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Ernest Thompson Seton: Tierhelden - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnest Thompson Seton
titleTierhelden
publisherKosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
printrun39. Auflage
year1922
translatorMax Pannwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130109
projectidaf588633
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Arno.

I.

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Wir traten durch die Seitentür eines großen Stallgebäudes, das in einem westlichen Stadtteil in Neuyork lag. Der Geruch der gutgehaltenen Ställe verlor sich bald in dem süßen Heuduft, als wir eine Leiter emporstiegen und den ausgedehnten Bodenraum betraten, hier war die nach Süden liegende Wand entfernt, und die vertrauten Töne »ku–uh, uuh, ruckekuh« zusammen mit dem »wirr–wirr–wirr« des Flügelschlages sagten uns, daß wir uns im Taubenschlag befanden.

Der Eigentümer war ein bedeutender Taubenzüchter, der heute gerade ein Wettfliegen von fünfzig jungen Tieren im ersten Lebensjahr veranstalten wollte und mich als unparteiischen Beurteiler dazu eingeladen hatte.

Es handelte sich um einen Übungsflug der jungen Vögel, die erst ein paarmal mit den Alten auf kurze Entfernung hinausgenommen und dann für den Heimflug freigelassen worden waren. Jetzt sollten sie zum erstenmal ohne die Alten ihre Schwingen versuchen, und der Ausgangspunkt, die Stadt Elisabeth im Staat New Jersey, bedeutete einen langen Flug für den ersten selbständigen Versuch. »Aber sehen Sie,« bemerkte der Züchter, »auf diese Weise merzen wir die Nichtsnutzigen aus; nur die besten Vögel bringen's fertig, und die allein wollen wir zurückhaben.«

Aber das war nicht das einzige Interesse an dem Flug; es sollte zugleich ein Wettflug unter denen stattfinden, die den Rückweg fanden. Die Leute des Eigentümers wie verschiedene in der Nähe lebende Züchter hatten je einen bestimmten Betrag eingezahlt und jeder auf eine bestimmte Taube gewettet. Wessen Tier zuerst nicht nur in der Gegend, sondern in den Schlag selbst zurückkehren würde, sollte den Gesamteinsatz gewinnen; denn nur die Vögel, die tatsächlich genau und unmittelbar zum Ausgangspunkt zurückkommen, sind als Brieftauben gut zu gebrauchen.

Die besten Brieftauben haben keine besondere Färbung noch auch sonst besonders entwickelte schmückende Abzeichen, wie man sie bei Ausstellungstieren bewundern kann. Nicht die äußere Erscheinung hat der Züchter im Auge, sondern die Entwicklung der Schnelligkeit und der Fähigkeiten. Sie müssen ihrem Schlage treu sein und ihn unfehlbar wieder auffinden können. Nach den neuesten Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung haftet der Richtungssinn an dem Labyrinthknöchel des Ohrs. Von allen Geschöpfen besitzt aber keines einen höher entwickelten Orts- und Richtungssinn als eine gute Brieftaube, und ihre einzigen äußeren Kennzeichen sind denn auch der große Wulst, der sich auf jeder Seite des Kopfes über den Ohren befindet, und die prächtigen Schwingen, die sie in den Stand setzen, dem ihr innewohnenden Triebe der Heimatsliebe zu folgen. Jetzt sollten also die geistigen und körperlichen Fähigkeiten der letzten Taubenbrut erprobt werden.

Obwohl es keineswegs an nachprüfenden Zeugen fehlte, so hielt ich es doch für das beste, nur ein einziges Flugloch des Schlages offen zu lassen, und machte mich bereit, dieses hinter dem ersten Ankömmling sofort zu schließen.

Die Aufregung jenes Tages werde ich nicht so bald vergessen. Man hatte mir vorher warnend gesagt: »Um 12 Uhr werden sie in Elisabeth losgelassen, um 12 Uhr 30 sollten sie hier sein; aber passen Sie auf, sie kommen wie ein Wirbelwind. Sie sehen sie kaum, ehe sie drin sind.«

Wir standen auf dem Boden, ein Auge auf das teilweise geschlossene Flugloch richtend und mit dem anderen gespannt den südwestlichen Gesichtskreis absuchend, als auf einmal der Ruf erscholl: »Aufgepaßt – hier kommen sie!« Wie eine weiße Wolke schweben sie heran und gleiten dicht über die hohen Dächer der Weltstadt dahin; jetzt geht es um einen Haufen riesiger Schornsteine herum, und zwei Sekunden, nachdem sie sichtbar geworden, sind sie schon da. Das blitzende Weiß, der Flügelschlag war so plötzlich und jäh, daß ich trotz allem doch wie unvorbereitet war. Ich stand an dem einzigen offenen Loch, pfeifend schoß ein blauer Pfeil herein, streifte mein Gesicht mit seinen Schwingen und war vorüber. Raum hatte ich Zeit, die Öffnung zu schließen, als alles in den Ruf ausbrach: »Arno, Arno! Hab' ich's nicht gesagt! 's ist ein kleines Juwel; erst drei Monate alt und Sieger – 's ist ein kleines Juwel!«, und Arnos Eigentümer sprang vor Vergnügen in die Höhe, mehr aus Freude über seinen Vogel als wegen des Geldes, das er durch den Sieg des kleinen Schnellfliegers gewonnen hatte.

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Die Leute saßen oder knieten mit bewundernden Blicken um das kleine Geschöpf herum und sahen ihm zu, wie es einen Schluck Wasser nahm und sich dann dem Futternapf zuwandte.

»Seht nur das Auge! Was für Flügel, und diese unvergleichliche Brust! 's ist ein wahrer Edelstein!» rühmte der Besitzer gegenüber den jetzt stumm herumstehenden, minder glücklichen Taubenzüchtern.

Das war Arnos erste Tat. Als Sieger unter fünfzig aus einem guten Taubenschlag versprach er eine glänzende Laufbahn.

Er erhielt den silbernen Fußring des Neuyorker Brieftaubenklubs mit der Nummer 2590 C, die später in der Welt der Taubenzüchter so bedeutungsvoll werden sollte.

Bei jenem Übungsflug aus Elisabeth waren nur vierzig Tauben zurückgekehrt. Das ist die Regel. Manche waren nicht kräftig genug und blieben zurück, andere waren nicht gewitzigt genug und zerstreuten sich. Mittels dieser scharfen Flugauslese verbessern die Taubenzüchter ihre Rasse, von den zehn blieben fünf verschollen, während fünf noch am gleichen Tag den Heimweg fanden und einzeln sich später einstellten. Die letzte von den Bummlern war eine große, plumpe Blaue. Als sie einrückte, äußerte der Stallknecht: »Hier kommt die alte splintköpfige Blaue, auf die Jakob gewettet hat. Ich dachte nicht, daß sie zurückkommen werde; 's war mir auch recht gewesen, denn ich glaube, sie hat was von 'ner Kropftaube an sich.«

Die große Blaue, von ihrer Brutstätte auch »Eckkiste« genannt, hatte sich von vornherein besonders stark gezeigt. Obwohl alle gleich alt waren, war sie schneller gewachsen und größer, dabei auch schöner, wenn die Züchter auch hierauf nicht viel geben. Sie schien sich ihrer Bedeutung voll bewußt und zeigte sich bald den kleineren Kameraden gegenüber anmaßend. Ihr Besitzer prophezeite große Dinge von ihr, aber Billy, der Stallknecht, schüttelte bedenklich den Kopf über die Länge ihres Halses, den Umfang ihres Kropfes, ihre Haltung und ihre übermäßige Größe. »Ein Vogel mit 'nem Sack voll Wind vor sich kann nichts gewinnen. Die langen Beine sind nichts als bloßer Ballast, und mit so 'nem Hals kann man keinen Staat machen,« murmelte er mißbilligend, als er eines Morgens den Boden kehrte.

II.

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Nun begann das regelmäßige Einüben der Vögel. Jeden Tag ließ man sie dreißig bis vierzig Kilometer weiter vom Hause entfernt fliegen und wechselte fleißig mit der Richtung, bis unsere Tauben das Land zweihundert Kilometer in der Runde kannten, von fünfzig Vögeln waren jetzt nur noch zwanzig übrig, denn die scharfe Probe räumt nicht nur mit den Schwachen und Minderbefähigten auf, sondern auch mit denen, die plötzlich von Krankheit oder Unfällen betroffen werden oder sich unvorsichtigerweise vor dem Fluge überfressen haben. Unter der auserlesenen Schar waren viele schöne Vögel mit breiter Brust, glänzenden Augen und langen Flügeln, geschickt zu schnellstem Flug in edlem Dienst, denn sie sollten den Menschen zur Zeit der Not als Boten dienen. Meist waren sie weiß, blau oder braun gefärbt, und trugen sie auch keine Uniform, so hatte doch jede von den Bewährten das feurige Auge, die prächtigen Schwingen und die Ohrenwölbung, woran man das Brieftaubenvollblut erkennt.

Die beste und erlesenste von allen und auch fast immer die erste am Ziel war unser kleiner Arno. Im Zustand der Ruhe trat er kaum vor den anderen hervor, denn jetzt hatten fast alle das silberne Fußband erworben, aber in der Luft, da zeigt Arno seinen Adel, und wenn das Ziehen des Schiebers das Zeichen zum Abflug gab, dann war Arno der erste unterwegs. Er schwebte hoch empor, wie um sich jedem örtlichen Einfluß zu entziehen, fand triebmäßig den Weg nach Hause und legte ihn zurück, ohne sich durch Hunger, Durst oder kameradschaftliche Lockungen aufhalten zu lassen.

Trotz Billys üblen Prophezeiungen war die große Blaue aus der Eckkiste unter den zwanzig. Oft kam sie spät zurück, nie war sie die erste, und manchmal, wenn sie erst ein paar Stunden nach den anderen eintraf, zeigte sie weder Hunger noch Durst, ein sicheres Zeichen, daß sie unterwegs gebummelt hatte. Aber noch war sie jedesmal zurückgekehrt, und jetzt trug sie auch, wie die übrigen, das geweihte Zeichen mit einer Registernummer, das noch weiteren Ruhm in Aussicht stellte. Billy schätzte sie gering und stellte ihr als unerreichbares Muster Arno gegenüber. Aber ihr Besitzer verteidigte sie und sagte: »Laß ihr Zeit; schnell gewonnen, schnell zerronnen; gut Ding will Weile haben. Ich habe noch immer gefunden, der beste Vogel ist der, dem man's zuerst nicht anmerkt.«

Noch war kein Jahr vorüber, und der kleine Arno hatte fertiggebracht, was noch keiner von seiner Art vorher vermochte. Das Allerschwierigste ist das Fliegen übers Meer, wo es keinerlei Wegzeichen wie auf dem Lande gibt; am schlimmsten ist es zur See bei Nebel, denn dann ist nicht einmal die Sonne sichtbar, und rein gar nichts kann zum Anhaltspunkt dienen. Wenn aber die Erinnerung, wenn Auge und Ohr im Stich lassen, dann bleibt noch eins für die Brieftaube übrig, und gerade darin liegt ihre Stärke, nämlich der angeborene Richtungssinn. Diesen kann aber nichts aufheben als die Furcht, und darum muß zwischen dem edlen Flügelpaar ein starkes, kleines Herz schlagen.

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Arno war im Laufe des Übens mit zwei Genossen an Bord eines nach Europa fahrenden Dampfers gebracht worden. Sie sollten, wenn das Land außer Sicht war, freigelassen werden, aber ein starker Nebel setzte ein, so daß man sie nicht fliegen lassen konnte. Der Dampfer nahm sie mit, um sie auf dem nächsten Schiffe, das er träfe, heimzusenden. Als der Dampfer aber zehn Stunden in See war, brach die Maschine, dichter Nebel legte sich über das Wasser, und das Fahrzeug trieb hilflos wie ein Balken auf den Wellen. Nur die Dampfpfeife konnte man ertönen lassen, um Hilfe herbeizurufen. Aber der Kapitän hätte mit dem gleichen Erfolg auch Flaggenzeichen geben können. Dann dachte man an die Tauben. Sternsicher, 2592 C, wurde zuerst gewählt. Man schrieb eine Bitte um Hilfe auf wasserdichtes Papier, rollte dieses zusammen und band es ihm unten an die Schwanzfedern. Die Taube wurde in die Luft geworfen und verschwand. Nach einer halben Stunde wurde die große Blaue, die Eckkiste, 2600 C, mit einem Briefe beschwert. Sie flog auf, kehrte aber fast unmittelbar zurück und ließ sich auf einer Rahe nieder. Es war ein klägliches Bild von Taubenfurcht; nichts konnte sie bewegen, das Schiff zu verlassen. Ihre Angst war so groß, daß sie sich leicht greifen und schimpflich in ihren Käfig stecken ließ.

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Nun wurde die dritte herausgeholt, ein kleines, dürftiges Geschöpf. Der Schiffsmannschaft war sie nicht bekannt, aber sie lasen auf ihrem Fußring Namen und Nummer, Arno, 2590 C. Für sie wollte dies freilich nichts sagen; aber der Schiffsoffizier, der die kleine Taube hielt, merkte, daß ihr Herz lange nicht so heftig schlug wie das der Blauen. Der Notbrief wurde der großen Blauen abgenommen. Er lautete:

Dienstag, 10 Uhr vormittags.
Dreihundert Kilometer von Neuyork ist unsere Maschine gebrochen; wir treiben hilflos im Nebel. Schickt uns so bald wie möglich einen Schleppdampfer! Wir geben jede Minute einen langen und gleich darauf einen kurzen Pfiff.

Der Kapitän.

Das Schreiben wurde zusammengerollt, in einen wasserdichten Umschlag gesteckt, mit der Anschrift der Dampfschiffsgesellschaft versehen und unter Arnos mittlere Schwanzfeder gebunden.

Nachdem man Arno in die Luft geworfen hatte, kreiste er um das Schiff, dann zog er einen höheren und weiteren Kreis, stieg noch höher und entschwand den Augen. Aller Sinne, mit Ausnahme eines einzigen, beraubt, überließ er sich diesem einen ganz, der in ihm stark war und unbeeinträchtigt von der vernichtenden Herrschaft der Furcht. Fehllos wie die Kompaßnadel war nun Arnos Flug, ohne Zögern, ohne Zweifel; eine Minute, nachdem er seinen Käfig verlassen hatte, flog er geradeswegs wie ein Sonnenstrahl dem Schlage zu, wo er geboren war, dem einzigen Orte, wo er sich befriedigt fühlte.

An jenem Nachmittag ging Billy seiner Arbeit nach, als schneller Flügelschlag pfeifend die Luft durchschnitt; ein blauer Flieger stürzte in den Taubenschlag und hin zum Wassernapf. Er nahm einen Schluck nach dem andern, während Billy erstaunt rief: »Was, Arno, du bist's, mein Liebling?« Dann zog er als erfahrener Taubenmann seine Uhr heraus und vermerkte die Zeit 2 Uhr 40. Sofort entdeckte er auch den Brief an der Schwanzfeder. Augenblicklich schloß er das Ausflugloch und warf der Taube das Fangnetz über den Kopf. Im nächsten Augenblick hatte er die Rolle in der Hand, und nach zwei Minuten war er auf dem Wege zur Dampfschiffsgesellschaft, denn es stand ein artiges Trinkgeld in Aussicht. Dort erfuhr er, daß Arno die dreihundert Kilometer im Nebel und überm Meer in vier Stunden vierzig Minuten zurückgelegt hatte, und binnen einer Stunde war ein Hilfsdampfer auf dem Wege zu dem Schiffe in Not.

Dreihundert Kilometer im Nebel und überm Meer in vier Stunden und vierzig Minuten – das war eine ordentliche Leistung! Sie wurde auch, wie sich's gebührte, zu Arnos Ehren in das Register des Klubs eingetragen, und ein entsprechender Vermerk mit unvergänglicher Tinte auf dem schneeigen Weiß von Arnos erster rechter Schwungfeder aufgestempelt.

Von Sternsicher, dem zweiten Boten, hörte man nie wieder etwas; sicher war er im Meere umgekommen. Die blaue Eckkiste aber ließ sich von dem Schleppdampfer heimwärts befördern.

III.

Das war Arnos erste öffentliche Leistung; aber sehr bald folgten weitere, und in dem alten Taubenschlage kam es mehrmals zu merkwürdigen Vorgängen, deren Mittelpunkt Arno bildete. Eines Tages fuhr eine Kutsche beim Stallgebäude vor; ein weißhaariger Herr stieg aus, kletterte die staubigen Treppen hinauf und saß den ganzen Morgen mit Billy im Schlag. Durch seine goldene Brille guckte er zuerst auf einen Haufen Papiere, sodann über die Dächer und harrte und wartete, worauf? Auf Nachrichten von einem kleinen Ort, keine fünfundsechzig Kilometer entfernt – Nachrichten, die für ihn von der größten Bedeutung waren, die ihn hochbringen oder zerschmettern konnten, und die ihn schneller erreichen sollten, als sie telegraphiert werden konnten, denn ein Telegramm bedeutete an beiden Enden mindestens eine Stunde Verlust. Wie ließen sich jene fünfundsechzig Kilometer schneller zurücklegen? In jener Zeit war das nur auf eine einzige Weise möglich, nämlich durch Benutzung einer erstklassigen Brieftaube. Erreichte er sein Ziel, so kam es ihm auf die Kosten nicht an. Die beste, die allerbeste mußte er um jeden Preis haben, und darum war Arno mit sieben unvergänglichen Diplomen auf seinen Federn der Bote. Eine Stunde verging, noch eine und eine dritte fing an, als das blaue Meteor mit scharfem Flügelrauschen wie ein Blitz in den Schlag fuhr. Billy stieß den Schieber vor und fing den Boten. Gleichgültig schnitt er die Schnur durch und reichte das Papier dem Bankier. Totenbleich öffnete es der alte Mann mit zitternden Händen. Dann kam ihm die Farbe wieder. »Gott sei Dank!« stammelte er und eilte freudig erregt als Herr der Lage in die anberaumte Sitzung. Klein-Arno hatte ihn gerettet.

Der Bankier wollte den Glücksboten kaufen, um das edle Tier, dem er so viel verdankte, recht hegen und pflegen zu können; aber davon wollten Billy und sein Herr nichts hören. »Was soll dabei herauskommen?« sagte der Besitzer. »Sie können doch nicht das Herz einer Brieftaube kaufen. Sie könnten Arno wohl gefangen festhalten, aber weiter nichts; den alten Schlag, wo er aufgewachsen ist, zu vergessen, dazu könnte ihn nichts in der Welt bringen.« So blieb Arno, wo er ausgebrütet worden war, doch der Bankier vergaß ihn nicht.

Wie in anderen Ländern, gibt es auch in den Vereinigten Staaten bubenhafte Menschen, die eine fliegende Taube für ein gutes Wild halten, weil sie wahrscheinlich ihr heim in der Ferne hat, oder weil sie meinen, ihr Vergehen könne ihnen nicht leicht nachgewiesen werden. So mancher edle Flieger, der mit einer Botschaft auf Leben und Tod dahineilte, fiel der Kugel eines solchen Elenden zum Opfer und mußte ihm zum schnöden Gaumenkitzel dienen. So fiel Arnos Bruder Arnolf, der drei schöne Ehrendiplome auf seinen Schwanzfedern aufweisen konnte, während er gerade einen Eilbrief mit der dringenden Bitte um schleunige ärztliche Hilfe beförderte, der Kugel zum Opfer. Als er todwund vor den Füßen des Schützen niederfiel, breitete er seine Flügel aus und gab dabei von seinen siegreichen Taten Kunde. Bei diesem Angriff ergriff den Schützen die Reue. Den Brief ließ er an den Ort seiner Bestimmung tragen, und den toten Vogel brachte er zu dem Brieftaubenklub, dessen silbernes Fußband er bemerkt hatte, und erklärte, er habe ihn gefunden. Der Eigentümer stellte sich ein, worauf man den Überbringer in scharfes Verhör nahm und schließlich zu dem Geständnis brachte, er habe die Taube selbst geschossen, aber nur seinem armen kranken Nachbarn zuliebe, der sich nach einer Taubensuppe sehnte.

Tränen mischten sich in den Zorn des Taubenbesitzers. »Mein Vogel, mein schöner Arnolf, zwanzigmal hat er mir die wichtigsten Botschaften gebracht, dreimal Preise gewonnen, zweimal Menschenleben gerettet, und Sie knallen ihn um einer Suppe willen herunter. Ich könnte Sie vor Gericht bringen, aber solche ärmliche Rache ist nicht nach meinem Sinn. Nur das sage ich Ihnen, wenn Sie je wieder einen kranken Nachbarn haben, der sich nach Taubensuppen sehnt, so kommen Sie her, wir wollen Ihnen gern junge Tauben dazu geben, soviel Sie wollen; wenn Sie aber nur eine Spur von Mannhaftigkeit besitzen, so werden Sie nie, nie wieder auf die unvergleichlichen, edlem Dienste gewidmeten Brieftauben schießen oder schießen lassen.«

Während dies vor sich ging, befand sich zufällig der Bankier, dessen Herz so warm für die Brieftauben schlug, im Taubenschlage. Er war ein Mann von Einfluß, dem es gelang, die bekannten Taubenschutzgesetze des Staates Neuyork ins Leben zu rufen.

IV.

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Billy war niemals ein Freund der großen Blauen, der Eckkiste, gewesen, und wenn sie auch weiter in den Listen des Brieftaubenklubs geführt wurde, so war doch nach seiner Meinung nicht viel mit ihr los. Auf dem Dampfer hatte sie sich als feig erwiesen, und auf alle Fälle war sie zänkisch und unverträglich.

Als Billy eines Morgens hereinkam, gab es eine große Rauferei. Zwei Tauben, eine große und eine kleine, umklammerten sich und hieben aufeinander ein, daß die Federn flogen und alles voll Staub und Getümmel war. Sobald er sie voneinander gebracht hatte, sah Billy, daß es Arno und die blaue Eckkiste waren. Der Kleine hatte sein möglichstes getan, aber der Gegner, der ihn an Schwere um die Hälfte übertraf, war ihm überlegen.

Bald konnte man auch sehen, worum sie sich gestritten hatten; es war ein hübsches, kleines Brieftaubenfräulein von der reinsten Rasse. Der große blaue Tauber hatte wegen seiner zänkischen Neigungen immer auf schlechtem Fuße mit Arno gestanden, aber erst die kleine Dame hatte sie zu tödlichem Kampf aneinander gebracht. Billy durfte der großen Blauen nicht den Hals umdrehen, er griff aber, soviel er konnte, zugunsten seines Lieblings ein.

Taubenverbindungen werden in sehr einfacher Weise eingeleitet. Man bringt das erwählte Paar eine Zeitlang zusammen und überläßt das Weitere der Natur. So schloß auch Billy Arno und die kleine Taube in eine besondere Abteilung zwei Wochen lang zusammen und machte es, um ganz sicher zu gehen, mit dem blauen Tauber und einem anderen verfügbaren Taubenfräulein ebenso. Der Verlauf der Dinge war der erwartete. Die beiden Paare fanden sich zusammen, und bald begann hier wie dort der Bau eines Nestes. Aber die blaue Eckkiste war sehr groß und schön. Sie konnte ihren Kropf aufblasen und in der Sonne einherstolzieren und ihren Hals ringsherum in Regenbogenfarben schillern lassen in einer Weise, daß das sprödeste Taubenherz bewegt werden mußte.

Arno war wohl verhältnismäßig kräftig gebaut, aber klein und, von seinen glänzenden Augen abgesehen, ohne besondere körperliche Vorzüge. Überdies wurde er oft wichtiger Geschäfte halber ausgesandt, während der große Blaue nichts weiter zu tun hatte, als einherzustolzieren und seine müßigen Schwingen im Sonnenlicht spielen zu lassen.

Die Sittenlehrer weisen gern auf niedere Tiere, insbesondere auch auf die Taube, hin, wenn sie ihren Mitmenschen Beispiele von Liebe und Treue vor Augen stellen wollen, und das mit Recht; aber ach, es gibt auch da Ausnahmen.

Arnos Weibchen hatte von vornherein Zuneigung zu dem großen blauen Tauber empfunden, und schließlich trat wirklich, als Arno wieder einmal ausgeflogen war, das Gefürchtete ein.

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Als er eines Tages aus Boston heimkehrte, mußte er sehen, wie sein blauer Nebenbuhler, während er sein altes Nest in der Eckkiste beibehielt, auch sein, Arnos, Nest und Weibchen mit Beschlag belegt hatte. Die Folge war ein verzweifelter Kampf. Die einzigen Zeugen waren die beiden Weibchen, die mit kühler Gleichgültigkeit zuschauten. Arno gebrauchte tapfer seine berühmten Schwingen, die aber dadurch, daß sie jetzt von zwanzig Siegen zeugten, keine besseren Waffen wurden. Sein Schnabel und seine Füße waren, wie es sich für ein Rassetier geziemte, klein, und sein starkes, kleines Herz konnte das größere Gewicht des Gegners nicht aufwiegen. So wandte sich das Kampfglück gegen ihn. Sein Weibchen rührte sich nicht, als gehe es die Sache gar nichts an, und es wäre vielleicht mit Arno aus gewesen, hätte sich nicht noch zur rechten Zeit Billy eingestellt. In seinem Ärger hätte er der Blauen diesmal den Hals umgedreht, aber es gelang ihr noch, sich ins Freie zu retten. Billy pflegte seinen Liebling sorgfältig ein paar Tage lang. Nach einer Woche war Arno wiederhergestellt, und nach zehn Tagen befand er sich schon wieder unterwegs. Seinem treulosen Weibchen hatte er offenbar vergeben, wenigstens teilte er mit ihr sein Nest wie zuvor.

Gerade in diesem Monat fügte er seinem Lorbeerkranz zwei neue Blätter hinzu. In acht Minuten trug er seine Botschaft sechzehn Kilometer weit, und er machte den Weg von Boston nach Neuyork in vier Stunden. Beständig trieb ihn bei diesen Meisterflügen die übermäßige, leidenschaftliche Heimatliebe vorwärts. Aber was er in der Heimat vorfand, war kränkend genug, denn sein Weibchen hatte sich wieder mit dem blauen Tauber eingelassen.

Trotz seiner Müdigkeit stürzte er sich sofort auf seinen Nebenbuhler, ein neuer Zweikampf fand statt, der wieder für Arno verhängnisvoll geworden wäre – ohne Billys Dazwischentreten. Dieser trennte die Kämpfer und schloß die Blaue in einem besonderen Verschlag ein, entschlossen, sie irgendwie endgültig beiseite zu schaffen.

Inzwischen kam die Zeit für das angesetzte Wettfliegen von Chikago nach Neuyork, d. h. fast fünfzehnhundert Kilometer weit, heran. Arno war schon vor sechs Monaten angemeldet und der bestimmte Einsatz für ihn bezahlt worden; er mußte also trotz seiner häuslichen Wirren auf jeden Fall teilnehmen.

Auf der Bahn wurden die Vögel nach Chikago gebracht und dort in Zwischenräumen nach Maßgabe ihrer Flugfertigkeit, aber in umgekehrter Reihenfolge, losgelassen; Arno war der letzte. Unverzüglich stiegen sie auf, und unweit von Chikago sammelte sich eine Schar dieser ersten Flieger des Landes, um auf der gleichen, unsichtbaren Straße einen Wettflug auszuführen. Eine Brieftaube kann, von ihrem Richtungssinn geleitet, in gerader Linie vorwärtsfliegen; kommen ihr aber dabei bekannte Punkte zu Gesicht, so hält sie sich lieber an die ihr schon vertrauten Spuren. Die meisten Wettflieger kannten bereits den Heimweg von den Städten Columbus und Buffalo nach Neuyork. Arno war ebenfalls schon von Columbus nach Neuyork geflogen, aber auch schon von Detroit; den letzteren Weg zog er vor, und als er den Michigan-See im Rücken hatte, steuerte er stracks auf Detroit zu. So machte er den Vorsprung der anderen weit und gewann eine ganze Reihe von Kilometern. Detroit, Buffalo, Rochester mit ihren bekannten Türmen und Schornsteinen schwanden hinter ihm, und Syracuse war nah. Es war Mittag; fast tausend Kilometer hatte er in zwölf Stunden durchmessen und war zweifellos allen voraus, da überfiel ihn der gewöhnliche Fliegerdurst mit unwiderstehlicher Macht. Wie er über die Stadt hinstrich, bemerkte er einen Taubenschlag. In ein paar großen Kreisen ließ er sich nieder, folgte den im Schlag einfallenden Tauben und stillte in gierigen Zügen seinen Durst am Wassertrog, wie er es oft getan hatte, und wie es jeder Taubenfreund gastfreundschaftlich den fremden Brieftauben gönnt. Zufällig war der Eigentümer zugegen, er bemerkte den kleinen Fremdling und trat leise näher, um ihn genauer betrachten zu können. Eine von seinen Tauben wandte sich gerade gegen Arno und machte diesem den Platz streitig, und Arno, der sich seitlich gegen die Neidische stellte und dabei nach Taubenart den einen Flügel entfaltete, enthüllte dabei das lange Verzeichnis seiner Ruhmestaten. Der Mann war ein leidenschaftlicher Taubenzüchter; sein Interesse war erregt, er zog an der Schiebschnur, die Flugöffnung schloß sich und Arno war gefangen.

Der Räuber breitete nun in aller Muße die Flügel aus, las staunend einen Triumph nach dem andern, warf dann einen Blick auf das silberne Fußband, das Namen und Nummer trug, und rief: »Arno, Arno! O, ich habe von dir gehört, du kleines Juwel, und ich freue mich, dich fest zu haben.« Dann schnitt er die Rolle von den Schwanzfedern, entfaltete sie und las: »Arno hat heute morgen um vier Uhr Chikago verlassen – Wettflug Chikago–Neuyork.«

»Tausend Kilometer in zwölf Stunden! Beim Himmel, das ist noch nicht dagewesen.« Und der Taubendieb setzte den flatternden Vogel vorsichtig, fast ehrerbietig, in einen gepolsterten Käfig. »Ja,« sagte er, »ich weiß wohl, es wäre vergeblich, dich dauernd hier halten zu wollen, aber ich kann Junge von dir erzielen und meine Rasse verbessern.«

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So war Arno in einem großen, bequemen Taubenschlage mit verschiedenen andern Gefangenen eingeschlossen. Der Besitzer war wohl ein unehrlicher Mensch, aber ein Taubenfreund und ließ es daher im übrigen seinem Häftling an nichts fehlen. Drei Monate ließ er ihn aber nicht aus dem Schlag. Zuerst tat Arno den ganzen Tag nichts, als daß er am Drahtgitter auf und ab ging und beständig nach irgendeiner Öffnung ausschaute, durch die er zur Freiheit und Heimat gelangen könnte; im vierten Monat schien er jedoch die Hoffnung und den Versuch aufgegeben zu haben, und sein Kerkermeister, der ihn nicht aus den Augen ließ, schritt dazu, den zweiten Teil seines Planes auszuführen. Er gesellte seinem Gefangenen ein junges, anziehendes Taubenfräulein zu. Aber es schien vergebens; Arno verhielt sich nicht einmal höflich gegen sie. Nach einer Weile wurde die Taube wieder weggenommen und Arno noch einen Monat allein gelassen. Jetzt brachte man ein anderes Täublein zu ihm, aber mit keinem besseren Erfolg, und so ging die Sache ein Jahr lang fort, Arno ließ sich durch keinen Reiz locken; entweder wies er die Unwillkommene heftig zurück, oder er zeigte eine empörende Gleichgültigkeit, und manchmal kam das alte Verlangen nach der Heimat mit doppelter Gewalt über ihn, so daß er vor dem Drahtfenster auf und nieder schoß oder mit Heftigkeit darauf losstürzte.

Als seine Schwungfedern sich zu mausern begannen, hob sie sein Kerkermeister als kostbare Besitztümer auf und trug sorgfältig auf jeder hervorsprießenden Ersatzfeder den entsprechenden Bericht von Arnos Siegen ein.

So strichen langsam zwei Jahre dahin, und der Kerkermeister hatte Arno in einen neuen Schlag gebracht und ihm eine neue Gefährtin zugesellt. Der Zufall wollte, daß diese der Treulosen daheim sehr ähnlich war. Arno zeigte daher keine feindseligen Gefühle gegen die neue Artgenossin. Einmal glaubte der Taubenzüchter zu bemerken, daß sein berühmter Gefangener der Verlockerin einige Beachtung schenke, und wirklich, sie fing schon an, ein Nest zu bauen. Da nahm er an, das Paar sei zu vollem Einverständnis gekommen; zum erstenmal seit zwei Jahren ließ er das Flugloch offen, und Arno war frei. War er im Zweifel, was er tun sollte? Zögerte er? Nein, nicht einen Augenblick. Sobald der Schieber oben war und sein Auge frei in den Gesichtskreis tauchte, schoß er hindurch, breitete seine ruhmgezeichneten Flügel aus, und ohne der letzten Circe auch nur noch einen Blick zu schenken, entfloh er dem verhaßten Gefängnis – fort und immer weiter fort!

V.

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Wir vermögen nicht, in einer Taubenseele zu lesen; wir mögen fehlgehen, wenn wir ihr tiefgehende Liebes- und Heimatsgedanken zuschreiben, aber das ist sicher, wir können nicht zu stark schildern, nicht zu hoch preisen und rühmen den wunderbaren, von Natur angeborenen und vom Züchter weiter entwickelten Heimatssinn, der unstillbar in diesem edlen Tiere lebt. Nenne ihn, wie du willst, einen bloßen Naturtrieb, der vom Menschen absichtlich für seine selbstischen Zwecke entwickelt ist, erkläre ihn meinethalben weg, zergliedere und zerfasere ihn, und doch bleibt er bestehen mit überwältigender, unvertilgbarer Übermacht, solange noch das tapfere, kleine Herz und die Flügel sich regen können.

Heim, Heim, süßes Heim! Nie beseelte einen Menschen stärkere Heimatsliebe als unsern kleinen Helden. Die Qualen und Sorgen seines häuslichen Lebens waren vergessen in jener allbeherrschenden Kraft seiner Natur. Nicht jahrelanges Gefängnis, nicht die neue Liebe, nicht Furcht vor dem Tode konnte sie dämpfen, und hätte Arno die Gabe des Gesanges besessen, sicher hätte er wie ein Held im Augenblick seines höchsten Triumphes ein Jubellied angestimmt, als er vom Flugbrett sprang und im Kreise emporstieg, frei die Schwingen hebend, von dem einzigen Triebe erfüllt, der ihn zum Ruhme führte, hinauf, hinauf, in weiteren, höheren Kreisen, die sich graublau im Blau abzeichneten, seine ruhmreichen, blenden weißen Schwingen schlagend, bis sie wie kleine, blitzende Punkte erschienen, – auf und nieder. So ging's der Heimat zu, ihr und ihr allein treu und ergeben, mit geschlossenen Augen, sagt man, mit geschlossenen Ohren, heißt es, mit geschlossenem Sinn, müssen wir glauben, vor allem, was ihm näher liegt, vor zwei Lebensjahren, vor der halben Dauer seiner Lebensblüte, doch im Blau sich wiegend, in sein Selbst sich versenkend wie ein frommer Einsiedler und ganz dem innersten Herzenstriebe folgend. Arno war der Kapitän des Schiffes, aber Lotse, Seekarte und Kompaß, all das war jener tiefgepflanzte Naturtrieb. Als er zweihundert Meter über den Bäumen schwebte, da sprach die leise, verborgene Stimme in seinem Innern, und wie ein trefflich entsandter Pfeil flog nun Arno nach Süd-Süd-Ost. Die kleinen Lichtpunkte der beseelten Schwingen verloren sich in der Höhe, und der Taubendieb von Syracuse sah seinen Häftling nie wieder.

Der Schnellzug stampfte das Tal entlang, weit, weit vor Arno, aber dieser erreichte und überholte ihn, wie die Wildente die schwimmende Bisamratte. Hoch über den Tälern und niedrig über den Bergen von Chenango, wo der Ostwind den stolzragenden Fichten Kühlung zufächelte, strich er hin.

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Von seiner Eichbaumwarte kam ein Habicht rudernd und segelnd still daher, denn er hatte den Flieger eräugt und ersah ihn zur Beute. Arno wich nicht rechts noch links, nicht nach oben noch nach unten, nicht einen Flügelschlag verlor er. Der Habicht wartete auf ihn in der unendlichen Weite da vorn, und Arno flog an ihm vorüber wie ein Hirsch in der Vollkraft seiner Schenkel an dem Bären auf seinem Wege, heimwärts, heimwärts! Das war der einzige brennende Gedanke, der gegen alles blind machende Trieb.

Klatsch, klatsch, klatsch gingen nun die schimmernden Flügel in ungehemmtem Schlage auf der jetzt vertrauten Straße. In einer Stunde waren die Catskill-Berge da, in zwei Stunden waren sie hinter ihm. Altbekannte, freundliche Orte, die nun schnell herankamen, beflügelten noch mehr die eilenden Schwingen. Nach Hause! Nach Hause! war der stumme Sang seines Herzens. Wie der verdurstende Reisende die fern lockenden Palmen, sogen seine schimmernden Augen den Dunst über dem fernen Neuyork ein.

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Vom Rücken der Catskills segelte ein Wanderfalke. Im Vollgefühl seiner Stärke und seiner Schnelligkeit, die von keinem Raubvogel erreicht werden, frohlockte er beim Anblick der würdigen Beute. Wie viele Tauben hatte er schon zu Horste getragen! Und so kam er mit dem Winde, fegend, seine Kraft zurückhaltend, des rechten Augenblicks gewärtig! Hernieder, wie ein blitzender Wurfspieß – keine Wildente, kein Habicht konnte ihm entgehen, denn er war ein Falke! Zurück nun, Flieger, rette dich, umgehe die gefährlichen Felsen! Wendet er den Flug? Nicht einen Deut! Wie könnte Arno das tun? Heimwärts! Heimwärts! Heimwärts! war sein einziger Gedanke. Nur seine Schnelligkeit steigert er, um der Gefahr zu entgehen, und der Falke senkt sich hernieder, senkt sich worauf? – dort huscht etwas Blitzendes, Farbiges, etwas Blinkendes, Schneeiges, – und der stolze Falke wendet sich mit leeren Fängen zurück, während Arno die Luft des Tales durchschneidet wie ein Stein, der der Schleuder auf Nimmerwiedersehn entflieht, ein weißbeschwingter Vogel, ein Fleck mit blitzenden Punkten und bald ein entschwundener Schatten. Vorwärts, das traute Hudsontal, die vieldurchflogene Straße hinab. Jetzt fliegt er niedriger, da der Mittagswind sich hebt und die Stromeswellen unter ihm kräuseln: Heimwärts! Heimwärts! Heimwärts! Schon kommen in der blauen Ferne die Türme der Großstadt in Sicht! Heimwärts! Heimwärts! Bei der großen, hochgeschwungenen Brücke von Poughkeepsie vorüber, tief am Ufer hin, wo der Wind sich hebt. Ach, nur zu tief! Welcher böse Gedanke treibt den Schützen, dort am Hügelrande im Juni herumzulungern, und läßt sein Auge auf das schimmernde Weiß fallen, das dort von Norden her das Blau durchmißt? O, Arno, Arno, wenn du so niedrig streichst, erinnerst du dich da nicht an den Jäger von einst? Zu tief, zu tief nimmst du den Hügel da. Zu tief – zu spät! Puff-bang! und der tödliche Hagel hat ihn erreicht, getroffen, verstümmelt, aber nicht bezwungen. Zerbrochen flattern die gezeichneten Schwungfedern der Erde zu. Die Null ist aus seinem Seeflugbericht verschwunden; nicht mehr dreihundertsechzig Kilometer, sondern sechsunddreißig steht darauf zu lesen. O schändliche Unbill! Ein dunkler Fleck erscheint auf seiner Brust, aber Arno läßt sich dadurch nicht abhalten. Immer weiter geht der Heimflug, doch die wunderbare Schnelligkeit hat sich gemindert, kaum anderthalb Kilometer legt er noch in der Minute zurück, und der Wind rauscht und raschelt jetzt ganz anders in den zerzausten Schwingen. Der Fleck auf seiner Brust zeugt von gebrochener Kraft, aber vorwärts und geradeaus geht sein Flug. Die Heimat, die Heimat liegt vor seinen Augen, und vergessen ist aller Schmerz. Die hohen Türme Newyorks sieht sein scharfes Auge dort deutlich liegen, als er über die Klippen von Jersey streicht. Vorwärts, vorwärts – mag die Schwinge herabhängen, mag das Auge dunkler werden, der Trieb nach Hause wird nur immer mächtiger. Unter den hohen Klippen, die ihn vom Winde schützen, fliegt er dahin, über die blitzenden Wellen, über die Bäume und dort jetzt unter dem Falkenhorst, wo die grauen, grimmen Lufträuber horsten; wie Wegelagerer spähen sie nach allen Seiten und bemerken die einsame Taube. Arno kannte sie schon von früher. So manche Botschaft seiner Kameraden lag unbestellt in jenem Neste, so manche lorbeergeschmückte Feder war von dort herniedergeflattert. Aber Arno hatte sich ihnen früher gewachsen gezeigt, und jetzt kam er wie früher – vorwärts, vorwärts, schnell, aber nicht so schnell wie sonst; das tödliche Blei hat seine Kraft gelähmt und seine Schnelligkeit gemindert. Vorwärts, vorwärts, und die beiden Falken, die den rechten Augenblick abgepaßt haben, schießen vorwärts wie zwei Armbrustbolzen, stark und blitzschnell, gegen den einen, der schwach und matt ist.

Was soll ich von der Hetzjagd sagen, die jetzt stattfand? Wie soll ich die Verzweiflung malen, die das tapfere, kleine Herz angesichts der, vergebens, ach so sehr ersehnten Heimat zerriß? In einer Minute war alles vorüber. Triumphierend kreischten die Falken. Kreischend und flügelschlagend schwangen sie sich in ihren Horst, und die Beute in ihren Krallen war der Körper, war das letzte, was von unserm glanzvollen, kleinen Arno übrig war. Dort in ihrem Felsennest röteten sich Schnabel und Krallen der Räuber von dem Blute des Helden. In Stücke gerissen wurden die unvergleichlichen Schwingen, und ihre Siegeskunde unbeachtet zerstreut. Im Sonnenschein wie im Regen lagen sie dort, bis die Räuber selbst ihr verdientes Schicksal traf, und Flintenkugeln in ihrem Horst aufräumten. Und niemand wußte, welches Schicksal den unvergleichlichen kleinen Flieger getroffen hatte, bis die Ersteiger des Horstes tief unter dem Staub und Schutt des Piratennestes unter anderem dieser Art einen silbernen Ring, das Wahrzeichen der Rassebrieftauben, fanden und darauf die vielsagende Inschrift lasen:

»Arno, 2590 C.«

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