Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Ernest Thompson Seton: Tierhelden - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/seton/tierheld/tierheld.xml
typenarrative
authorErnest Thompson Seton
titleTierhelden
publisherKosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
printrun39. Auflage
year1922
translatorMax Pannwitz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130109
projectidaf588633
Schließen

Navigation:

Die Müllkatze.

Das erste Leben.

I.

.

»M–i–l–z und L–e–b–e–r!« tönte es schrill die Scrimperstraße in Neuyork herunter. Sicher war der buntscheckig gekleidete Rattenfänger von Hameln da, denn alle Katzen aus der Nachbarschaft schien der bekannte Klang zauberhaft anzulocken, während die Hunde eine verächtliche Gleichgültigkeit zur Schau trugen.

»Milz und Leber!« hörte man's jetzt noch lauter und nun kam auch der Kern der Sache zum Vorschein: ein unansehnlicher, schmutziger, kleiner Mann mit einem Schubkarren; hinter ihm drängten sich ein paar Dutzend Katzen, die seinen Ruf mit einer dem ersten Wort ganz ähnlich klingenden Stimmübung begleiteten. Alle fünfzig Schritt, das heißt, sobald sich wieder ein Haufen Katzen gesammelt hatte, machte der Karren halt. Der Mann mit der Zauberstimme nahm aus dem Behälter seines Karrens einen Fleischspieß, an dem Stücke stark riechender, gekochter Leber hingen, und schob mit einem langen Stock die Stücke herunter. Jede Katze nahm eins, machte kehrt und eilte mit ein wenig gesenkten Ohren, mit leichtem Tigergeheul und tigerähnlichem Blick davon, um ihre Beute an irgendeinem sicheren Zufluchtsort zu verschlingen.

»Milz und Leber!« Und immer noch kamen sie, ihr Teil zu ergattern. Alle waren dem Fleischmann wohlbekannt. Das war Castigliones Tiger, jenes Jones Schwarze, hier Palitzkys Schecke und dort Frau Dantons Weiße. Während sich hier Blenkenschoffs Malteserin am Karrenrad rieb, kroch dort in den Karren Sägers alter Goldpeter, ein unverschämter Spitzbube, bei dem von einer Geldvergütung durch seinen Herrn nie die Rede war – sie alle mußte er im Gedächtnis behalten und in Rechnung stellen. Der Herr der einen war ein sicherer Zahler, vierzig Pfennig die Woche, der der anderen ein unsicherer. John Waschis Katze da drüben kriegte nur eine kleine Portion, denn John hatte noch bedenklich viel auf dem Kerbholz. Dagegen fiel für den Wirtskater, den man an seinem weißen Halskragen und seinem gestreiften Felle erkannte, ein besonders großes Stück ab, da der freigebiger Mann war. Ebensogut ging es der Schutzmannskatze; sie brachte zwar keinen Heller ein, wurde aber doch mit besonderer Rücksicht behandelt, weil dem Fleischmann das gleiche von ihrem Herrn widerfuhr.

Eine schwarze Katze mit weißer Nase kam vertrauensvoll mit den andern gelaufen, wurde aber unbarmherzig zurückgewiesen. Ach, Mieze konnte das nicht verstehen. Seit Monaten war der Schubkarren ihre Nährmutter gewesen; warum nun diese Unfreundlichkeit? Das ging über ihr Begriffsvermögen; aber der Fleischmann wußte wohl, warum: ihre Herrin bezahlte eben nicht mehr. Zwar hatte der lahme Peter seine Runden nicht im Buch, sondern nur im Kopfe, aber dieser war ganz untrüglich.

.

Außer diesen oberen »Vierhundert« in unmittelbarer Nähe der Karre hielten sich andere etwas weiter weg, weil sie nicht auf der Liste, auf der gesellschaftlichen Rangliste sozusagen, standen; aber der köstliche Duft und die entfernte Möglichkeit, glücklich ein Abfallstück zu erwischen, hielten sie fest. Unter diesen Mitläufern befand sich eine schmächtige Graue, die, von keiner Menschenseele versorgt, auf eigenen Erwerb angewiesen war, wie man schon aus ihren eingefallenen Seiten und ihrem nicht ganz sauberen Fell erkennen konnte. Auf den ersten Blick sah man, daß sie in irgendeinem Winkel bei der Müllgrube hauste. Während sie mit einem Auge unablässig nach den vornehmeren Genossinnen schielte, lugte das andere nach etwaigen Hunden aus. Sie sah die Glücklichen eine nach der anderen mit ihren köstlichen Tageszuteilung und mit ihrer Tigermiene davonschleichen, aber keine Aussicht, selbst etwas abzubekommen, bis ein mächtiger Kater ihrer Klasse auf eine von den Kostgängerinnen lossprang, um ihr einen Teil abzunehmen. Die Angegriffene ließ ihr Fleisch fallen, um sich gegen den Angreifer zur Wehr zu setzen, und ehe irgend jemand eingreifen konnte, hatte die Graue die Gelegenheit wahrgenommen, die Beute gepackt und sich in Sicherheit gebracht.

.

Durch das Loch in Menzels Nebentür ging ihr Weg über die Hintermauer; dann setzte sie sich hin und verschlang das Stück Leber, leckte sich den Bart ab, empfand das Gefühl vollkommener Glückseligkeit und begab sich auf Umwegen nach dem verlorenen Hinterhof, wo ihre Jungen in der Tiefe einer alten Kiste ihrer harrten. Ein klägliches Miauen erreichte ihre Ohren. Mit verdoppelter Eile strebte sie der Kiste zu und sah, wie ein mächtiger schwarzer Kater kaltblütig ihre Brut vertilgte. War er auch zweimal so groß wie sie, so griff sie ihn doch unverzüglich mit aller Kraft an, und er machte es, wie die meisten Tiere, wenn man sie bei unrechtem Tun ertappt, er wandte sich und rannte davon. Nur eins war noch übrig, ein kleines Ding, das seiner Mutter gleichsah, nur lebhafter gefärbt war, grau mit schwarzen Tupfen und einem weißen Fleckchen an der Nase, den Ohren und der Schwanzspitze.

Natürlich war die Mutter ein paar Tage lang gramerfüllt, aber das verlor sich, und alle ihre mütterliche Fürsorge galt nun dem Überlebenden. Daß der kannibalische alte Kater nichts weniger als wohlwollende Absichten hegte, daran ist kein Zweifel; aber er erwies sich doch als ein verkappter Wohltäter, denn die Alte wie ihr Junges gediehen offensichtlich seit dem Familientrauerspiel. Die Sorge um das tägliche Brot war nicht mehr so aufreibend. Allerdings hatte unsere Graue beim Fleischmann selten Glück, aber es fehlte nicht an Müll- oder Abfallkästen; und enthielten sie einmal keine Fleischreste, so waren doch sicher wenigstens Kartoffelschalen darin, die dazu dienen konnten, den Hunger einen Tag lang fernzuhalten.

Eines Abends spürte Mutter Katze einen wundervollen Geruch, der vom Meeresstrande des Neuyork im Osten begrenzenden und von Brooklyn trennenden Meeresteils, des East River, am Ende der Gasse herkam. Ein neuer Geruch muß immer untersucht werden, und ist er nicht nur neu, sondern auch anziehend, so bleibt für Mieze nur ein Weg übrig. Er führte sie zu den Docks hin und dann hinaus auf die Werft, von jeder Deckung, außer der durch die Dunkelheit, fort. Ein plötzliches Geräusch, ein Gebell und ein Getrappel brachte ihr im nächsten Augenblick zum Bewußtsein, daß ihr alter Feind, der Werfthund, ihr den Weg abgeschnitten hatte. Es blieb ihr nur eine Möglichkeit des Entkommens übrig. Von der Werft sprang sie auf das Fahrzeug, von dem der Geruch kam. Auf diesem Wege konnte der Hund nicht folgen, und als das Fischerboot am nächsten Morgen absegelte, war Mieze als unfreiwilliger und blinder Mitreisender dabei und wurde nicht mehr gesehen.

 

II.

.

Das junge Kätzchen wartete vergebens auf seine Mutter. Der Morgen kam und verging; der Hunger meldete sich, und gegen Abend trieb es die Verwaiste unwiderstehlich dazu, nach Nahrung auszugehen. Sie kroch aus der alten Kiste, schlich geräuschlos zwischen dem alten Gerümpel vorwärts, roch an allem, was eßbar zu sein schien, fand aber nichts Genießbares.

Schließlich kam sie an eine Holztreppe, die hinunter zu Jap Malees Vogelhandlung im Kellergeschoß führte. Die Tür stand ein wenig offen, und sie schritt verwundert in eine Welt voll starker, merkwürdiger Gerüche und voll lebender Wesen, die sich ringsherum in Käfigen befanden. Ein Neger, der untätig auf der Kiste in der Ecke saß, sah den kleinen Fremdling eintreten und folgte ihm neugierig mit den Blicken. Miezchen kam bei ein paar Kaninchen vorbei, die es nicht beachteten. Es gelangte darauf zu einem Fuchskäfig mit weiten Gitterstäben. Der Herr im roten Frack befand sich in der äußersten Ecke. Jetzt kroch er leise mit glühenden Zügen näher. Schnüffelnd wanderte das Kätzchen bis zu dem Gitter, steckte sein Köpfchen hinein, schnüffelte wieder und wandte sich dem Futternapf zu, wurde aber sofort von dem schleichenden Fuchs gepackt. Ein entsetztes »Miau« ließ sich hören, aber ein einziges Schütteln schnitt den kläglichen Ton ab und hätte Miezchens zähem Leben mit einmal ein Ende gemacht, wäre nicht der Neger als Retter erschienen. Er hatte keine Waffe, konnte auch nicht in den Käfig hinein, aber er spie so energisch und mit solcher Fülle dem Fuchs ins Gesicht, daß dieser das Kätzchen fallen ließ und in seinen Winkel zurückkehrte, wo er mit blinzelnden, Furcht und Bosheit ausdrückenden Augen sitzen blieb. – Der Neger zog das Kätzchen heraus. Das unsanfte Schütteln des Raubtieres hatte es anscheinend betäubt, ihm jedenfalls viele Schmerzen gespart; es schien unverletzt, nur benommen zu sein. Eine Zeitlang drehte es sich sinnlos im Kreise herum, dann erholte es sich allmählich, und nach ein paar Minuten schnurrte es aus dem Schoß des Schwarzen, ohne sich durch die Rückkehr Jap Malees, des Vogelhändlers, irgendwie stören zu lassen.

Jap war kein Orientale, er war ein waschechtes Londoner Kind, das erst ein Jahrzehnt Neuyork durch seine Anwesenheit bereicherte; aber seine Augen bildeten so kleine, bescheidene Schlitze quer über seiner runden, flachen Gesichtsscheibe, daß sein Zuname völlig verdrängt worden war von dem sehr zutreffenden Spitznamen »Jap«(aner). Gegen die Vögel und Säugetiere, deren Verkauf ihm seinen Lebensunterhalt verschaffen sollte, war er nicht gerade unfreundlich, aber sein Hauptziel schwebte ihm immer vor Augen; er wußte genau, was er wollte, und darunter auch, daß er hungrige Kätzchen nicht brauchen konnte.

So gab der Neger der verirrten so viel zu fressen, als sie irgend zu sich nehmen konnte, trug sie dann zu einem abliegenden Häuserblock und warf sie dort in einen Hof, wo außer einem Müllhaufen altes Eisen und sonstiges Gerümpel lag.

 

III.

.

Eine volle Mahlzeit ist alles, was Mieze in zwei, drei Tagen nötig hat, und unter dem Einfluß der so aufgespeicherten Wärme und Kraft fühlten sich ihre Lebensgeister höchst angeregt. Sie schritt um die Haufen alten Eisens und sonstigen Krams herum und warf neugierige Blicke auf die Kanarienvogelkäfige, die weitab hoch oben an den Fenstern der umliegenden Häuser herabhingen. Sie lugten wißbegierig über die Zaunwände, bemerkte einen großen Hund, kroch lautlos wieder hinunter, machte ein geschütztes Plätzchen im vollen Sonnenschein ausfindig, legte sich hin und schlief eine Stunde lang. Ein leises Fauchen weckte sie, und vor ihr stand eine große, schwarze Katze mit glühenden, grünen Augen, dem starken Nacken und den viereckigen Kinnbacken, die den Kater kennzeichnen; eine Narbe lief über sein Gesicht, und sein linkes Ohr war zersetzt. Er schaute das Kätzchen mit nichts weniger als freundlichem Ausdruck an, seine Ohren legten sich ein wenig nach hinten, sein Schwanz wedelte hin und her, und ein leiser, tiefer Ton drang aus seiner Kehle. In voller Unschuld schritt das Kätzchen auf den Artgenossen, den es nicht wiedererkannte, zu. Er aber rieb sich die Seiten seiner Kinnbacken an einem Pfosten, kehrte langsam um und verschwand. Das letzte, was sie von ihm sah, war seine hin und her wedelnde Schweifspitze, und die kleine Heimatlose hatte keine Ahnung, daß sie heute dem Tode so knapp entgangen war, wie damals bei dem abenteuerlichen Eindringen in den Fuchskäfig.

Am Abend fing die Verlassene wieder an, Hunger zu empfinden. Sorgfältig prüfte sie den langen, unsichtbaren Luftstrom, aus dem der Wind gemacht ist. Den anziehendsten Hauch suchte sie sich aus und folgte ihm der Nase nach. In einem Winkel des Hofes lag ein Müllhaufen mit vielen Gemüse- und Kohlabfällen. Darunter fand sie etwas, das einigermaßen eßbar zu sein schien. Ein Wassereimer unter einem Leitungsrohr gab ihr Gelegenheit, ihren Durst zu löschen.

.

Die Nacht verwandte sie hauptsächlich zum herumstrolchen auf dem Hofe, auf dem sie sich bald heimisch fühlte. Den nächsten Tag verbrachte sie wie zuvor und schlief in der Sonne. So verging die Zeit. Manchmal fand sie ein gutes Mahl auf dem Müllhaufen, manchmal auch nichts. Einmal traf sie auch den schwarzen Kater dort, zog sich aber schnell zurück, ehe er sie bemerkte. Der Wassereimer war gewöhnlich an seinem Platz; sonst fanden sich wohl ein paar trübe Lachen nicht weit davon. Dagegen war der Abfallhaufen zu unverlässig; einmal ließ er sie drei Tage lang ohne Nahrung. Sie schlich an dem hohen Zaun entlang, fand ein kleines Loch, durch das sie kriechen konnte, und befand sich auf der offenen Straße. Das war eine neue Welt, aber ehe sie weit gekommen war, hörte sie etwas auf sich zustürzen; ein großer Hund kam herangesprungen, und Miezchen hatte kaum noch Zeit, durch das Zaunloch zu schlüpfen. Sie war entsetzlich hungrig und dabei froh, ein paar alte Kartoffelschalen zu finden, die das Nagen des Hungers etwas beschwichtigten. Am Morgen schlief sie nicht, sondern strich hungrig, Nahrung suchend, umher. Im Hofe schilpten ein paar Sperlinge, die Mieze zwar schon oft gesehen hatte, jetzt aber mit neuen Augen anblickte. Der scharfe Sporn des Hungers hatte den in ihr schlummernden wilden Jagdtrieb geweckt; sie wußte, diese Sperlinge waren Jagdtiere, waren geeignet, den Hunger zu stillen. Unwillkürlich strich sie von Deckung zu Deckung heran, aber die Schilper waren wachsam und flogen rechtzeitig davon. Nicht einmal, sondern viermal wiederholte sie den Versuch, aber das einzige Endergebnis war die Einreihung der Sperlinge in die Liste der eßbaren Gegenstände – wenn man sie kriegen konnte!

Am fünften Tage wagte sich die kleine Katze noch einmal auf die Straße, von dem verzweifelten verlangen nach Nahrung getrieben. Als sie fern von dem sicheren Hafen des Zaunlochs war, fingen ein paar kleine Knaben an, mit Steinen nach ihr zu werfen. Voll Angst lief sie fort; da tauchte ein Hund auf und jagte mit den Straßenjungen hinter der Geängsteten her, deren Lage gefährlich wurde. Doch zu ihrem Glück kam sie gerade an einem eisernen Zaun um ein Haus und drückte sich zwischen den Gitterstangen durch, als sie der Hund eben eingeholt hatte. Eine Frau am Fenster des Oberstockes rief dem Hund ein paar laute Worte zu, um ihn zurückzuscheuchen. Dann warfen die Kinder der Frau der Gejagten ein Stück Katzenfleisch hinunter, so daß sie das köstlichste Mahl in ihrem Leben hatte. Unter der Freitreppe fand sich ein sicheres Plätzchen, und dort saß sie geduldig, bis Mutter Nacht den Mantel der Ruhe über alles Lebendige bereitete; dann schlich sie sich wie ein Schatten in ihren gewohnten Müllwinkel zurück.

.

So gingen die Tage zwei Monate lang dahin. Mieze nahm an Größe und Kraft wie an genauer Kenntnis der nächsten Umgebung zu. Sie machte sich mit der ganzen Downey-Straße bekannt, wo lange Reihen von Müllkästen jeden Morgen neue Überraschungen brachten. Auch bildete sie sich ihre eigenen Gedanken über die Hauseigentümer. So war das große Gebäude für sie nicht eine römisch-katholische Missionsanstalt, sondern ein Ort, wo die feinsten Konservenbüchsen mit Hummer und Fisch zu finden waren. Bald machte sie auch die Bekanntschaft des Fleischmannes und schloß sich der Katzenschar an, die scheu den äußeren Kreis bildete. Auch den Werfthund nebst zwei oder drei anderen Vertretern derselben entsetzlichen Tierklasse lernte sie kennen; sie wußte, was sie von ihnen zu erwarten hätte, und wie sie ihnen am besten entgehen könnte. Dabei hatte sie das Glück, eine neue Erwerbsquelle zu finden. Viele tausend Katzen haben sicher schon hoffnungsvoll um die verführerischen Milchkannen gelungert, die der Milchmann in aller Frühe auf Treppenstufen und Fensterbretter stellt, und es war der reinste Zufall, daß unser Miezchen eine fand, deren Deckel entzwei war, so daß sie ihn heben und einen herzhaften Morgentrunk tun konnte. Milchflaschen freilich spotteten ihres Witzes, aber so manche Kanne hat einen Deckel, der nicht völlig schließt, und das Kätzchen ließ sich die Mühe nicht verdrießen, alle solche Kannen in ihrem Bezirk ausfindig zu machen. Allmählich dehnte sie diesen durch immer weiter reichende Streifen aus, bis sie auch den nächsten Häuserblock beherrschte und schließlich auch wieder zwischen die Fässer und Kisten des Hofes hinter der Vogelhandlung geriet.

Der alte Hof der Eisenhandlung war für sie niemals ein rechtes Heim gewesen, sie war sich dort immer wie eine Fremde vorgekommen, aber hier fühlte sie sich als Eigentümerin, und die Anwesenheit einer anderen kleinen Katze erregte ihren eifersüchtigen Groll. Sie trat ihr mit drohender Miene entgegen. Schon standen sich beide fauchend und spuckend gegenüber, als ein Eimer Wasser, den man ihnen von einem oberen Stockwerk über den Leib goß, sie gründlich durchnäßte und ihre Wut erheblich kühlte. Beide flüchteten sich, die andere über den Zaun und unsere Mieze unter dieselbe Kiste, wo sie das Licht der Welt erblickt hatte. Die ganze Umgebung hier, vor allem aber der Hof selbst, hatte es ihr angetan, weshalb sie ihn wieder zu ihrem Standort wählte. Zwar fand sich hier nicht mehr eßbarer Abfall als im bisherigen Hof, und Wasser fehlte ganz, aber dafür wurde er hin und wieder von Ratten und auch von Mäusen erster Güte aufgesucht; diese verschafften ihr nicht nur eine sehr schmackhafte Abwechslung in den Mahlzeiten, sondern unmittelbar auch einen Freund.

 

IV.

.

Jetzt war Mieze völlig ausgewachsen und stellte sich als ein überraschend schöner Vertreter der »getigerten« Katzenart dar. Sie hatte schwarze Tupfen auf hellgrauem Grunde, und die vier weißen Schönheitspflästerchen an Nase, Ohren und Schwanzspitze gaben ihr ein vornehmes Aussehen. Sie verstand es vorzüglich, ihren Lebensunterhalt zu erwerben, und doch gab es Tage, wo sie Not litt und wieder vergeblich versuchte, einen Sperling zu fangen. Sie lebte bisher ganz einsam, aber bald trat eine neue Macht in ihr Leben.

Eines Augusttages lag Mieze in der Sonne, als eine große schwarze Katze auf einer Mauer auf sie zukam; sie erkannte sofort den alten Kater an seinem zerfetzten Ohr und verkroch sich in ihre Kiste. Sie ging langsam seinen Weg fort, setzte mit leichtem Schwung auf einen Schuppen am Ende des Hofes und schritt quer über das Dach, als eine gelbe Katze auftauchte. Der schwarze Kater stierte und heulte sein Gegenüber an, der gelbe Kater tat das gleiche, während sie zugleich ihre Schwänze von einer Seite zur andern peitschten. In tiefen Kehltönen gaben sie ihren kriegerischen Gefühlen Ausdruck und schritten mit nach hinten gelegten Ohren und gespannten Muskeln aufeinander zu.

»Jau–jau–auh!« sagte der Schwarze.

»Wau–u–u!« lautete die etwas tiefer gestimmte Antwort.

»Ja–uau–uau–uauh!« sagte der Schwarze und rückte etwas näher.

»Wau–u–uh!« erwiderte der Gelbe, sich zu voller Höhe aufrichtend, und trat mit großer Würde ebenfalls näher. »Wau–uh!« und er rückte noch näher, während sein Schwanz pfeifend von rechts nach links flog.

»Ja–uau–jau–uh!« schrie der Schwarze, seine Stimme erhebend, und fuhr etwas zurück, als er die breite Brust so dicht vor sich sah.

Ringsum öffneten sich Fenster, und menschliche Stimmen wurden laut, aber das Katerschauspiel ging weiter.

»Jau–jau–auh!« grollte der Gelbe, die Stimme senkend, während die des Nebenbuhlers sich hob. »Jauuh!« fügte der Mongole, noch einen Schritt vorwärts machend, hinzu.

Jetzt waren ihre Nasen nur noch eine Handbreit voneinander entfernt, sie standen schräg gegeneinander, jede zum Krallen bereit, aber jede des gegnerischen Angriffs gewärtig. Drei Minuten lang starrten sie einander stumm und wie Bildsäulen an, nur daß die Schwänze in heftiger Bewegung von einer Seite zur andern flogen.

Dann fing der Gelbe wieder an: »Jau–au–auh!« sagte er in tiefem Tone.

»Je–e–e–e–eh!« zeterte der Schwarze, bemüht, durch sein Kriegsgeschrei Schrecken zu erregen, zog sich dabei aber um ein Weniges zurück.

Der Gelbe rückte dafür etwas heran; schon berührten sich die Barthaare, noch eine Annäherung, und fast trafen ihre Nasen aneinander.

»Ja–u–uh!« kam es aus der Schnauze des Gelben wie ein tiefer Seufzer.

»Je–e–e–e–e–eh!« gellte der Schwarze, zog sich aber etwas zurück, und jetzt stürzte sich der gelbe Kämpe wie besessen mit Zähnen und Krallen auf ihn.

Oh, wie sie rollten und bissen und kratzten, namentlich der Gelbe!

Oh, wie sie stießen und packten und drückten, namentlich der Gelbe!

Kopfüber, kopfunter, bald dieser oben, bald der andere, meist aber der Gelbe, und immer weiter rollte der kämpfende Knäuel das Dach hinab, bis er, unter Hurrarufen aus allen Fenstern am Rande angelangt, hinunterkugelte. Aber nicht eine Sekunde verloren sie bei diesem Fall auf den Hinterhof, beständig rissen und krallten sie einander beim hinabstürzen, besonders der Gelbe. Und als sie, immer noch kämpfend, den Boden berührten, war wieder der Gelbe oben, und als sie voneinander ließen, hatte jeder so viel abgekriegt, als er brauchte, namentlich aber der Schwarze! Er kletterte eine Wand hinauf und verschwand blutend und heulend vom Schauplatz, während von einem Fenster zum andern die Runde flog, Caileys »Neger« habe doch vor dem gelben Tom Fersengeld geben müssen.

.

Nun war der gelbe Tom entweder ein sehr findiges Tier, oder unsere Mieze versteckte sich nicht sehr sorgfältig, jedenfalls fand er sie zwischen den Kisten, und sie machte keinen Versuch zur Flucht, wahrscheinlich, weil sie Zeugin des Zweikampfes gewesen war. Nichts ist für das weibliche Herz verführerischer als kriegerischer Ruhm. Hinfort waren der gelbe Tom und Mieze die besten Freunde, nicht als ob sie ein gemeinsames Leben geführt und ihre Nahrung geteilt hätten – das kommt bei Katzen wenig vor –, aber sie erkannten einander doch besondere freundschaftliche Vorrechte zu.

 

V.

.

Der September war vorüber, und schon waren die kurzen Oktobertage angebrochen, als in der alten Katzenkiste ein besonderes Ereignis eintrat. Wäre der gelbe Tom erschienen, so hätte er fünf kleine Kätzchen in den Armen ihrer Mutter, unserer Müllkatze, zusammengerollt liegen sehen können. Es war etwas wunderbares für sie. Sie empfand den ganzen Stolz, den eine Tiermutter empfinden kann, und das ganze Entzücken, sie liebte die Kleinen und beleckte sie mit einer Zärtlichkeit, die sie selbst hätte in Erstaunen setzen müssen, hätte sie dergleichen Gedanken fassen können.

Es hatte sich ihr freudeloses Dasein mit Freude gefüllt, aber ihr schweres Teil von Sorge war dabei auch beträchtlich drückender geworden. Sie bedurfte jetzt ihrer ganzen Kraft, um den nötigen Lebensunterhalt herbeizuschaffen. Die Last steigerte sich noch, als ihre Jungen groß genug waren, um die Kisten herumzukriechen, was sie regelmäßig taten, als sie sechs Wochen alt waren. Daß Sorgen und Mühen stromweise kommen und das Glück tropfenweise, weiß man in der Welt der Hinterhöfe nur zu gut. Mieze hatte in zwei Hungertagen zwei Scharmützel mit Hunden und einen Steinhagel von Malees Neger zu bestehen gehabt. Dann drehte sich der Wind. Am nächsten Morgen fand sie eine volle Milchkanne ohne jeden Deckel, konnte einer Kostgängerin des Fleischmanns ihr Stück Leber abjagen und fand einen großen Fischkopf, und das alles innerhalb zweier Stunden. Eben war sie mit jener vollkommenen Befriedigung heimgekehrt, wie sie nur ein voller Magen verleiht, als sie ein kleines, braunes Geschöpf in ihrem Hinterhofe erblickte. Ihre Jagderinnerungen drängten sich mit voller Macht auf; sie wußte nicht, was das war, aber sie hatte verschiedene Male Mäuse getötet und verzehrt, und dies war offenbar eine riesige Maus mit gestutztem Schwanz und langen Ohren. Mieze stellte der großen Maus mit außerordentlicher, aber unnötiger Vorsicht nach, denn das kleine Kaninchen saß ruhig da und schaute vergnügt in die Welt hinein. Es machte gar keinen Versuch davonzulaufen, und Mieze sprang darauf los und packte es. Da sie keinen Hunger hatte, trug sie die neue Beute zu ihrer Wohnkiste und warf sie ihren Jungen vor. Das Tierchen war nur wenig verletzt, und da es nicht aus der Kiste hinauskonnte, verkroch es sich zwischen die Kätzchen. Als diese dann von der Mutter ihre Abendmahlzeit erhielten, zauderte der Fremdling nicht lange und wollte auch seinen Teil haben. Die Alte war überrascht. Der Jagdtrieb hatte sie angespornt, aber ihr satter Magen dem Kaninchen das Leben gerettet und dem mütterlichen Triebe Raum gegeben. Das Endergebnis war, daß das Kaninchen ein Glied der Familie und hinfort mit den Kätzchen gehütet und gefüttert wurde.

.

Zwei Wochen vergingen, die Kätzchen tummelten sich fleißig zwischen den Kisten umher, während das Kaninchen drin bleiben mußte. Als Jap Malee die Jungen im Hinterhof herumkriechen sah, sagte er dem Neger, er solle sie wegschießen. Das tat er denn auch eines Morgens mit einem kleinkalibrigen Gewehr. Eins nach dem andern hatte er erlegt und in den Spalten des Holzhaufens, auf dem sie herumgekrochen waren, verschwinden sehen. Da kam die Alte auf der Mauer mit einer Werftratte im Maule dahergelaufen. Der Schwarze hatte auch sie schießen wollen, besann sich aber beim Anblick der Ratte eines andern: eine Katze, die Ratten fing, verdiente zu leben. Es war zufällig ihre allererste Ratte, aber sie rettete sie vor dem sicheren Tode. Sie lief über den Holzhaufen ihrer Kiste zu und wunderte sich wahrscheinlich, daß sich dort kein Junges auf ihren Ruf einstellte, und das Kaninchen wollte von der Ratte nichts wissen. Mieze legte sich hin, das Kaninchen zu säugen, lockte aber dabei beständig die säumenden Jungen. Diesem Tone folgend, kroch der Neger geräuschlos bis zur Stelle und bemerkte, als er in die Kiste blickte, zu seinem größten Erstaunen darin die Alte, ein lebendiges Kaninchen und eine tote Ratte.

Die Katzenmutter legte ihre Ohren zurück und fauchte. Der Schwarze verschwand, aber eine Minute später wurde ein Brett auf die Öffnung der alten Kiste gelegt und diese mit allem, was tot oder lebendig darin war, in den Vogelkeller getragen.

»Sehen Sie, Herr, da ist das kleine Karnickel, das wir verloren haben. Die Alte hat's gestohlen und ihren Jungen zum Spielzeug gebracht,« rief der Neger.

Mieze und Kaninchen wurden vorsichtig in einen geräumigen Drahtkäfig gebracht und als glückliche Familie vorgezeigt, bis das kleine Nagetier nach ein paar Tagen krank wurde und starb.

Mieze gefiel es in dem Käfig ganz und gar nicht. Wohl hatte sie genug zu fressen und zu saufen, aber sie lechzte nach der freien Luft und würde auch wahrscheinlich nun »Freiheit oder Tod« erlangt haben, hätte sie nicht in den vier Tagen ihrer Gefangenschaft sich so gesäubert und geleckt, daß ihre außergewöhnlich schöne Färbung sichtbar wurde und Jap sich entschloß, sie zu behalten.

Das zweite Leben.

VI.

.

Jap Malee war eine so unredliche Krämerseele, wie sie nur je in einem Kellergeschoß mit billigen Kanarienvögeln gehandelt hat. Er war ganz mittellos, und der Neger hielt nur darum bei ihm aus, weil der »weiß Herr« mit ihm Tisch und Bett teilte und ihn auch sonst auf dem Fuße vollkommener Ebenbürtigkeit behandelte, was bei einem echten Amerikaner kaum je vorkommt. Jap war seinem eigenen Verständnis gemäß durchaus ehrlich, aber er hatte eben kein Verständnis dafür; und es war in der Nachbarschaft nicht unbekannt, daß er das meiste durch Unterbringung und Wiederzustellung gestohlener Hunde verdiente. Das halbe Dutzend Kanarienvögel war mehr ein Aushängeschild. Aber Jap war voll Glauben an sich selbst. »Ich sag' dir, Sam, mein Kerlchen, ich werd' noch mal mit vieren lang fahren,« sagte er gern, wenn ein kleiner Erfolg seine nicht allzu saubere, kleine Brust schwellte. Er war ehrgeizig in seiner schwächlichen, sprunghaften Weise, und manchmal kitzelte ihn der Wunsch, sich als Züchter bekanntzumachen. Ja, er hatte einmal die Kühnheit gehabt, eine Katze anzumelden für die »Knickerbocker-Hohe-Gesellschafts-Katzen- und Schoßtier-Ausstellung«, und verfolgte dabei drei nicht sehr klare Ziele: erstens wollte er seinem Ehrgeiz genugtun, zweitens sich beständigen freien Eintritt verschaffen, und drittens: »Wissen Sie, man muß doch die wertvollen Katzen kennen lernen, wissen Sie, wenn man Katzen züchten will.« Aber es war eine »Hohe-Gesellschafts-Ausstellung«, Jap hätte in die Gesellschaft eingeführt werden müssen, und sein erbärmliches, angebliches »halbpersisches Blut« wurde mit Verachtung zurückgewiesen. Die Zeitungsspalten unter »Verloren« und »Gefunden« waren die einzigen, die für Jap Interesse hatten, doch hatte er sich eine Angabe über »Züchtung zur Erzielung eines schönen Felles« ausgeschnitten und aufbewahrt. Der Ausschnitt zierte die Wand seines Kellergelasses, und unter seiner Anregung machte er ein der Müllkatze sehr grausam vorkommendes Experiment. Zuerst seifte er ihren schmutzigen Pelz mit einer Masse ein, welche die zwei oder drei Arten von Leibesschmarotzern, die sie mit sich herumtrug, vertilgen sollte, und als das geschehen war, wusch er sie trotz Zähnen, Krallen und Geheul gründlich mit Seife und warmem Wasser ab. Mieze war außer sich vor Mut und Entrüstung, aber ein warmer und wohltuender Glanz breitete sich über sie aus, als man sie in einem Käfig unweit des Ofens trocknen ließ, und ihr Fell blühte förmlich in wunderbarer Weichheit und Weiße. Jap und sein Gehilfe waren von dem Ergebnis hochbefriedigt, und Mieze hätte es selbst wohl auch sein sollen. Aber das war nur die Einleitung, der eigentliche Versuch kam nun erst.

»Nichts ist für die Züchtung eines schönen Felles so gut, wie reichliche, stark ölige Nahrung und dauernder Aufenthalt in kalter Temperatur,« hieß es in dem Ausschnitt. Der Winter war da, und Jap Males stellte Miezes Käfig in den Hof, wo er nur gegen Regen und direkten Wind geschützt war, und fütterte sie mit Ölkuchen und Fischköpfen, soviel sie davon nur hinunterbringen konnte. Schon nach einer Woche war eine große Änderung sichtbar. Mieze wurde schnell rund und glatt; hatte sie doch nichts zu tun als zu fressen, Fett anzusetzen und ihr Fell zu lecken. Ihr Käfig wurde rein gehalten, und das frostige Wetter und die ölhaltige Nahrung bewirkten ganz naturgemäß, daß Miezes Fell jeden Tag dichter und glänzender wurde. Was Wunder, daß sie zur Mittwinterzeit eine ungewöhnlich schöne Katze war im reichsten und schönsten Pelz und mit einem Muster, das zum mindesten kein gewöhnliches war. Jap war über das Ergebnis des Versuchs sehr erfreut, und da ihn schon ein geringer Erfolg mit den kühnsten Hoffnungen zu erfüllen pflegte, so träumte er von unvergänglichen Ruhmespfaden. Warum sollte er nicht die Katze auf die demnächst stattfindende Ausstellung schicken? Der Mißerfolg des vergangenen Jahres lehrte ihn aber Vorsicht, »'s geht nicht, weißt du, Sam, sie als Mistkatze einzuführen, weißt du,« bemerkte er zu seinem Gehilfen; »aber man kann's schon so einrichten, daß es den Knickerbockern gefällt! Nichts geht über'n guten Namen, weißt du. 's sollte so was sein wie ›Majestät‹, nichts wirkt bei den Knickerbockern mehr als was Majestät'sches. Nu, wie wär's mit ›Majestät Bill‹ oder ›Majestät Sam‹, wie? Aber 's geht nicht, 's sind Katernamen. Höre, Sammi, wie heißt doch die Insel, wo du geboren bist?«

»Um die Insel Analostan rum ist mein Vaterland.«

»O, das ist gut, weißt du. ›Majestät Analostan‹, beim Deuschen. Die einzige verbriefte ›Majestät Analostan‹ in der ganzen Ausstellung, weißt du. Ist das nicht was Feines?« und sie kicherten um die Wette.

.

»Aber wir müssen einen Stammbaum haben, weißt du.« So wurde ein sehr langer Schwindel-Stammbaum nach Vorschrift angefertigt. Eines Nachmittags lieferte Sam in geborgtem Zylinder die Katze samt Stammbaum am Eingang des Ausstellungsraumes ab. Unser Schwarzer hatte dann die Besucher zu begrüßen. Er war einmal in einem Barbierladen der vornehmsten Gegend von Neuyork angestellt gewesen und konnte sich in fünf Minuten einen pomphafteren und vornehmeren Anstrich geben, als Jap sein ganzes Leben lang hätte aufbringen können, was zweifellos einer von den Gründen für die achtungsvolle Aufnahme war, die Majestät Analostan bei der Katzenausstellung fand.

Jap war außerordentlich stolz auf seine Eigenschaft als Aussteller, aber er war ganz von der Hochachtung vor den oberen Klassen durchdrungen, wie ihn die geborenen Londoner meist zeigen, und als er am Eröffnungstage am Eingang erschien, war er von dem Anblick der vielen Wagen und Zylinder neuester Fassung überwältigt. Der Türsteher faßte ihn scharf ins Auge, ließ ihn aber mit seiner Eintrittskarte herein, indem er ihn jedenfalls für den Stallknecht eines Ausstellers hielt. Im Saal sah man Samtteppiche vor langen Reihen von Käfigen. Jap schlich die Nebengänge entlang, schaute nach den Katzen aller Art, sah die blauen und roten Ehrenbänder, blickte überall herum, wagte aber nicht, nach seinem eigenen Ausstellungsgegenstand zu fragen, inwendig zitternd bei dem Gedanken, was die erlauchte Versammlung sagen würde, wenn sie merkte, wie er sie betrogen habe. Er hatte nun alle Seitengänge durchwandert und viele preisgekrönte Tiere gesehen, aber keine Spur von Majestät Analostan! In den Gängen nach dem Mittelpunkt zu drängten sich mehr Menschen, aber auch hier fand er, als er sich dahin wagte, seine Mieze nicht, und er kam zu dem Schluß, es liege ein Irrtum vor, die Richter hätten später doch sein Tier von der Ausstellung zurückgewiesen. »Tut nichts,« dachte er, »ich habe doch meine freie Eintrittskarte und habe auch erfahren, wo verschiedene persische und Angorakatzen zu ›finden‹ sind.«

Ganz im Mittelpunkt befanden sich die wertvollsten Tiere; hier war auch der Menschenknäuel am dichtesten. Es waren, um den Verkehr in geregelten Bahnen zu halten, Stricke gezogen, und zwei Schutzleute hielten den Menschenstrom in Fluß. Jap mengte sich darunter; er war zu klein, um über die Vordermänner wegzusehen, und obgleich die vornehmen Leute vor der Berührung mit seiner schäbigen, alten Kleidung zurückwichen, konnte er nicht näher kommen; aber aus den Äußerungen vor ihm merkte er bald, daß hier die Krone der Ausstellung zu sehen war.

»O, welche Schönheit!« sagte eine hochgewachsene Frau.

»Welcher Adel!« erwiderte die Angeredete.

»Man kann gar nicht verkennen, in welcher Umgebung sich diese Feinheit Menschenalter hindurch herausentwickeln mußte!«

»Ach, könnt' ich doch das herrliche Geschöpf mein eigen nennen!«

»Welche Würde – welche Gemessenheit!«

»Sie hat einen einwandfreien Stammbaum fast bis zur Pharaonenzeit, wie ich höre.«

Und der arme, schmutzige, kleine Jap wunderte sich über seine eigene Kühnheit, seine Müllkatze in eine so erlauchte Gesellschaft zu bringen.

.

»Verzeihung, gnädige Frau.« Der Direktor der Ausstellung erschien und bahnte sich einen Weg durch die Menge. »Der Künstler der Sportzeitung ist hier mit dem Auftrag, die ›Perle der Ausstellung‹ sofort mit dem Griffel zu verewigen. Darf ich Sie bitten, ein wenig beiseite zu treten?«

»O Herr Direktor, können Sie den Besitzer nicht überreden, das schöne Geschöpf zu verkaufen?«

.

»Hm, ich weiß nicht,« war die Antwort. »Soviel ich weiß, ist er ein sehr begüterter Mann, und man kann gar nicht an ihn herankommen; will aber versuchen, will versuchen, gnädige Frau. Er wollte seinen Schatz gar nicht ausstellen, so sagte mir sein Hausmeister. He, Sie da, aus dem Weg!« grollte der Direktor, als sich der schäbige, kleine Mann eifrig zwischen den Künstler und die blaublütige Katzenkönigin schob. Aber er wollte unter allen Umständen wissen, wo sich etwa eine so wertvolle Katze ›finden‹ ließe. Er kam nahe genug, um einen Blick auf den Käfig zu werfen, und dort las er einen Anschlag mit folgendem Wortlaut: »Das blaue Band und die goldene Medaille der Knickerbocker-hohen-Gesellschafts-Katzen- und Schoßtier-Ausstellung ist der rassereinen beglaubigten ›Majestät Analostan‹, eingeführt und ausgestellt von Herrn J. Malee, dem weltbekannten Züchter, zuerkannt worden. (Nicht verkäuflich.)«

Jap hielt den Atem an und starrte noch immer darauf hin. Ja, wahrhaftig, dort hoch oben im vergoldeten Käfig auf Samtkissen unter der Hut von vier Schutzleuten, mit glänzendem Fell, Schwarz auf hellgrau, und die blauen Augen halb geschlossen, lag seine Müllkatze, offenbar von all diesem Krimskrams, der ihr ebensowenig Spaß machte, wie verständlich war, zu Tode gelangweilt.

 

VII.

.

Jap Malee lagerte stundenlang um den Käfig herum und sog mit seinen trunkenen Ohren die Ausrufe der Besucher ein, für ihn ein berauschender Ruhmestrank, wie er ihn vorher im Leben nie gekannt und wie er ihn kaum in seinen kühnsten Träumen gekostet hatte. Er sah aber, daß es für ihn geraten sei, unerkannt zu bleiben; sein »Hausmeister« mußte alles Geschäftliche besorgen.

Unserer Müllkatze war der Erfolg der Ausstellung zu danken. Jeden Tag stieg ihr Wert in den Augen ihres Besitzers höher. Er wußte nicht, welche Preise man für Katzen gezahlt hatte, und dachte, er schieße den Vogel ab, als sein »Hausmeister« den Direktor ermächtigte, die Analostan für hundert Dollars zu verkaufen.

Das ist der Grund, warum sich die Müllkatze von der Ausstellung nach einem Hause der vornehmen Fünften Avenue verbracht sehen mußte. Zuerst zeigte sie sich unglaublich wild und scheu. Ihren Widerwillen gegen Liebkosungen erklärte man aber für vornehme Abneigung gegen derartige Vertraulichkeiten. Ihr Zurückweichen vor dem Schoßhund bis in die Mitte des Speisetisches faßte man als den Ausdruck des tiefgewurzelten, wenn auch irregeleiteten Wunsches auf, eine unwürdige Berührung zu vermeiden. Ihre Angriffe auf einen Kanarienvogel sah man ihr nach, weil sie in ihrer orientalischen Heimat an ein solch willkürliches Verfahren gewöhnt sei. Die vornehme Art, wie sie den Deckel einer Milchkanne aufhob, fand besonderen Beifall. Ihre Abneigung gegen ihren seidengefütterten Korb und ihre häufigen Sprünge gegen die Fensterscheiben konnte man sich leicht erklären: der Korb war ihr zu einfach, und Fensterscheiben gab es in ihrem früheren orientalischen Königsschlosse nicht. Auch daß sie den Teppich beschmutzte, zeugte von ihren orientalischen Anschauungen. Ihre mißglückten Versuche, in dem hochumzäunten Hinterhofe Sperlinge zu fangen, galten als neuer Beweis der königlichen Unfähigkeit, sie aufzuziehen, während man ihr Wühlen im Mülleimer als Bekundung einer kleinen verzeihlichen Übertretung ansah, wie sie in hochgeborenen Kreisen so häufig ist. Unsere Mieze wurde gehegt und gepflegt, gewiesen und gepriesen, aber sie war dabei nicht glücklich; Mieze hatte Heimweh! Sie krallte an dem blauen Band um ihren Hals, bis sie es los hatte; sie prallte gegen die Fensterscheiben, weil dort der Weg hinauszuführen schien; sie wich vor Menschen und Hunden zurück, weil sie sich immer feindselig und grausam gegen sie gezeigt hatten, und sie saß und schaute auf die Dächer und Hinterhöfe, da hinter dem Fenster, weil sie sich sehnte, lieber dort zu sein.

Aber sie war in steter Hut und durfte niemals hinaus, so daß all die schönen Augenblicke des Wühlens im Müllkasten nur eintreten konnten, wenn diese unentbehrlichen Gefäße wieder im Hause waren. Aber an einem Märzabend, wo die Kasten für den früh erscheinenden Müllwagen hinausgestellt wurden, nahm Majestät Analostan ihre Gelegenheit wahr, schlüpfte aus der Tür und verschwand im Nu aus dem Gesichtskreise.

.

Natürlich gab's da einen großen Aufruhr, aber Mieze fragte nach nichts, ihr einziger Gedanke war, wieder heimzukommen. Zunächst rannte sie spornstreichs davon, froh, mit jedem Schritte von dem Ort ihres letzten qualvollen Aufenthaltes weiter fortzukommen. Als sie dann etwas ruhiger geworden war und Hunger zu empfinden anfing, duckte sie sich lauernd in einem Vorgarten an die Wand, wo Sperlinge herumflatterten. Ein rauher März-Ostwind hatte sich erhoben, und dieser brachte ihr eine besonders willkommene Botschaft; ein Mensch würde es einen unangenehmen Dockgeruch genannt haben, für Mieze bedeutete es aber einen Gruß aus der Heimat. Sie trottete sofort die lange Straße ostwärts hinunter, immer an den Gittern der Vorgärten entlang, hin und wieder einen Augenblick wie ein Standbild stillstehend oder, immer darauf bedacht, die dunkelste Seite zu gewinnen, schnell über die Straße springend. Endlich kam sie zu den Docks und zum Meeresarm. Aber die Gegend war fremd für sie. Nun konnte sie sich am Wasser hin nach Norden oder nach Süden wenden. Ein unbestimmtes Gefühl zog sie jedoch nach Süden, und zwischen den lagernden Warenballen, den krumm verlaufenden Meereseinbuchtungen und den endlosen Einzäunungen forteilend, gelangte sie nach ein paar Stunden zu vertrauten Gerüchen und bekannten Bildern, und ehe die Sonne aufging, war sie müde und matt und halb lahm durch dasselbe alte Loch in demselben alten Zaun und über die Mauer in ihren Hinterhof hinter dem Vogelkeller gekrochen, ja zurück in dieselbe alte Kiste, wo sie geboren war.

O, hätte die Familie aus der Fünften Avenue sie nur hier in ihrer orientalischen Heimat sehen können!

Nach langer Rast kam sie ruhig, als sei nichts geschehen, von der alten Kiste herunter und schritt auf die Stufen zu, die nach dem Retter hinabführten, natürlich immer auf der Suche nach etwas Eßbarem. Da ging die Tür auf, und wer stand da? Unser Schwarzer, Herrn Malees »Hausmeister«. Er schrie in den Keller hinein:

»Sehen Sie, Herr, kommen Sie her! Ist da nicht die Majestät Analostan zurückgekommen?«

Jap kam und konnte gerade noch die Katze auf die Mauer springen sehen. Sie riefen laut in ihren lockendsten, weichsten Tönen: »Puß, Puß, arme Puß, komm, Miez!« Aber Mieze zeigte durchaus keine Lust, dem Ruf der beiden zu folgen; sie verschwand hinter der Mauer, um wieder wie in alten Zeiten auf die Nahrungssuche zu gehen.

Majestät Analostan war für Jap das große Los gewesen; sie hatte ihm die Mittel gebracht, seinen Keller besser auszustatten und ein paar Käfige mehr anzuschaffen. Es war nun für ihn von größter Wichtigkeit, Ihre Majestät wieder einzufangen. Köder von riechendem Fleisch und andere unfehlbare Lockmittel wurden ausgeworfen, bis Mieze, von ihrem alten Bekannten, dem Hunger, getrieben, sich an einen großen Fischkopf in einer Kastenfalle machte; der Schwarze, der sie beobachtet hatte, zog an der Schnur, der Deckel klappte zu, und eine Minute später befand sich Ihre Majestät Analostan wieder unter den Gefangenen im Keller. Inzwischen hatte Jap fleißig die Zeitungsanzeigen unter »Verloren« und »Gefunden« verfolgt. Richtig, da stand: »25 Dollars Belohnung« usw. Am selben Abend stellte sich Herrn Malees »Hausmeister« vor dem Hause der Fünften Avenue mit der verloren gegangenen Katze ein. Empfehlungen von Herrn Malee. Die Majestät Analostan sei in die Nachbarschaft und die Wohnung ihres alten Herrn zurückgekehrt. Herr Malee habe das Vergnügen, die Majestät Analostan wieder zuzustellen. Natürlich konnte man Herrn Malee keine Belohnung anbieten, aber der Hausmeister war nicht abgeneigt und ließ sehr deutlich erkennen, daß er die versprochene Belohnung und noch etwas mehr erwarte.

Mieze wurde von nun an mit doppelter Sorgfalt bewacht – aber weit entfernt, daß sie das alte Leben der Not abgeschreckt und das bequeme, sorgenlose Leben angezogen hätte, wurde sie von Tag zu Tag unbändiger und unzufriedener.

.

 

VIII.

.

Der Frühling brach in Neuyork mit aller Macht an. Die schmutzigen Sperlinge kugelten sich übereinander in ihren Straßengossenkämpfen, allnächtlich fand in den Höfen Katzenkonzert statt, und die Familie in der Fünften Avenue plante ihre Übersiedlung aufs Land. Es wurde gepackt, das Haus geschlossen, und fort ging's nach dem Landhaus, einige fünfzig Kilometer weit, und Mieze ging in einem Korb natürlich mit.

»Gerade, was ihr fehlt: eine Luft- und Ortsveränderung, damit sie sich ihrer früheren Eigenschaften entwöhnt und sich wohl fühlt.«

Die Reise war eine große Marter für die freiheitsdurstige Mieze, welche die ganze Zeit hindurch in ihrem dunklen Korbe alles über sich ergehen lassen mußte: die Wagenfahrt auf dem holprigen Pflaster, die Umladung und Weiterfahrt auf der Eisenbahn, die ihr wegen der widerlichen Gerüche und der unbekannten, erschrecklichen Töne besonders unangenehm war, die Einschiffung und Überfahrt in der Dampffähre, die einige süße, heimatliche, nur zu schnell verfliegende Dockgerüche mit sich brachte, dann die Weiterfahrt auf der Eisenbahn, endlich wieder die Umladung in einen rumpligen Wagen und zum Schluß die Ankunft im Landhause. Da wurde der Korb aufgehoben und Mieze wieder in Freiheit gesetzt.

Alles verfuhr hier gegen sie mit besonderer Freundlichkeit. Man wollte es der königlichen Katze recht angenehm machen, aber in Wahrheit brachte es niemand fertig, vielleicht mit Ausnahme der dicken, fetten Köchin, deren Bekanntschaft Mieze machte, als sie auf ihrer Wanderung durchs Haus in die Küche kam. Diese fetttriefende Person strahlte mehr heimische Düfte aus als irgend etwas, das unsere Katze seit Monaten angetroffen hatte, und sie übte dementsprechend auf die Majestät Analostan eine große Anziehungskraft aus. Als die Köchin erfuhr, man hege die Furcht, die Katze werde nicht bleiben, sagte sie: »Das woll'n wir schon machen; wo sich 'ne Katze die Beene leckt, da is se ooch zu Hause.« So fing sie die unnahbare Majestät in ihrer Schürze und beging das schreckliche Majestätsverbrechen, ihr die Füße mit Topffett einzuschmieren. Natürlich war das unserer Mieze sehr unbehaglich, wie ihr dort eigentlich alles unbehaglich war; sobald sie aber auf den Boden gesetzt wurde, fing sie an, ihre Pfoten zu lecken, und fand offenbar Geschmack an dem Fett. Eine Stunde lang leckte sie an allen vieren, und die Köchin erklärte triumphierend: »Nu bleibt se ganz gewiß.« Und sie blieb auch, zeigte aber eine höchst auffällige standeswidrige Vorliebe für die Küche, die Köchin und den Mülleimer.

.

Wenn diese eigentümlichen Neigungen auch mit Bedauern bemerkt wurden, so war man doch froh, Majestät Analostan zufriedener und zugänglicher zu sehen. Nach ein paar Wochen ließ man ihr mehr Freiheit, bewahrte sie auch vor jeder drohenden Gefahr; die Hunde lehrte man, sie nicht zu behelligen; keinem Knaben oder Mann am Ort wäre es auch nur im Traum eingefallen, einen Stein nach der Katze von königlichem Geblüt zu werfen. Auch hatte sie zur Nahrung, soviel sie sich nur wünschen konnte. Dennoch fühlte sie sich nicht glücklich. Sie sehnte sich nach vielem, sie wußte selbst nicht wonach. Alles hatte sie, ja, aber doch nicht das, was sie wünschte. Reichlich zu essen und zu trinken, ja, aber die Milch schmeckt nicht so gut, wenn man nach Belieben gehen und aus einer Untertasse trinken kann, soviel man will; man muß sie sich aus einer Blechkanne stehlen, wenn man Durst und Hunger im Leibe nagen fühlt, sonst fehlt das Beste daran.

Ja, es gab in der Tat einen Müllhof hinter dem Hause und ebenso einen Hof daneben und ringsherum und noch dazu einen sehr geräumigen, aber da gab es überall Rosen. Selbst die Pferde und Hunde hatten hier nicht den rechten Geruch; das ganze Land ringsum war eine abstoßende wüste widerwärtiger Gärten und Graswiesen ohne Leben, ohne eine einzige Mietwohnung oder einen Schornstein in der Nähe. Wie ihr das alles verhaßt war! Es gab nur ein einziges süßduftendes Gesträuch an dem ganzen entsetzlichen Platz, und das stand in einem verachteten Winkel. Es war für sie ein Vergnügen, daran zu knabbern und sich in den Blättern zu wälzen; es war ein lichter Punkt in dem trüben Bilde, aber der einzige, denn seit ihrer Ankunft hatte sie noch keinen angegangenen Fischkopf gefunden oder einen echten Müllkasten zu Gesicht bekommen, und alles in allem war es der häßlichste, unangenehmste und schlechtstriechende Fleck, den sie je kennen gelernt hatte. Sicher wäre sie schon in der allerersten Nacht auf und davon gegangen, hätte sie es tun können. Später konnte sie es, aber inzwischen hatte sich ihre Anhänglichkeit an die Köchin entwickelt und bildete ein Land, das sie festhielt. Eines Tages aber – der Sommer war schon zu Ende – traf vieles zusammen, ihre Sehnsucht nach dem freien Leben wieder kräftig zu wecken.

.

Ein mächtiger Ballen, der in den Docks gelagert hatte, kam in das Landhaus. Was er enthielt, war ohne Belang, aber er hatte eine Menge höchst scharfer und anziehender Dock- und Hinterhofgerüche an sich. Sicher liegt der Sitz der Erinnerung in der Nase, und so wurden die Geister aus Miezes Vergangenheit ihr mit Gewalt vor die Seele gezaubert. Am nächsten Morgen zog die Köchin ab, infolge einer »Unstimmigkeit«, die gerade durch diesen Ballen heraufbeschworen war. Das hieß die Taue abschneiden, und dazu wollte am selben Abend der jüngste Sohn des Hauses, ein entsetzlich kleiner Amerikaner, dem jeder Sinn für majestätische Hoheit abging, eine Blechdose an den Schwanz der Blaublütigen binden, zweifellos im Verfolg eines uneigennützigen Planes; Mieze aber antwortete auf diese Frechheit Jung-Amerikas mit einer Pfote, die für diesen Fall mit fünf Fischhaken ausgestattet war. Das Geheul des mißhandelten Amerika brachte Amerikas Mutter auf die Beine. Der blinde Wurf eines Buches durch Frauenhand verfehlte natürlich sein Ziel, und Mieze wandte sich zur Flucht, natürlich die Treppe hinauf. Wird eine Ratte gejagt, so läuft sie die Treppe hinunter, ein Hund läuft in der Ebene fort, die Katze aber nach oben. Mieze versteckte sich im Dachstock so gut, daß man sie nicht auffand, und wartete die Nacht ab. Dann schlich sie die Treppe hinab, versuchte es so lange an allen Moskito-Türen, bis sie eine nicht geschlossen fand, und floh in die schwarze Augustnacht hinaus, pechschwarz für Menschenaugen, war sie für unsere Katze nur grau. So fand sie unschwer ihren Weg durch die widerwärtigen Sträucher und Blumenbeete, knabberte zum letztenmal an ihrem einzigen Lieblingsstrauch und trat unverzagt den Rückweg auf der im Frühjahr verfolgten Reiserichtung an.

.

Wie konnte sie denn auf einem Weg zurückkehren, den sie niemals gesehen hatte? Alle Tiere haben mehr oder weniger einen Richtungssinn. Er ist beim Menschen sehr schwach, beim Pferde sehr stark entwickelt, und Katzen haben auch ein reichliches Teil von dieser Gabe empfangen. Dieser geheimnisvolle Wegweiser führte sie westwärts, nicht klar und bestimmt, sondern nur als ganz allgemeiner Trieb, der einfach deshalb ein zuverlässiger Führer war, weil sich der weg leicht verfolgen ließ. In einer Stunde hatte sie zweieinhalb Kilometer zurückgelegt und den Hudson erreicht. Dabei hatte ihr ihre Nase oft genug die Richtigkeit des Weges bestätigt. Ein Geruch nach dem andern kam ihr wieder, genau wie ein Mensch, der eine Strecke in einer fremden Straße gewandert ist, sich vielleicht auf keinen einzigen Zug des Straßenbildes besinnt, aber sich daran erinnert, wenn er es wiedersieht: »Ja, ja, das habe ich schon einmal gesehen.« So war Miezes Hauptführer der Richtungssinn, aber die Nase machte sie sicher: »Ja, jetzt hast du recht, hier sind wir im letzten Frühjahr durchgekommen.«

Am Flusse stieß die Katze auf die Eisenbahn; auf dem Wasser konnte sie nicht gehen, sie mußte sich also entweder nach Norden oder nach Süden wenden. In diesem Fall ließ ihr Richtungssinn keinen Zweifel, er sagte: »Wende dich südwärts!« und Mieze trottete den Flußpfad zwischen der Eisenbahn und der Einzäunung entlang.

.

Das dritte Leben.

IX.

.

Katzen können sehr schnell auf einen Baum oder über eine Mauer kommen, handelt es sich aber darum, in langem, beständigem Trott Kilometer auf Kilometer stundenlang abzuhaspeln, so gilt nicht der Katzensprung, sondern der Hundetrott. Obwohl der Weg gut war und geradeaus führte, war eine Stunde vergangen, ehe sie weitere drei Kilometer zwischen sich und die Rosenhölle gebracht hatte. Sie war müde und ziemlich lendenlahm und gedachte sich auszuruhen, als ein Hund dicht bei ihr an den Zaun gelaufen kam und ein für ihre Ohren so schreckliches Gebell anschlug, daß sie entsetzt davonsprang. Sie lief so schnell wie möglich den Weg weiter und fürchtete dabei immer, es möchte dem Hund gelingen, aus die andere Seite des Zaunes zu kommen. Nein, noch nicht! Aber er rannte dicht an ihm entlang und bellte fürchterlich, während Mieze auf der sicheren Seite fortsteuerte. Das Bellen des Hundes ging in leises Rumpeln über, dann in ein lautes Rumpeln und Dröhnen, endlich in ein erschreckliches Gedonner. Ein Licht schien immer Heller. Mieze warf einen Blick zurück; nicht mehr der Hund, sondern ein riesiges, schwarzes Ungetüm mit einem lodernden roten Auge kam an, heulend und spuckend, wie ein ganzer Hof voll Katzen. Mieze strengte alle ihre Kräfte aufs äußerste an, kam auch schneller vorwärts als je in ihrem Leben, aber über den Zaun zu springen, wagte sie doch nicht. Sie lief wie ein Hund, sie flog dahin, aber alles umsonst; das Ungeheuer holte sie ein, verfehlte sie jedoch in der Dunkelheit und raste weiter in die Nacht hinein, wo es bald verschwand. Mieze aber duckte sich atemlos nieder; sie war seit dem ersten Hundegebell fast um einen Kilometer ihrer Heimat näher gekommen.

Das war ihr erstes Zusammentreffen mit dem fremden Ungetüm, fremd nur für ihre Augen, ihre Nase schien es schon zu kennen und sagte ihr, dies sei ein weiterer Merkstein für den Heimweg. Aber Mieze verlor bald fast alle Furcht vor diesen Ungeheuern. Sie waren offenbar sehr dumm und konnten sie nicht finden, wenn sie ruhig unter einen Zaun kroch und dort still liegen blieb. Bis zum Morgen war sie mehrmals mit ihnen zusammengestoßen, aber regelmäßig unverletzt davongekommen.

Um Sonnenaufgang kam sie zu einem hübschen, kleinen Hofwinkel und war so glücklich, in einem Aschenhaufen etwas noch Genießbares zu finden. Den Tag über trieb sie sich um ein Stallgebäude herum, in dem sich einige kleine Jungen und zwei Hunde befanden, so daß es zwischen diesen beiden Feuern beinahe mit ihr aus gewesen wäre. Sonst war es dort ähnlich, wie bei ihr daheim, aber trotzdem fiel es ihr gar nicht ein, dort zu bleiben. Die alte Sehnsucht trieb sie fort, und am nächsten Abend machte sie sich wieder auf. Den ganzen Tag hatte sie die einäugigen Donnerer vorbeirollen sehen und sich an sie gewöhnt, so ging sie die ganze Nacht ununterbrochen fort. Den nächsten Tag brachte sie in einer Scheune zu, wo sie eine Maus fing, und der folgende Tag verlief wie der letzte, nur daß sie einen Hund traf, der sie zwang, eine lange Strecke aus der eigenen Spur zurückzulaufen. Mehrmals verlief sie sich, indem sie falschen Straßen folgte, aber regelmäßig fand sie sich früher oder später wieder zurecht und verfolgte die einmal eingeschlagene Richtung nach Süden. Tagsüber verbarg sie sich in Scheunen oder suchte Hunden und kleinen Jungen zu entgehen, und nachts humpelte sie ihre Straße weiter, denn sie hatte jetzt wunde Füße bekommen. Aber vorwärts ging es, südwärts, immer südwärts – Hunde, Jungen, Donnerer, Hunger – Hunde, Jungen, Donnerer, Hunger – doch weiter und immer weiter ging sie, und von Zeit zu Zeit gab ihr ihre Nase die erfreuliche Auskunft: »Das ist ganz gewiß ein Geruch, bei dem wir im Frühjahr vorübergekommen sind.«

X.

.

So verfloß eine Woche und Mieze kam schmutzig, ohne blaues Land, mit wunden Füßen und müde und matt an der Harlembrücke unweit der Stadt Neuyork an. Obwohl die Brücke ganz von köstlichen Gerüchen umhüllt war, gefiel sie doch unserer Mieze nicht. Die halbe Nacht wanderte sie am Ufer auf und nieder, fand aber keine andere Möglichkeit, weiter nach Süden zu kommen, als vermittels dieser oder einer anderen Brücke, und sonst nichts Besonderes außer der Tatsache, daß die Männer in diese? Gegend nicht minder gefährlich sind als die Knaben. Schließlich kam sie doch wieder zur Harlembrücke zurück; nicht nur roch sie ihr vertraut, sondern von Zeit zu Zeit, wenn ein Einauge darüber lief, hörte sie jenes eigentümliche, rumpelnde Gedonner, das sich ihr auf der Frühjahrsreise so eingeprägt hatte. Die Ruhe der Nacht lag über die Erde ausgebreitet, als sie den einen Strebebalken hinaufkletterte und dann über dem Wasser vorwärts schritt. Sie hatte noch nicht ganz ein Drittel der Brücke hinter sich, als ein donnerndes Einauge brüllend von der entgegengesetzten Seite auf sie zukam. Arger Schrecken befiel sie, aber da sie die Dummheit und Blindheit der Riesen kannte, ließ sie sich auf einen tiefer liegenden Nebenbalken fallen und duckte sich nieder. Natürlich traf das dumme Ungeheuer sie nicht und ging weiter, und alles würde gut gegangen sein, aber das Ungeheuer kehrte um, oder ein anderes, ganz gleiches, kam plötzlich fauchend und sprühend hinter ihr her. Mieze sprang auf die Schienenbahn und strebte in fieberhafter Eile dem ersehnten Ufer zu. Sie hätte es auch heil erreicht, wäre nicht ein drittes rotäugiges Ungetüm zischend und pfeifend von diesem selben Ufer auf sie zugekommen. Alle Eile half ihr nichts, sie war zwischen zwei Feinde eingeklemmt. Es gab keinen Ausweg als einen verzweifelten Sprung von dem Holzwerk hinab in – sie wußte selbst nicht was. hinab, hinab, hinab ging's – ratsch, platsch ins tiefe Wasser; kalt war es Ende August nicht, aber ach, so entsetzlich! Sie prustete und hustete, als sie wieder an die Oberfläche kam, schaute sich um, ob die Ungeheuer hinter ihr her schwämmen, und schlug die Richtung nach dem anderen Ufer ein. Niemals hatte sie schwimmen gelernt, und doch schwamm sie, einfach darum, weil die Haltung und die Bewegungen der Katze beim Schwimmen die gleichen sind wie beim Gehen. Sie war an einen Ort geraten, der ihr nicht behagte; naturgemäß versuchte sie fortzugehen, und das hatte im Wasser ohne weiteres zur Folge, daß sie zum Ufer schwamm. Zu welchem Ufer?

.

Die Sehnsucht nach der Heimat geht niemals fehl: das Südufer war das einzige Ufer für sie, das der Heimat nächstliegende. Sie strampelte hinaus, triefend naß, das schlammige Ufer hinauf und zwischen Kohlen- und Staubhaufen hindurch und sah bald so schwarz, schmutzig und unmajestätisch aus, wie eine Katze nur aussehen kann.

Als sie sich vom ersten Schreck erholt hatte, fühlte sie sich nach dem Bad um so wohler. Ein wohltuendes Gefühl äußerer Wärme vereinte sich mit dem wohltuenden Gefühl innerer Überlegenheit; denn hatte sie nicht den Kampf mit drei von den gräßlichen Riesen glücklich bestanden?

Ihre Nase, ihre Erinnerung und ihr Richtungssinn trieben sie an, wieder dem Schienengeleise zu folgen; aber dort drohten die entsetzlichen Donnerwesen, und so veranlagte sie die Vorsicht, sich seitwärts zu wenden und dem Strande mit seiner heimischen Gerüche atmenden Luft zu folgen; so blieb sie glücklich vor den Schrecken des dort liegenden Tunnels bewahrt.

Länger als drei Tage irrte sie in den Ausbuchtungen des East River umher. Einmal geriet sie auch versehentlich auf eine Dampffähre und wurde aus ihr nach dem Neuyork gegenüberliegenden Long Island befördert, aber sie benutzte die nächste Gelegenheit zur Rückfahrt. Endlich in der dritten Nacht erreichte sie bekannten Boden, nämlich die Stelle, wo sie die Nacht nach ihrer ersten Flucht zugebracht hatte, von da an ging es schnell und sicher vorwärts, denn nun wußte sie genau, wohin sie wollte. Auch war sie nun durch die hohe Schule der Listen im Kampf mit Hunden und Menschen gegangen. Rascher bewegte sie sich, und glücklicher fühlte sie sich bei dem Gedanken, daß sie sich in wenigen Minuten sicher und gemütlich in ihrer »orientalischen« Heimat, ihrem alten Hinterhof, ausstrecken könne. Noch eine Wendung, und sie mußte den Häuserblock zu Gesicht bekommen.

Aber – was war das! Er war nicht mehr da, Mieze wollte ihren Augen nicht trauen, aber es half alles nichts. Da, wo früher gerade oder krumm oder schief die Häuser des Blocks emporgestrebt hatten, da war jetzt ein wüstes Durcheinander von Stein- und Holzmassen und dazwischen große Löcher im Boden.

.

Mieze wanderte ringsherum. Sie erkannte aus vielen Bruchstücken und den anhaftenden Gerüchen, daß sie in der alten Heimat war, daß der Vogelhändler hier gelebt hatte und dort ihr alter Müllhof gewesen war, aber alles war zerstört, völlig zerstört und hatte auch nur noch die Spur von den ihr ans Herz gewachsenen heimischen Gerüchen, und Mieze wandte sich mit gebrochenem Herzen und mit dem Gefühl völliger Verzweiflung hinweg. Die Liebe zur vertrauten Örtlichkeit war das vorherrschende Gefühl in ihr. Alles hatte sie aufgegeben, um eine Heimat zu erreichen, die gar nicht mehr da war, und wieder einmal fühlte sich ihr tapferes, kleines Herz wie zertreten. Sie schritt über die stumme Öde und fand weder Trost noch auch irgend etwas zu essen. Die Zerstörung erstreckte sich über mehrere Straßen und reichte bis zum Strand. Es war kein Feuer; das hatte Mieze schon einmal erlebt; eher sah es aus, als habe hier ein ganzer Haufen von den rotäugigen Ungeheuern gehaust. Mieze wußte freilich nichts von der großen Brücke, die sich gerade von hier aus erheben sollte.

.

Als die Sonne heraufkam, suchte die arme Heimatlose ein Unterkommen. Ein benachbarter Block stand zurzeit noch, und dahin zog sich Majestät Analostan zurück, da sich auch an ihn einige Erinnerungen knüpften. Aber zu ihrem Erstaunen fand sie, daß es dort von Katzen wimmelte, die wie sie selbst, das alte Heim verloren hatten; und als die Müllkästen hinausgestellt wurden, hingen bald an jedem ein paar Katzen. Hungersnot herrschte im Lande. Nachdem Mieze das Elend ein paar Tage durchgemacht hatte, begab sie sich ergeben in ihre zweite Heimat in der Fünften Avenue, aber da war alles verschlossen und wie ausgestorben. Sie wartete einen Tag lang vergeblich auf eine Änderung, hatte noch einen unangenehmen Zusammenstoß mit einem großen Mann in blauem, goldbeknöpftem Rock und kehrte in der nächsten Nacht an den überfüllten Standort zurück.

September und Oktober gingen langsam dahin, viele Katzen kamen vor Entbehrung um oder waren zu schwach, den Nachstellungen ihrer natürlichen Feinde zu entgehen. Mieze aber half ihre Jugendkraft durch die Zeit der Not.

.

Auf dem Trümmerfeld war eine große Änderung vor sich gegangen. An die Stelle der früheren Grabesruhe war lärmendes Leben getreten. Bald war, Ende Oktober, ein schlankes, hohes Gebäude fertig, und unsre Mieze näherte sich, vom Hunger getrieben, eines Morgens geduckt einem Mülleimer, den ein Neger, wie sie dachte, vor dieses neue Haus gestellt hatte. Unglücklicherweise war der Eimer nicht für Küchenabfälle bestimmt; er war eine neue Erscheinung in dieser Gegend: ein Scheuereimer. Eine traurige Enttäuschung, aber dabei war doch ein kleiner Trost, denn an dem Griff haftete ein vertrauter Geruch. Während sie diesen noch prüfte, kam der schwarze Aufzugswärter wieder heraus. Trotz seiner blauen Uniform verstärkte der Geruch seiner Person den angenehmen Eindruck, den der Eimergriff gemacht hatte. Mieze hatte sich aber vorsichtig quer über die Straße zurückgezogen, während der Neger sie unverwandt anschaute.

»Ist das nicht die Majestät Analostan?« rief er dann. »Hier, Miez, Miez! Komm doch, Miez, hier! Ich seh's, sie hat Hunger.«

Hunger! Seit Monaten hatte sie keine rechte Mahlzeit gehabt. Der Neger verschwand im Gebäude und kam bald wieder mit einem Teil seines eigenen Frühstücks zum Vorschein.

»Hier, Miez, Miez, Miez, Miez!« Es sah sehr gut und verführerisch aus, aber Mieze traute dem Frieden nicht recht. Endlich legte der Mann den Schinken auf das Pflaster und ging zurück zur Tür. Unsere Katze kam sehr mißtrauisch näher, beschnüffelte das Fleisch, ergriff es und rannte wie eine kleine Tigerin davon, um ihre Beute in Ruhe zu verzehren.

.

Das vierte Leben.

XI.

.

Damit begann eine neue Zeit. Sobald Mieze jetzt den Hunger nagen fühlte, kam sie an die Tür des neuen Gebäudes, und sie bekam eine immer bessere Meinung von dem Neger. Offenbar hatte sie den Mann bisher nicht richtig verstanden; sie hatte ihn immer für ihren Feind gehalten, und nun erwies er sich als ihr Freund, als der einzige Freund, den sie hatte.

Eine Woche lang hatte sie großes Glück. Es gab sieben gute Mahlzeiten an sieben Tagen hintereinander, und wie zum Nachtisch fand sie nach dem letzten Mahl eine saftige, tote Ratte, ein auserlesener Glücksfall. In ihrem ganzen Leben hatte sie bisher kaum eine ausgewachsene Ratte getötet, jetzt aber packte sie erfreut die Beute und schleppte sie als köstlichen Vorrat für späteren Bedarf davon. Als sie vor dem neuen Gebäude vorüberkam, erschien gerade ein alter Feind von ihr, der Werfthund, auf der Bildfläche, und Mieze zog sich natürlich nach der Tür hin zurück, hinter der sie ihren Freund wußte. Gerade als sie der Tür nahekam, machte der Neger diese auf, ein feingekleideter Mann trat heraus, und beide sahen die Katze mit ihrer Beute.

»Sieh da, was für eine Katze!«

»Ja, Herr, es ist meine Katze, sie ist ein Schrecken für die Ratten, Herr! Hat sie alle rein umgebracht, daß keine mehr da sind, darum sieht sie auch so dünn aus.

»Nun, lassen Sie sie keine Not leiden,« sagte der Mann mit der herablassenden Miene eines reichen Hausbesitzers, »Sie müssen sie füttern.«

»Ja, Herr, der Lebermann kommt jeden Tag, einen Vierteldollar die Woche,« erwiderte der Neger, indem er schnell besonnen den Mehrbetrag von fünfzehn Cents als Lohn für seinen guten Einfall in den eigenen Beutel rechnete.

»Schon gut. Das ist meine Sache.«

 

XII.

.

»Milz und Leber!« ertönte der katzenbeschwörende Zauberruf des alten Fleischmannes, während er seinen Schubkarren vor sich her schiebt, und in Scharen kommen die Katzen wie ehemals, um ihr Teil zu erhalten.

Da gibt's schwarze, weiße, gelbe und, nicht zu vergessen, graue Katzen, und vor allem gibt es Katzenherren und -herrinnen, die man alle im Kopf haben muß. Als dieser Karren vor dem neuen Gebäude anlangt, macht er einen neuerdings eingeschobenen Halt.

»Ihr da, gemeines Pack, weg mit euch!« schreit der Lebermann, und er fuchtelt mit seinem Stecken, um den Weg für die kleine, graue Katze mit den blauen Augen und dem weißen Näschen freizumachen. Sie erhält ein ungewöhnliches großes Stück, denn Sam teilt seine Einnahme in zwei gleiche Teile, und Mieze zieht sich mit ihrer Tageszuteilung in einen stillen Winkel des großen Gebäudes, das nun das ihre ist, zurück. Sie ist in ihr viertes Leben eingetreten, das ein Glück verheißt, wie sie es sich nie hat träumen lassen. Zuerst war alles gegen sie, jetzt schien alles für sie zu sein. Daß sich ihr Gesichtskreis durch das Reisen erweitert hat, ist sehr zweifelhaft, aber sie wußte, was ihr gut tat, und es ward ihr zuteil. Auch befriedigte sie ihren langgenährten Ehrgeiz, indem sie nicht einen Sperling fing, sondern gleich zwei, nämlich zwei, die sich im Rinnstein balgten.

Wir haben keinen Grund zu der Annahme, daß sie je eine weitere Ratte gefangen hat – aber der Schwarze schafft womöglich eine tote herbei, die er vorweisen kann, damit das Kostgeld nicht entzogen werde. Die tote bleibt im Flur liegen, bis der Eigentümer kommt, dann wird sie mit Entschuldigungen fortgefegt. »Ja, man muß sich vorsehen bei der Katze; 's ist königliches Blut, 's ist ein Schrecken für die Ratten.«

Seitdem hat sie mehrmals Junge gehabt. Der Schwarze denkt, der gelbe Tom sei der Vater, und sicher hat der Schwarze meistens recht.

Verschiedene Male hat er unsere Mieze verkauft, und zwar mit dem besten Gewissen von der Welt; weiß er doch, daß es nur eine Frage von wenigen Tagen ist, wenn Majestät Analostan wieder heimkommt. Zweifellos legt er das Geld zur Erreichung eines hohen, ehrgeizigen Zieles zurück. Mieze ihrerseits hat sich mit dem ihr erst so unheimlichen Aufzug befreundet; sie fährt darin hinauf und hinunter. Ja, der Neger behauptete steif und fest, sie habe einmal, als sie im obersten Stockwerk war und den Fleischmann kommen hörte, sich in die Höhe gereckt, mit der Vorderpfote den Knopf gedrückt und so den Aufzug hinaufbekommen, um dann damit hinunterzufahren.

Sie ist wieder rund und schön. Sie gehört nicht nur zu den vierhundert des inneren Schubkarrenkreises, sondern sie ist als die vornehmste Kostgängerin allgemein anerkannt. Der Lebermann behandelt sie geradezu mit Hochachtung. Nicht einmal die mit Rahm und Küchlein aufgefütterte Katze der Pfandleihersfrau kann sich mit der Majestät Analostan messen. Aber trotz ihres Glückes, ihrer gesellschaftlichen Stellung, ihres königlichen Namens und ihres Stammbaumes gibt es für sie doch im Leben kein größeres Vergnügen als hinauszukriechen und sich in der Dämmerung herumzutreiben, denn jetzt wie auf allen ihren früheren Lebensstufen ist sie im Grunde nichts anderes und will nichts anderes sein als eine schmutzige, kleine Müllkatze.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.