappte nach ihm, aber er fuhr zurück, als sich der Wolf gegen ihn wandte. Sie waren jetzt gerade unter uns und keine fünfzehn Meter entfernt. Garwin zog seinen Revolver, aber das Verhängnis wollte es, daß Hilton ihn mit den Worten zurückwies: »Nein, nein, woll'n seh'n, wie's ausgeht.«

In einigen Sekunden war der zweite Windhund zur Stelle und darauf die andern je nach ihrer Schnelligkeit. Jeder erschien auf der Szene voll Kampflust und Wut, entschlossen draufloszugehen und den Wolf in Stücke zu reißen; aber jeder duckte sich beiseite, sprang zurück und suchte sich aus sicherer Entfernung neuen Mut anzubellen. Nach einer Minute waren auch die Russen da – schöne, mächtige Tiere. Auch sie wünschten offenbar, als sie aus der Ferne heransprangen, nichts sehnlicher als sich auf den Wolf zu stürzen; aber seine furchtlose Haltung, seine kraftvolle, sehnige Gestalt und seine todspendenden Kiefer fielen ihnen auf die Nerven, noch ehe sie auf der Bühne erschienen, und auch sie schlossen sich dem bellenden Ringe an, während der Wolf in der Mitte sich bald hier-, bald dorthin wandte, für einen wie für alle bereit.

Jetzt erschienen die Dänen auf der Bildfläche, starkgliedrige Tiere und jeder so schwer wie der Wolf. Ich hörte, wie ihr Keuchen beim Heranspringen in drohendes Knurren überging, das dem Feinde Tod zu bringen schien. Aber als sie ihn nun sahen, grimmig, furchtlos, mit den mächtigen und starken Kiefern, wie er dem Tode kalt ins Angesicht schaute, aber in der Gewißheit, daß er sicher nicht allein würde daran glauben müssen – da wurden auch die großen, dänischen Doggen, alle drei, wie die übrigen, von plötzlicher Scheu befallen; ja, sie wollten auf ihn losgehen, nicht im Augenblick, aber sobald sie wieder zu Atem gekommen seien; sie fürchteten sich ja doch vor einem Wolfe nicht, o nein! Kus ihren Stimmen konnte ich ihren Mut heraushören. Sie wußten genau, der erste Hund, der sich an ihn wagte, mußte dafür büßen, aber das machte ja für sie nichts aus; sie wollten sich nur erst durch etwas mehr Bellen in die rechte Stimmung bringen.

Und während die zehn großen Hunde um den stummen Wolf herumsprangen, sieh, da raschelte es durch den dürren Salbei, und es kam, schien es, ein schneeweißer Gummiball geflogen, der sich in einen kleinen Bullterrier verwandelte, und Schnapp, der kleinste und letzte von allen, kam schwer keuchend und atemlos auf dem Schauplatz bei dem bellenden, springenden Ringe seiner Genossen an, von denen keiner dem Kuhräuber entgegenzutreten wagte.

Zögerte er auch? Nicht einen Augenblick; durch den feigen Kreis sprang er gerade auf den Präriegebieter los und nahm dessen Kehle zum Ziel, und der Graue schlug mit seinen zwanzig Reißern zu. Aber der Kleine, wenn er sich dadurch überhaupt aufhalten ließ, sprang noch einmal, und was dann kam, kann ich nicht sagen. Ich sah nur einen wirren Knäuel von Hunden, und der kleine Weiße schien die Schnauze des Räubers umklammert zu haben. Die ganze Meute war um ihn herum. Mir konnten ihnen jetzt nicht helfen; aber sie hatten uns auch nicht nötig, denn sie besaßen einen Führer von unvergleichlicher Tapferkeit, und als nach wenigen Minuten das letzte getan war, da lag dort auf dem Boden der Grauwolf, ein Riese seiner Art, und an seiner Schnauze hing noch immer der kleine, weiße Hund.

Wir waren jetzt auf vier Meter herangekommen und zu sofortigem Eingreifen bereit, hatten aber keine Gelegenheit dazu, weil keine Hilfe mehr nötig war.

Der Wolf war tot, und ich rief Schnapp zu mir, aber er bewegte sich nicht. Ich beugte mich über ihn. »Schnapp – Schnapp, es ist ganz aus, du hast ihn umgebracht.« Aber mein Schnapp blieb ganz still, und nun sah ich, daß er zwei tiefe Wunden am Körper hatte. Ich wollte ihn aufheben. »Laß sein, alter Kerl, es ist aus!« Er gab ein schwaches Knurren von sich und ließ schließlich den Wolf los. Die rauhen Viehzüchter knieten jetzt um ihn herum, und die Stimme des alten Penroof bebte, als er sagte: »Hätt' lieber zwanzig Stiere verloren, als ihm was tun lassen.« Ich nahm ihn unter meine Arme, redete zu ihm und streichelte ihm über den Kopf. Er knurrte noch einmal leise; es war ein letztes Lebewohl, wie sich erwies, denn er leckte dabei meine Hand und knurrte nie wieder.

Das war für mich ein trauriger Heimritt. Ein riesiges Wolfsfell führten wir mit uns, aber außerdem glich unser Zug in nichts einem Triumphzug. Wir begruben den Wackeren auf einer Präriehöhe hinter der Farm. Penroof, der dabei stand, hörte man murmeln: »Beim Jingo, 's war 'n Charakter, das war 'r! Ohne Charakter kann man kein Vieh züchten.«

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