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Ernest Thompson Seton: Tierhelden - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnest Thompson Seton
titleTierhelden
publisherKosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
printrun39. Auflage
year1922
translatorMax Pannwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Der Knabe und der Luchs.

I.
Der Knabe.

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Heute gab es für den kaum fünfzehnjährigen Thorburn, gewöhnlich nur Thor genannt, der ein großer Freund des Sports und für seine Jugend ungewöhnlich tatkräftig war, viel zu sehen. Den ganzen Tag waren Züge von Wandertauben über den blauen See geflogen und ließen sich reihenweise auf den toten Ästen der mächtigen Stämme nieder, die als Zeugen eines Waldbrandes um die kleine Lichtung herumstanden. Es war ein lockendes Ziel für ihn, aber vergebens folgte er den Vögeln stundenlang. Es war, als kennten sie genau die Schußweite seiner alten Büchse, und regelmäßig regten sich ihre klatschenden Schwingen, ehe er nah genug war, um einen Schuß anbringen zu können. Endlich zerstreute sich eine kleine Schar unter den niedrigen grünen Bäumen, die um die Duelle unweit des Blockhauses standen, und Thorburn konnte sich, von der Deckung Gebrauch machend, unbemerkt heranpirschen. Er bekam eine einzelne Taube ganz in der Nähe zu Gesicht, nahm sie lange aufs Korn und drückte los. Fast im selben Augenblick ertönte ein scharfer Knall, und der Vogel fiel tot zu Boden. Thorburn eilte hin, um seine Beute zu holen, als ein junger Mann vortrat und den Vogel aufhob.

»Hallo, Corney! Das ist mein Vogel!«

»Dein Vogel! Deiner ist ganz gewiß dort fortgeflogen. Ich hab' sie hier einfallen sehen und dachte, ich wollte einen mit meiner Büchse herunterholen.«

Eine genauere Betrachtung des Vogels zeigte, daß er sowohl von einer Flintenkugel wie von einem Schrotschuß getroffen worden war. Die beiden Schützen hatten das gleiche Ziel gewählt und getroffen; beide lachten über den Spaß, doch hatte er auch seine ernste Seite, denn an Nahrungsmitteln wie an Schießbedarf herrschte in der abgelegenen Gegend durchaus kein Überfluß.

Corney, ein sechs Fuß messender irischer Kanadier im ersten Mannesalter, ein Prachtskerl, ging nun voran dem Blockhause zu, dessen spärliche Ausstattung und Mangel an jedem Luxus für die beiden gesunden Burschen nichts als ein Anlaß zur Heiterkeit war. Denn wenn auch als kanadische Hinterwäldler geboren und aufgewachsen, hatten sie doch keinen Funken von dem irischen Geist verloren, der in aller Welt als Quelle der Gemütlichkeit und des Witzes gilt.

Corney war der Älteste einer ganzen Reihe von Geschwistern. Die Eltern lebten in Petersay, etwa vierzig Kilometer weiter im Süden. Er hatte sich ein Stück Waldland sehr billig erworben, sich dann ein Blockhaus gezimmert und hauste nun dort mit seinen erwachsenen Schwestern, der stillen, zuverlässigen Margot und der klugen und witzigen Loo, die ihm die Wirtschaft führten. Thorburn Alder war bei ihnen zu Besuch. Er war eben von schwerer Krankheit genesen und darum zur Nachkur in die Wälder geschickt worden, in der Hoffnung, er werde dort ebenso gesund und stark werden wie seine Wirtsleute. Ihr Haus war aus unbehauenen Baumstämmen, ohne besonderen Fußboden, und das Dach bildeten Rasenstücke, auf denen Gras und Kräuter üppig gediehen. Der Urwald ringsum wies nur zwei Unterbrechungen auf, einmal da, wo die denkbar einfachste Straße nach Petersay führte, und sodann lag unfern ein blitzender See mit kiesigem Strande. Jenseits dieses stillen Wassers sah man über sechs Kilometer weit das Haus des nächsten Nachbars liegen.

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Eintönig genug verlief ihr Tagewerk. Corney erhob sich mit der Sonne, machte Feuer an, rief die Schwestern wach und fütterte, während sie das Frühstück zurechtmachten, die Pferde. Um sechs Uhr waren sie mit Essen fertig, und Corney ging an seine Arbeit. Um die Mittagszeit, die Margot daran erkannte, daß der Schatten eines bestimmten Astes auf die Quelle fiel, eine deutliche Mahnung, frisches Wasser für den Tischbedarf zu holen, hing Loo ein weißes Tuch an einen Pfahl, und wenn dies Corney bemerkte, kam er vom Kleefeld oder sonst von einer nützlichen Tätigkeit heim, schmutzig und sonngebräunt, ein Bild männlicher Kraft und ehrlicher Arbeit. Thor blieb gewöhnlich den ganzen Tag weg; abends aber, wenn sie sich wieder am gemeinsamen Tisch vereinigten, kam er vom See oder von einer fernen Bergkette, um an der Abendmahlzeit teilzunehmen, die genau dasselbe brachte wie Mittagsbrot und Frühstück: Schweinefleisch, Brot, Kartoffeln und Tee, wozu hin und wieder noch Eier kamen von dem Dutzend Hühner um den kleinen Blockstall herum und sehr selten ein Wildbraten, denn Thor war kein Jäger, und Corney hatte so viel mit seiner jungen Farm zu tun, daß ihm für anderes keine Zeit übrig blieb.

II.
Der Luchs.

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Eine mächtige, vier Fuß dicke Linde war den Weg aller Bäume gegangen. Der Tod war großmütig gewesen und hatte dem Baum drei Warnungen zugehen lassen: er war der dickste seiner Art geworden; seine Kinder waren herangewachsen, und er selbst war hohl. Der Wintersturm hatte die Alte niedergelegt, sie mitten entzwei gebrochen und ließ nun eine große Höhlung sehen, wo das Herz des Baumes hätte sein sollen. Eine lange Höhlung im Holz inmitten einer sonnigen Waldlichtung – das war ein geradezu ideales Nest für eine Frau Luchs, die für ihre künftige Brut ein Obdach suchte.

Alt war sie und mager, denn es war ein Hungerjahr für die Luchswelt. Eine Hasenseuche hatte im Herbst vorher ihr Hauptnahrungsmittel fast vertilgt, ein schneereicher Winter mit zeitigem Frost unter den Rebhühnern aufgeräumt, dazu ein langes, feuchtes Frühjahr die wenigen Bruten, die aufgezogen wurden, verkümmern lassen und dabei auch die Teiche und Flüsse so hoch gefüllt, daß Fische und Frösche vor den bewehrten Luchspfoten sicher waren; unsere Lüchsin war aber nicht besser daran als andere ihrer Art.

Die Kleinen, schon vor ihrer Geburt halb verkümmert, waren eine doppelte Bürde für die Mutter, denn sie nahmen ihr die Zeit weg, die sie sonst hätte auf das Jagen verwenden können.

Der Hase des Nordens ist die Lieblingsnahrung des Luchses, und in manchen Jahren hätte Frau Luchs in einem Tage fünfzig haben können, aber in diesem Jahre bekam sie auch nicht einen einzigen zu sehen.

An einem Tage fing sie ein Eichhörnchen, das sich in eine Baumhöhlung verrannt hatte, die keinen weiteren Ausgang besaß – am zweiten Tag war eine häßliche, schwarze Schlange ihre einzige Nahrung. Am nächsten Tag gab es gar nichts, und ihre Jungen winselten erbärmlich nach ihrer natürlichen Nahrung. Eines Tages sah sie ein großes, schwarzes Tier von unangenehmem, aber nicht unbekanntem Geruch. Behend und geräuschlos sprang sie darauf los und gab dem Opfer einen Schlag auf die Nase. Aber das Stachelschwein zog seinen Kopf zurück, sein Schwanz richtete sich auf, und Mutter Luchs erhielt ein Dutzend Stiche von den kleinen, spitzen Wurfspeeren. Die Lüchsin zog sie sämtlich mit ihren Zähnen aus, denn sie hatte schon vor Jahren »auf Stachelschwein gelernt«, und nur der schwere Druck der Not konnte sie jetzt bewegen, nach einem zu schlagen.

Ein Frosch war alles, was sie an diesem Tage fing. Als sie am nächsten Tage die fernliegenden Wälder ihres Bezirks auf langer und mühsamer Jagd durchstrich, hörte sie einen eigentümlich lockenden Ton, der für sie ganz neu war. Sie näherte sich vorsichtig gegen den Wind, gewann beim Näherkommen eine ganz neue Witterung und vernahm noch mehr solche noch nicht gehörte Töne. Der laute, hohe, schwebende Ton wiederholte sich, als Mutter Luchs auf einen offenen Platz im Walde kam. In der Mitte standen zwei riesige Bisamratten- oder Biberbaue, weit größer als die größten, die sie je gesehen. Sie bestanden zum Teil aus Blöcken und lagen nicht, wie sonst die Biber- und Bisambaue, in sumpfiger Gegend, sondern auf einer trockenen Höhe. Um sie herum bewegten sich eine Anzahl Wildhühner, d. h. Vögel, ähnlich wie Wildhühner, nur größer und buntfarbig, rot, gelb und weiß.

Eine Erregung bemächtigte sich ihrer, die man beim Menschen Jagdfieber genannt hätte. Nahrung – Nahrung – Nahrung in Fülle gab es da vor ihr, und die alte Jägerin warf sich auf die Erde. Ihre Brust lag auf dem Boden, ihre Ellbogen über dem Rücken, und sie pirschte sich an, wie sie es nie geriebener und feiner getan hatte; eins von diesen Wildhühnern mußte sie um jeden Preis haben; all ihre Schliche mußte sie hierbei versuchen; und wenn es Stunden, wenn es den ganzen Tag dauern sollte, sie muß sich sicher anschleichen, ehe der Schwarm unruhig wird und davonfliegt.

Nur ein paar Sätze war es vom schützenden Walde bis zu dem großen Biberhaus, aber sie brauchte eine Stunde, ehe sie die kleine Strecke schleichend zurückgelegt hatte. Vom Stumpf zum Strauch, vom Stamm zum Grasbüschel kroch sie, wie ein Wurm an die Erde gedrückt, vorwärts, und die Präriehühner sahen sie nicht. Sie gingen offenbar ihrer Nahrung nach, und das größte von ihnen stieß die lockenden Töne aus, die zuerst ihr Ohr getroffen hatten. Einmal schienen sie Verdacht zu hegen, aber geduldiges, langes harren der Lüchsin zerstreute die Furcht. Jetzt waren sie fast in Sprungweite, und ihr Jagdtrieb und ihr hungriger Magen ließen sie vor Eifer beben. Ihr Auge hing jetzt nur an einem weißen Vogel, der zwar nicht der nächste war; aber die schimmernde Farbe schien es ihr angetan zu haben. Um das eine, ihr nächste Biberhaus war ein freier Platz, den hohes Unkraut einschloß, zwischen dem überall Baumstümpfe standen. Der weiße Vogel schritt hinter dem Unkraut langsam vorwärts; ein roter, der mit der lauten Stimme, flog auf das Biberhaus und lockte wieder wie zuvor. Mutter Luchs drückte sich noch dichter an den Boden; sie konnte die weißen Federn ganz deutlich zwischen dem Unkraut hindurch schimmern sehen. Jetzt kam sie an eine offene Strecke; die Jägerin preßte sich an wie ein körperloses Fell und schob sich langsam und unvernehmbar vorwärts hinter einem Stamm, nicht dicker als ihr Hals. Konnte sie jenen kleinen Busch erreichen, so war sie imstande, unbemerkt bis zu den Unkräutern zu gelangen, und dann war sie nahe genug zum Sprung! Jetzt konnte sie die Tiere genau wittern – es war der reiche, machtvolle Geruch von Leben, Fleisch und Blut, der ihre Glieder erbeben und ihre Augen erglühen ließ.

Die Wildhühner kratzten und pickten ruhig weiter; ein zweites flog zu dem Haus hinauf, aber das weiße blieb ruhig an seiner Stelle. Noch fünf langsame, schleichende Schritte, und die Lüchsin war hinter dem Unkraut, zwischen dessen Stengeln das weiße Gefieder des Vogels durchschimmerte; sie maß die Entfernung mit den Augen, prüfte ihren Stand, rückte die Hinterbeine zurecht, um sich von einem abgefallenen Zweig freizumachen; dann sprang sie gerade auf das Opfer zu mit all ihrer Kraft, und der Weiße hatte sein Leben eingebüßt, ohne zu wissen wie. Der verhängnisvolle graue Schatten fiel nieder wie ein tödlicher Blitz, und ehe sich noch die anderen Vögel ihres Feindes bewußt geworden waren, hatte sich die Lüchsin mit dem Weißen zwischen den Zähnen schon davongemacht.

Mit einem Geknurre, mit dem sie ihrer angeborenen Wildheit und ihrer Freude Ausdruck gab, sprang sie in den Wald und eilte emsig, wie eine beladene Biene, ihrem Neste zu. Der warme Körper ihres Opfers hatte aufgehört zu zucken, als sie den Klang schwerer Tritte vor sich hörte. Schnell sprang sie auf einen Stamm. Die Flügel ihrer Beute hinderten sie am Sehen; so legte sie den Vogel nieder und hielt ihn mit einer Pfote fest. Der Klang kam näher, die Zweige bogen sich auseinander, und ein Knabe wurde sichtbar. Die Lüchsin kannte und haßte diese Art. Sie hatte sie im Dunkeln beobachtet, war ihnen gefolgt und von ihnen gejagt und verletzt worden. Einen Augenblick starrten sie einander Auge ins Auge an. Die Jägerin stieß ein warnendes Knurren aus, das zugleich Herausforderung und Trotz bedeutete, nahm den Vogel auf und war mit einem Satz im bergenden Gebüsch verschwunden. Sie war ein paar Kilometer von ihrem Lager entfernt, aber sie machte erst halt, um zu fressen, als sie die gebrochene und geborstene Linde erreicht hatte; dann lockte ein leises »Prr-prr« die Jungen herbei, um mit der Mutter das reiche und erlesene Mahl zu teilen.

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III.
Die Luchshöhle.

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Zuerst war Thor als Stadtkind etwas ängstlich gewesen und hatte sich kaum über den Bereich von Corneys Axtschlägen hinaus in den Wald gewagt, aber von Tag zu Tag ging er weiter und orientierte sich, nicht nach unzuverlässigen Merkmalen, wie Moos und Flechten an Bäumen, sondern mittels der Sonne, des Kompasses und kennzeichnender landschaftlicher Züge. Es trieb ihn mehr das Verlangen, die wilden Tiere kennenzulernen, als sie zu töten; aber Naturforscher und Sportfreund haben viele Berührungspunkte, und die Büchse war seine ständige Begleiterin.

In der Lichtung des Blockhauses war das einzige Tier von irgend erheblicher Größe ein fetter Präriehund, der einige hundert Meter von der Hütte unter einem Stumpf sein Loch hatte. An sonnigen Morgen pflegte er auf dem Stumpf zu liegen und sich zu wärmen; aber in den Wäldern gibt es kein Gut ohne beständige Wachsamkeit. Der Präriehund war stets auf der Hut, und vergebens versuchte Thor, ihn zu schießen oder in der Falle zu fangen.

»Hör' mal,« sagte Corney eines Morgens, »'s ist Zeit, daß es wieder frisches Fleisch gibt.« Er nahm seine Büchse herunter, ein altes, messingbeschlagenes Stück von kleinem Kaliber, und lud sie mit der Sorgsamkeit, die den echten Schützen verriet, lehnte die Waffe gegen den Türpfosten und feuerte. Der Präriehund fiel rücklings nieder und blieb regungslos liegen. Thor lief hin und kam triumphierend mit dem Tier zurück. »Das Blei gerade durch den Kopf,« rief er, »auf hundertundzwanzig Meter!«

Corney unterdrückte das geschmeichelte Lächeln, das um seine Mundwinkel spielte, aber seine hellen Augen schimmerten einen Augenblick noch lebhafter.

Es handelte sich hier nicht um Töten aus Mordlust, denn der Präriehund hatte um seine Höhle herum einen saatverwüstenden Gürtel gelegt; dazu lieferte sein Fleisch ein paar gute Mahlzeiten, und Corney zeigte Thor, wie sich das Fell verwerten läßt. Zunächst wurde es vierundzwanzig Stunden lang in Hartholzasche gelegt, um die Haare zu entfernen. Dann wurde die Haut drei Tage lang in weiche Seifenlauge getaucht und beim Trocknen mit der Hand gerieben, bis sie als weißes, festes Leder herauskam.

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Thors Wanderungen dehnten sich immer weiter aus, aber das Neue, das er so eifrig suchte, trat doch immer wieder als Überraschung an ihn heran. Viele Tage waren inhaltslos, und an anderen drängten sich die Ereignisse, denn das Unerwartete ist das Hauptkennzeichen des Jagens und das, was ihm dauernd Reiz verleiht. Eines Tages war er weit über den Kamm der Hügelkette hinausgegangen in einer neuen Richtung und kam über eine Waldlichtung, wo er den zerbrochenen Stamm einer gewaltigen Linde bemerkte, die ihm wegen ihres Umfanges auffiel. Als er dann den Heimweg nach dem See antrat, blickte er etwa nach zwanzig Minuten Weges zurück. Sein Auge stieß auf ein schwarzes Tier, das sich in etwa neun Meter Höhe auf den Ast einer kanadischen Fichte duckte. Ein Bär! Jetzt trat endlich die Nervenprobe an ihn heran, die er den ganzen Sommer hindurch halb und halb erwartet hatte. Wie wird das werden? Wie werde ich die Probe bestehen? Diese Fragen drängten sich ihm im ersten Augenblick auf. Er stand still, fuhr schnell besonnen mit der rechten Hand in die Tasche und langte ein paar Rehposten heraus, die er für alle Fälle stets bei sich trug; er setzte sie auf die Schrotladung, die sich bereits in der Büchse befand, und stopfte zum Festhalten einen Pfropfen darauf.

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Der Bär hatte sich nicht geregt, und der Knabe konnte seinen Kopf nicht sehen; aber er musterte jetzt das Tier mit großer Sorgfalt. Groß war der Bär nicht, es war offenbar ein Junges. Das bedeutete aber, daß ein alter Bär nicht weit war, und Thor schaute sich etwas geängstigt um. Da sich aber nichts Lebendiges bemerkbar machte, außer dem Jungen da oben, so hob er sein Gewehr und feuerte.

Zu seiner Überraschung krachte es in den Zweigen, und der Körper des getroffenen Tieres fiel herunter; es war aber kein Bär, sondern ein großes Stachelschwein. Als es so vor ihm am Boden lag, betrachtete er es mit Neugierde, aber auch mit Bedauern, denn es war nicht seine Absicht gewesen, solch ein harmloses Tier zu töten. Auf dem sonderbar gestalteten Gesicht des Stachelschweins bemerkte er ein paar Kratzer, die ihm zeigten, daß er, Thor, nicht sein einziger Feind gewesen war. Als er sich von ihm wandte, sah er an seinen Hosen Blut und bemerkte nun erst, daß seine linke Hand blutete. Er hatte sich ziemlich stark an den Stacheln des Tieres verwundet, ohne es selbst zu wissen. Ungern ließ er die Beute zurück, und Loo äußerte launig, als sie davon hörte, es sei schade, daß er nicht die haut abgezogen habe, da sie einen pelzgefütterten Umhang für den Winter brauche.

Ein andermal hatte Thor seine Flinte zu Hause gelassen, da er nur ein paar seltene Pflanzen, die er gesehen hatte, sammeln wollte. Sie befanden sich unweit der Lichtung; Thor kannte den Platz an einer gefallenen Ulme. Als er hinkam, hörte er einen eigentümlichen Laut. Dann bemerkte er auf dem Stamm zwei sich bewegende Punkte. Er hob einen Zweig in die Höhe, so daß er einen offenen Überblick hatte, und sah, daß es der Kopf und der Schwanz eines ungewöhnlich großen Luchses war. Dieser hatte offenbar den Knaben bemerkt, den er knurrend anstarrte. Unter seiner Pfote auf dem Stamm lag ein weißer Vogel, der, wie ein zweiter Blick Thor lehrte, eine von ihren eigenen wertvollen Hennen war. Wie wild und grausam sah das Tier aus! Wie haßte es Thor! Und wie ergrimmte er, als er sich zähneknirschend sagte, daß er gerade jetzt, wo er sie so gut gebrauchen konnte, seine Büchse vergessen hatte. Auch war er selbst nicht ohne Furcht und wußte nicht, was er tun sollte. Das Knurren des Luchses wurde noch lauter und drohender, und das lebhafte Wedeln seines kurzen Schwanzes zeugte von nichts weniger als friedlichen Gefühlen; doch nach einer Minute nahm er sein Opfer ins Maul und verschwand mit einem mächtigen Satz im Gebüsche.

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Da es ein sehr regnerischer Sommer war, so war der Boden überall aufgeweicht, und der junge Jäger war daher imstande, Fährten zu verfolgen, die in trockeneren Zeiten der Schlauheit eines erfahrenen Kenners gespottet hätten. Eines Tages stieß er im Walde auf eine Fährte, die an die eines Schweines erinnerte. Er folgte ihr ohne Schwierigkeit, denn sie war frisch, und ein heftiger Regen, der zwei Stunden früher niedergegangen war, hatte alle anderen Spuren fortgewaschen. Nach einem reichlichen halben Kilometer führte ihn die Fährte zu einem offenen Hohlweg, und als er an dessen Rand kam, sah er auf der anderen Seite etwas Weißes schimmern; dann unterschieden seine scharfen, jungen Augen die Formen eines Hirsches und eines gefleckten Hirschkalbes, die neugierig nach ihm blickten. Obwohl er ihrer Spur gefolgt war, war er nicht wenig überrascht. Mit offenem Munde schaute er zu ihnen hinüber. Die Mutter wandte sich; sie ließ das Gefahrzeichen flattern, nämlich ihren weißen Schwanz, und sprang in behenden Sätzen davon und ihr Junges hinterdrein, Ohne Anstrengung setzten sie über niedrige Stämme oder duckten sich mit katzenartiger Geschwindigkeit, wenn ein schrägliegender Stamm ihren Weg kreuzte.

Es bot sich für Thor nie wieder eine Gelegenheit, nach ihnen zu schießen, obwohl er dieselben Spuren noch mehrmals zu Gesicht bekam oder doch zu Gesicht zu bekommen glaubte; denn aus irgendeiner bisher noch nicht erklärten Ursache waren Hirsche damals in dem ungelichteten Walde weniger häufig als später in dem mehr gelichteten.

Beide sah er in der Tat nicht wieder; aber die Alte erblickte er später noch einmal – wenigstens meinte er, sie sei es – wie sie, witternd und die Spuren beriechend, durch den Wald ging; sie war erregt und ängstlich, offenbar suchte sie etwas. Da fiel Thor ein Kniff ein, den ihm einmal Corney erzählt hatte. Er beugte sich, pflückte einen breiten Grashalm ab, legte ihn zwischen die Daumenränder, blies darauf und brachte auf diese einfache Weise einen kurzen, schrillen, blökenden Ton hervor, der dem ähnlich klang, mit dem ein Hirschkalb nach der Mutter ruft; und richtig, die Hirschkuh kam, obwohl weit entfernt, auf ihn zugesprungen. Er riß die Büchse an die Wange, um das tödliche Blei zu entsenden, aber sie bemerkte die Bewegung und blieb stehen. Ihr Haar sträubte sich etwas, sie schnüffelte und blickte ihn fragend an. Ihre sanften Augen rührten sein Herz, und er hielt seine Hand zurück, vorsichtig kam sie einen Schritt näher und bekam nun volle Witterung von ihrem Todfeinde. Da sprang sie hinter einen dicken Baum und davon, ehe seine barmherzige Regung gewichen war. »Armes Ding,« sagte Thor, »ich glaube, sie hat ihr Junges verloren.«

Aber auch einen Luchs traf der Knabe noch einmal im Walde. Eine halbe Stunde, nachdem er die einsame Hirschkuh gesehen hatte, überschritt er den langen Hügelrücken, der ein paar Kilometer nördlich von der Hütte verlief. Er kam über die Lichtung, wo die mächtige Linde lag, als ein Tier, das wie eine große Katze mit gestutztem Schwanz aussah, auf ihn zukam und ihn unschuldig anblickte. Seine Flinte flog wie gewöhnlich an die Wange, aber das Junge neigte nur den Kopf auf eine Seite und musterte ihn ohne Furcht. Dann kam ein zweites ebensolches Tierchen, das er vorhin nicht bemerkt hatte, und fing an, mit dem ersten zu spielen, indem es dessen Schwanz haschte und offenbar eine Rauferei beginnen wollte.

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Thors erster Gedanke, sie zu schießen, wich beim Anblick ihrer Spiele; dann erinnerte er sich aber daran, daß er dieser Räuberbrut den Krieg geschworen habe. Schon wollte er zum zweiten Male die Büchse heben, als ihn ein unheimliches Knurren dicht vor ihm stutzen ließ, und richtig, da stand, keine zehn Schritte vor ihm, die Alte und sah so drohend und blutdürstig wie eine Tigerin aus. Jetzt wäre es bare Tollheit gewesen, auf die Jungen zu schießen. Wieder lud der Knabe hastig ein paar Rehposten auf sein Schrot, während das Knurren an- und abschwoll. Aber ehe er noch schußfertig war, hatte die Alte etwas aufgenommen, das vor ihren Pfoten lag und das, wie sich der Knabe nach einem prüfenden Blick sagte, die schlanke Form eines jüngst getöteten Hirschkalbes war. Dann verschwand sie. Die Jungen folgten ihr, und er sah die Lüchsin nicht wieder, bis zu der Zeit, wo sie, Leben gegen Leben, einander gegenüberstanden.

IV.
Der Schrecken der Wälder.

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Sechs Wochen waren eintönig dahingegangen, als der junge Riese im Blockhaus eines Morgens auffallend still seinen Geschäften nachging. Sein hübsches Gesicht sah sehr ernst aus, und kein Lied kam mehr über seine Lippen.

Er und Thor schliefen in einer Ecke des größten Raumes auf einer Lagerstatt von Heu, und in jener Nacht erwachte der Knabe mehr als einmal, weil sein Nebenmann im Schlaf so stöhnte und sich hin und her warf.

Corney stand am Morgen wie gewöhnlich auf und fütterte die Pferde, legte sich aber wieder nieder, während die Schwestern frühstückten. Gewaltsam raffte er sich dann auf und ging an die Arbeit, kam jedoch früh wieder heim. Er zitterte vom Kopf bis zu den Füßen, und, obwohl es heiß war, konnte man ihn nicht warm halten. Nach ein paar Stunden setzte ein Rückschlag ein, und Corney wurde von einem hochgradigen Fieber ergriffen. Seine Angehörigen sagten sich sofort, daß es sich um das gefürchtete Hinterwäldlerfieber handle. Margot ging aus und sammelte eine Schürze voll Pipsissewa zu einem Tee, den man Corney in großen Mengen trinken ließ.

Jedoch trotz allen Kräutertees und aller Pflege wurde es mit dem jungen Mann immer schlimmer. Nach zehn Tagen war er arg heruntergekommen und arbeitsunfähig. So sagte er an einem der »guten Tage«, deren Eintreten für den Verlauf der Krankheit bezeichnend ist:

»Hört, Mädels, ich kann's nicht länger aushalten. Heute geht mir's so gut, daß ich heimkehren kann, wenigstens für eine Weile. Bin ich erst einmal oben, so lege ich mich in den Wagen, und die Pferde bringen mich schon heim. Mutter kriegt mich schon in 'ner Woche wieder gesund. Müßt ihr fort, eh' ich zurückkomme, so nehmt den Nachen und fahrt zu Ellertons am anderen See-Ende!«

So schirrten die Schwestern die Pferde an und füllten den Wagen zum Teil mit Heu. Corney; fuhr, schwach und bleich wie er war, auf dem langen, holprigen Wege davon, und seine Angehörigen, die zurückblieben, fühlten sich ungefähr wie Schiffbrüchige auf einer öden Insel, nachdem sie ihr einziges Fahrzeug verloren haben.

Kaum war eine halbe Woche vergangen, als alle drei, Margot, Loo und Thor, einen noch schwereren Fieberanfall erlitten.

Corney hatte jeden zweiten Tag einen »guten Tag« gehabt, aber bei den dreien gab es überhaupt keine guten Tage, und das Blockhaus wurde bald eine Stätte des Jammers.

Sieben Tage gingen dahin. Margot konnte ihr Lager nicht mehr verlassen, und Loo war kaum imstande, um das Haus herumzugehen. Sie war ein tapferes Mädchen mit viel Sinn für Humor, der sehr dazu beitrug, sie den Kopf oben halten zu lassen, aber ihre lustigen Bemerkungen kamen jetzt geisterhaft aus einem bleichen, verzogenen Gesicht. Thor war, obwohl ebenfalls schwach und krank, doch noch der Stärkste und versorgte nach Kräften die andern, indem er ihnen auch täglich eine einfache Mahlzeit bereitete. Sie konnten nur sehr wenig genießen, vielleicht zu ihrem Glück, denn es war sehr wenig da, und auf Corney konnten sie erst nach Verlauf einer weiteren Woche rechnen.

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Bald war Thor der einzige, der sich erheben konnte, und als er sich eines Morgens an den Ort schleppte, wo sie ihren Schinkenvorrat verwahrten, fand er zu seinem Schrecken, daß der ganze Schinken fort war. Zweifellos hatte ihn irgendein wildes Tier aus dem kleinen Verschlage auf der Nordseite der Hütte geraubt. Jetzt gab es überhaupt nichts weiter als Mehl und Tee. Er war in halber Verzweiflung, als sein Auge auf die Hühner beim Stall fiel, aber was sollten die nützen? In seinem schwachen Zustande konnte er ebensogut versuchen, einen Hirsch oder einen Habicht zu fangen, plötzlich fiel ihm seine Flinte ein, und es dauerte nun nicht lange, so bereitete er eine fette Henne zum leckeren Mahle. Er kochte sie ganz, weil das die geringste Mühe machte, und die Brühe war die erste gute Speise, die sie seit geraumer Zeit erhielten.

Drei elende Tage lebten sie von dem Huhn, und als es verzehrt war, nahm Thor wieder seine Flinte herunter – sie schien jetzt eine viel schwerere Waffe zu sein. Er kroch zum Stall, war aber so schwach und zitterig, daß er mehrmals daneben schoß, ehe er ein Huhn erlegte. Corney hatte seine Büchse mitgenommen, und drei Büchsenladungen waren alles, was noch übrig blieb.

Thor wunderte sich, daß es nur noch so wenig Hennen, nur noch drei oder vier, waren; es waren doch mehr als ein Dutzend gewesen. Als er drei Tage später wieder eine Henne schießen wollte, fand er nur noch eine vor und brauchte seinen ganzen Munitionsvorrat, um sie zu erlegen.

Sein Tagewerk war jetzt nichts als eine Reihenfolge von schrecklichen Stunden. Am Morgen, d. h. in seiner verhältnismäßig besten Zeit, bereitete er etwas zum Essen und machte sich fertig für das am Abend zu erwartende hitzige Fieber, indem er einen Eimer Wasser am Kopf jeder Lagerstätte auf einen Bock stellte. Um ein Uhr setzten mit erschrecklicher Regelmäßigkeit die Frostschauer ein, begleitet von heftigem Zittern des ganzen Körpers, von Zähneklappern und einem Gefühl eisiger Kälte von innen wie von außen. Nichts vermochte, Wärme zu erzeugen, und das Feuer schien seine Kraft verloren zu haben. Es blieb nichts übrig, als bebend dazuliegen und alle Qual des Erfrierens und des peinigenden Schüttelns zu erdulden. Sechs Stunden pflegte dieser Zustand anzuhalten, und die Pein wurde noch wesentlich durch das Gefühl der Übelkeit erhöht. Dann trat, um sieben oder acht Uhr abends, ein Umschwung ein, es ergriff ihn ein hitziges Fieber, das kein Eis hätte kühlen können. Wasser und immer wieder Wasser war sein einziges, quälendes Verlangen, bis endlich um drei oder vier Uhr morgens das Fieber nachließ und er im Zustand völliger Erschöpfung in einen todähnlichen Schlaf verfiel.

»Habt ihr nichts mehr zu essen, so nehmt den Nachen und fahrt zu Ellertons!« hatte Corney gesagt. Wer sollte aber jetzt den Nachen nehmen?

Nur noch ein halbes Huhn war vorhanden, dann mußten sie dem bleichen Hunger ins Auge schauen, denn von Corney war noch keine Spur, und wie leicht konnte ihn längere Dauer der Krankheit oder sonst ein Zwischenfall länger entfernt halten!

Drei endlose Wochen trug sich schon ihr Zustand zwischen Leben und Sterben hin; immer schlechter ging es, da die Kranken immer noch schwächer wurden – noch ein paar Tage, und der Knabe war voraussichtlich auch nicht mehr imstande, sein Lager zu verlassen. Was dann?

Die Verzweiflung herrschte im Haus, und jeder seufzte bei sich: »Ach, wird Corney denn nicht wiederkommen?«

V.
Im Heim des Knaben.

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Am Tage, wo er das letzte Huhn erlegt hatte, schleppte Thor den ganzen Morgen Wasser für den bevorstehenden dreifachen Fieberanfall herbei. Und zu seinem Glück, denn der Schüttelfrost trat früher ein als gewöhnlich, und auch das Fieber war noch heftiger als bisher. Immer wieder griff er nach dem Eimer neben dem Kopfende seines Lagers, um sich in tiefen und langen Zügen eine Spur von Kühlung zu holen. Als er gegen zwei Uhr morgens endlich einschlief, war der gefüllt gewesene Eimer fast leer.

Als der Morgen dämmerte, weckte ihn ein sonderbares Geräusch, wie Platschen im Wasser. Er wandte den Kopf und sah zwei leuchtende Augen nur einen Fuß weit von seinem Gesicht – ein großes Tier leckte den Wasserrest im Eimer zu seinen Häupten.

Voll Entsetzen starrte Thor einen Augenblick auf die unheimliche Erscheinung hin, dann schloß er die Augen, überzeugt, daß er nur träume und ein Alpdruck ihm das Bild eines Tigers vorgezaubert habe. Aber das Geräusch verstummte nicht; er blickte wieder hin, ja, es war noch da. Er suchte aufzuschreien, konnte aber nur einen schwachen, gurgelnden Ton hervorbringen. Der große, zottige Kopf schüttelte sich, ein scharfes Schnaufen ließ sich unterhalb der glühenden Augäpfel hören, und das Geschöpf sprang auf seine Vorderfüße und ging quer durch die Hütte unter den Tisch. Jetzt war Thor völlig wach; er hob sich auf seinen Ellenbogen und stieß ein schwaches »Sssch–ih« hervor, worauf die glühenden Kugeln wieder unter dem Tisch sichtbar wurden und die unbestimmte graue Gestalt hervorkam. Ruhig schritt sie über den Boden, duckte sich unter den tiefsten Wandblock, wo ein altes Kartoffelloch war, und verschwand.

Was war das gewesen? Der kranke Knabe wußte es kaum – jedenfalls irgendein wildes Raubtier. Er fühlte sich völlig entnervt. Seine Glieder flogen vor Fieber, und das Gefühl vollständiger Hilflosigkeit raubte ihm jeden Rest von Mut und Kraft. Ein krankhafter Schlaf umfing ihn, aus dem er immer wieder plötzlich auffuhr, um sich nach den im Dunkeln leuchtenden Augen und der großen, grauen Gestalt umzusehen. Am Morgen war er im Zweifel, ob nicht das Ganze ein Fieberwahn gewesen sei; doch machte er einen schwachen Versuch, das alte Kellerloch mit Holzklötzen zu verrammeln.

Alle drei Kranken hatten nur wenig Appetit, aber sie suchten auch den möglichst zu unterdrücken, da sie jetzt .nichts weiter hatten als ein Stück Huhn, und Corney, ja, der nahm offenbar an, daß sie zu Ellertons gegangen seien und dort Lebensmittel erhalten hätten.

In der folgenden Nacht, als er nach dem Fieberanfall schwach und schlaftrunken dalag, schreckte den Knaben wieder ein Geräusch auf, aber diesmal wie von krachenden Knochen. Er blickte sich um und sah vor dem kleinen Fenster die verschwindenden Umrisse eines großen Tieres auf dem Tisch. Thor schrie, so sehr er eben schreien konnte, und suchte seinen Stiefel nach dem Eindringling zu schleudern. Das Tier sprang behend auf den Boden und kroch durch das Loch, das wieder völlig offen war, hinaus.

Diesmal wußte er auch sogleich, daß er nicht träumte; nicht nur hatte er den unheimlichen Gast gesehen und gehört, sondern das Stück Huhn, ihr letzter Bissen, war nun auch dahin.

An diesem Tage verließ der arme Thor kaum sein Lager. Nur das unaufhörliche Klagen der kranken Mädchen trieb ihn fort. Unten an der Quelle fand er ein paar Beeren, die er pflückte, und die er mit den andern teilte. Wie gewöhnlich machte er seine Vorbereitungen für das Wechselfieber, aber außerdem stellte er noch neben sein Lager einen alten Fischspeer – die einzige Waffe, die er jetzt, da seine Flinte unnütz war, finden konnte – sowie einen Kienspan und Streichhölzer. Er wußte, daß das Tier diese Nacht wiederkam, daß es hungrig wiederkam. Es fand sonst nichts zu fressen; was war natürlicher, dachte er, als daß es sich an lebende, hilflos daliegende Leute machte? Und vor seinen Augen erschien die schlanke, braune Gestalt des Hirschkalbes, das denselben blutgierigen Kiefern zum Opfer gefallen war.

Auch das Loch verrammelte er aufs neue mit Brennholz, und die Nacht verging wie gewöhnlich, aber ohne daß sich der wilde Gast einstellte. Am nächsten Tage hatten sie nichts mehr zu essen als Mehl und Wasser, und Thor mußte noch dazu zum Kochen ein paar Klötze von seiner Barrikade nehmen. Loo machte einen schwachen Versuch zu einem Scherz. Sie sagte, sie sei nun leicht genug zum Fliegen, versuchte aufzustehen, kam aber nicht weiter als bis zum Ende ihres Bettes. Die Vorbereitungen waren die gleichen wie früher, und die Nacht nahm denselben Verlauf. Aber am frühen Morgen wurde Thor wieder jäh durch das Geräusch des Wasserschleckens aus dem Schlaf gerissen, und siehe, da waren wieder die funkelnden Augen, der große Kopf und die graue Gestalt.

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Thor wandte seine ganze Kraft an, um einen lauten, scheuchenden Schrei auszustoßen, aber nur ein schwaches Kreischen kam aus seiner Kehle. Langsam stand er auf und rief: »Loo, Margot! Der Luchs – der Luchs ist wieder da!«

»Hilf dir Gott, wir können nicht,« war die kaum vernehmbare Antwort.

»Sssch–ih!« machte Thor wieder, um das Tier zu vertreiben. Es sprang aber auf den Tisch und stand dann mit drohendem Knurren unter der dort lehnenden, unnützen Büchse. Schon dachte Thor, es werde gegen das Glas anspringen, als es ihm einen Augenblick den Rücken zudrehte; aber es wandte sich bald wieder um und blickte auf den Knaben, der die beiden Augensterne Feuer sprühen sah. Langsam richtete er sich neben seinem Lager auf mit einem Gebet um Hilfe, denn er wußte, es galt zu töten oder getötet zu werden. Er nahm ein Streichholz, zündete seinen Kienspan an, nahm diesen in die linke Hand und faßte mit der Rechten den Fischdreizack, um den Kampf aufzunehmen; er war aber so schwach, daß er den Speer als Stütze gebrauchen mußte. Das mächtige Tier blieb ruhig auf dem Tische, duckte sich aber ein wenig, wie zum Sprunge, seine Augen sahen bei dem Kienlicht rotglühend aus. Sein kurzer Schweif ging heftig von rechts nach links, und das Knurren klang höher und erregter. Thors Knie schlotterten gegeneinander, aber er hob den Speer und machte einen schwachen Vorstoß gegen das Tier. Im selben Augenblick sprang es, nicht auf ihn, wie er zuerst dachte – das lodernde Licht und die unerschrockene Haltung des Knaben verhüteten dies –, sondern über ihn weg auf den Boden, wo es sofort unter seine Lagerstätte kroch.

Das war nur eine zeitweilige Rettung. Thor legte seine Fackel auf einen Vorsprung der Blockwand, dann nahm er den Speer in beide Hände. Er kämpfte um sein Leben, das war ihm klar; aus dem Nebenraum hörte er die Mädchen leise für ihn beten. Er sah nur die Glutaugen unterm Bett und hörte das Knurren sich steigern, wie wenn das Tier zum Angriff übergehen wollte. Er nahm sich krampfhaft zusammen und stieß mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, mit dem Speer darauf los.

Er traf auf etwas Weiches, und ein greuliches Geknurr kam unter dem Lager hervor. Der Knabe drückte mit seinem ganzen Gewicht auf die Waffe, und das Tier drängte dagegen, um an ihn heranzukommen; er fühlte, wie seine Krallen und Zähne am Griff kratzten und knirschten. Trotz seines Gegenstrebens kam es ihm näher; seine kraftvollen Pfoten und Krallen langten jetzt nach ihm, er konnte es nicht lange aushalten. Noch einmal nahm er alle Kraft zusammen, und die Wucht war ein klein wenig größer als zuvor. Das Tier neigte sich zur Seite, ein lautes Knurren wurde hörbar, zugleich ein Krachen; der alte Speer war zerbrochen, das Tier sprang auf Thor zu, bei ihm vorbei, ohne ihn zu berühren, quer durch das Loch hindurch und ward nicht mehr gesehen.

Thor fiel aufs Bett und verlor das Bewußtsein.

Da lag er, er wußte nicht wie lange, aber es weckte ihn bei hellem Tageslicht eine laute, muntere Stimme mit den Worten:

»Hallo! Hallo! – seid ihr alle tot? Loo! Thor! Margot!«

Er war zu schwach, um antworten zu können, er hörte Pferdegetrappel vor der Tür und einen schweren Tritt, dann wurde die Tür aufgerissen, und herein trat Corney, strahlend und liebenswürdig wie immer. Aber welcher Ausdruck des Schmerzes und Entsetzens malte sich in seinen Zügen, als er die schweigende Hütte betrat!

»Tot?« schrie er. »Wer ist tot? – Wo sind sie, Thor? Wer ist es? Loo? Margot?«

»Corney – Corney,« kam es kaum vernehmbar von Thors Lippen. »Da sind sie drin. Sie sind schrecklich krank, wir haben nichts zu essen.«

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»Oh, was für ein Esel bin ich!« rief Corney immer wieder. »Ich dachte sicher, ihr seiet zu Ellertons gegangen und hättet von ihnen alles Nötige gekriegt.«

»Es ging nicht, Corney; es packte uns alle drei auf einmal, gleich nach deiner Entfernung. Dann kam die Lüchsin und fraß alle Hühner und alles im Hause dazu.«

»Nun, du hast's ihr ordentlich gegeben,« sagte Corney und wies auf die Blutspur, die über den Boden hin und zur Öffnung hinausführte.

Kräftige Nahrung, gute Pflege und die richtige Arznei stellten sie alle wieder her.

Nach ein paar Monaten, als einmal die Mädchen ein neues Waschfaß haben wollten, sagte Thor: »Ich weiß, wo eine dicke, hohle Linde ist, die gäbe ein schönes Faß.«

Er und Corney gingen hin, und als sie das Stück, das ihnen passend schien, abgesägt hatten, fanden sie auf dem Grunde des Hohlraumes die zusammengeschrumpften Körper zweier kleiner Luchse sowie den der Alten, und im Leibe der Alten steckte die abgebrochene Spitze eines Fischspeeres.

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